Harold und Kumar

Produktionsnotizen

Am Anfang schuf Gott den Hunger?

Die beiden Drehbuchautoren Jon Hurwitz und Hayden Schlossberg veranstalteten ein kleines Brainstorming, um neue Filmideen zu generieren. Beiden schwebte ein Projekt mit einem universellen Konzept vor, mit dem sich das Publikum leicht identifizieren könnte. Heraus kam schließlich ein Film über das wohl grundsätzlichste menschliche Bedürfnis.


"Mit dem Thema Hunger kann jeder etwas anfangen", schmunzelt Hurwitz, "wogegen verliebt sein oder die Reise in einem Flugzeug für manchen böhmische Dörfer darstellen." Die jungen Autoren waren schon immer Fans der Hamburger-Kette White Castle. Und ein Drehbuch über die Härten, die zwei Freunde auf sich nehmen, um ihr Verlangen nach einem White-Castle-Burger zu stillen, schien ein wahres Traumprojekt.

"Die Studios faseln Autoren gegenüber laufend von 'anspruchsvollen Konzepten'", erläutert Schlossberg, "uns dagegen erschienen zwei Typen, die auf der Suche nach Burgern durch die Gegend kutschieren, als eine Ausgangsposition, mit der sich durchaus viele junge Leute identifizieren können."

Die Autoren waren nicht die Einzigen, die sich mehr als glücklich über das Projekt zeigten. Auch die Geschäftsführung der White-Castle-Kette, einer nicht börsennotierten Firma mit 387 Gaststätten im Mittleren Westen und Osten der USA, waren begeistert.

"Das Projekt klang sehr authentisch", erklärt Jamie Richardson, Marketingchef von White Castle. "Uns kommen laufend Legenden von Kunden zu Ohren, die unsere dampfgegrillten Burger angeblich so sehr lieben, dass sie alles tun würden, um ihr Verlangen danach zu befriedigen.

Der Film erweist Millionen White-Castle-Abhängigen die Ehre, die vollstes Verständnis dafür haben, dass gegen einen akuten Suchtanfall eben nichts anderes hilft als ein White-Castle-Burger." Die Restaurantkette war ebenso begeistert wie das Studio von den Visionen der Autoren.

Damit begann die Suche nach dem geeigneten Regisseur. Sie führte die Produzenten zu Danny Leiner, dem Regisseur von EY, MANN - WO IS' MEIN AUTO? ("Hey Dude, Where's My Car?", 2002). Mag Leiner den Verantwortlichen auch wie der perfekte Regisseur erschienen sein, es gab ein Problem: Leiner wollte noch nicht einmal das Drehbuch lesen, geschweige denn das Projekt HAROLD & KUMAR in sein Herz schließen. Er schreckte davor zurück, eine weitere Teenie-Komödie zu drehen und suchte nach einem anders gelagerten Projekt.

Aber nachdem er zu einem Lektüreversuch überzeugt worden war, fühlte sich Leiner auf der Stelle vom Skript angezogen. "Es zog mich in seinen Bann und ich prustete das erste Mal seit langer Zeit laut vor Lachen heraus", erinnert sich Leiner. Aber nicht nur die Lacher und derben Gags begeisterten den Regisseur, sondern das große Herz, das dahinter stand.

"Natürlich ist der Film eine einzige große Klamaukkomödie, aber man mußs diese beiden Typen doch einfach lieb haben", findet der Regisseur. "Harold und Kumar sind nette Jungs, mit denen man mitfühlt. Darüber hinaus dreht sich das Drehbuch auch darum, wie Menschen sich selbst und andere in Bezug auf Rassen und Klischees wahrnehmen. Und trotzdem stößt diese Mixtur das Publikum nicht vor den Kopf."

Mag die Story auch simpel wirken - zwei hungrige Typen auf der Suche nach Hamburgern - Leiner glaubte daran, dass es sich im Kern um sehr viel mehr drehte. Er sah den Film als das Märchen von den zwei Freunden, die plötzlich gezwungen werden, sich damit auseinander zu setzen, wie die Umwelt sie wahrnimmt.

"Sowohl Harold als auch Kumar durchleben diesen Prozess, werden mit der Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung konfrontiert. Kumar wollte auf keinen Fall Mediziner werden, weil in seiner Familie jeder Arzt ist. Auf seiner Erlebnistour merkt er aber, dass er dafür begabt ist, warum sollte er also nicht Arzt werden?" "Und Harold lernt, wie seine Kollegen im Büro ihn erleben", fährt Leiner fort.

