En Garde

Ausführlicher Inhalt

?Das Tolle am Fechten ist: Der Ablauf ist klar. Man stellt sich gegenüber, 'En Garde!' und los. Manchmal gibt man sich dem Spiel hin und verliert sich darin. Dann vergisst man sich. Man vergisst die Zeit und die Angst. Das sind die schönsten Momente.?

?Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Es fing alles mit meinen Ohren an...? Das sind die ersten Sätze von Alice, der Heldin und Erzählerin dieses Films. Sie ist 16 Jahre alt, und gerade ist ihre Großmutter gestorben, bei der sie bisher gelebt hatte. Jetzt mußs sie ins Heim.

Eine lange Autofahrt aufs Land, die Kamera schwebt über gleichförmige Vorstädte, dann hat Alice ihr Ziel erreicht: Ein katholisches Mädchenerziehungsheim, in dem sie in Zukunft wohnen wird. ?Die sind ein bisschen katholisch hier. Aber sehr nett.?, sagt ihre Mutter, die jung ist und mit der Situation überfordert; dann lässt sie Alice allein.

?Sie sollten mich so behandeln, als wäre ich nicht da. Ich wollte nichts hören und nichts sehen.? Alice ist schweigsam, gehemmt und zurückgezogen. Fast scheint sie in ihrer eigenen Welt zu leben. Gelegentlich verletzt sie sich selbst mit einer Schere ? eine seltene Gelegenheit, ihren Körper zu spüren.

Hinzu kommt: Alice leidet unter Hyperakusis, ?zu lautem Hören?. Das heißt: Sie hört viele Geräusche ihrer Umgebung übertrieben laut. Besonders helle und dunkle Töne sind davon betroffen. Die Ärztin verordnet ihr Lärmstöpsel.

Für Alice ist alles neu und fremd in dem Mädchenheim: Da ist Schwester Clara, Alices Betreuerin. Eine herbe Frau, bigott und frustriert, aber auch liebevoll und fürsorglich.

Strenge und Freundlichkeit mischen sich in diesem Charakter, und man spürt, dass Clara schnell Sympathie für Alice entwickelt, als ob sie von Ferne eine Verwandtschaft spürt.

Josefine und Martha teilen mit Alice das Zimmer und gehen auch mit ihr in die gleiche Schule. Sie sind schon länger im Heim und dominieren die unter der Oberfläche brutale Hackordnung unter den Mädchen.

Sie erzählen von schlimmen Verkehrsunfällen, die ihre Eltern getötet haben, erwähnen Missbrauchserfahrungen und man weiß nicht genau, welche dieser Geschichten erfunden sind und welche nicht.

Alice gegenüber benehmen sie sich von Anfang an kalt und herrisch. Sie stempeln sie in der Gruppe zur Außenseiterin, erpressen sie mit miesen Tricks um ihr Taschengeld und ?Geschenke?. Schwester Clara merkt von alldem nichts.

Nur ein Mädchen ist von Anfang an freundlich: Berivan. Berivan ist offen, wach und schnell. Und Berivan ist auch die einzige unter den Heimmädchen, die von Alices Hörkrankheit weiß. Gelegentlich träumt sie von einer Reise nach Portugal und einem ?heiligen Baum?, den es dort geben soll.

Die Mädchen nennen sie ?Tüte?, denn alles, was ihr wichtig ist ? Unterlagen, Briefe und vor allem viele Fotos ? trägt sie in einer Plastiktüte mit sich herum. Bald stellt sich heraus, dass sie ein kurdischer Flüchtling ist. Ihre Eltern sind tot, und ihr rechtlicher Aufenthaltsstatus in Deutschland ist unklar.

Das Asylverfahren kommt gerade in die wichtigste Phase, und die Entscheidung der Ämter hängt nicht zuletzt von Schwester Claras Beurteilung ab. Darum versucht Berivan sich besonders genau an Schwester Claras pedantische Regeln zu halten, um ihr, deren Abneigung gegen die Fremde spürbar ist, keinen Vorwand zu liefern.

So etwa übernimmt Berivan regelmäßig die Putzdienste. Manche der Mädchen im Heim nutzen Berivans Angst vor der Abschiebung aus.

Alice ist die Einzige, der Berivan ein 'En Garde' streng gehütetes Geheimnis anvertraut: dass sie auf ihrer Flucht nach Deutschland so dringend auf Toilette mußste und in Rumänien aus dem Zug gestiegen ist ? ein Umstand, der ihr beim Asylverfahren zum Verhängnis werden könnte.

