Mann unter Feuer

Produktionsnotizen

Der Beginn der Produktion für ?Mann unter Feuer? in Mexiko markierte das Ende einer 20 Jahre dauernden Odyssee von Regisseur Tony Scott und Regency Enterprises, das Projekt auf die Leinwand zu bringen. Im Jahr 1980 kaufte Arnold Milchan, der Gründer und Eigentümer von Regency, die Filmrechte an dem Roman ?Mann unter Feuer? von A. J. Quinnell (ein Pseudonym ? der wahre Name des Autors wurde bis heute nicht öffentlich bekannt). Der Protagonist der Geschichte, John Creasy, ein CIA-Spezialist für Terrorabwehr, tauchte danach noch in drei weiteren Thrillern von Quinnell auf: ?The Perfect Kill?, ?The Blue Ring? und ?Message From Hell?.

Milchan erkannte das Kinopotenzial des Buches und trat an Regisseur Tony Scott, der gerade ?The Hunger? gedreht hatte, heran, eine cineastische Umsetzung des Romanstoffes zu entwickeln. ?Die Story ist eine enorme emotionale Achterbahnfahrt?, sagt Scott. ?Es geht um einen Typen, der seinen Weg verloren hat und wiedergeboren wird dadurch, dass er ein neunjähriges Mädchen beschützen soll.

Als sie entführt wird, verfolgt er die Verantwortlichen und arbeitet sich von unten nach oben durch die Befehlskette der Kidnapper, und bei seiner Jagd ist er unnachgiebig.? Trotz seiner Begeisterung für das Projekt, wandte sich Scott aber dann doch anderen Filmen zu und inszenierte als nächstes ?Top Gun ? Sie fürchten weder Tod noch Teufel?. Aber dennoch verlor er in den kommenden zwei Jahrzehnten nicht das Interesse an ?Mann unter Feuer?. ?Der Stoff begleitete mich die ganze Zeit?, sagt er, ?ich verlor ihn nie wirklich aus den Augen.?

Jahre später tat sich Produzent Lucas Foster mit Regency zusammen, um erneut eine Adaption von ?Mann unter Feuer? in Angriff zu nehmen, und der zweimal für den Oscar nominierte Drehbuchautor Brian Helgeland (?L.A. Confidential?, ?Mystic River?) schrieb ein neues Skript.

2003 schließlich kam Scott, der bei ?Crimson Tide ? In tiefster Gefahr? mit Foster zusammengearbeitet hatte, als Regisseur an Bord, fast zwei Jahrzehnte, nachdem er zum ersten Mal mit dem Projekt in Berührung gekommen war. Helgelands ursprüngliche Drehbuchentwürfe spielten, wie der Roman auch, in Italien. Aber Foster und Scott erkannten, dass dieser Schauplatz und die Mafia als Gegenspieler inzwischen abgenutzt waren ? und Entführungen aufgrund neuer, harter Gesetze in Italien praktisch nicht mehr stattfinden.

Sie sahen sich verschiedene Drehorte in Brasilien, Guatemala und Mexiko an. Die ausführlichen Recherchen der Filmemacher brachten zu Tage, dass in Mexico City Kidnapping mittlerweile zur Tagesordnung gehört. ?Entführungen sind dort ein riesiges Geschäft?, erzählt Scott, ?sehr kontrolliert und organisiert. Es ist eine richtige Industrie.? Scott recherchierte einzelne Fälle von Kidnapping in Mexiko, und Drehbuchautor Brian Helgeland änderte die Story dementsprechend.

?Die Nachforschungen waren von unschätzbarem Wert für die Glaubwürdigkeit der Geschichte?, sagt Scott. ?Obwohl die Vorgehensweisen und die Welten, die wir im Film ausführlich beschreiben, den Zuschauern nicht unbedingt als eigene Realität bekannt sind, denke ich, sie werden sie dennoch als real empfinden.? Scott beschreibt auch die Mitwirkung Helgelands an dem Projekt als unbezahlbar.

?Was Brian so hervorragend schaffte, war, zwei Geschichten zu kreieren?, erläutert der Regisseur. ?Die erste Geschichte, oder auch die erste Hälfte des Filmes, handelt von einem Kerl, der durch ein Kind wieder einen Zugang zum Leben bekommt, die zweite handelt von seinem Streben nach Rache.?

Helgeland vergleicht ?Mann unter Feuer? mit ?Die Schöne und das Biest?. ?Die kleine Pita weiß, dass Creasy ein Herz hat, auch wenn er selbst das nicht erkennt?, sagt er. ?Als ihm das, was ihn sozusagen ins Leben zurückholt, genommen wird, wird er unglaublich wütend, denn jetzt hat er sein Herz wiederentdeckt.? Die Rolle des leidenschaftlichen ?Mann unter Feuer? spielt der zweifache Oscar-Preisträger Denzel Washington, der bereits bei ?Crimson Tide ? In tiefster Gefahr? mit Tony Scott zusammengearbeitet hatte.

