Kleinruppin forever

Ausführlicher Inhalt

Kleinruppin, DDR, irgendwann Mitte der 60er. Zwei Neugeborene liegen in einem Körbchen am Straßenrand. Zurückgelassen von ihren Eltern, die sich gerade mächtig in der Wolle haben. Als sie endlich merken, dass sie vor lauter Streit ihre Kinder vergessen haben, ist es auch schon zu spät. Plötzlich hört man Reifenquietschen, einen dumpfen Aufprall, und dann Stille, ganz einfach nur noch Stille ...

Bremen, 1985. Wieder einmal hat der junge Tim (Tobias Schenke) seinen Gegner beim Tennis ordentlich nass gemacht und feiert seinen Sieg mit den Kumpels und ein paar Drinks am Swimmingpool. Der Popperscheitel sitzt, die Mädels hängen ihm an den Lippen und das Stipendium an der Tennis-Akademie in Miami ist in trockenen Tüchern.

Das einzige, was Tims pastellfarbenes Sommerparadies trübt, ist die feste Absicht seines Adoptivvaters (Uwe Kockisch), den Sohnemann anstatt ins Tennis-Camp zum Anlernen in das florierende Architekturbüro zu schicken. Beinahe täglich gibt es deswegen Streit, so auch an dem Morgen, an dem Tim, anstatt mit seinem Vater einen Rohbau zu besichtigen, mit seiner Klasse einen Tagesausflug in die DDR unternimmt. Die letzten Worte des Vaters: "Wenn du jetzt gehst, kannst du gleich drüben bleiben!"

An der Grenze gibt's auch schon den ersten Ärger, als die finster dreinblickenden DDR-Beamten Tims Geburtsort "Kleinruppin" lesen und ihn als Republikflüchtling anpöbeln. Endlich am Ziel, staunen die Jungs aber schließlich nicht schlecht über den Nachkriegsflair auf den Straßen, die fast schon legendären Schlangen an den Verkaufsstellen und die seltsamen Klamotten der "Eingeborenen".

Als sie jedoch die falschen Mädels anmachen und deren Rocker-Freunde sich gar nicht begeistert zeigen, mußs Tim mitsamt seiner Videokamera beweisen, dass er nicht nur auf dem Tennis-Court schnell zu Fuß ist. Seltsam allerdings, dass plötzlich eine wildfremde Frau Tim anspricht und ihm zu seinem schicken Look gratuliert ...

Kurz darauf geht selbst für Tim in der Zone die Sonne auf, als er an der Bushaltestelle eine süße Blondine namens Jana (Anna Brüggemann) kennen lernt. Doch sie erweist sich vollkommen immun gegen Tims sonst so bombensicheren Charme und entschwindet im nächsten Bus. Schnell macht Tims Enttäuschung aber einer unbeschreiblichen Überraschung Platz, als mit einem Mal ein ziemlich gammlig gekleideter Halbhippie auf dem Fahrrad auftaucht - und es Tim vorkommt, als schaue er in einen Spiegel!

Sofort kommen die beiden, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen, ins Gespräch. Und sie begreifen ziemlich schnell, dass sie Zwillingsbrüder sein müssen, die kurz nach der Geburt getrennt wurden und in total unterschiedlichen Paralleluniversen aufgewachsen sind. Und während Ostler Ronnie von seinem Erfolg bei den Frauen erzählt, macht Tim mit großspurigen Berichten von Freiheit, Reichtum und seiner absoluten Coolness einen auf dicke Hose. Als er sich jedoch lässig von Ronnie verabschieden und zum Bus ins gelobte Land zurückkehren will, werden ihm seine Sprüche zum Verhängnis, denn Ronnie schlägt ihn kurzerhand mit einer Bierflasche nieder ...

