Süperseks

Produktionsnotizen

Süperstory

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ? dieser Zauber mußs es gewesen sein, der das Unmögliche möglich gemacht hat: In nur fünf Monaten stellten die Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder die Finanzierung der Kinokomödie Süperseks auf die Beine. Die Geschichte des jungen Türken Elviz, der in Hamburg eine türkischsprachige Sex-Hotline aufzieht, ist in jeder Hinsicht ein Debüt: Es ist der erste Spielfilm des Regisseurs Torsten Wacker, das erste abendfüllende Drehbuch der Autoren Kerim Pamuk und Daniel Schwarz und die erste Produktion der jungen Hamburger Produktionsfirma magnolia Film.


Dennoch ist Süperseks kein ?Anfänger-Film?: Torsten Wacker hat als Werbefilmer bereits mehrere internationale Preise gewonnen, Kerim Pamuk ist erfolgreicher Kabarettist mit eigenem Bühnenprogramm, und die Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder sind beide seit Jahren in der Filmbranche tätig. 2002 gründeten Nina Bohlmann und Babette Schröder die magnolia Film mit dem Ziel, ?Geschichten zu erzählen, die für ein kleines Budget gut zu realisieren sind und die nicht durch Effekte, sondern durch Originalität bestechen.

?Zu zweit, aus einem kleinen Büro heraus und so unaufwändig wie möglich machten sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Stoff. Neben den branchenüblichen Kriterien (?eine ungewöhnliche Geschichte über ungewöhnliche Menschen auf ungewöhnliche Art und Weise erzählt?) mußste das Drehbuch zwei weitere Anforderungen erfüllen: ?Die Geschichte sollte in Hamburg spielen und für eine sehr überschaubare Summe zu produzieren sein.

Das klingt nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, aber als uns eine Agentin den Plot von Süperseks anbot, wussten wir: Das ist es, was wir suchen.? Besonders der spezielle Humor der Autoren Kerim Pamuk und Daniel Schwarz überzeugte die Produzentinnen: ?Die beiden besitzen einen treffenden Dialogwitz und ein Talent für turbulente Szenen. Außerdem ist da dieser besondere Blick auf die türkische Gesellschaft in Altona, der sicher von der deutsch-türkischen Kombination des Autorenduos herrührt: Einerseits vorsichtig von außen, anderseits frech und selbstironisch von innen.

?Ein Beispiel? ?Wenn Nilüfer, die Chefin der Sex-Hotline, mit ihrem Mann zum Vorstellungsgespräch kommt, spricht die ganze Zeit der Mann ? und als Zuschauer denkt man: ,Er ist der Macher, der Chef ? seine Frau spricht wahrscheinlich nicht einmal Deutsch.? Als er dann den Raum verlässt, kommt dieser trockene Satz von ihr ?Ich habe fünf Jahre bei Beate Uhse gearbeitet ...?? Schauspieler Denis Moschitto (Elviz) begeisterte beim ersten Lesen des Buches, ?dass Kerim Pamuk und Daniel Schwarz keine Angst vor Klischees haben: Ob Kopftuch oder Schnurrbart, es gibt alles, was der gemeine Dönerbudenbesucher zu kennen glaubt ? und dann wird es im richtigen Moment ad absurdum geführt.

?Obwohl Moschitto die Hauptrolle, den Elviz, verkörpert, spielen für ihn die Frauen die heimliche Hauptrolle in Süperseks: ?Ganz so, wie ich türkische Frauen ? einschließlich meiner türkischen Mutter ? erlebe: Nicht als die hilflosen Anhängsel ihre Männer, sondern stark, selbstbewusst und als die eigentlichen Chefs der Familie. Diese Authentizität hat mich überrascht und beeindruckt.? Süperseks spielt in der türkischen Welt in Altona, alle Hauptfiguren sind Türken und ein Teil ihrer Probleme liegt in ihrer Nationalität begründet.

Bedenken, Süperseks könnte ein Film nur für Türken werden, hatte Regisseur Torsten Wacker nie: ?Warum ist ?Die fabelhafte Welt der Amélie? auch ein Film für Nicht-Franzosen? Warum ist ?Good Bye Lenin!? auch ein Film für Nicht-Ostler? Weil es gute Geschichten sind. Süperseks ist in erster Linie eine wunderbare Liebesgeschichte und eine Liebeserklärung an Hamburg.?

