Voll auf die Nüsse

Produktionsnotizen

"Endlich", schwärmt Voll auf die Nüsse-Produzent und Hauptdarsteller Ben Stiller mit kaum verhohlener Ironie, "gibt es einen Dodgeball-Film, der die Sache ernst nimmt und nicht davor zurückschreckt, die Schmerzen und die Erniedrigung zu zeigen, die man verspürt, wenn man vor einer Menge Leute einen Ball auf die Nase bekommt."

Stillers Leinwandrivale Vince Vaughn erkennt inmitten des bodenständigen Humors ebenfalls eine universell gültige Fabel um Ehre und Stolz: "Es geht um Leute, die nicht so richtig dazugehören, die zusammenkommen, um gemeinsam Selbstachtung zu lernen, und entdecken, dass es durchaus von Wert ist, um etwas - ihr Fitnessstudio - zu kämpfen. Dodgeball entwickelt sich zu einem Mittel, Lebenserfahrung zu sammeln und auf eigenen Füßen zu stehen."

Ehre? Lebenserfahrung? Vielleicht. Doch eines steht fest: Voll auf die Nüsse hinterlässt unübersehbare Spuren in der Filmwelt. Genauer gesagt ist es der erste Studiofilm zum Thema. "Mit einem Film über Dodegball bewegst du dich auf filmischem Neuland", verdeutlicht Autor und Regisseur Rawson Marshall Thurber. "Dennoch ehren wir die Tradition großer Sportfilme wie STRIPES ("Ich glaub' mich knutscht ein Elch", 1981), "The Bad News Bears" ("Die Bären sind los", 1975) und "Meatballs" ("Babyspeck und Fleischklößchen", 1979). Sie alle folgen dem gleichen Muster: Unbequeme Underdogs nehmen es mit sozial, finanziell oder sportlich besser gestellten Rivalen auf und schaffen das scheinbar Unmögliche."

In seinem Spielfilmdebüt wollte Sportfan Thurber, der sich unter anderem als Regisseur der "Terry Tate: Office Linebacker"-Spots für Reebok einen Namen gemacht hat, Sport und Humor mischen. Mit Dodgeball, so sein Gedanke, ließe sich das am besten erzielen. "Kein Mensch nimmt Dodgeball ernst, aber jeder kann sich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen: Entweder du wirst getroffen oder du schießt jemanden mit einem Ball ab", erklärt Thurber.

Bei seinen Drehbuchentwürfen für Voll auf die Nüsse achtete Thurber insbesondere auf die klassischen Körperregionen, die sich für Scherze anbieten: das Gesicht und der Schritt. "Wenn man jemanden dort trifft, stöhnen die Zuschauer und das Publikum erst auf - und dann lachen sie", weiß Thurber. "Wie schon Mel Brooks sagte: "Wenn ich mir den Zeh stoße, ist das tragisch, wenn ich stürze und mir dabei das Bein breche, ist es witzig." Und an dieses Prinzip hielt Thurber sich bereits bei den unglücklichen Büroangestellten, die ein 150-Kilo-Linebacker in seinem "Terry Tate"-Spot über den Haufen rannte.

Obwohl den Studiobossen Thurbers Drehbuch gefiel, fand das Skript zuerst keinen Käufer. "Man sagte mir ständig: ?Wow! Das finde ich echt witzig ... aber wir wollen keinen Film über Dodgeball machen'", erinnert sich der Filmemacher. "Scheinbar existieren kaum Zahlen darüber, wie sich Dodgeballfilme an den Kinokassen verkaufen - vielleicht auch deshalb, weil es keine Dodgeballfilme vor Voll auf die Nüsse gab ..."

Schließlich schnappte sich Red Hour Films, die Produktionsfirma von Ben Stiller und Stuart Cornfeld, das Skript, nachdem die Dame von der Studio-Rezeption das Drehbuch gelesen und dem Produktionsleiter empfohlen hatte, der es schließlich an Cornfeld weitergab. So landete es schließlich auf Stillers Schreibtisch.

"Wir fanden das Drehbuch zum Schreien komisch", erinnert sich Cornfeld. "Es enthielt sowohl großartige Charaktere als auch ein filmisch bislang unbehandeltes Thema, mit dem sich dennoch jeder identifizieren kann." Stiller lacht: "Wir tragen doch alle die emotionale Bürde und die Narben der Erinnerungen an die Triumphe und Erniedrigungen beim Dodgeball-Spiel en aus der Kindheit mit uns herum. Vielleicht führten manche der Reminiszenzen uns jetzt auf einen Rachefeldzug. Meines Erachtens spielten viele Leute im Showbusiness früher ziemlich schlecht Völkerball und begleichen jetzt offene Rechnungen."

