Open Water

Produktionsnotizen

Drehbuchautor und Regisseur Chris Kentis und Produzentin Laura Lau arbeiteten unter der erfolgversprechenden Voraussetzung, eine wahre Geschichte zu verfilmen: Zwei Freizeittaucher, die durch einen Unfall auf dem offenen Meer zurückgelassen werden. Dabei kam ein erschütternd genialer Thriller zustande, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

OPEN WATER wurde an Wochenenden und in der Freizeit der Akteure gedreht. Der Film kommt vollkommen ohne Spezialeffekte und computergenerierte Bilderwelten aus. Stattdessen verbrachten die beiden Darsteller Blanchard Ryan und Daniel Travis tatsächlich unglaubliche 120 Stunden im kalten Meerwasser mitten auf dem Ozean und vor allem inmitten von allen erdenklichen Meereslebewesen. Hier sind nicht zuletzt die lebenden Haie, die dem Film seine authentische Atmosphäre verleihen, zu nennen.

Der Film OPEN WATER zeigt dem Zuschauer die atemberaubende Bandbreite der Farben des Ozeans. Farbnuancen von hypnotischem Aquamarin bis hin zu geheimnisvollem Schwarz ziehen den Zuschauer in ihren Bann. Indessen wird dem Publikum unter extremer Spannung vermittelt, wie sich die Konfrontation mit den eigenen Urängsten anfühlen mußs: Die Angst davor zurückgelassen zu werden, alleine zu sein - die Angst davor, was uns unmittelbar unter der sichtbaren Oberfläche erwartet.

OPEN WATER führt uns vor Augen, wie zerbrechlich unser bequemes, modernes Leben und unsere vermeintlich intakten menschlichen Beziehungen sind. Was wir als unerschütterliche Sicherheit hinnehmen, ist in Wahrheit verletzlich und schwach angesichts der enormen Brutalität der Natur.

Wie die Hauptpersonen von OPEN WATER auch, sind die Macher des Filmes Laura Lau und Chris Kentis ein Paar und ausgebildete Taucher. Im Gegensatz zu Susan und Daniel haben Kentis und Lau jedoch eine Tochter. Einen Bezug zwischen der angespannten Beziehung der Leinwandprotagonisten und der Ehe von Lau und Kentis verneinte Lau jedoch entschieden gegenüber dem Magazin Salon beim Sundance Film Festival 2004.

Obwohl absehbar war, dass sich ihre Aufgaben häufig überschneiden würden, stellten Lau und Kentis ein starkes Drehteam dar: Lau produzierte OPEN WATER und führte die Kamera, Kentis schrieb das Drehbuch, führte Regie und war für Schnitt sowie jegliche Wasser- und Unterwasseraufnahmen zuständig.

Der Schauspielerin Blanchard Ryan nach war die Dynamik im Team Lau und Kentis ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Ablauf der Dreharbeiten zu OPEN WATER. "Der Film war auf mehreren Ebenen ein riskantes Projekt: Die Nacktheit, die Haie, der Fakt, mitten auf dem Ozean zu drehen... Außerdem wusste niemand, ob es gelingen würde, die Handlung des Filmes mit nur zwei Schauspielern zu tragen. Wir fühlten uns angesichts dieser Risiken einfach besser, mit einem Paar zusammen zu arbeiten. Wir hatten so keine dramatischen Spannungen im Team zu erwarten."

Das Wasser stellt in OPEN WATER auf ähnliche Weise eine Hauptfigur dar, wie beispielsweise die übersinnlichen Fähigkeiten des kleinen Jungen in Stephen Kings Buch "The Shining". Es ist allgegenwärtig, wunderschön und angsteinflößend zugleich - immer im Wechsel begriffen. So wurden das Wasser und das Licht, welches es absorbiert, gleichsam Inspiration und Medium für die Macher von OPEN WATER.

Letztendlich wurde das Meer auch Ausstatter, indem es ein Tangbüschel, einen Schwarm Quallen oder einen Pfeilhecht mit rasiermesserscharfen Zähnen in die Szenerie einbrachte. Wäre der Ozean aber tatsächlich ein Crewmitglied gewesen, geben Kentis und Lau zu, hätten sie große Lust gehabt, ihn zu feuern. "Zum Ende des Drehs hin verloren wir einige Tage wegen des wundervollen Wetters - blauer Himmel, Sonnenschein - das war einfach zu schön für die Szenen, die noch abzudrehen waren."