Bei einigen Szenen waren die Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder unsicher: Würden sich gläubige Muslime von dem bissigen Humor beleidigt fühlen? Vor den Dreharbeiten sprachen sie darum mit einem Mitglied des Vorstands der Hamburger Zentrums- Moschee: ?Natürlich waren sie von der Geschichte nicht begeistert ? aber sie wissen um die Existenz solcher Sex-Hotlines, und es wäre weltfremd, sie verschweigen zu wollen.

?Schwierigkeiten beim Dreh der Moscheeszene gab es trotzdem: Zehn ältere türkische Komparsen weigerten sich weiterzuarbeiten ? aber nicht wegen des Szeneninhalts, sondern weil der Schauspieler im Kalif-Kostüm während der Drehpausen die Fastenregeln nicht einhielt ? es war Ramadan.

Süperstars

Denis Moschitto ist Elviz ? der Junge, der eine türkische Sex-Hotline gründet, um mit den Einnahmen seine Schulden bei Onkel Cengiz zu zahlen: ?Elviz ist ein herzlicher Mensch, hoffnungslos verträumt und dennoch so unter Hochspannung und Tatendrang, dass man nicht umhinkommt, sich von ihm anstecken zu lassen. Ich habe mich jedenfalls sofort von Elviz einwickeln lassen und konnte mir diese Chance einfach nicht entgehen lassen:

Ich wollte für eine kurze Zeit Elviz sein, und das mit Vollgas!? Denis Moschitto (?Gloomy Sunday?, ?Nichts bereuen?) war die erste Wahl von Casting-Chefin Heta Manscheff: ?Er bringt einfach alles mit, was wir uns für Elviz vorgestellt haben ? auch wenn er nicht der typische Türke ist.? Auch Regisseur Torsten Wacker war von der Idee begeistert: ?Als Halb-Türke/Halb-Italiener ist Denis ein wunderbares Beispiel für einen Wanderer zwischen den Welten ? wie es auch sein Filmcharakter Elviz ist.?

Angst, zum ?Türken vom Dienst? zu werden, hat Moschitto nicht: ?Ich habe Ungarn, Marokkaner, Italiener und auch Deutsche spielen dürfen ? und dieses Nationalitätendurcheinander in mir schon immer als Gewinn betrachtet.? Für die Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder ist letztlich das darstellerische Können entscheidend. So zögerten sie nicht lange, die weibliche Hauptrolle der Halbtürkin Anna mit Marie Zielcke (?Bin ich schön?, ?Lammbock?) zu besetzen: ?Marie ist eine tolle Schauspielerin und eine sehr schöne Frau. Das war für die Rolle der Anna wichtig ? sie sollte einfach unerreichbar für Elviz sein.?

Marie Zielcke nahm das Angebot sofort an: ?Ich habe beim Lesen des Buchs herzhaft lachen müssen ? und das passiert mir äußerst selten.? Da Anna im Film eine eigene Bauchtanzschule besitzt, nahm Marie Zielke extra Unterrichtsstunden für den richtigen Hüftschwung. Hilmi Sözer (?Der Schuh des Manitu?) spielt Elviz? Bruder Tarik. Die Produzentinnen wollten den Träger des Deutschen-Comedy-Preises unbedingt in besetzen: ?Hilmi mußs gar nicht viel tun, er hat einfach eine enorme Präsenz.

Er ist der geborene Comedian, der scheinbar ohne Aufwand die witzigsten Situationen im Film dominiert.? Sözer selbst begründet sein Engagement für ?Süperseks? so: ?Es gibt Projekte, die lassen einen Schauspieler leichter atmen. So eines ist Süperseks. Ich steh? auf Komödien, zumal wenn sich der Witz der Figuren aus einer authentischen Atmosphäre heraus wie von selbst spielen lässt. Tariks brunnentiefe Sehnsucht nach Sex ? das war ein Süper-Spiel-Spaß.?