Scott schreibt dem Schauspieler bestimmte Qualitäten zu, die der Figur des Creasy entgegenkamen. ?Ich liebe Denzels obsessive Charakterzüge und seine inneren Abgründe?, sagt der Regisseur. ?Denzel hat eine Härte in sich, die wirklich interessant ist. Er weiß, wie er diese Eigenschaft an die Oberfläche bringt und effektiv einsetzt. Denzel vermittelt überzeugend, wie sich Creasy aus Selbstschutz von der Welt zurückgezogen hat. Und wenn er dann auftaut, ist es nur umso bewegender.?

?Creasy hat sich selbst im Alkohol verloren, er hat keine Ziele und keinen Lebenswillen mehr, denn er kam nicht mit seinen Taten als ein von der Regierung beauftragter Killer zurecht?, sagt Washington. ?Daher hat er sich von der Welt abgewandt, was passiert, wenn man in seinem Beruf Menschen töten mußs. Creasy ist eine verlorene Seele, dem die Fähigkeit zu lieben abhanden gekommen ist. Durch dieses kleine Mädchen findet er zu sich selbst und bekommt wieder eine Verbindung zu seiner eigenen Seele und zum Leben.?

Denn trotz seiner anfänglichen Zurückhaltung gegenüber Pita, kann Creasy der überschäumenden Lebensfreude und dem Temperament der Kleinen nicht widerstehen. ?Sie steckt einfach so voller Möglichkeiten, Gefühle und Neugierde ? all jenen Dingen, von denen Creasy sich abgewandt hat und die er sich selbst versagt?, so Washington. Tony Scott und Produzent Lucas Foster wählten Dakota Fanning für die Rolle der Pita, nachdem sie sie an der Seite von Sean Penn in dem Familiendrama ?Ich bin Sam? gesehen hatten. Ihre Entschlossenheit und ihr Glaube an die junge Darstellerin wurden mehr als belohnt.

?Dakota gehört zu den talentiertesten jungen Schauspielerinnen, mit denen ich je gearbeitet habe, und sie ist gerade mal neun Jahre alt!?, sagt Foster. ?Sie ist wie die Sonne ? eine Ausgeburt an Energie.? Und Scott fügt hinzu: ?Dakota ist einem unheimlich ? sie ist neun, aber wirkt wie neunzehn. Sie hat ein instinktives Verständnis für die menschliche Natur. Wir konnten sehen, wie Denzel improvisierte oder Szenen in verschiedene Richtungen beeinflusste, und sie passte sich all dem immer problemlos an.?

Fanning beschreibt Pita als ein Mädchen, das ?das Leben liebt und eine absolute Wasserratte ist?. Tatsächlich spielt ihre Vorliebe für Aktivitäten im Wasser eine wesentliche Rolle dabei, dass sie und Creasy eine persönliche Bindung entwickeln, denn der abgehärtete Bodyguard stimmt widerwillig zu, ihr bei den Vorbereitungen für einen Schwimmwettbewerb als Coach zu helfen.

Während Washington unter der Anleitung des technischen Beraters und Sicherheitsexperten Don Rosche lernte, sich wie ein Bodyguard zu bewegen und zu denken, war Fanning monatelang mit Schwimmtraining, Spanischunterricht (Pita, die einen mexikanischen Vater und eine amerikanische Mutter hat, ist zweisprachig) und Klavierstunden beschäftigt. Sie verbrachte außerdem reichlich Zeit außerhalb des Filmsets mit ihren Filmeltern, Marc Anthony und Radha Mitchell, um so das Gefühl einer Familienverbundenheit zu bekommen.

Dafür, dass Creasy die kleine Pita und ihre Familie kennen lernt, sorgt Rayburn, ein alter Freund Creasys, der auf der anderen Seite der US-Grenze zu Erfolg gekommen ist. Ursprünglich hatte Scott sich den Oscarpreisträger Christopher Walken für eine andere Rolle, die des korrupten Rechtsanwalts Jordan Kalfus (welche letztlich an Mickey Rourke ging) vorgestellt.

?Aber ich sagte Tony, dass ich es leid bin, die Bösen zu spielen?, sagt Walken mit einem Lachen. ?Ich wollte den Guten spielen!? Scott war damit mehr als einverstanden und gab Walken die Rolle des Rayburn. ?Chris kann das Telefonbuch vorlesen und es klingt interessant und witzig. Er bringt eine Menge Nuancen in den Charakter des Rayburn ein.?

