Neid

Produktionsnotizen

"Das Interessante am Neid ist", sagt Regisseur und Produzent Barry Levinson, "dass es ein unbestreitbarer Teil der menschlichen Natur ist. Wir versuchen es zu leugnen, zu verbergen, zu kaschieren - doch wir alle kennen dieses Gefühl. Als ich das Drehbuch zu NEID zu lesen begann, dachte ich, das sei eine wirklich interessante, etwas märchenhafte Geschichte über zwei Freunde. Der eine sagt: ?Hey, ich habe eine tolle Idee. Beteilige dich an meinem Traum!'. Der Freund antwortet aber nur: ?Bist du verrückt? Von den fünfzig idiotischen Ideen, die du bislang hattest, ist dies die idiotischste.' Doch ehe man sich versieht, wird diese kleine, idiotische Idee eine Riesensensation und Abermillionen Dollar wert. Was passiert dann? Es reizte mich, das in einer komödiantischen Art herauszufinden."

Drehbuchautor Steve Adams gesteht: "Normalerweise möchte ich, dass die Drehbücher, die ich schreibe, um etwas kreisen, was auch mich persönlich betrifft. Und die Idee zu NEID entstand tatsächlich aus meinem eigenen Neid auf den Erfolg anderer Leute. Ich fand schnell heraus, dass Neid ein universelles Thema ist. Wenn ich mit jemanden darüber sprach, wusste wirklich jeder, wovon ich rede. In diesem Fall geht es um jene Art von Neid, der zwei Freunde auseinander zu bringen droht, die bis dahin alles miteinander geteilt haben. Sogar ihre Jobs. Es sind ganz gewöhnliche Typen. Sie arbeiten zusammen, kommen nach Hause, träumen ihre kleinen Träume davon, dass es ihnen irgendwann einmal besser geht. Und dann passiert es plötzlich: Einer der beiden wird reich. Sehr, sehr reich!"

Ben Stiller und Jack Black sind die beiden Comedy-Stars, die diese Freunde verkörpern. Stiller, der den glücklosen und vor Neid zerfressenen Tim Dingmann verkörpert, erklärt: "Tim Dingman führt ein ganz normales Leben. Er hat eine Ehefrau, zwei Kinder und einen Job in einer Schmirgelpapierfabrik. Er ist ein praktischer Mensch. Kein Visionär wie sein Freund Nick. Nick hat ständig aberwitzige Ideen für obskure Erfindungen, die sein Leben verändern sollen. Doch für Tim sind das nur irreale Spinnereien. Aber da irrt Tim sich gewaltig. Tim wird von solch einem unbändigen Neid zerfressen, dass es ihre Freundschaft zerstört. Was ihn am meisten wurmt, ist die Tatsache, dass alles seine eigene Schuld ist: Er hatte die Chance, in Nicks Traum einzusteigen, doch er hat sie vertan. Jetzt nagt unermüdlich dieser eine Gedanke in ihm: ,Hätte ich doch bloß diese eine Entscheidung getroffen!'"

Jack Black versichert, dass die Figur, die er verkörpert, keine Ahnung von Tims Neid hat. "Nick geht einfach davon aus, dass die Dingmans genauso begeistert über seinen neu gewonnen Reichtum sind wie er selbst, genauso, als ob das Team, dass man beim Spiel angefeuert hat, gewonnen hat. Tatsächlich haben die Vanderparks den Super Bowl gewonnen, den Super Bowl der Hundekacke. Sie sind plötzlich nicht bloß reich - sie sind stinkreich! Sie bauen sich einen regelrechten Palast und engagieren ein ganzes Bataillon von Dienern. Nick lässt sogar einen Coiffeur aus Mailand einfliegen. Seine neue Frisur ist eine Mischung aus - erinnert sich jemand an Willy Wonka und die Schokoladenfabrik? - Umpa Lumpa und Little Lord Fauntleroy. Ganz schön fetzig, wenn ich das mal so sagen darf", lacht Black.