Die Neuentdeckung des Films ist die Schauspielerin Hülya Duyar. Als Nilüfer leitet sie die Telefonvermittlung der Sex-Hotline und demonstriert ihren Kolleginnen, wie man sexhungrige Anrufer dazu bringt, möglichst lange in der Leitung zu bleiben. Ursprünglich war die Rolle im Drehbuch gar nicht so groß ? doch mit ihrer Präsenz und ihrem Aussehen hat Hülya Duyar die Nilüfer zu einer echten Hauptrolle gemacht: ?Sie spielt einfach grandios. Es ist fast, als sei diese Rolle für sie geschrieben worden.?

Hülya Duyar über Nilüfer: ?Ich habe die Nilüfer und ihre Sex-Hotline-Mädchen geliebt. Frauen, die die Grenzen überwinden, die ihnen gesetzt werden, und sich wie auf einer geheimen Insel zusammenschließen: ?Hallo, hier ist die Süperseks-Hotline!?? Als komödiantischer Selbstgänger entwickelte sich für die Produzentinnen das Team Elviz/Olaf. Olaf wird gespielt von Martin Glade (?Auf Herz und Nieren?, ?Long Hello and Short Goodbye?): ?Wenn Olaf seinen Freund Elviz und dessen Familie besucht und die ganze Sippe um einen guten Kopf überragt, dann wirkt allein der Größenunterschied urkomisch.?

Und ?Martin Glade meistert eine schwierige Rolle: Der Computer- Spezi Olaf ist laut Drehbuch nicht besonders attraktiv, eher ein bisschen verschroben, und er wünscht sich sehnlichst eine Freundin. Martin Glade ist es gelungen, dass die Zuschauer Olaf von Anfang an mögen und sehen, was in ihm steckt. Sie freuen sich mit ihm, wenn er schließlich seine Yasemin erobert.? Manche Filme zeichnen besondere Kostüme oder spezifische Schauplätze aus ? für die Produzentinnen lebt Süperseks von seinen Typen und Gesichtern:

?Es war nicht einfach, die vielen Kleindarsteller gerade für die Szenen im türkischen Milieu zu finden ? und wenn man sie gefunden hatte, sie davon zu überzeugen, in einer Kino-Komödie mitzuspielen. Besonders die älteren türkischen Mitbürger taten sich da manchmal schwer. Britta Lambsdorff, die für die Komparserie bei Süperseks zuständig war, hat beides hervorragend gemeistert.?

Süperteam

Als die Produzentinnen Nina Bohlmann und Babette Schröder den Werbefilmer Torsten Wacker trafen, suchten sie eigentlich keinen Regisseur, sondern einen Skript-Doktor, der das Drehbuch überarbeiten sollte. ?Torsten überzeugte uns mit seiner Herangehensweise, der wir viele neue Impulse verdanken. Dadurch kamen wir auf die Idee, ihm auch die Regie anzuvertrauen.? Für Torsten Wacker war das Angebot ?eine Gelegenheit zu zeigen, dass ich mehr kann als 30- oder 40-Sekunden Spots.?

Die Regie eines Spielfilms war schon lange sein Traum ? warum er jetzt den Sprung mit Süperseks gewagt hat? ?Weil ich die Geschichte mochte und gut mit der Produktion zusammenarbeiten konnte.? Dem breiten Publikum ist Wackers Arbeit durch seine Flensburger-Pilsener-Werbung bekannt (?Neulich auf?m Kutter?: Zwei Seeleute lassen den Bierlieferanten raten, welcher von ihnen der Skipper ist ? nach dem Motto: ?Ich sag mal ? Charisma ?!?).

Die Filmförderung konnten die Produzentinnen außerdem mit seiner Werbung für DVDs überzeugen: ?In diesen Spots ging es darum, das neue Medium an sich vorzustellen: Heimkino in Vollendung. Torsten Wacker zitierte zu diesem Zweck klassische Filmszenen. Einer dieser Spots entführt uns in das Kriegslazarett aus ,Der englische Patient? ? das liest sich im Drehbuch so aufwändig, als würde es von vornherein jedes vernünftige Budget sprengen ? aber hergestellt wurden die Spots relativ preisgünstig.

