La Mala Educación - Schlechte Erziehung

Statements von Pedro Almodóvar

Ich mußste La Mala Educación - Schlechte Erziehung einfach machen. Ich mußste diesen Stoff aus meinen Kopf herausbekommen, bevor daraus eine regelrechte Obsession geworden wäre. Während der letzten zehn Jahre habe ich in gewissen Abständen immer wieder am Drehbuch gearbeitet, hier etwas verändert, dort an einer Nuance gefeilt. Damit hätte ich gut und gerne noch eine weitere Dekade verbringen können. Aber in dieser Weise, das wusste ich bestimmt, konnte es nicht weitergehen.

Ich mußste aus der Fülle möglicher Handlungskombinationen eine endgültige Version der Geschichte auswählen und diese auf Zelluloid festhalten. Ehe der Film nicht fertig gedreht, geschnitten und vertont war, hätte meine schon quälend werdende Beschäftigung mit dem Thema kein Ende gefunden. La Mala Educación - Schlechte Erziehung ist ein sehr intimer, persönlicher Film geworden, obwohl er eigentlich nicht autobiographisch zu verstehen ist.

Ich erzähle damit also nicht meine eigene Schulzeit während der Franco-Diktatur und meine weitere Lebensgeschichte zur Zeit der ?Movida?, der 1980 einsetzenden Demokratisierungsphase, nach, obwohl ich diese Perioden der jüngeren spanischen Geschichte hautnah miterlebt habe. Meine persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen sind aber natürlich sehr stark in das Drehbuch eingeflossen.

La Mala Educación - Schlechte Erziehung stellt keine späte Abrechnung mit den Priestern dar, die mich während meiner Schulzeit malträtiert haben. Es ist auch keine Abrechnung mit dem Klerus im Allgemeinen. Hätte ich wirklich Rache nehmen wollen, dann hätte ich nicht vierzig Jahre damit gewartet. Die Kirche interessiert mich gar nicht, nicht einmal als Gegnerin oder Hassobjekt.

Der Film ist auch keine kritische Bestandsaufnahme der Anfang der achtziger Jahre einsetzenden ?Movida?, obwohl sich ein großer Teil der Handlung im Madrid dieser Zeit abspielt. Mich interessiert an diesem Abschnitt der spanischen Geschichte vor allem der Rausch der Freiheit, der nach dem Obskurantismus und der Repression der Franco-Ära während der sechziger und siebziger Jahre schlagartig das ganze Land erfasste. Die frühen achtziger Jahre bieten von daher einen geeigneten Rahmen für meine Geschichte.

Genau in dieser Zeit erlangen die nun erwachsen gewordenen Protagonisten Herrschaft über ihr eigenes Schicksal, über ihre Wünsche, Begierden und ihren eigenen Körper. Der Film ist keine Komödie, obwohl er humoristische Elemente nicht ausspart (Javier Cámaras Charakter), und auch kein Kindermusical, obwohl die kleinen Jungs darin ziemlich viel singen. Ich möchte La Mala Educación - Schlechte Erziehung vielmehr als eine Art ?Film noir? verstanden wissen.

Auf dem Weg ins Schwarze

Schwarz sind die Soutanen der Priester, schwarz sind die Nächte der Schüler in ihren Schlafsälen, schwarz sind die Schicksale der Protagonisten, und ?Noir? lautet der Name des filmischen Genres, zu dem La Mala Educación - Schlechte Erziehung gehört. Seine endgültige Formulierung als spezifisches Genre mit ganz eigenem Charakter erfuhr der ?Film noir? innerhalb des französischen Kinos der fünfziger und sechziger Jahre.

Der ?Film noir? verträgt es, mit anderen filmischen Genres vermischt zu werden, vorausgesetzt der Erzählung kommt dabei nicht ihr fatalistischer Grundtenor abhanden, ohne den sich das Schwarz zu einem schmutzigen und langweiligen Grau ausbleichen würde. Im ?Film noir? müssen keine Polizisten und geladenen Schusswaffen vorkommen. Auch die unverhohlene Darstellung brutaler körperlicher Gewalt ist nicht unbedingt nötig.