Die gebürtige Australierin Radha Mitchell verkörpert Pitas Mutter, Lisa Ramos, eine US-Bürgerin, die sich ein junger mexikanischer Industrieller als dekorative Gattin an seine Seite geholt hat. Lisa macht, ganz so wie Creasy, eine komplexe und unerwartete Charakterentwicklung durch, deren Realisierung der Schauspielerin großen Spaß machte.

?Am Anfang befindet sich Lisa in einem Stadium der Unsicherheit, aber im Verlauf der Geschichte macht sie deutlich, was sie vom Leben will, und was ihr wirklich wichtig ist?, sagt Mitchell. ?Sie erleidet einen Zusammenbruch durch das, was geschieht, und sammelt dann auf ungeahnte Weise neue Kräfte.?

Samuel Ramos, der Ehemann von Lisa, gehört zur mexikanischen Aristokratie und befürchtet den Verlust seines Lebensstils und seiner Familie aufgrund drückender Schulden ? was ihn zu extremen Maßnahmen greifen lässt, die mit schrecklichen Konsequenzen verbunden sind.

?Samuel steht unter großem Druck, denn er hat plötzlich nicht mehr soviel Geld wie früher, aber seine Frau gibt gerne Geld aus?, sagt Schauspieler und Musiker Marc Anthony, der diese Rolle übernahm. ?Er vergöttert seine Tochter, aber kann aufgrund seiner häufigen Geschäftsreisen nicht soviel Zeit mit ihr verbringen, wie er gern möchte.?

Anthony, der bereits für sieben Spielfilme vor der Kamera stand, sagt, ?Mann unter Feuer? sei seine bisher schwierigste Filmrolle. ?Manchmal stand ich quasi innerlich zitternd neben Tony Scott und Denzel Washington ? die beiden besitzen ein geradezu furchteinflößendes Talent und Können?, sagt er.

Die Rolle des Manzano spielt der berühmte italienische Schauspieler Giancarlo Giannini. Manzano, den sein Darsteller als ? "ehrlichen Cop inmitten eines Sumpfes von Korruption? beschreibt, benutzt Creasy ? wie auch Creasy im Gegenzug ihn benutzt ? um die Welle von Entführungen in Mexiko City einzudämmen.

Scott und Helgeland schufen diese Figur, damit da jemand ist, der Creasys unnachgiebige Jagd auf die Kidnapper unterstützt ? damit jemand Creasy Informationen beschafft, an die dieser sonst nicht kommen würde, und damit Creasy das tun kann, was Manzano selbst nicht möglich ist: die teuflischen Drahtzieher der Entführungen zu finden und zu stoppen.

Manzano und eine weitere Figur, die Zeitungsreporterin Mariana, dargestellt von Rachel Ticotin, repräsentieren eine positive Vision von Mexiko und stehen als krasser Kontrast zur dunklen Welt von Korruption und Verbrechen, zu der die Kidnapper gehören. ??Mann unter Feuer? zeigt die zwei Gesichter Mexikos?, sagt Produzent Lucas Foster. ?Die eine Hälfte, in der Korruption und Armut überhand nehmen, und die andere Hälfte, die aus Menschen besteht, die versuchen, mit den Verbrechen und besonders dem Kidnapping, aufzuräumen.?

Die von Rachel Ticotin gespielte Mariana, die die Wahrheit hinter den Entführungen aufdecken will, hilft Creasy dabei, seinen Weg durch die ausgeklügelte Organisation der Kidnapper zu finden. ?Sie manipuliert ihn, das zu tun, was sonst niemand tun kann?, sagt Ticotin. ?Es ist also ein seltsames Verhältnis dieser beiden ? auch sie benutzen einander gegenseitig.?

?Creasy weiß nicht, wer die Entführung Pitas veranlasst hat?, sagt Denzel Washington. ?Deshalb mußs er sich auf Mariana und Manzano verlassen. Sie kommen nicht an den Boss ran, aber Creasy kann das aufgrund seines speziellen Trainings schaffen, und aufgrund der Tatsache, dass er nicht durch die mexikanische Bürokratie behindert wird.?

Entsprechend der ausführlichen Recherchen, die Tony Scott dem Film zugrunde legte, sowie der sozialen und politischen Situation in Mexiko ? die das Land auf Platz 3 der weltweiten Rangliste bei Entführungen bringen ? ist es keine Überraschung, dass der Hauptstadt Mexiko City in ?Mann unter Feuer? eine wichtige Rolle zukommt.