Die Kamera war derart genial platziert, dass der Eindruck des klassischen Vorbilds originalgetreu vermittelt wird.? Auch eines der interessantesten Motive hat die Produktion Torsten Wacker zu verdanken: Einen Dreh auf dem berühmten Bunker auf dem Heiligengeistfeld: ?Torsten kannte dieses Motiv und hat uns den Zugang ermöglicht. Zuletzt hat es dort vor vielen Jahren Filmaufnahmen gegeben.? Der besondere Glücksfall: In die Drehzeit fiel auch ein Spiel des FC St. Pauli auf dem benachbarten Fußballplatz am Millerntor ? das nun im Hintergrund bei einer nächtlichen Szene auf dem Balkon des Bunkers zu sehen ist.

Regisseur Wacker brachte auch den Kameramann André Lex mit zu Süperseks. Auch für Lex ist ?Süperseks? die große Herausforderung des ersten Spielfilms: ?Ich bin Kameramann geworden, weil ich Kinofilme drehen wollte.? Lex reizte es, einen besonderen Look für ?Süperseks? zu kreieren. Die Produzentinnen beeindruckten die präzisen Vorstellungen des Kameramannes und die enge, gute Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Regisseur: ?Da es für uns alle der erste eigene Spielfilm war, haben wir Süperseks äußerst intensiv vorbereitet. Torsten und André erstellten zu jeder Einstellung Storyboardzeichnungen.

Das ist ein richtiges Kunstwerk geworden.? Und: ?Andrés langer Erfahrung in der Werbung haben wir viele subtile Bild-Gags zu verdanken.? Die Musik von ?Süperseks? stammt aus der Feder eines weiteren Debütanten: Des erst 26-jährigen Florian Tessloff: ?Die größte Herausforderung war für mich, türkische Elemente in die Musik einzubringen, ohne dabei zu plakativ oder nicht authentisch zu klingen.?

Das ist ihm gelungen, indem er türkische Instrumente wie Djembe, Darambuka und Cajun mit traditionell westlichen Instrumenten wie Klavier, Streichern und Gitarre kombinierte. Tessloff studierte Komposition in Boston und sammelte danach zwei Jahre Erfahrung in Los Angeles, unter anderem bei Mark Isham (?The Cooler?/The Cooler ? Alles auf Liebe; ?Life as a House?/Das Haus am Meer; ?The Majestic?/The Majestic; ?Don?t Say a Word?/Sag? kein Wort).

Neben all den ?Anfängern? holten die Produzentinnen auch einen ?alten Hasen? ins Boot: Professor Wolf Seesselberg. ?Wolf besitzt eine großartige Fantasie. Und er stellt seine Bauten mit sehr einfachen Mitteln her, kommt mit kleinen Budgets zurecht und entwickelt schnell Alternativen, wenn es sein mußs.? Seesselberg lehrt als Professor an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und stattete unter anderem Tevfik Basers ?40 qm Deutschland? und für das Fernsehen ?Die Bertinis? und Breloers ?Todesspiel? aus.

Seesselberg besitzt aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Branche eine ganze Wand voller Aktenordner mit Hamburger Motiven für jeden nur denkbaren Zweck. Für die Produzentinnen ein Glücksfall: ?So fanden wir ? zufällig nur etwa 500 Meter von unserem Produktionsbüro entfernt ? auch den Hinterhof im Schanzenviertel, der den Zugang zu Tariks Brotfabrik bildet und die von uns angestrebte Stadtatmosphäre vermittelt.? Die eigentliche Brotfabrik befindet sich nur ein paar Straßen weiter ? dort wird tatsächlich täglich türkisches Fladenbrot gebacken.

Vor Ort entstanden Szenen von dokumentarischer Authentizität: Das Drehteam war in diesem Fall drastisch reduziert auf Regisseur Wacker und Kameramann Lex ? die beiden filmten Hilmi Sözer und Denis Moschitto im Kreise der echten türkischen Bäcker: ?Hilmi und Denis stellten sich einfach dazwischen ? dadurch wirkt alles absolut echt, insbesondere auch wenn Denis die Kringel nicht fängt!? Laut Drehbuch überlässt Tarik seinem kleinen Bruder Elviz einige leere Räume in der Brotfabrik, wo der mit seinem Freund Olaf angeblich ein Internet-Service-Unternehmen aufzieht, tatsächlich aber das Callcenter für die Sex-Hotline einrichtet.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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