Genesis

Ausführlicher Inhalt

Außergewöhnliche Farbspektren breiten sich in großen Kreisen und allen möglichen anderen Formen auf der Leinwand aus. Schwer vorstellbar, dass dies faszinierende Farbenspiel Vitamin C in extremer Vergrößerung ist, das sich in Wasser in Mikrokristalle auflöst.

Aufgeregtes Kindergeschrei ist zu hören. Nicht minder aufgeregtes Gezappel ist zu sehen. Plötzlich wird deutlich: Unzählige Spermatozoen bevölkern das Bild. Sie sind auf der großen Reise ihres kurzen Lebens, auf der Suche nach einem Ei. Die fröhlichen Kinderstimmen werden leiser und wir entdecken einen menschlichen Fötus, der bequem und entspannt in der Fruchtblase kauert. Ein wenig wirkt er wie ein versonnener Greis ...

Ein alter Schamane beginnt in seiner blumigen Sprache von der Entstehung des Universums und unserer Welt zu erzählen.

... Der Anfang meiner eigenen Geschichte verliert sich im Ungewissen ... Wo war das, was sich eines Tages zu mir vereinigen würde? Wo war sie verstreut, diese Galaxie aus Abermilliarden von Atomen, aus denen ich entstanden bin? In welche Pflanze, welchen Stein, Tier oder Gesicht sind sie gewandert, bevor sie sich in mir wieder fanden? Und sogar bevor Leben entstand, bevor sich die Erde aus dem Staub der Sterne formte, wo waren sie? ... Meine Geschichte folgt der des Universums ...

Brodelnde, kochende, flüssige Erde bahnt sich ihren Weg, wird schließlich zäh und erstarrt. Gewaltige Wassermassen stürzen vom Himmel, füllen Rinnsaale, Flüsse, riesige Landschaften und lassen Ozeane entstehen. Im Wasser entdecken wir Amöben, Einzeller ohne bestimmte Form, Rauchringen ähnlich, die ihre Kontur in der Luft ständig verändern. Quallen schweben majestätisch vorbei - ihre anmutige Schönheit weckt Sympathie und lässt ihren Schrecken für einen Moment vergessen.

... Im Wasser tanzt man mit Leichtigkeit in der Flüssigkeit, die einen umgibt und trägt. Sich auf festen Boden zu wagen heißt, den Planeten zu wechseln. Vorbei mit dem Tanz, jetzt mußs man laufen. Und die Schwerkraft ist grausam ...

Die unendliche Weite des Meeres, Mangroven, ein Strand. Zwei lustige Knopfaugen lugen aus dem seichten Wasser. Sie gehören zu einem Fisch, der jetzt etwas unbeholfen ans Ufer watschelt. Eine Art Sandburg ist seine Behausung, daneben eine zweite, auch sie ist bewohnt. Schwer zu sagen, ob die Begrüßung mit dem Nachbarn freundlicher oder feindlicher Natur ist.

Plötzlich klettert der Fisch auf einen Ast. Ein gehender, ein kletternder Fisch? Es ist ein Schlammspringer, ein Fisch, der sich perfekt seiner Umgebung in den flachen Mangrovenufern angepasst hat. Ein Wanderer zwischen zwei Welten. Ein Fisch, der sich irgendwann aufgemacht hat, das Land zu erobern.

Heftiger Regen durchweicht die vor Trockenheit geborstene Erde. Langsam, fast widerwillig, nimmt sie die Feuchtigkeit auf, verwandelt sich schließlich in tiefen Schlamm und gerät in Bewegung. Ein matschiges Wesen schält sich heraus - ein Ochsenfrosch. Wie aus dem Urschlamm der Erde geboren.

Behäbig schwimmt ein grünliches Wesen auf das Ufer zu. Mit seinem stachelbewehrten Rücken und Kopf wirkt es wie ein MiniaturSaurier. Langsam, mit stoischer Ruhe der Brandung trotzend, erklimmt es die Klippen und lauert träge auf seine Beute. Ganz so, als habe die Meerechse auf den Galapagos-Inseln seit Millionen von Jahren nichts anderes getan.

Hundertschaften von Krebsen in abenteuerlichen Gestalten und allen Farben des Regenbogens ziehen vorbei, riesige Heuschrecken, ein Tausendfüßler, knallrote und quietschgrüne Frösche, Leguane und Chamäleons.