"Die meiste Zeit war Mutter Natur jedoch auf unserer Seite," sagt Kentis. "Das beste Beispiel dafür war der Tag, an dem wir geplant hatten, die Quallenszene zu drehen. Die Quallen tauchten ganz von alleine auf!" erinnert sich Schauspieler Daniel Travis. "Das ist umso verwunderlicher, weil wir während des gesamten Drehs sonst keine Quallen zu Gesicht bekamen," sagt Kentis. "Der Plan war eigentlich, zu einem besonderen Ort zu fahren, um dort die Unterwasser-Sequenz mit den Quallen zu drehen, aber wie aus dem Nichts kamen die Quallen dann eben zu uns."

Die Idee zu OPEN WATER entstand aus einer Pressemitteilung heraus, die in Tauchmagazinen und Newslettern die Runde machte. Es ging darin um einen Taucher, der auf dem offenen Meer seinem Schicksal ausgeliefert gewesen ist. Kentis, der selber Taucher ist, recherchierte, ob es sich bei diesem Ereignis um einen Einzelfall oder um einen häufigeren Zwischenfall handelte. Durch seine Untersuchungen erfuhr er, dass es bereits einige - wenn auch wenige - ähnliche Zwischenfälle gegeben hatte. Er informierte sich auch über derartige Ereignisse in Kriegszeiten. Auf diesem Weg erfuhr er eine Menge über die psychologischen und körperlichen Veränderungen, die Menschen in solchen Situationen durchlaufen.

"Als ich mich dann daran machte, das Drehbuch zu schreiben, hatte ich kein Interesse daran, die realen Personen zu porträtieren, denen ein solchen Schicksal zuteil geworden war", erklärt Kentis. "Ich habe nicht mal über sie recherchiert. Ich fand es für die Geschichte nicht angemessen und wollte die Privatsphäre der Personen um keinen Preis verletzen. Es war uns überdies wichtig, den Schauplatz von OPEN WATER dem Zuschauer gegenüber unklar zu lassen. Die Wahl des Ortes sollte keinem Tourismusunternehmen schaden. Was mich wirklich an dem Stoff interessierte, war die Tatsache, dass solche Sachen passieren können und in der Realität auch tatsächlich immer wieder passieren. Außerdem handelt es sich um eine eindrucksvolle und warnende Geschichte."

"Wir schleichen uns in die exotischen Paradiese dieser Welt, zementieren alles zu und genießen bunte Cocktails", fährt Chris Kentis fort. "Wir besuchen diese Orte mit großer Arroganz und vergessen, dass auch wir Teil der natürlichen Nahrungskette sind."

Die Nahrungskette, der Platz des Menschen darin und die Versuche des Menschen, die Nahrungskette zu manipulieren, sind ein wiederkehrendes Thema in OPEN WATER. Um das zentrale Drama des Filmes realistisch herauszuarbeiten, drehten Kentis und Lau den größten Teil auf dem offenen Meer vor den Bahamas.

Sie kooperierten mit örtlichen Haiexperten, die ihnen wiederum ermöglichten, mit einer Haipopulation zu arbeiteten, die an den Kontakt mit Menschen gewöhnt war.

Die Haiexperten und die Macher von OPEN WATER manipulierten dann die Bewegungen der Haie, indem sie blutige Thunfischstücke ins Wasser warfen. Häufig landeten diese in der Nähe der ebenfalls schwimmenden Schauspieler. Kentis erläutert: "Wir gaben den Fischen Beute, damit sie sich bewegten. Es geschah, dass zu viel Beute im Wasser schwamm, die Haie übereifrig wurden und wir die Darsteller aus dem Wasser holen mußsten. Laura wollte auch in diesen Situationen nicht weg von der Plattform, von der aus sie filmte, obwohl diese immer wieder ins Wasser eintauchte. Während die Tiere sich in ihrer Fressgier im Wasser tummelten, war Laura häufig nicht einmal dazu zu bewegen, ihre Beine aus dem Wasser zu nehmen."

"Blanchard hatte wirklich Angst um mich", ergänzt Lau. "Sie rief immer: ´Laura pass auf! Laura sei vorsichtig!´, besonders als wir direkt von der Plattform aus, auf der ich filmte, die blutige Beute ins Wasser warfen. Ich wusste aber, dass sich die Haifische nicht für mich interessierten und ich vertraute auch den Männern an Bord, mit denen wir zusammen arbeiteten." "Wir hatten da wirklich Profis", bestätigt Kentis. Obwohl der Regisseur sich häufig im Wasser aufhielt, wenn es vor Haien nur so wimmelte, fühlte er sich immer sicher. "Die Tiere haben mich ständig angestoßen", sagt Kentis. "Es gab Momente, da habe ich, wenn ich nach unten schaute, nur Grau und kein Blau mehr gesehen."