Scott bringt die Verschmutzung, den Verkehr und die Kakophonie, die auf seine Bewohner einprasseln, auf die Leinwand. ?Ich wollte aus der Stadt eine zentrale Figur machen?, so Scott. ?Sie hat ein großes kulturelles Erbe und ist voller visueller Kontraste und architektonischem Reichtum. Sie ist sinnlich und schön, und zugleich düster und gefährlich.?

Um ?Mann unter Feuer? eine spannungsgeladene, klaustrophobische und realistische Atmosphäre zu verleihen, fanden die Dreharbeiten fast ausschließlich vor Ort in Mexiko City statt. Die Filmarbeiten in der ältesten, größten und kurz vor dem Verkehrsinfarkt stehenden Stadt Nordamerikas war eine ständige Herausforderung.

Über 50 Fahrzeuge, die Crew, Darsteller und Ausrüstung transportierten, mußsten durch die engen und überfüllten Straßen der Stadt navigieren, und verbrachten Stunden damit, sich ihren Weg durch die verstopften Straßen zu bahnen.

Hinzu kam, dass Streiks fast ein Teil des alltäglichen Lebens waren und die Filmemacher sich durch den bürokratischen Dschungel von 17 Mini-Regionen wühlen mußsten, von denen jede ihre eigene Stadtverwaltung und eigene Statthalter hat.

?Aber das alles war es wert?, sagt Foster, ?denn das Kinopublikum wird ein zeitgenössisches Mexiko der Extreme sehen, voller Licht, Farben und außergewöhnlicher Menschen.?

Als ?Extrem? kann man auch den von Tony Scott und Kameramann Paul Cameron praktizierten Einsatz von Licht, Farben, Filmbelichtung und Filmverarbeitung bezeichnen, mit dem die emotionalen und psychologischen Turbulenzen, in die Creasy während und nach der Entführung gerät, unterstrichen werden.

?Ich experimentiere gern mit verschiedenen filmischen Methoden, um Emotionen zu vermitteln?, sagt Scott, der, ebenso wie Cameron, in der oft alles andere als traditionellen Welt der Werbeclips großgeworden ist. ?Die Entführungsszene schien eine gute Gelegenheit, das, was in Creasys Innerem vorgeht, mittels filmischer Techniken auf die Leinwand zu übertragen.?

Um ihren häufig verblüffenden, photographischen Stil zu erzielen, setzten Scott und Cameron Handkameras ein, um Bewegungen zu verlangsamen oder zu beschleunigen (eine Technik, die in die Stummfilmära zurückreicht), verwendeten Umkehrfilm, um die Farben lebendiger zu machen, schufen Mehrfachbelichtungen, indem sie dasselbe Material bis zu dreimal belichteten, und benutzten Panavision XL Kameras und sogar 16mm Kameras für bessere Beweglichkeit.

Um bestimmten Szenen eine noch größere visuelle Wirkung zu geben, drehten Scott und Cameron mit mehreren Kameras gleichzeitig, was für den Kameramann oft zu einer beachtlichen Herausforderung wurde. ?Mit verschiedenen Kameras zu drehen ist Wahnsinn!?, erinnert sich Cameron. ?Wir mußsten sie für die Beleuchtung alle auf einer ganz bestimmten Hauptachse halten, was wirklich schwierig ist. Aber der Vorteil beim Einsatz mehrerer Kameras gleichzeitig ist, dass man aus verschiedenen Blickwinkeln alles genau so einfängt, wie es in diesem Moment passiert.?

Denzel Washington ist nach wie vor vom Können Tony Scotts beeindruckt ? und für dessen Vorliebe, mit mehreren Kameras auf einmal zu drehen. ?Oh ja, wir nannten ihn ?Neun-Kamera Tony?, lacht der Schauspieler (wobei Scott in Wahrheit ?nur? vier Kameras zeitgleich im Einsatz hatte).

?Ich hatte absolut null Ahnung, was er mit all diesen Kameras gemacht hat, aber es ist auf alle Fälle sehr inspirierend, denn er macht aus diesen Bildern Leinwandkunstwerke.? Und Washington, der 2002 mit ?Antwone Fisher? sein Regiedebüt gab, fügt hinzu: ?Für mich als junger Filmemacher war das eine echte Lehrstunde.?

Aber so raffiniert auch die Optik und der gelegentlich nicht-lineare Filmschnitt von ?Mann unter Feuer? auch sind, Scott ist es wichtig, zu betonen, dass die Technik der Geschichte dienen soll, ihren Figuren und ihren Gefühlen. ?Der Film ist eine emotionale Reise?, sagt Scott. ?Es geht um Wiedergeburt und zweite Chancen, und darum, wie weit ein Mensch zu gehen bereit ist, wenn ihm diese Dinge genommen werden.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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