Als Tim aufwacht, wähnt er sich bereits im Himmel, denn das erste, was er erblickt, ist seine Bushaltestellen-Bekanntschaft Jana, die in der Klinik als Krankenschwester arbeitet. Obwohl man den jungen Patienten zur Beobachtung eigentlich im Krankenhaus behalten will, macht sich Tim schleunigst aus dem Staub. Schließlich mußs er noch seinen Bus zurück nach Bremen erwischen. Mit pochender Kopfwunde - und Ronnies grünem Armee-Parka und dessen restlichen Kleidern am Leib - rennt er durch die Stadt, doch er sieht nur noch die Rücklichter des Busses. Und aus dem Rückfenster winkt schelmisch Ronnie in Popperkluft, und filmt ihn - mit Tims eigener Kamera.

Jetzt sitzt Tim so richtig in der Klemme. Die VoPos auf der Wache glauben ihm von seiner abstrusen Geschichte selbstverständlich nicht ein einziges Wort, und der Klinikarzt bestätigt ihm eine posttraumatische Amnesie aufgrund des Schlages. Einzig Tims "Vater" Erwin (Michael Gwisdek) stellt sich als gewisse Hilfe heraus, denn der kennt zumindest den Beamten und schafft es so, Tim aus dem Knast zu holen.

Es ist zum Verzweifeln. Keiner nimmt ihm die Doppelgänger-Geschichte ab und selbst sein Adoptivvater in Bremen, der den wahren Sohn neben sich zu sehen glaubt, legt am Telefon einfach auf. Deshalb heißt es für Tim ab jetzt Jugendtreff "Gehege" statt "Beach"-Disco, Arbeitseinsatz an der Stanzmaschine statt Tennis-Training. Unaufhörlich überrascht der ostdeutsche Alltag Tim mit seinen kleinen und großen Gemeinheiten: nicht zu stoppende Monsterwecker, merkwürdige Gestalten in wackligen Ladas, die einen am helllichten Tag von der Straße auflesen, pampiger Kantinenfraß, zackige NVA-Kader, die aus Tim einen strammen Offizier machen wollen.

Der Bremer Tennispopper hat die Schnauze voll. Kurzerhand schnappt er sich Erwins Uralt-Schlauchboot und versucht sich nachts über die Elbe in den Westen abzusetzen. Natürlich haben die Suchscheinwerfer der Grenzpatrouille den Flüchtling schon bald im Visier und Tim mußs aus dem Boot. Tauchend entkommt er zwar den Grenzern, aber bis zum Ufer ist es weit. Schon verlassen ihn seine Kräfte, da fällt ein Rettungsring vor ihm ins Wasser. Im letzten Moment zieht der Fischer ihn auf sein Boot.

So geht´s also nicht, sollte Bürgersöhnchen Tim sich also etwa auf ein Leben hinter der Mauer einrichten müssen? Das Schicksal gibt ihm eine Chance: Der örtliche Schwimmkader geht auf West-Tournee und Ronnie ist dort Mitglied. Nur leider ist Schwimmen noch nie Tims Stärke gewesen. Aber es gibt ja noch Jana: Die frühere Schlitt- und Rollschuhläuferin hat sich längst in den feschen Popper verknallt, der so anders ist als ihr resoluter Jugendfreund, den sie eigentlich bald heiraten wollte.

Um in Tims Nähe zu sein, bietet sie dem verhinderten Schwimm-Ass ihre Hilfe an. In einem nahe gelegenen Waldsee trainiert Tim für seinen großen Auftritt. Beim Qualifikationsschwimmen mußs er nur diese verdammten 1:10 schaffen und weg ist er. Dumm nur, dass diese Jana so ein nettes Mädel ist ...

Am Tag der Entscheidung befällt Tim plötzlich eine merkwürdige Schwäche. Heiko (Florian Panzner), der Stanzwerk-Aufseher, der den aufsässigen Frischling noch nie leiden mochte, hat ihm ein Schlafmittel ins Getränk geschüttet. Tim scheitert grandios und darf nicht mit in den Westen. Völlig verzweifelt sucht er Jana auf. Sie lädt ihn zu einer Spazierfahrt in den Wald ein, es beginnt zu regnen, sie flüchten in ein verlassenes Haus, tollen herum, fallen sich in die Arme - und lieben sich.

Bald darauf fliegt Heiko auf und der Trainer (Alexander Hörbe) nimmt Tim doch noch in den Kader auf. Der verliebte Wessi mußs sich entscheiden ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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