"Am Ende des Films steht er für sich selbst ein. Also verändern sich beide Figuren im Verlauf des Films und diese Veränderungen stehen auch in Zusammenhang damit, wie sie sich selbst in Bezug auf den ethnischen Background wahrnehmen." Während also die innere Reise typisch für die jeweilige Figur ist, sind ihre gemeinsamen Ziele (Hunger! Burger! White Castle!) allgemein übertragbar.

"Das, was Harold und Kumar erleben, hat jeder schon mal erlebt", findet Eddie Kaye Thomas, der im Film den Nachbarn Rosenberg spielt. "Manchmal ist das Wichtigste im Leben eben, einen Hamburger auf den Teller zu bekommen. Es mag ja viel in der Welt passieren, aber wir brauchen jetzt erst mal ein paar Burger. Mit diesem existenziellen Problem und Verlangen kann sich jeder identifizieren."

HAROLD & KUMAR mag sich zwar "nur" um ein paar hungrige Jungs drehen, die so einiges auf sich nehmen, um an ihre Lieblings-Burger zu kommen. Der Film zielt aber darüber hinaus auf Gehaltvolleres ab, wie zum Beispiel Rassenvorurteile: "Das Skript ist einfach saukomisch und thematisiert den Rest auf sehr subtile Weise", erläutert Regisseur Danny Leiner.

"Wir spielen damit, wie Rassenstereotypen die Wahrnehmung verzerren. Der Film unterwandert diese Stereotypen und macht parallel Witze über sie. Mir scheint das der beste Weg, um Mythen über Klischees und Vorurteile zu entzaubern."

Als es an die Besetzung von HAROLD & KUMAR ging, waren die passenden Kandidaten mehr als offensichtlich. In John Cho und Kal Penn fand Regisseur Danny Leiner zwei Darsteller passender Ethnizität, die sich auch in früheren Filmen bereits als Komödianten empfohlen hatten.

Cho hatte Fans mit seinen Rollen in der AMERICAN-PIE-Serie gewonnen, während Kal Penn seinen Kollegen Tara Reid und Ryan Reynolds mehr als eine Szene in der Komödie PARTY ANIMALS ("National Lampoon's Van Wilder", 2002) stahl. Für Leiner waren sie die perfekten Männer für diesen Job.

"Es macht einfach Spaß, wenn man mit zwei so phänomenalen Hauptdarstellern arbeiten darf. John und Kal als Harold und Kumar - etwas Besseres hätte mir nicht passieren können! Als ich EY, MANN - WO IS' MEIN AUTO? Mit Ashton Kutcher und Sean William Scott drehte, war das genauso. Die Beiden haben das Niveau des Films angehoben und sehr viel Kameradschaft hineingebracht.

John Cho konnte sich mit Harold leicht identifizieren: "Ich kenne selbst Typen wie Harold und Kumar", erzählt er. "Denen passieren zwar nicht so durchgeknallte Dinge wie hier, aber ich konnte mich auch mit der realistischen Seite des Films identifizieren, das ist ja gerade das Tolle an diesem Film: Er verfügt über diese extreme Komik und zugleich sind seine Figuren sehr bodenständig, eben Leute, die jeder von uns im richtigen Leben kennt."

Kal Penn reizte an diesem Projekt besonders die Beziehung zwischen den beiden Freunden. "Harold und Kumar waren wahrscheinlich schon im Kindergarten dicke Freunde. Sie sind schon solange Kumpel, dass sie das Freundschaftsstadium schon überschritten haben", erklärt der Schauspieler.

"Sie könnten Brüder sein, ihre Freundschaft ist so tief, dass nicht einmal die wahrhaft irritierenden Ereignisse dieser Nacht die beiden auseinander bringen können. Glücklicherweise knüpften auch Cho und Penn, die sich vor Produktionsbeginn gar nicht kannten, schnell freundschaftliche Bande. Das kam der Chemie zwischen beiden vor der Kamera zugute.