"Ben und Jack verstehen es einfach fabelhaft, sich gegenseitig beim Spielen die Bälle zuzuwerfen", schwärmt Barry Levinson. "Ihre jeweilige Art von Energie ist vollkommen unterschiedlich, was dem Film sehr zugute kam, denn wir wollten ja eine Kollision zweier grundverschiedener Menschen. Zwischen den beiden Helden von NEID gibt es eine sehr interessante Dynamik. Ben ist großartig, wenn es darum geht, eine schleichende Spannung aufzubauen, während Jack eher der extrovertierte, sofort reagierende Typ ist. Ben mußste sich gegen diese spontane Präsenz enorm zurücknehmen. Was, glaube ich, alles andere als leicht ist."

Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Arbeitsweise haben Stiller und Black uneingeschränkte Bewunderung für den schauspielerischen Stil des jeweils anderen. Stiller erklärt: "Jack ist so gut, weil er die Dinge nicht hinterfragt - er stürzt sich einfach drauf. Er ist mit hundertprozentigem Einsatz dabei, was es zu einem großen Vergnügen macht, gemeinsam mit ihm zu spielen."

Black erwidert: "Bens totale Hingabe an alles, was er tut, ist wirklich beeindruckend. Es gab Szenen, da war ich in meine eigene Welt versunken, doch als ich plötzlich aufblickte, sah ich Ben und spürte: Er hört wirklich zu! Er ist voll in der Szene! Das ist es, was ich von ihm übernehmen will: Dieses totale Eintauchen in eine Rolle und diese gleichzeitige Kommunikation mit den anderen Schauspielern."

Tims Neid wäre irgendwann vielleicht kleiner geworden, wäre da nicht J-Man - ein obskurer Fremder, der bei dem eifersüchtigen Tim noch Öl auf's Feuer gießt. Christopher Walken, der diesen J-Man spielt, nennt ihn einen "echten Lebenskünstler. Es ist schwer zu erklären, aber er besitzt seine eigene, in sich völlig schlüssige Logik. Er erkennt eine Chance, etwas Geld einzustreichen, doch er hat nicht vor, es zu stehlen. Er betrachtet es als Belohnung. Irgendjemand wird dieses Geld erhalten - warum also nicht er? Eigentlich ist er harmlos."

Barry Levinson erklärt, warum er so begeistert ist, dass er Christopher Walken für die Rolle des J-Man gewinnen konnte: "Chris ist ein wirklich begnadeter Schauspieler. Und er ist extrem witzig. Er hat ein natürliches Gespür für Komik, aber in einer anderen Art, als man es erwarten würde. Er bringt sich in jede Rolle, die er spielt, vollständig ein. Er ist hochkonzentriert und füllt seine Rolle vollständig aus - man kann es in seinen Augen sehen. Er hat eine Szene, in der er sagt: ,Good for you, good for you, good for you'. Eigentlich war das nicht übermäßig komisch gemeint, doch so wie Chris diese Worte betonte, extrahierte er etwas aus ihnen heraus, was im Drehbuch gar nicht erkennbar war. Solche Momente sind für einen Regisseur sehr außergewöhnlich.

Walken erklärt, dass der Aspekt, der ihn besonders bei diesem Projekt faszinierte, die Geschichte einer verpassten Gelegenheit ist: "Was, wenn man eine Chance hat und sie einfach nicht ergreift? Man war im richtigen Moment am richtigen Ort - und hat es nicht bemerkt. Das ist es, was Tim - und tagtäglich unzähligen anderen Leuten - passiert."

