Bergkristall

Produktionsnotizen

Das Thema lag eigentlich in der Luft: ein moderner Bergfilm, der zutiefst bewegt und trotzdem auf verklärende und kitschige Elemente verzichtet. Produzent Markus Zimmer wollte immer schon einmal mit Joseph Vilsmaier, einem der renommiertesten Regisseure Deutschlands, zusammenarbeiten und die Verfilmung der Stifter-Novelle Bergkristall bot sich geradezu an.

Das Projekt lag bei der Clasart-Filmproduktion, Zimmer und Vilsmaier einigten sich schnell darauf, gemeinsam die Sache zu stemmen. Beiden gefiel die fein austarierte Mischung von Poesie, Romantik, Gefühl, Naturbeschreibung und -erfahrung.

Der Regisseur kehrt mit dem ländlich-historischen Stoff zu seinen Wurzeln zurück und knüpft an seine Erfolgsfilme wie "Herbstmilch" oder "Schlafes Bruder" an. Mit Drehbuchautor Klaus Richter, der zum vierten Mal mit Vilsmaier arbeitet, wurde das Drehbuch entwickelt: "Der Stoff hat förmlich nach Vilsmaier gerufen", so der Autor.

"Die Zusammenarbeit in der Produktionsvorbereitung war höchstgradig professionell in sehr familiärer Umgebung", äußert sich Zimmer. "Vilsmaier, mit seiner Perathon Auftragsproduzent, war aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung ein sehr angenehmer Produktions- und Regiepartner. Wenn mal Schwierigkeiten auftraten, wurden die konstruktiv besprochen und beseitigt".

Klaus Richter schätzt die herzliche Atmosphäre bei der Vilsmaier-Filmfamilie: "Da sind keine falschen Eitelkeiten im Spiel, er weiß, was er kann und was er nicht kann und bezieht andere in den Arbeitsprozess mit ein. Als Drehbuchautor hatte ich auch die Möglichkeit, die Dialoge mit den Schauspielern durchzusprechen, was nicht unbedingt üblich ist".

Ein besonderer Reiz war für ihn die Zeitlosigkeit der Handlung und der aktuelle Bezug: "Stifter wird oft als Idylle gedeutet. Aber in der Genauigkeit seiner Beschreibung liegt manchmal fast etwas revolutionär Menschliches. Er ist immer gegen die Verhältnisse, aber auf der Seite des Menschen".

Schon im Stoff und der präzisen Naturbeschreibung fand Richter Inspiration und Hinweise auf eine mögliche Visualisierung. Lange überlegten die Filmemacher, ob die Protagonisten Mundart sprechen sollten oder hochdeutsch.

"Wir haben uns dazu entschieden, den Film weitestgehend hochdeutsch mit süddeutschem Einschlag zu halten, weil sonst Verständigungsprobleme entstehen könnten."

Bergkristall ist eine universelle und zeitlos-aktuelle Familiengeschichte und sollte auch universell verstanden werden, deshalb hielten wir es auch nicht für zwingend notwendig, die Sprache in dieser Alpenlandschaft anzusiedeln", sagt Zimmer, der betont, Bergkristall sei in gewisser Weise ein Heimatfilm, "wenn man Heimatfilm als Genre versteht wie die Amerikaner ihren Western.

Ein deutscher Heimatfilm ist in einer bestimmten Landschaft verwurzelt und die greift auch aktiv in das Geschehen ein. Der Heimatfilm der 50er Jahre entsprach einer Postkartenkulisse. Damit hat Bergkristall nichts zu tun. Wir setzen auf Realismus und Gefühl. Die Natur ist hier eine der Hauptfiguren der Geschichte".

Im Team und bei den Schauspielern gab es sehr viele "Vilsmaier-Getreue" wie die Schauspieler Katja Riemann, Herbert Knaup, Max Tidof und natürlich Dana Vavrova oder Drehbuchautor Klaus Richter, Lucie Bates (Kostüm) und Tommy Vögel (Szenenbild).