"Vor Drehbeginn wollten wir uns beide möglichst schnell sehr gut kennen lernen", erinnert sich Cho. "Ich klopfte also an Kals Tür und erklärte ihm: Lass uns einfach im richtigen Leben Freunde werden! Das war dann auch sehr einfach, weil er ein echt guter Typ ist, uns dieselben Dinge wichtig sind und wir schnell im Einklang miteinander waren."

Eddie Kaye Thomas hatte schon mit John Cho für AMERICAN PIE vor der Kamera gestanden. Er bestätigt, dass die Freundschaft der beiden am Set sich in der Beziehung zwischen Filmfiguren widerspiegelte. "John und Kal harmonieren mit- und profitieren voneinander ebenso wie die grandiosen Komikerpaare Cheech und Chong, Abbott und Costello oder Laurel und Hardy."

Aber auch wenn Cho und Penn die Besetzungsliste von HAROLD & KUMAR anführen, sie sind wahrhaft nicht die einzigen komischen Talente des Films, der mit exzellenten Nebendarstellern aufwartet. In Cameos sind Komikspezialisten wie Ryan Reynolds, Fred Willard und Neil Patrick Harris zu sehen.

"Wir haben einige sehr gelungene Kurzauftritte", erläutert Danny Leiner. "Ich war überrascht, dass wir dafür die bestmögliche Nebendarstellerriege engagieren konnten." Die Ehre gebührt Besetzungschefin Cassandra Kulukundis.

"Mit den Jungs zu arbeiten war einfach genial und Cassandra hat erstaunliche Arbeit bei der Besetzung geleistet. Sie sind nämlich nicht nur tolle Schauspieler und wirklich lustig, sondern passen auch hervorragend in diesen Film. Für mich gehört das zu den entscheidenden Faktoren bei der Besetzung." Die Nebendarsteller trugen das Ihre dazu bei, dass HAROLD & KUMAR funktioniert. Fred Willard führt als Personalchef der medizinischen Uni-Fakultät ein Bewerbungsgespräch mit Kumar und glaubt, dass seine Szene besonders für Kinogänger im College-Alter lustig ist.

"Der Film ist lustig, weil er vor Respektlosigkeit strotzt", findet Willard. "Jeder Collegestudent weiß, dass er sich eines Tages nach einem Job umsehen mußs und dabei jemandem wie meiner Filmfigur begegnen wird. Und Kumar tut das, was jeder Student gerne tun würde, der clever genug für den Job ist: Er behauptet, er wolle ihn gar nicht."

Für Neil Patrick Harris, den Harold und Kumar als Anhalter am Straßenrand mitnehmen, bot der Film die Gelegenheit, eine satirische Version seiner selbst zu spielen.

"Als mein Agent mir am Telefon von einem Drehbuch erzählte, in dem ich mich selber spielen sollte, glaubte ich natürlich sofort an eine Verhohnepipelung meiner früheren TV-Arbeit, aber es war ziemlich lustig und ich fand es schmeichelhaft, wenn man in einen Film hineingeschrieben wird, dessen Drehbuch nicht von einem selbst stammt. Ist doch so, oder? Das ist cool", erinnert sich Harris.

Mit der eindrucksvollen Nebenbesetzung, erprobten Hauptdarstellern und einer ebenso originellen wie abgefahrenen Story war das Team optimistisch, dass ihr Film das Potential zu einem modernen Komödienklassiker besitzt.

"Der Titel, zwei Angehörige von Minderheiten als Stars, die Komik und der Geist des Films ... das ist so originell, dass wir es noch nie zuvor gesehen haben", findet Danny Leiner. "Für mich ist das ein aufregendes Element. Natürlich kommt es immer darauf an, wie das Publikum auf den Film reagiert, aber ich glaube, er wird den Leuten gefallen."

Zumindest für die Firma White Castle ist der Film schon jetzt ein Klassiker. Das Management war derartig erfreut, dass sie im Mai diesen Jahres John Cho, Kal Penn, Danny Leiner und die Autoren Jon Hurwitz und Hayden Schlossberg in die White Castle Hall of Fame in ihrem Firmensitz in Columbus, Ohio aufnahmen.

Diese Hall of Fame besteht seit vier Jahren, um Personen zu ehren, die sich weit über das normale Maß hinaus für die Befriedigung ihres Heißhungers auf einen White-Castle-Burger eingesetzt haben. Und wer nahm jemals mehr für einen White-Castle-Burger auf sich als Harold und Kumar?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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