Mit Stiller und Cornfeld als Produzenten sowie der Twentieth Century Fox als Finanzier und Verleiher an Bord, begannen die Filmemacher mit dem Casting. Für die Rolle des Peter LaFleur bestand Thurber darauf, Vince Vaughn zu besetzen. "Während des Drehbuchschreibens versuchte ich mich auf das typische Vince-Vaughn-Geschnatter zu konzentrieren", erklärt der Regisseur. "Vince besitzt diesen ganz besonderen verwegenen, jungenhaften Charme, den schon Bill Murray in Filmen wie "Stripes", "Meatballs" und "Ghostbusters" ("Ghostbusters - Die Geisterjäger", 1984) ausstrahlte."

"Vince spielt die Rolle des Peter mit ganzem Herzen", stimmt Cornfeld zu. "Er lässt sich nicht von Oberflächlichkeiten beeindrucken. Er ist eine gute Seele, kümmert sich aber nicht darum, ob die Leute ihn mögen."

Vaughn gefiel der raue Humor des Drehbuchs und er betont einmal mehr dessen Wärme. "Man kann sich mit den Figuren wirklich identifizieren", erzählt er. "Es erinnert mich - auch wenn es schwer fällt, das zu glauben - an "The Wizard Of Oz"("Der Zauber von Oz", 1939). Auch die Charaktere aus Oz suchen wie unsere Figuren nach Dingen, die sie eigentlich schon besitzen, wie etwa Herzenswärme und Mut."

Thurber freute sich immens über die Zusage Stillers, eines seiner größten Idole, VOLL AUF DIE NÜSSE zu produzieren. Noch mehr begeisterte ihn das unerwartete Angebot des Komikers, selbst die Rolle des White Goodman zu übernehmen. "Ben gehört zu den wirklich schlagfertigen und einfallsreichen Schauspielern", schwärmt Thurber. "Es gibt wohl kaum eine komische Richtung, die ihm nicht liegt."

White Goodman, gespielt von Ben Stiller, ist ein Selfmade-Mann, der sich mit einer Aura künstlichen Sex-Appeals umgibt: Solariumbräune, strahlende weiße Zähne, perfekt geschnittenes, geföntes, gestyltes und blondiertes Haar sowie ein beeindruckender Schnauzbart. Cornfeld charakterisiert ihn als "extrem unentspannten Egomanen, der voller Selbsthass und Unsicherheit ist." Seine Unsicherheit fußte zumindest zum Teil in seiner Vergangenheit. "White hatte ein ziemliches Gewichtsproblem", verdeutlicht Stiller. "Jetzt, nachdem er eine komplette Veränderung seines Aussehens und Lebens erreicht hat, kennt er keine Rücksicht mehr und rennt jeden über den Haufen, der ihm im Weg steht."

Für die Darstellung von White durfte Stiller komödiantisch aus dem Vollen schöpfen. "Ben gelingt es immer wieder, Charaktere zu spielen, die 1.000-prozentig an eine Sache glauben, egal wie blödsinnig die Sache ist", sagt Cornfeld.

Das unfreiwillige Objekt Whites seltsamer Begierde ist Kate Veatch, eine Anwältin, die die Abwicklung von Average Joe's überwachen soll. Ihre Abscheu gegenüber Whites Annäherungsversuchen und ihr Interesse an Peter führen dazu, dass sie sich dem zusammengewürfelten Dodgeball-Team von Average Joe's in seinem entscheidenden Kampf gegen Globo Gym anschließt. "Christine bietet ein gutes, ?normales' Gegenbeispiel zu den ganzen Verrückten um sie herum", verdeutlicht Thurber. "Sie besitzt ein perfektes Gespür für Timing und Rhythmus."

Rip Torn übernahm die Rolle von Patches O'Houlihan, einer Dodgeball-Legende, der die Average-Joe's-Crew in eine Killermaschine zu verwandeln versucht. Patches' ruhmreiche Tage sind schon einige Zeit vorbei. "Patches ist ein kranker, verschrobener und ziemlich eigenartiger alter Mann, der zwar viel vom Spiel, aber nur wenig vom Umgang mit Menschen versteht", erzählt Torn. "Deshalb machte mir die Rolle unglaublichen Spaß."