Was dieses Genre vielmehr auszeichnet, sind die Eigenschaften der Lüge und der düsteren Fatalität, die sich zumeist im Charakter einer Frau inkarnieren: der sogenannten ?Femme Fatale?. Die ?Femme Fatale? ? sie stellt kein obligatorisches Merkmal aber eine der großen Ikonen dieses Genres dar ? ist eine Frau, die sich ihrer Verführungskraft bewusst ist und sich in einem Zustand größtmöglicher Anspannung befindet, so dass sie nicht eher Ruhe gibt, bevor sie ihr Ziel erreicht hat, bei dessen rücksichtsloser Durchsetzung ihr keinerlei Skrupel im Wege stehen.

Sex bedeutet für sie kein Vergnügen, sondern eine Quelle des Schmerzes für die anderen, die Männer. In La Mala Educación - Schlechte Erziehung ist die ?Femme Fatale? ein ?Enfant Terrible?, das sich in dem von Gael García Bernal dargestellten Charakter verkörpert. Dieser Charakter steht eindeutig in der Tradition von Barbara Stanwyck, Jane Greer, Jean Simmons, Joan Bennett, Ann Dvorak, Mary Windsor, Lizabeth Scott, Veronica Lake und so vieler anderer weiblicher Nachtgestalten.

Das Kino als Refugium und Spiegel

Mir gefällt der Gedanke, dass Kinosäle bevorzugte Fluchtburgen für Mörder und einsame Herzen darstellen. Die Leinwand fungiert dabei als eine Art Zauberspiegel, in dem die Zukunft lesbar wird. So ziehen sich Juan und Señor Berenguer (Gael García Bernal und Lluis Homar) ja auch ins Kino zurück, um Zeit totzuschlagen, nachdem sie einen Mord begangen haben.

Der Abend taucht sich langsam und unweigerlich in ein tiefes Schwarz, und dies in mehrfacher Hinsicht: Ein heranziehender Sturm verdüstert den Himmel und im Dunkel des Kinos flimmern zwei Meisterwerke des ?Film noir? über die Leinwand, Jean Renoirs LA BÊTE HUMAINE (Bestie Mensch, 1938) sowie Marcel Carnés THÉRÈSE RAQUIN (1953), die beide auf Romanen Emile Zolas basieren. Die Filme schildern Situationen, die der, in der sich die beiden Männer im Zuschauerraum gerade befinden, überraschend ähnlich sind. Deshalb äußert Señor Berenguer beim Verlassen des Kinos gegenüber seinem Begleiter folgenden Satz: ?Es war mir eben, als sprächen die Filme direkt zu uns.?

Die Leinwand ist zum Spiegel ihrer Betrachter geworden. Es gibt noch eine weitere Sequenz, in der sich Fiktion und Realität annähern bzw. Betrachter und Betrachtetes ineinander blenden. Als Señor Berenguer Enriques Filmset besucht, sieht er vor laufender Kamera Padre Manolo agieren und erkennt diesen als sein früheres Selbst, wie sich seine ehemaligen Schüler, Ignacio, der Drehbuchautor, und Enrique, der Regisseur des Films, an ihn erinnern. Berenguer hat nun die Möglichkeit, seine eigene Vergangenheit aus der Perspektive seiner einstigen Opfer wahrzunehmen und erneut zu bedenken.

Die Erzählung reflektiert sich selbst. Es geht darin um Begegnungen mit sich selbst und Konfrontationen mit der eigenen Biographie. So betrachten zum Beispiel die beiden Knaben bei ihrem Kinobesuch auch ihre eigene Geschichte, denn sie sehen einen Film, nämlich Mario Camus ESA MUJER (1969), der in einem Konvent spielt.

Verdopplungen und Spiegel, die das, was sich in ihnen abbildet weiter vervielfältigen und auch deformieren, strukturieren den gesamten Film. Enrique Goded beschließt eine Erzählung zu verfilmen, die sein Freund Ignacio geschrieben hat, so dass wir es letztlich mit drei verschiedenen Geschichten zu tun haben: mit der ?wahren? Geschichte, mit der, die Ignacio in seiner Kurzgeschichte beschreibt und mit Enriques Filmversion, die auf Ignacios Kurzgeschichte basiert.

La Mala Educación - Schlechte Erziehung bringt die Komplexität des darin entfalteten Dreiecksverhältnisses zwischen den beiden Schülern und ihrem Lehrer zum Ausdruck, indem der Film die verschieden perspektivierten Erzählebenen nach dem Vorbild einer russischen Puppe ineinander verschachtelt: viele Geschichten, aber letztlich auch wieder nur eine, als Refugium und Spiegel

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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