Die verpasste Chance bedroht nicht nur Tims und Nicks Freundschaft, sondern auch Tims Ehe mit Debbie. Debbie-Darstellerin Rachel Weisz führt aus: "Die Dingmans haben ein völlig normales Leben. Sie sind nicht übermäßig glücklich, aber es geht ihnen gut, sie sind nicht wohlhabend, aber sie sind auch nicht arm. Ihre besten Freunde, die Vanderparks, leben direkt gegenüber. Es gibt nicht viel, was diese beiden Familien unterscheidet. Sie haben dieselbe Art von Haus, die Männer arbeiten in derselben Fabrik. Der einzige wirkliche Unterschied besteht darin, dass Nick ein Träumer ist, der ständig die verrücktesten Ideen hat. Und plötzlich macht ihn einer dieser Einfälle zu einem unsagbar reichen Mann. Debbie wollte, dass Tim in Nicks Erfindung investiert, doch der weigerte sich und jetzt ist sie darüber wahnsinnig wütend. Wenn die Dingmans bloß diese 2.000 Dollar investiert hätten - dann wären sie jetzt ebenso reich wie die Vanderparks. Neid macht sich in ihrem Leben breit und droht ihre Ehe zu zerstören. Aber, fügt sie hinzu, es geht auch darum, wie Geld einen wahnsinnig machen kann. In diesem Film verliert so ziemlich jeder wegen des Geldes den Verstand."

Amy Poehler, die Nicks Ehefrau Natalie spielt, stimmt dem zu: "Nick und Natalie werden quasi über Nacht reich und verlieren völlig das Gefühl dafür, wie sie auf andere Leute wirken. Sie leben und kleiden sich auf eine liebenswert-absurde Art. Sie sind völlig ahnungslos, wie neidisch Tim und Debbie auf sie sind. Sie gehen einfach davon aus, dass sich jeder - besonders ihre besten Freunde - mit ihnen freut. Es gefällt mir auch, wie Natalie ihren Nick bei all seinen Erfindungen stets unterstützt, obwohl es vor dem "Vapoorizer" zweifelsohne eine Menge Misserfolge gegeben haben mußs. Sie ist selbst eine Träumerin und es ist irgendwie schön, dass diese Fantasten den ganz großen Treffer landen."

Nachdem die Vanderparks von plötzlichem Reichtum überrollt werden, treffen sie die drollige Entscheidung, eine riesige Villa - einen Palast vielmehr - direkt auf ihrem alten Grundstück am Ende einer Vorort-Sackgasse zu bauen. Levinson führt aus: "Nick hat ein paar hundert Millionen Dollar und baut sich sein neues Domizil nicht irgendwo in einer wunderschönen neuen Umgebung, sondern direkt gegenüber von seinem besten Freund. So steht auf der einen Seite der Straße ein bescheidenes, normales Haus und auf der anderen Seite diese prächtige Villa. Nick denkt einfach nicht darüber nach, was er Tim damit antut, wenn er jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit auf Nicks prächtige, riesige Behausung starren mußs." Jack Black ergänzt: "Für Nick ist es einfach toll, seinen Freund Tim immer noch als Nachbarn zu haben. Er hätte in irgendeinen schicken Ort wie Beverly Hills ziehen können, doch das wäre ihm falsch vorgekommen. So ist er einfach nicht."

Die Gestaltung der Vanderpark-Villa erlaubte Produktions-Designer Victor Kempster, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Er stellte sich einfach vor, wie es wäre, sehr viel Geld und sehr wenig Geschmack zu haben. "Nicks Haus ist unglaublich. Es ist pervers, barock? es ist eine einzige Monstrosität", lacht er. "Es sieht aus wie eines dieser riesigen, protzigen Hotels, bei denen einfach alles schief gegangen ist", ergänzt Levinson.

Zusätzlich zu dem absurden Widerspruch eines monumentalen Palastes mitten in einem Mittelklasse-Vorort gibt es in NEID noch weitere visuelle Eigenwilligkeiten. Kempster erinnert sich: "Ich zeigte Barry verschiedene Arten von Vororten und ließ dann am Ende die Bombe platzen: Ein gigantisches Netz von Hochspannungsleitungen, das sich quer über das ganze Viertel spannt. Er war absolut begeistert. Diese Strommasten gaben der Villa eine noch bizarrere Anmutung. Was mir besonders gefiel, war die Absurdität des Ganzen: Jemand, der plötzlich stinkreich wird, würde sich wohl kaum ein neues, schöneres Haus an exakt jene Stelle bauen, wo er schon vorher gelebt hat - schon gar nicht, wenn diese Stelle voller Hochspannungsmasten steht. Das wäre einfach lächerlich."