Zu den glücklosen Teammitgliedern, die unter Patches' Trainingsmethoden leiden, findet sich auch Steve the Pirate, ein selbst ernannter Freibeuter, der auf jede Herausforderung des Lebens mit einem geknurrten "Aaargggh!" reagiert. "Ich fand die Vorstellung eines Typen ziemlich lustig, der geht, spricht und sich gibt wie ein Pirat und niemand in seiner Umgebung findet das irgendwie verwunderlich." Der Regisseur zeigte sich überrascht davon, dass sich gerade die Figur bei den Leuten, die das Skript lasen, als komödiantische Nagelprobe erwies: "Ich entdeckte, dass alle, die Steve the Pirate witzig fanden, auch den restlichen Film kapierten und mochten."

Wie die meisten anderen Voll auf die Nüsse-Charaktere spottet auch Steve the Pirate jeder Beschreibung. Doch beim Casting suchten die Filmemacher nach einer ganz und gar nicht überkandidelten Auslegung der Rolle. "Viele der Leute, die zum Casting erschienen, spielten eine Art Long John Silver auf Aufputschmitteln vor", erinnert sich Thurber. "Doch bei Steve the Pirate ging es nie um jemanden, der vorgab, ein Pirat zu sein.

Wir feiern nicht Halloween und er verkleidet sich nicht. Er ist ein Pirat, oder glaubt zumindest, einer zu sein." Schließlich erhielt der in Juilliard ausgebildete Schauspieler Alan Tudyk die Rolle des Steve. "Obwohl Steve nur wenig spricht, vielleicht zehn Sätze, macht ihn Alan unsterblich", freut sich Thurber. "Er bewegt sich ständig, haucht seiner Rolle in jeder Szene Leben ein - selbst, wenn er nicht spricht. Und das ist keine einfache Aufgabe."

Auch Justin gehört zum Team der Average-Joe's-Völkerballer, laut Cornfeld ein "Typ, den man regelmäßig in einem Spind einschließt und der seine ganze Schulzeit lang nur veräppelt wurde." Justin Long, der eine Art Trekkie in GALAXY QUEST ("Galaxy Quest - Planlos durchs Weltall", 1999) spielte, einem von Thurbers Lieblingsfilmen, übernimmt die Rolle des misshandelten jungen Mannes.

Stephen Root, bekannt als der unglückselige Milton aus dem Kultfilm "Office Space" ("Alles Routine", 1998), Chris Williams, der Krazee-Eyez Killa aus der TV-Serie "Curb Your Enthusiasm", sowie Newcomer Joel Moore vervollständigen das Team von Average Joe's. Zu den wichtigsten Spielern des Globo-Gym-Teams gehören Missi Pyle aus "Along Came Polly ("... und dann kam Polly", 2004) als einschüchternde, finster dreinblickende Dodgeball-Ringerin Fran sowie Jamal E. Duff als der beeindruckende Me'Shell Jones.

Viele der Teammitglieder konnten sich lebhaft an die nicht immer angenehmen Erlebnisse beim Dodgeball erinnern. "Ich entsinne mich, als Kind Dodgeball gespielt zu haben", erzählt Christine Taylor. "Wir nannten es ?Kampfball' und alle Mädchen hassten es. Sobald du sportlich nicht ganz auf der Höhe warst, konnte es schmerzhaft werden." Stephen Root erinnert sich, seine Dodgeball-Version "Mörderball" genannt zu haben. "Im Grunde genommen", erinnert er sich, "warfen die großen Kinder uns einfach harte Gummibälle an den Kopf und lachten. Ich fand es nicht gerade angenehm."

Die Erinnerungen von Autor und Regisseur Rawson Marshall Thurber erwiesen sich im Gegensatz dazu als ganz und gar nicht schmerzhaft: "Ich schrieb das Drehbuch nicht, um ein Kindheitstrauma zu bewältigen", erklärt er. "Als Kind liebte ich das Spiel sogar." Ebenso wie viele andere Amerikaner entdeckte Thurber seine Leidenschaft für den Sport erneut und schloss sich einer der vielen, überall entstehenden US-Dodgeball-Ligen an.

Um das Ensemble in Spitzenform zu bringen, setzten Thurber und sein Stunt-Koordinator Alex Daniels ein spezielles Trainingscamp an. "Wir wollten, dass unsere Spiele und auch die Spieler echt wirken", erklärt Stiller, "besonders die Wurftechniken."