Eine Kragenechse scheint einen Feind entdeckt zu haben, denn mit Imponiergehabe entfaltet sie ihre beeindruckende Halskrause. Dann flüchtet sie aber blitzschnell, nur auf den Hinterbeinen laufend und rudert dabei heftig mit dem langen Schwanz, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

... Die Welt ist ein großer Irrgarten, voller Geheimnisse und Gefahren. Verloren in dieser Weite, zieht jedes Wesen eine unsichtbare Grenze um sich herum. Im Innern dieses magischen Kreises, im vertrauten Raum, wo es jeden Winkel kennt, fühlt es sich in Sicherheit. Überschreitet ein Unbekannter diese Grenze, beginnt die Zeit der Kämpfe ...

Eine gigantische, panzerbewehrte Riesenschildkröte lässt bei jedem Schritt den Boden erzittern. Zwei Chamäleon-Männchen fechten heftig fauchend ihre Rivalität aus und verändern dabei immer wieder ihre Farben. Grün, gelb, orange und rot leuchten sie, während sie sich mit den Köpfen gegenseitig vom Ast zu stoßen versuchen.

Nicht anders zwei Meerechsen auf den Klippen, genauestens beäugt von einem großen Publikum von Artgenossen: Heftig prallen ihre Schädel gegeneinander, bis endlich der Unterlegene aufgibt und in den Wellen verschwindet. Die Rangordnung bei den Meerechsen scheint vorerst geklärt.

... In der Liebe ist der kurvenreichste Weg immer der kürzeste. Haben Liebende sich gefunden, feiern sie dies mit einem Tanz. Haben Liebende sich akzeptiert, umarmen sie sich eng, so, wie sich Feuer mit Rauch vermischt. Drängen sich auf dem Ball der Liebe viele Kavaliere, ist der Streit nicht weit ...

Die Kröten haben sich gefunden: Das Männchen - ein wahrer Hänfling im Vergleich zu seiner Auserwählten - hat sich schon auf ihrem Rücken festgeklammert. Doch noch ist das Weibchen nicht bereit. Sie schleppt ihn Huckepack noch schwimmend und kletternd eine gehörige Strecke mit sich herum.

Ein Nebenbuhler, der ihre Witterung aufgenommen hat, verfolgt ihre Spur und versucht schließlich, ihm den Rang streitig zu machen. Doch keine Chance: Mit heftigen Tritten wird er vertrieben und die Reise geht weiter. Endlich am Ziel, ist die Begattung dann schnell vollzogen und erschöpft verharren die Kröten in ihrer Umklammerung.

Viel eleganter das Liebeswerben der Weberknechte. Man meint einer kunstvoll choreographierten Ballettaufführung zuzuschauen: Mit ihren acht überproportional langen Beinen vollführen die balzenden Schnaken wahrhaft artistische Tänze, um sich in Stimmung zu bringen. Von tänzerischer Anmut auch die Balz der so zerbrechlich wirkenden Seepferdchen - Fische in einer seltsamen Verpackung - die aufrecht umeinander schwimmen bis sie sich schließlich mit ihren Schwänzchen eng umschlingen.

Die männlichen Winkerkrabben sind große Krebse, die eine normale und eine vollkommen überdimensionierte Schere ausgebildet haben - größer fast als der Rest des Körpers. Leuchtend gelb hebt sie sich vom tiefblauen Panzer ab und dient nur dem einzigen Zweck, den Weibchen zu imponieren. Denn die müssen sich mit zwei normalen Scheren und einer Allerweltsfarbe begnügen.

Erbittert bekämpfen sich die Rivalen vor den Augen zahlreicher Zuschauer mit ihren imposanten Männlichkeitssymbolen. Ist der Kampf entschieden, verschwindet das Publikum blitzschnell in seinen Erdlöchern. Winkerkrabben scheinen Diskretion zu lieben, denn auch der Sieger zieht sich mit dem Weibchen umgehend in seine Behausung zurück.

Das innigste Bild liebevoller Verbundenheit geben jedoch die Unzertrennlichen ab, afrikanische Papageien, die nur als Paare existieren können. Eng aneinander gekuschelt, schnäbeln sie unablässig miteinander und sehen so verliebt aus, das man annehmen darf, dass es den Lovebirds um mehr geht als um Fortpflanzung und Erhaltung der Art.

