Only The Strong Survive

Produktionsnotizen

Spricht man von Legenden im Dokumentarfilmbereich, führen zweifellos D.A. Pennebaker und Chris Hegedus die Liste an. Der Regisseur und die Regisseurin der unvergesslichen und preisgekrönten Filme "The War Room", "Startup.com", und "Monterey Pop" melden sich zurück mit einem Film über die Welt der Rhythm-and-Blues-Musik der 1960er- und frühen 70er-Jahre: den Soul.

Statt einen "History-of"-Film mit Unmengen von bereits existierendem Filmmaterial zu machen, beschlossen Pennebaker und Hegedus, die Lebensgeschichten von zehn Soul-Legenden miteinander zu verweben, die immer noch auftreten und besser sind denn je. Gemeinsam mit Roger Friedman, einem bekannten New Yorker Journalisten und Zeit seines Lebens Soul-Fan und Mitglied der Rhythm and Blues Foundation, machten sich Pennebaker und Hegedus auf die Suche nach den großen Soul-Stars, deren Musik in Filmen wie "The Commitments" vorkommt und Tag und Nacht weltweit im Radio zu hören ist.

Die Blütezeit des Soul (1960-1975) endete mit der Disco-Welle, die wiederum von Rap und HipHop abgelöst wurde. Doch der Einfluß des Soul blieb unvermindert stark. Die bekannten Hits werden weiterhin von jungen Künstlern aufgegriffen und von Rappern gesampelt. Aber wo sind die Künstlerinnen und Künstler, die diese Musik berühmt gemacht hatten?

Die Produzenten machten sich zu einer Show auf, die in Memphis, Tennessee, von High Stacks Records geplant war. High Stacks war zu seinem Namen gekommen, indem es auf findige Weise die zwei Überbleibsel der bekannten Labels, Hi und Stax übernahm und weiterhin neues Material der legendären Künstler aus der Ära des Soul veröffentlichte. Im Sommer 1999 organisierte Bobby Manuel von High Stacks ein Benefiz-Konzert für den Sänger Luther Ingram ("If Loving You Is Wrong I Don't Want to Be Right"). Ingram hatte sich für eine kostspielige Nierentransplantation hoch verschuldet und Manuel wollte ihm mit den Konzerteinnahmen helfen.

Das Ergebnis war eine Zwölf-Stunden-Bühnenshow im Four Points Sheraton in Memphis, in deren Verlauf die berühmtesten Künstler von Stax auftraten: Rufus Thomas, seine Tochter Carla, William Bell, Sir Mack Rice, The Barkays mit Ben Cauley und viele mehr. Auch Hi Records Soul-Königin Ann Peebles war dabei. "Es war wie ein Woodstock des Südstaaten-Soul", erinnert sich Friedman.

Die Höhepunkte des Ingram-Benefiz-Konzerts waren die Auftritte und Interviews mit dem "King of Soul": Rufus Thomas, zu dessen bekanntesten Hits "Walking the Dog" und "The Funky Chicken" gehören. "Wir wußten sofort, dass das Konzert, das Rufus in Höchstform zeigte, das Rückgrat des Films bilden würde", sagt der Produzent Frazer Pennebaker.

Die Tatsache, dass Thomas zusammen mit seiner Tochter Carla auftrat, machte den Anlass erst recht zu einem historischen Ereignis. In der Welt des Soul bekannt als "Aretha before there was Aretha", hatte sich Carla Thomas mit einer ganzen Reihe von Hits verewigt, unter anderen "Gee Whiz" und "B-A-B-Y-Baby". Erwähnt seien auch die berühmten Duos mit Rufus ("Cause I Love You So") und mit dem großen Otis Redding ("Tramp"). Das Ingram-Benefizkonzert bot Pennebaker und Hegedus die Gelegenheit, Vater und Tochter für immer auf die Leinwand zu bannen.