"Die Leute wissen nicht, dass Dodegball wirklich anstrengt", bemerkt Thurber. "Mit Dodgeball absolvierst du ein ernsthaftes Herz-Kreislauf-Training." Cornfeld fügt hinzu: "Jeder dachte, es würde so ablaufen wie damals in der Kindheit auf dem Spielplatz der Grundschule. Doch sobald das Training begonnen hatte, merkten alle: Es geht dabei wie bei jedem anderen Leistungssport ziemlich schmerzhaft und anspruchsvoll zu."

Muskelkater, Prellungen und kleinere Verletzungen wie abgeschürfte Knie, angeschlagene Schultergelenke und selbst eine ausgekugelte Schulter entwickelten sich während ihres Dodgeball-Trainings zu ständigen Begleitern der Schauspieler. Während einer Probe traf ein Fehlpass Ben Stillers seine Hauptdarstellerin - und Ehefrau - Christine Taylor mitten ins Gesicht.

"Bens Kampfgeist ist da wirklich etwas mit ihm durchgegangen", lacht Taylor. "Er warf einen seiner linkshändigen Pässe, so fest er konnte. Ich sah das Ding noch auf mich zukommen. Weil er aber so schlecht zielen kann, traf er mich voll im Gesicht. Ihm tat es wahnsinnig Leid, aber das Einzige, was dabei wirklich Schaden nahm, war mein Ego."

"Ja, vielleicht gaben sie mir während der Produktion deswegen den Spitznamen ?Wild Thing'", vermutet ein sichtlich zerknirschter Ben Stiller. "Ich habe immer daneben geworfen." Stiller gelang es zudem, drei Steadicams zu treffen, die aber glücklicherweise auch keine bleibenden Schäden davontrugen.

Obwohl das Hauptziel des Trainingscamps darin bestand, die Regeln zu begreifen, den Spielrhythmus zu erlernen sowie eine gewisse Grundfitness zu erlangen, welche die Schauspieler einfach brauchten, um die wochenlangen Dreharbeiten zu überstehen, herrschte auf dem Set eine gute, wenn auch von Wettkampf und Ego-Attitüden geprägte Stimmung. Der Kampfgeist kochte vor allem immer dann hoch, wenn die Kameras liefen, sich Zuschauergruppen um das Spielfeld versammelten und echte Spiele ausgetragen wurden.

Die Dodgeball-Spiele filmte man in der Turnhalle der Cabrillo High School im kalifornischen Long Beach. Die Produktionsdesigner verwandelten den Basketballplatz der Schule in den glamourösen, Strip-Club-artigen Veranstaltungsort der Las Vegas International Dodgeball Open Championships. Dort tritt das Average-Joe's-Team gegen mehrere Teams an und absolviert die entscheidende Begegnung mit ihren Erzrivalen, den Purple Cobras von Globo Gym.

Die Kulisse des Average-Joe's-Fitnessstudios gestaltete Produktionsdesigner Maher Ahmad ("The Fugitive", "Auf der Flucht", 1993) heruntergekommen und verlottert. Baumwollstoffe, Holz, zerschlissene Teppiche, natürliches Licht und alte Trainingsgeräte versorgten Average Joe's mit einer warmen, behaglichen Atmosphäre. "Im Average Joe's treiben sich eine Menge Loser und andere seltsamen Typen herum", verdeutlicht Ahmad. "Doch im Studio herrscht eine angenehme Atmosphäre der Wärme. Diese Leute sehen es als ihr Clubhaus an. Im Gegensatz dazu erstrahlt Globo Gym in aalglattem, durchgestyltem Stil voller Chrom, Glas und Metall. Alles darin ist künstlich, es gibt weder Pflanzen noch Naturfasern."

Auch die Kostüme von Designerin Carol Ramsey spiegeln die verschiedenen Welten der Spieler wider. Die Dodegball-Uniformen von Average Joe's sitzen locker und sehen wie eine klassische Mischung aus Basketball- und Fußballtrikots aus. Die Purple Cobras vom Globo Gym, laut Thurber "der lächerlichste Teamname der Filmgeschichte", tragen hingegen lilafarbene, körpernahe Elastikuniformen mit Außenpanzerung.

Voll auf die Nüsse erweckt eine Sportart und eine wilde Mischung einzigartiger Charaktere zum Leben. Vielleicht haben Sie sich in letzter Zeit nicht mit Dodgeball beschäftigt, doch für viele Menschen gehört das Spiel untrennbar zur Kindheit. "Sobald du das Wort Dodgeball erwähnst, fangen die Leute entweder an zu schwitzen oder zu lächeln", bemerkt Thurber. "Man erinnert sich an den Geruch der Turnhalle und der Bälle ... und an die erlittenen Erniedrigungen."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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