Die Außenansicht der Villa war eine Fassade, während die Innenansichten vor allem in einer Villa in Beverly Hills aufgenommen wurden, die all die überlebensgroßen architektonischen Eigenschaften besaß, nach denen Kempster suchte - inklusive einer Bowlingbahn und eines im Haus gelegenen Swimming Pools. Und in Würdigung der Vapoorizer-Erfindung, beschloss Kempster, die Einrichtung der Villa unter ein "hündisches Motto" zu stellen: An die Wände hängte er riesige, bunte, comicartige Bilder von Hunden, in den einzelnen Räumen wurden Statuen von Hunden verteilt. In der Villa gibt es aber auch eine riesige Marmorstatue, die Nick auf seinem geliebten Pferd Corky zeigt.

"Barry und ich fragten uns, wie ein Mann, der über Nacht unfassbar reich wird, auf seine neue Situation reagieren würde", erinnert sich Kempster. "Wir beschlossen, dass er sich all das Spielzeug für große Jungs zulegen würde, von dem er schon immer geträumt hat. So bauten wir vor das Haus ein Karussell, eine Gokart-Bahn, einen Platz zum Bogenschießen, einen Baseball-Trainingsareal und mitten in all diesen Dingen befindet sich noch das Zuhause von Corky - Nicks innig geliebtem Pferd. Corkys Stall ist eine maßstabsgerecht kleinere Version der Vanderpark-Villa."

Kostümbildnerin Gloria Gresham, die mit Barry Levinson bereits bei zehn früheren Filmen zusammengearbeitet hatte, ließ bei NEID ihren Geschmack buchstäblich Amok laufen: "Dies war wahrscheinlich die Komödie schlechthin, die ich seit Jahren gemacht habe. Barry gab mir nur eine generelle Richtung für Jack Blacks Kostüme: ,Stell Dir vor, wie Ralph Cramden - die Hauptfigur der klassischen TV-Serie "The Honeymooners" - sich angezogen hätte, wenn er reich gewesen wäre'. Jack war für alles offen. Ihm konnten die Sachen gar nicht zu verrückt sein. Ben dagegen verkörperte einen konservativeren Typ und so fügte sich alles perfekt ineinander."

Gresham erklärt ferner das Farbkonzept ihrer Kostüme: "Wir wollten die Farben der noch normalen Charakter möglichst gedämpft halten. Ben und der noch nicht reiche Nick tragen vor allem Grau, Beige, ausgewaschenes Grün und Blau. Doch als plötzlich das Geld fließt, werden die Farben mutiger und schillernder. Die Kleidung wird protzig."

"Es ist eine alte Geschichte, was Geld aus Menschen machen kann", führt Barry Levinson aus. "Es ist ein Teil des amerikanischen Traums. Viele Menschen, die im richtigen Moment die richtige Idee hatten und etwas Neues erfanden, haben diese Erfahrung gemacht."

Und wie wird man in der modernen amerikanischen Welt reich, wenn man eine neue Erfindung gemacht hat? Mit lauten, marktschreierischen Informercials! Auch das Vapoorizer-Spray findet so in NEID seine Kunden. "Unsere eigenen Informercials zu drehen war ein Riesenspaß", erinnert sich Levinson. "Diese Art von Werbung ist ein fester Bestandteil unserer Kultur geworden und bringt Waren aller Art an den Käufer. Ich bin mir sicher: Wenn man die Infomercials aus NEID herausschneiden und im Shopping-Kanal senden würde - die Leute würden anrufen und das Vapoorizer-Spray bestellen."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Columbia © 1994 - 2010 Dirk Jasper