"Das Ergebnis war wunderbar", schwärmt Chris Hegedus. "Sowohl bei der Probe wie auch während des Konzerts übertrafen Rufus und Carla unsere Erwartungen bei weitem. Es war höchst beeindruckend, sie wieder gemeinsam zu sehen und zu wissen, dass sie damit das Publikum begeistern würden."

Leider erlebte Rufus Thomas die Endversion von "Only the Strong Survive" nicht mehr. Er starb im Dezember 2001 im Alter von 84 Jahren, gerade als der Film für das Sundance Festival ausgewählt wurde. Der Film ist ihm gewidmet.

Der Sommer 1999 erwies sich als die Hochsaison des Soul. Unzählige Veranstalter organisierten zahlreiche Konzertreihen. "Im Westbury Theatre auf Long Island, einem Zentrum für Rhythm'n'Blues-Konzerte filmten wir Mary Wilson auf Tournee anläßlich des 40-jährigen Jubiläums der Supremes und auch The Chi-Lites, die große Vocal Group des Chicago Soul", sagt Pennebaker.

Laut Friedman wurde Mary Wilson ironischerweise gerade deshalb ausgewählt, weil sie dem Publikum als Sängerin unbekannt war. "Sie sagt im Film, dass sie schon immer ein wohlbekanntes Geheimnis war. Und das stimmt. Die Leute kennen Mary Wilson wegen ihres öffentlichen Gezänks mit Diana Ross. Was sie nicht realisieren ist, dass sie eine unglaubliche Stimme hat und dass sie sehr hart arbeitet. Die Viten der beiden unterscheiden sich grundlegend. Wir wollten zeigen, wie wundervoll sie ist."

Im Film macht Wilson fast schon Geschichte mit ihrer Darbietung des Supremes-Hits "Someday We'll Be Together". Wilson und die Supremes-Sängerin Cindy Birdsong sangen bei der Original-Motown-Aufnahme von 1969 nicht mit, bei der Ross mit anderen Sängerinnen auftrat. "Um so faszinierender ist ihre Version", so Hegedus.

Friedman erinnert sich, "Ich fuhr nach New Haven, wo sie neben den Dells auftraten. Aber als The Chi-Lites 'Have You Seen Her' darboten, raste das ganze Publikum. Ihr Konzert war schlicht elekt-risierend."

Auch die Tatsache, dass The Chi-Lites nach über 40 Jahren noch zusammen waren, hatte eine starke Wirkung. Im Film erinnern sich die Mitglieder der ursprünglichen Gruppe, Marshall Thompson und Robert "Squirrel" Lester, wie das Lampenfieber sie lähmte. "Wir traten in diesem ausgefalle-nen Outfit auf die Bühne", umschreibt Thompson ihre Auftritte in den frühen 70er-Jahren, "und das Publikum lief Amok. Wir brachten keinen Ton heraus." "Diese bestickten, cremefarbenen Hosen mit Schlag waren ihrer Zeit voraus", erinnert sich Squirrel.

Die Filmemacher begleiteten auch Jerry Butler, Vorsitzender der Rhythm and Blues Foundation, zu einem Privatkonzert in New Jersey. Butler, dessen Spitzname als Sänger "The Iceman" lautet, war der Leadsänger für Curtis Mayfield und The Impressions, bevor er seine eigenen Wege ging und in den 60er- und 70er-Jahren eine Reihe von Hits produzierte, unter anderem den Filmtitelsong "Only the Strong Survive".

"Was ich an Jerry besonders mochte - er war eine Art Held für mich", sagt Friedman, "war die Vorstellung, dass er während der ganzen Woche in Chicago politisch tätig war und an Wochenenden seinen Smoking anzog und loszog, um landesweit Konzerte zu geben. Er erinnerte mich an Superman, der sich in der Telefonkabine umzog und losflog, um die Leute zu unterhalten."