Bei den Haifischen handelte es sich um 45 bis 50 graue Riffhaie, darunter auch ein paar Bullenhaie, die durchschnittlich eine Länge von 7 bis 11 Fuß (2,1 - 3,3m) erreichen.

Der ganze Drehplan von OPEN WATER wurde an die Haie angepasst. "Die emotionalen Teile des Filmes, das Schreien und die panischen Bewegungen, wurden aus Sicherheitsgründen komplett einige Wochen nach den Haiszenen abgedreht," erläutert Kentis. Trotzdem gab es reichlich direkten Kontakt zwischen den Tieren und den Schauspielern.

Das Wichtigste bei der Arbeit mit den Haien war von Beginn an die Sicherheit der Darsteller.

"Trotz unseres niedrigen Budgets hatte Sicherheit immer den Vorrang," erklärt Lau. "Wir machten nicht nur unsere Schauspieler fit für das offene Meer, sondern wir wählten außerdem einen Drehort bei den Bahamas, wo einige der weltbesten Experten in Sachen Haifilme leben und arbeiten."

Die Schauspieler Blanchard Ryan und Daniel Travis trugen schützende Kettenhemden unter ihren Tauchanzügen. Diese hätten im Ernstfall zwar den Verlust von Gliedmaßen, nicht aber Quetschungen verhindert. Zum Glück wurde keiner der beiden von einem Hai gebissen. Ryan jedoch bekam an einem der ersten Drehtage den Biss eines Pfeilhechtes ab.

"Es hat sehr stark geblutet," erzählt Ryan. "Ich sagte nur ´Hast du das aufgenommen, Chris?´, denn wenn ich schon mal gebissen werde, sollte doch wenigstens gutes Material dabei herauskommen."

Leider war es Kentis nicht gelungen, den Biss auf Film zu bannen, obwohl er an dem Tag erfolgte, an dem die Hauptpersonen des Films im Korallenriff inmitten von Aalen und Skalaren schwammen.

"Daniel hatte viel weniger Angst vor den Haien als ich. Mir hat das schon Angst eingejagt," sagt die Schauspielerin Blanchard Ryan. "Am ersten Drehtag sprang zuerst Chris ins Wasser, gleich danach folgte Daniel. Sie schwammen im Meer herum direkt neben den Haien, die sich im Grunde auch nur um die Thunfischbrocken kümmerten. Sie haben Daniel und Chris nichts getan und ich dachte mir ´Du bist eine Memme, Blanchard! Du mußs jetzt ins Wasser!´ Aber es war einfach angsteinflößend und eine große Überwindung.

Produzentin Laura Lau besteht trotzdem darauf, dass die Schauspieler, obwohl sie eine wirklich unheimliche Erfahrung machten, zu jedem Zeitpunkt absolut sicher waren. "Es handelte sich bei diesen Haien um eine wohl bekannte Haipopulation und die Leute, mit denen wir zusammenarbeiteten, tauchten tagtäglich mit den Tieren. Fast wie Tauben wissen die Haie, dass sie regelmäßig gefüttert werden und sie sind daran gewöhnt, Taucher im Wasser einfach zu ignorieren. Es ist richtig, dass Blanchard und Daniel im Wasser nicht allzu viel herumspritzen durften, denn sonst wären sie Gefahr gelaufen, versehentlich gebissen zu werden. Hält man sich in der Nähe von Tieren mit großen, scharfen Zähnen auf, sollte man im Allgemeinen sehr vorsichtig sein. Aber ich hatte während des ganzen Drehs nie das Gefühl, dass jemand in Gefahr sei."

"Der Schlüssel zu dem Film war für mich die Arbeit mit den echten Haien," fügt Kentis hinzu. "Ich habe den Eindruck, dass die meisten Produktionen heutzutage nicht mehr ohne CGI [computer generated imaging] auskommen. Ich persönlich verspüre in derartigen Filmen aber einfach nicht so deutlich die Gefahr, wie in den Filmen der 70er und 80er Jahre, in denen Stuntmänner eben diese Dinge machten. Damals sagte man noch, ´Oh mein Gott, da saß jemand in diesem Auto!´ wenn es in Flammen aufging."

Die Handlung von OPEN WATER erschöpft sich jedoch in keiner Weise in reißerisch-blutigen Details. Vielmehr stehen die grundlegenden Ängste des Menschen im Vordergrund. Die Erschütterung, die uns bei OPEN WATER packt, wurzelt tief in uns selbst.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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