Doch auch die Beziehung zwischen Alice und Berivan ist nicht einfach: Eines Tages kommt es zu einem heftigen Streit, weil Alice Berivans Walkman gestohlen hat. ?Kein Wunder, dass Dich Deine Mutter nicht haben will.?, wirft sie in ihrem Zorn Alice an den Kopf.

Nachdem sie wütend den Aufenthaltsraum verlässt, nimmt Alice die Zigarette, die Berivan achtlos auf dem Fensterbrett liegen ließ, spielt damit herum und setzt eine Lampe in Brand. Ein Feuer bricht aus.

Alice redet sich vor Schwester Clara mit einer Notlüge heraus und verrät auch nicht, dass Berivan im Aufenthaltsraum geraucht hat. Berivan denkt, dass der Brand ihre Schuld war und ist froh, dass Alice sie nicht verraten hat. Alice deckt das Missverständnis nicht auf und die beiden versöhnen sich.

Mit großer Strenge versucht Schwester Clara den Fall aufzuklären. Zugleich entwickelt sie zunehmend eine fast vertrauliche Beziehung zu Alice. Clara erzählt ihr von ihrem Interesse für Musik und für die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen.

?Ich wollte genauso werden wie sie?, gesteht Clara, ?aber ich konnte weder Gottes Stimme hören noch sein Licht sehen.? In ihrer Freizeit gehen die Mädchen regelmäßig zum Fechttraining. Anfangs fällt ihnen der ungewöhnliche Sport schwer, doch bald entwickeln sie ihre Fähigkeiten.

?Fechten ist wie Schach mit Waffen?, sagt die Trainerin, der Sport soll auch zur Charakterschulung beitragen. Berivan ermutigt Alice, beim Kampf aus sich herauszugehen. Zum ersten Mal sieht man Alice lachen.

Die Beziehung zwischen den beiden Mädchen wird zunehmend enger. Eines Tages lernen Alice und Berivan durch Zufall Ilir kennen, der sein Geld als Pizzaausfahrer verdient und Alice noch von der Zeit her kennt, als sie bei ihrer Großmutter lebte.

Durch einen weiteren Zufall treffen sich die drei bald darauf wieder. Nun sehen sie sich regelmäßig. Doch bald verliebt sich Berivan in Ilir, der ihre Zuneigung erwidert. Dies wiederum stört die Beziehung zwischen ihr und Alice.

Alice ist eifersüchtig, sie hat Furcht, ihre engste Freundin zu verlieren. Beim Fechten entlädt sich diese Mischung aus Angst und Wut: Alice kämpft so aggressiv wie noch nie und führt einen gefährlichen Hieb gegen Berivans Kopf.

Schockiert und verständnislos bricht Berivan mit Alice, schlägt deren Versöhnungsangebote aus: ?Warum bist Du so?? Für einen der nächsten Abende ist im Heim ein Kostümfest geplant. Alle Mädchen des Heimes kostümieren sich.

Josefine hat Rauschpilze genommen und provoziert Schwester Clara mit der Erzählung eines obszönen Traumes. Auch Alice hat von den Pilzen genommen und halluziniert. Später wird ihr schlecht und Berivan kümmert sich um sie. Doch versöhnen will sie sich mit Alice nicht.

?Wenn Du Dich nicht mit mir versöhnen willst, erzähle ich Schwester Clara, dass Du im Aufenthaltsraum geraucht hast ? und dass Du in Rumänien ausgestiegen bist?, droht Alice und es kommt zu einem heftigen Streit zwischen den beiden Mädchen, bei dem ein drittes, Ines, Zeugin wird.

Kurz darauf besucht Alice auch ihre Mutter, die in einem Nagelstudio arbeitet. Zum ersten Mal kommt es zu einem Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Doch ihr Verhältnis bleibt weiterhin von gegenseitiger Verständnislosigkeit geprägt.

Als Alice am Abend zurück ins Heim kommt, wird sie auf Schwester Claras Zimmer gerufen. Dort sitzt bereits Berivan. Alice soll noch einmal erzählen, wie es zu dem Feuer kam ? und was es mit dem Zwischenstop in Rumänien auf sich hätte.

Offenbar hat Ines der Schwester von dem Streit und Alices Drohungen erzählt. Da sagt Alice die Wahrheit und gibt zu, dass sie es war, die das Feuer verursachte. Doch Schwester Clara glaubt ihr kein Wort, denkt, dass sie nur ihre Freundin decken möchte.

Berivan fürchtet ihre Abschiebung und ist verzweifelt. Alice ist wütend, dass ihr nicht geglaubt wird. Und Schwester Clara fühlt sich von beiden Mädchen enttäuscht und gibt sich hart. Das Gespräch eskaliert ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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