Friedman hatte Sam Moore, den legendären Sänger des Duos Sam & Dave, bei einem Dinner der Rhythm and Blues Foundation getroffen. "Sam bot eines Abends ein Konzert, über das die Leute heute noch sprechen. Da stand er, dreißig Jahre nach "Soul Man", und war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nie hatte seine Stimme besser geklungen. Wir mußsten einfach wissen, was mit ihm geschehen war."

Im Sommer 1999 konnten die Filmemacher Sam bei einer Veranstaltung zu Ehren Isaac Hayes filmen, der alle seine Hits geschrieben hatte. Der für seinen weltberühmten Hit "Theme from Shaft" bekannte Hayes und sein Mitarbeiter David Porter kamen in den 1960er-Jahren zu Stax. Sie schrie-ben viele der bekanntesten Hits dieses Labels einschließlich "Soul Man", "Hold On", "I Thank You" und "When Something is Wrong with My Baby".

Der letztgenannte Hit ist der längste Konzertausschnitt im Film. "Zwar befürchteten wir, dass das jüngere Publikum Mühe haben würde, während einer Fünf-Minuten-Ballade stillzusitzen", sagt Friedman. "Doch Sam ist schlicht faszinierend. Nach den ersten Screenings fragte man uns sogar, ob es nicht noch eine längere Version gebe!"

Doch hinter Moores Charme und künstlerischen Fähigkeiten versteckt sich die tragische Geschichte seines Absturzes, über den er offen spricht. "Ich verkaufte in dieser Gegend Drogen", erzählt er den Filmemachern, als sie New Yorks Eighth Avenue entlang fuhren. "Ich wohnte in einem Hotel für 8 Dollar die Nacht." "Welche Drogen?", will man von ihm wissen. "Kokain und Heroin, dasselbe wie Belushi", antwortet er. Glücklicherweise ist Sam seit 1982 "clean", dank seiner Frau Joyce Moore, die ihn auch managt.

Zusätzlich gewürzt wird "Only the Strong Survive" mit dem Witz und der Weisheit der R&B-Legende Wilson Pickett. Unter dem Spitznamen "The Wicked Pickett" begann der in Detroit geborene Sänger in den 1960er-Jahren seine Karriere mit der Gruppe The Falcons, aus der zwei weitere Soul-Legenden hervorgingen: Eddie Floyd und Sir Mack Rice. Detroits Label Motown ließ Pickett mit der rauen Stimme links liegen und tat sich mit Jerry Wexler (Atlantic Records) zusammen. Der Rest war Geschichte. "In the Midnight Hour", "634-5789", "Land of 1000 Dances" sind nur einige seiner zahlreichen großen Hits.

1999, nach über einem Jahrzehnt, bereitete Pickett sein erstes Album mit dem Titel "It's Harder Now" vor. Zu diesem Zeitpunkt traten die Filmemacher mit ihm in Verbindung. "Wir waren ner-vös", sagt Friedman. "Es kursierten merkwürdige Geschichten über ihn, zum Beispiel wie er einmal versucht hatte, die Isley Brothers in einer Jagdhütte zu töten, oder wie er aus dem Staat New Jersey verbannt wurde. In den 80er-Jahren hatte er mit Drogenproblemen zu kämpfen. Es sah für ihn nicht sehr rosig aus."

Doch Pickett hatte dies alles unbeschadet überlebt. Seine Stimme war in sehr guter Form, er ebenso. "Wir hätten einen ganzen Film nur über ihn machen können", sagt Hegedus. Der Film lässt Picketts vergnügliche Erinnerungen aufleben an seine Tourneen mit den Supremes im damaligen Detroit sowie an die Episoden mit Aretha Franklin und mit seiner eigenen Familie, und er verrät uns auch, wie er zu der für ihn typischen rauen Stimme - seinem Markenzeichen - kam. "Das ist die raue Erde meiner Heimat", sagt er. "Du mußst einfach am richtigen Ort verwurzelt sein!"

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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