... Es ist die Liebe, die mich aus dem Nichts gezogen hat. Dann hatte ich zwei Leben. Das eine habe ich im Bauch meiner Mutter verbracht. Das andere in der großen, weiten Welt. Vom Augenblick meiner Zeugung bis zu meiner Geburt habe ich die Geschichte der Genesis im Zeitraffer gelebt. Zu Beginn war ich ein Wasserlebewesen. Die Fruchtblase ersetzte das Urmeer vom Anfang der Welt. Damals, als ich kaum größer war als eine Bohne, hatte ich frappierende Ähnlichkeit mit Tieren ...

Ob Kaulquappe oder Embryonen von Hühnern, Krokodilen und Menschen - sie alle schwimmen entspannt in ihrer schützenden Blase und bilden langsam ihre Gliedmaßen aus. Und wenn es soweit ist, drängen sie heraus aus ihrer Hülle.

Das Straußenküken sitzt fix und fertig in seinem Ei. Ungeduldig beginnt es, die dicke Eierschale aufzuknabbern und wirft neugierig erste Blicke in die fremde Welt, in der es sich ab jetzt alleine behaupten mußs. Und das ist nicht ganz ungefährlich.

... Wir Lebenden sind wie Kanus, die gegen die Strömung der Zeit kämpfen. Wir schummeln mit der Zeit. Sie kennt nur einen Weg, hat nur eine Neigung: die, die zum Verfall führt. Wir bewahren unsere lebendige Form, indem wir anderes Leben zerstören. Unsere Existenz ist immer das Resultat einer Plünderung. Denn das Leben ist kannibalistisch. Leben verschlingt Leben ...

Der argentinische Schmuckhornfrosch zum Beispiel: Er hat sich äußerlich seiner Umgebung so angepasst, dass er auch für Seinesgleichen kaum zu erkennen ist. Der hübsche Kerl sitzt einfach im Laub oder gräbt sich in die Erde ein und wartet, dass ein Leckerbissen vorbeikommt. Regungslos erwartet er sein Opfer und ist es nah genug herangekommen, schießt seine lange Zunge in einer Geschwindigkeit hervor, die das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann - und auch das des jungen Frosches nicht, der ihm nichts ahnend zu nahe gekommen war. Ein gewaltiger Schluck und der kleine Frosch ist im Großen verschwunden.

Die afrikanische Eierschlange, deren Kopf kaum fingerdick ist, verfügt über so dehnungsfähige Kiefer, dass sie ohne große Umstände ein Vogel- oder Hühnerei hinunterschlingen kann, ohne die zerbrechliche Schale zu beschädigen. Langsam wandert es in ihrem schlauchartigen Körper voran, bis es aufgeschlitzt wird. Der Inhalt wird verdaut, die Eierschale würgt die Schlange wieder aus.

Zu beeindruckender Perfektion hat sich der hässliche Seeteufel entwickelt, der in angelsächsischen Ländern nicht zufällig "Anglerfisch" heißt: Aus seiner Stirn ragt eine Art Angel, ein beweglicher Knochen, an dessen Spitze sich ein fleischiger "Köder" befindet. Auch der Seeteufel ist in seiner Umgebung kaum zu erkennen. Nähert sich ihm ein kleiner Fisch oder eine Krabbe, wirft er seine "Angel" aus und leitet die Beute damit direkt in sein gefräßiges Maul. Fressen und gefressen werden - das Gesetz der Evolution, das wohl auf Ewigkeit Bestand haben wird. Die Stärkeren überleben, doch auch ihre Zeit ist begrenzt.

... Eines Tages wird mein Körper den Kampf aufgeben und der Welt diese Materie zurückgeben, aus der ich geschaffen bin. Die Galaxie aus Milliarden von Atomen, die ich einmal war, wird sterben, so, wie die Sterne sterben, und ihre Materie im Raum aussäen. All diese Atome, die in mir tanzten, werden woanders tanzen. Drei kleine Drehungen und sie sind weg ...

Die Qualle, die an den Strand gespült wird, vertrocknet in der Sonne, ein Pfirsich verfault an der Luft, Blätter fallen, Pflanzen welken - die Materie aber, der Urbaustein unseres Universums, bleibt erhalten. Für immer. Und kehrt wieder und wieder, in einem ewigen Kreislauf - in einem Sandkorn, in einer Wolke, in den Fischschwärmen Polynesiens oder den Vogelschwärmen der Normandie, in einer Pflanze. Oder in einem menschlichen Fötus.

"Das Leben begann so zart und zerbrechlich, wie der Schaum der Meere, und nun hat es sich ausgebreitet und ergießt sich überall hin, wie Milch in einem Topf, die überkocht. Wir, die Lebenden, überleben, weil wir anderes Leben zerstören."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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