Die Geschichte vom weinenden Kamel

Produktionsnotizen von Luigi Falorni

Im Herbst 2001 fragte mich Byambasuren Davaa, ob ich bei ihrem nächsten Filmprojekt Kamera führen möchte. Sie erzählte von einem eigenartigen Ritual in der Wüste Gobi: manchmal kommt es dort vor, dass eine - meist junge und unerfahrene - Kamelmutter ihr Kleines gleich nach der Geburt verstößt. Die Gründe dafür sind unklar, aber wenn nicht sofort gehandelt wird, geht das hilflose Fohlen einem sicheren Tod entgegen.

Rettung kommt durch ein Ritual der Hirtennomaden: durch Musik und Gesang dringen sie ins verschlossene Herz der Kamelmutter ein, versetzen sie in einer Art Trance, bis sie schließlich in Tränen ausbricht und ihr Kleines wieder aufnimmt und säugt.

Byambasuren schwebte einen 15- bis 20-minütigen Dokumentarfilm vor, ihre zweite Arbeit an der Filmhochschule. Zu der Zeit suchte ich nach einem Thema für meinen Abschlussfilm und bot Byambasuren an, ihre Idee unter gemeinsamer Regie zu einem größeren Film zu entwickeln. Tobias N. Siebert, ebenfalls Student an der HFF, übernahm das Projekt als Producer. Die Finanzierung kam durch die Hochschule für Fernsehen und Film München in einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und mit der Abschlussfilmförderung des Film- und FernsehFonds Bayern zügig zustande.

Im Februar 2002 waren Byambasuren und ich zwei Wochen zur Recherche im Süden der Wüste Gobi. Wir suchten nach einer geeigneten Nomadenfamilie, die eine größtmögliche Zahl trächtiger Kamele besaß. Wir hofften so, mehrere Geburten zu erleben um auch einen "Abstoß" filmen zu können. Die Suche gestaltete sich schwer.

Wegen des besonders harten Winters waren viele Nomadenfamilien in den grüneren Norden der Gobi gezogen. Die Zurückgebliebenen hatten sich in kleine Einheiten aufgeteilt, um die spärlichen Weideflächen effektiv zu nutzen. Mehr als eine kleine Jurte, zwei bis drei Menschen und wenige, meist schlecht ernährte Tiere, fanden wir nicht an einem Ort vor.

Nach vielen Fehlschläge und einigen Tausenden Wüstenkilometern begegneten wir schließlich der Familie Amgaa: neun Menschen, vier Generationen in drei Jurten verteilt. Unter ihnen der kleine Ugna, der unsere Sympathie auf Anhieb gewann und später zum unumstrittenen Protagonisten des Films wurde. Und: viele schöne, gesunde Kamele! Insgesamt 20 trächtige Tiere stolzierten in der Herde.

Schon einen Monat später war unser Lager in der Nähe dieser Familie aufgebaut und die Dreharbeiten konnten beginnen. 7 Wochen in der Wüste zu drehen war erwartungsgemäß eine harte Erfahrung. Wir mußsten ständig auf schwer beeinflussbare Faktoren wie stürmische Winde, Tiere und Kinder, Ausfälle der Technik und Erkrankungen im Team reagieren. Aber dank der Hartnäckigkeit unserer Teammitglieder, der Geduld der Nomadenfamilie und mit Hilfe "dokumentarischen Glücks" wurde es möglich, die Dreharbeiten erfolgreich und im Zeitplan abzuschließen. Zur Krönung unserer Anstrengungen schenkte uns am Schluss der Zeremonie das gerührte Muttertier prächtige Tränen.

Abgesehen von der Kuriosität, ein von Musik gerührtes Kamel in Tränen zu sehen - dem "Unique Selling Point" unseres Films, wie Tobias N. Siebert es gerne benennt - war es das Universelle an diesem Thema, das mich besonders interessierte. Es ist die Geschichte einer Rettung, die Stoff für weit mehr als eine schiere ethnographische Beobachtung bietet. Das kleine ausgehungerte Kamel ist jeder von uns: entfremdet, stets auf der Suche nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Sein Schicksal ist der sichtbare Beweis, dass kein Leben ohne Liebe möglich ist.

Die Faszination, die von der zyklischen Lebenskultur der mongolischen Nomaden ausgeht, war für mich als Fortschritts orientiertem Europäer enorm. In der Wüste ist Gleichgewicht alles. Der Mensch unterwirft sich den Gesetzen der Natur, wird zum bescheidenen Diener seiner Tiere, zum Beispiel wenn der Lebenskreis durch eine verwirrte Kamelmutter auseinander zu brechen droht.

Bedingungsloses Engagement für das Leben, ein respektvoller Umgang mit der Umwelt bestimmen jedes Handeln: vom Holzsammeln, Essen vorbereiten, die Kinder in den Schlaf wiegen, bis hin zu einem buddhistischen Ritual, bei dem die Naturgeister gebeten werden, zu ihrer Stellen zurückzukehren, nachdem sie von ausbeuterischen Menschen vertrieben wurden.

Das Projekt wurde für mich zur Chance, zurück zu einem naiven Blick zu finden. Der Nomadenfamilie, der wir begegnet sind, ist jegliche Art von Zynismus fremd. Sie wissen nicht, was eine Parodie ist. Alles ist für sie echt und einmalig. Und so fühlt man sich in ihrer Anwesenheit auch selbst echter und einmaliger. Ein wunderschönes Gefühl, das irgendwie an Kindheit erinnert.

Jegliche Bedenken, die in der Vorbereitungsphase aufgetreten waren - ist die Geschichte vielleicht zu "dünn" für einen längeren Film, werden wir nicht angesichts von Motiven wie Kinder, kleinen Tieren, dem bunten Nomadenleben in heillosen Ethno-Kitsch versinken? - waren verschwunden.

Der "naive Blick" wurde für die filmische Umsetzung der Geschichte bestimmend. Die Kamera sollte jede Art von "Bildausbeutung" unterlassen und mit einer gewissen Zurückhaltung geführt werden. Die Kadrierung war wie ein Fenster zu verstehen und schlicht und ruhig zu halten. Die Erzählstruktur wurde linear und unaufgeregt aufgebaut. Die Montage passte sich der Weiträumigkeit und Langsamkeit der Wüste und ihrer Bewohner an.

Dies bedeutete aber keineswegs reine dokumentarische Beobachtung. Wir waren dort, um diese eine, spezielle Geschichte auf Film zu bringen. Manche für das Erzählen der Geschichte nötige Handlungen, die sich in der Zeit, als die Kamera lief, nicht ereignet haben, wurden von uns in Absprache mit der Familie neu veranlasst. Dabei waren Byambasuren und ich auf größtmöglichen Realismus bedacht, so dass dem Zuschauer kein Unterschied zwischen den in realer Zeit gedrehten und den "wiederholten" Szenen auffallen würde.

Unser Vorbild bei dieser schwierigen Gratwanderung war der Filmemacher Robert J. Flaherty, Vater und Meister des narrativen Dokumentarfilms. In Filmen wie "Nanook of the North" und "Man of Aran" verstand er es, durch gezielte Nachinszenierung und wirkungsvolle dramaturgische Griffe das Leben der Eskimos auf dem Polar Pack oder den Überlebenskampf auf den Aran Inseln dem Zuschauer nahe zu bringen.

Die höchste Aufgabe eines Dokumentaristen sei es, laut Flaherty, den Zuschauer dazu zu bringen, im Kinosaal "den Duft einer Rose nachzuempfinden". Ich hoffe, dass unser Film in diesem Sinne lebt.

Szenenfoto
Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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