"Wenn man sich gut versteht, hält man sich eben die Treue", erklärt Vilsmaier. Nach einem umfangreichen Casting fand Rita Serra-Roll Daniel Morgenroth für die männliche Hauptrolle, den verschlossenen Sebastian. "Ein wunderbarer Schauspieler und die perfekte Ergänzung zu Dana Vavrova", erläutert Zimmer.

Intensiv gestaltete sich die Suche nach den Kinderdarstellern. Die elfjährige Josefina Vilsmaier und der 15jährige François Göske, bekannt durch "Das fliegende Klassenzimmer", bildeten das optimale Duo.

Dazu kamen noch Frederick Lau, der schon seine ersten Filmrollen hinter sich hatte und Paula Riemann, die Tochter von Katja Riemann, nicht zu vergessen der weitere Vilsmaier-Spross Teresa. Diese Kinder waren richtige Filmkinder, teilweise tapferer als die Erwachsenen.

Während die in der Kälte bibberten, blieben die Kids selbst in schwierigen und actiongeladenen Szenen "cool" - und das bei Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad minus.

Dana Vavrova: "François und Josefina waren am härtesten im Nehmen. An ihren Schuhen und Strümpfen steckten Eisstücke. Nach dem Drehen mußsten wir die beiden erst einmal `auftauen`".

Gedreht wurde an 32 Tagen in der Region Vorarlberg - ausschließlich an Originalschauplätzen: 24 Tage im Winter in Gaschurn und Umgebung (Bielerhöhe, Valschavieltal) und in Kramsach (Tirol), einige Tage im Kaunertal und in Gaschurn im Sommer und einen Tag auf dem Mölltaler Gletscher (Kärnten) auf ca. 3400 Meter Höhe, wahrlich kein Zuckerschlecken.

Die Bieler Höhe liegt auf 2500 Meter und ist schwer zugänglich, das ganze Material mußste auf Motorschlitten zum Drehort gebracht werden. Ein abenteuerliches Unterfangen, da die Lifte zu dem Zeitpunkt (März) nur begrenzt geöffnet waren und die Crew acht Stunden bei Sturm und Schnee ausharren mußste, weil man nicht einfach wieder herunterfahren konnte.

Da passte es, dass Vilsmaier durch die Dreharbeiten von "Schlafes Bruder" 1994 nicht nur die Gegend, sondern auch die Verantwortlichen kannte und dadurch so mancher Holperstein aus dem Weg geräumt wurde. Die Kooperation mit der Silvretta Nova-Gruppe, verantwortlich für Skilifte, Transport vor Ort und Hotelunterbringung klappte ausgezeichnet.

Das österreichische Bundesheer fräste sogar die Wege durch den Schnee und übernahm mit Pinzgauer-Pferden Transporte. Gaschurner und Partener Bürger ließen sich gerne als Bergbauern engagieren. Die Bieler Höhe und das Valschavieltal waren die Hauptdrehorte.

Valschaviel, das mit seinen an den Hang geduckten Holzhäusern auf 1500 Metern Höhe in den vergangenen Jahrhunderten kaum sein Aussehen verändert hat, diente mit seiner Anhäufung von Hochgebirgshöfen als Film-Ort Gschaid. Wenn hier im Winter Lawinen ins Tal donnern, ist das Dorf von einer dicken Schneedecke verhüllt.

Viel Wert legte das Team auf die Darstellung des ländlichen Lebens im 19. Jahrhundert. Und da leisteten die Bühnenbauer ganze Arbeit.

Szenenbildner Tommy Vögel sorgte für den historischen Look des Dorfes, die Häuser wurden teilweise verkleidet, moderne Türen und Fenster herausgerissen und durch im 19. Jahrhundert gängiges Materialien ersetzt, die Dächer bekamen wieder echte Schindeln, alte Zäune wurden in den Schnee gesteckt, Steinmauern im traditionellen Stil gemauert, der Bergfriedhof mit Originalkreuzen bestückt.

Sogar die Tröge für die Tiere entsprachen haargenau den historischen Vorbildern. In Gschaid wurde eine Kirche gebaut und teilweise digitalisiert, in Millsdorf war die ganze Kirche digitalisiert. Die Innenszenen fanden im Kramsacher Bauernhofmuseum statt.

Vilsmaier bewundert die Akribie und Liebe zum Detail, mit der Szenenbilder Vögel die tollsten Sachen heranschleppte, "wenn der sich etwas in den Kopf setzt, lässt er nicht locker". So entdeckte Vögel die Schusterutensilien auf einem alten Dachboden.

Spektakulär ist auch die künstliche Eishöhle. Neben zwei "natürlichen" Eishöhlen, in die die Kinder hineinrutschen und den Bergkristall finden, wurde eine Eishöhle künstlich errichtet.

In einer großen Scheune an einem schattigen Plätzchen in Gaschurn wurde eine Holzkonstruktion eingebaut und Wasser eingeleitet, sodass nach einigen Tagen an Seilen und Fäden durch die Kältetechnik die Wassertropfen zu Zapfen und magischen Eisgebilden gefroren. Doch dann machte das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Temperaturen stiegen frühlingshaft an!

Für Tommy Vögel kein Problem: Da wurde eben mit Kunststoff und Plastiksäulen und -zapfen der glitzernden Zauberwelt kurzfristig nachgeholfen, mit Kältemaschinen und großem Aufwand die Eishöhle kalt gehalten, bis es wieder die richtigen Minusgrade gab. Und sie hielt die Drehtage durch, erst am Ende schmolz das Prachtstück dahin ...

Als größter Risikofaktor entpuppten sich die Wetterwidrigkeiten. So mußsten die Macher mit einem ungewöhnlichen Wärmeeinbruch Anfang März kämpfen. In Gaschurn, wo die heutige Rahmenhandlung spielt, fehlte schlicht und einfach der Schnee.

Der mußste dann von den Bergen auf Lastwagen angekarrt werden, um das Bild eines perfekten Wintersportortes zu simulieren. Eine ziemlich aufwändige Angelegenheit. Anders die Lawinen, denn diese waren echt und boten ein beeindruckendes Naturschauspiel.

Vilsmaier, der ganz selbstverständlich wieder die Kamera führt, drehte "day for night" wie in der guten alten Schule der 50er und 60er Jahre. Mit Scheinwerfern nachts im Gebirge zu arbeiten wäre sinnlos und gefährlich gewesen. Bergkristall wird zudem komplett digital bildbearbeitet.

Spezielle Aufmerksamkeit richtete Vilsmaier auf die Musik. Mit Stefan Busch, einem der renommiertesten Sounddesigner, und dem in Musikkompositionen erfahrenen Chris Heyne holte er sich ein exzellentes Team an Bord.

Die Münchner Philharmoniker, die Regensburger Domspatzen und die Stimme von Sabine Kapfinger unterstreichen stimmungsvoll die Emotionen in Bergkristall.

Die Drehbuchentwicklung von Bergkristall begann Ende 2002, die Vorproduktion erstreckte sich über das Jahr 2003, an dessen Ende die Finanzierung dann stand.

Drehstart war Ende Februar 2004, die Dreharbeiten für die Winterszenen erstreckten sich bis Anfang April, die zweite Etappe für die Sommeraufnahmen (Kaunertal und Gaschurn) dauerten acht Tage Anfang Juni 2004.

Das Budget betrug drei Millionen Euro, gefördert wurde Bergkristall vom FilmFernsehFonds Bayern und CineTirol, des weiteren standen Referenzmittel von Vilsmaiers Produktionsfirma Perathon zur Verfügung. Ko-Partner von Clasart- und Perathon Filmproduktion waren ARD/DEGETO und ATV+, der erste Privatsender Österreichs.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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