Young Adam

Produktionsnotizen

Der Produzent Jeremy Thomas war von dem Stoff so fasziniert, dass er dem Projekt nicht widerstehen konnte. ?Filme dieser Art begegnen einem nicht allzu häufig. Es war äußerst spannend, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Mir gefiel die strenge Nüchternheit, mit der die Geschichte erzählt wird. Die Hauptfigur ist ein auf Irrwegen befindlicher Antiheld, ein existentialistischer Träumer, der an eine Figur von Camus erinnert.

Solche Personen scheinen nirgends verankert zu sein. Man begegnet ihnen irgendwo im leeren Raum und lässt sie genau am selben Ort zurück, an dem man sie aufgelesen hat. Dabei wirft der Held jede Menge spannender Fragen auf.

Er versucht, sein Leben zu leben, und wird von Schuldgefühlen und Alpträumen verfolgt, die er sich mit seiner maßlosen Lüsternheit selbst heraufbeschwört. Im wirklichen Leben gibt es viele Leute, die ihm darin gleichen, doch im Film bekommt man sie nur selten zu sehen.?

?Für mich ist dies eine Parabel über die Fragwürdigkeit von Begriffen wie Schuld, wenn man in einem Klima heuchlerischer Scheinmoral lebt?, erklärt Regisseur David Mackenzie.

Und er fährt fort: ?Trocchi erhebt seinen Finger gegen eine Gesellschaft, die er als einen verbitterten, tratschsüchtigen und unterschwellig zur Gewalt neigenden Mob darstellt, dessen Doppelmoral in den Boulevardzeitungen fortwährend neue Nahrung findet.

Gegen eine Gesellschaft, die immer schnell bereit ist, Sexualität mit Gewalt gleichzusetzen. Zwar geht es hier um die 50er Jahre, kritischere Menschen werden aber ohne weiteres eine Parallele zu unserer Zeit feststellen.?

Jeremy Thomas ergänzt hierzu: ?Trocchi stößt mit seinem Werk auf eine neue Welle der Begeisterung, was wohl daran liegt, dass es einen erfrischenden Gegensatz zum Mainstream des populären Kulturbetriebs und zu seichter Unterhaltung darstellt.

Doch auch das Interesse für andere Schriftsteller der Beat-Generation hat wieder zugenommen. So wird derzeit beispielsweise Jack Kerouacs On the Road verfilmt.

Diese Bücher finden immer noch große Resonanz, da sie von unkonventionellen Menschen handeln, die frei in ihrem Denken sind und mit dem Stumpfsinn ihrer Umgebung nichts zu tun haben wollen. Sehen Sie sich Joe an, eine faszinierende Gestalt: ein Außenseiter, das ja, aber zugleich höchst intelligent.?

Jeremy Thomas ist begeistert darüber, dass er für Young Adam so hochkarätige Darsteller engagieren konnte, allen voran den großartigen Ewan McGregor. ?Er ist vielleicht der größte Schauspieler seiner Generation?, meint der Produzent.

?Hinzu kommt, dass es für die Verfilmung eines Buches, das in Schottland spielt und von einem schottischen Schriftsteller stammt, wohl keine bessere Wahl gegeben hätte als McGregor. In der Rolle des Joe ist er einfach perfekt.?

Koproduzentin Alexandra Stone pflichtet dem bei: ?Als ich das Buch las, stellte ich schnell fest, dass Joe eine jener F iguren ist, wie man sie nicht mehr oft auf der Leinwand sieht.

Die Geschichte entsprach genau dem, was ich haben wollte: sie ist von großer atmosphärischer Dichte und kreist um einen Antihelden, der keineswegs ohne Fehl und Tadel ist. Er ist auf der Suche nach sich selbst, doch man ahnt, dass ihm das nie gelingen wird.?

?Die Figur des Joe erinnert an unvergessliche Filmrollen, wie sie etwa von Montgomery Clift, James Dean oder dem jungen Marlon Brando verkörpert wurden. Ewan McGregor ist die ideale Besetzung für diese Figur.

Er bringt so vieles zum Ausdruck, ohne überhaupt reden zu müssen. Wortlos gelingt es ihm, uns zu bewegen. Er hat genau das, was man eine große Leinwandpräsenz nennt.?

Ebenso begeistert war Jeremy Thomas von der Arbeit des aufstrebenden jungen Regisseurs Mackenzie: ?Sein Drehbuch war wunderbar geschrieben ? sehr prägnant und gut zu lesen. Wie alle guten Drehbücher war es nicht überfrachtet.

Es beschwört die damalige Zeit herauf, ohne sich blumiger Beschreibungen zu bedienen. Schon bei der Lektüre spürte man die Atmosphäre, die den Film auszeichnen sollte.?

Koproduzent Nick O?Hagan pflichtet dem bei: ?Ich kann immer noch nicht glauben, wie gut David Mackenzie Regie führte. Er hatte keine Scheu davor, hochkarätigen Leinwandstars, die schon so lange im Geschäft sind, Anweisungen zu erteilen.

Er verstand es bestens, mit ihnen umzugehen und bewies stets ein gutes Gefühl für die entscheidenden Momente. Auch wenn die Leute in Trauben um ihn herumstanden, tat er mit schlafwandlerischer Sicherheit immer genau das Richtige.

Er liess sich nicht aus dem Konzept bringen. Ein ungeheuer begabter Regisseur, der sicherlich noch viele weitere Spielfilme drehen wird.?

David Mackenzie erläutert, was ihn selbst an diesem Stoff fesselte: ?Ich sah darin die Möglichkeit, so etwas wie eine moralische Grauzone auszuloten.

Figuren, die menschliche Schwächen offenbaren und moralisch zerrissen sind, interessieren mich. Young Adam ist eine unmoralische Parabel über die Moral, und das macht diesen Stoff so spannend.?

?Joe ist ein Mann auf der Flucht vor sich selbst und vor seinem Gewissen. Er ist ein Rebell, der verantwortungslos und gefährlich ist.

Gleichzeitig ist er aber auch ein Lüstling, der sich in einer prekären Lage befindet und nun damit hadert, was er tun soll. Von reiner Unschuld ist er so weit entfernt wie man nur sein kann, und doch trifft ihn andererseits keine Schuld.?

Im Film sucht Joe verzweifelt nach irgendeiner Art von Befriedigung, indem er sich auf eine Reihe von sexuellen Affären einlässt, die ihn aber letztlich alle unbefriedigt lassen.

?Für Joe ist der Sex ein Mittel, um seine innere Leere zu kompensieren?, merkt Mackenzie an, ?nichts jedoch kann diese innere Leere wirklich ausfüllen.?

Auch Jeremy Thomas ist der Auffassung, dass der Sex in Young Adam eine zentrale Rolle spielt. ?Wenn man einen Film für Erwachsene dreht, dann ist Sex zwangsläufig ein zentrales Thema.

Die Leute denken und reden ja ständig darüber. Zudem dient der Sex dem Film als rhythmisierendes Element, das der Handlung den Takt vorgibt. Joe versucht, sich im Sex zu verlieren. Für ihn ist er etwas ganz Wesentliches.?

Besonders eine Sexszene des Films dürfte wohl recht verstörend wirken, erläutert Mackenzie: ?Es handelt sich dabei um die vorletzte Rückblende auf die Affäre zwischen Cathie und Joe, die trotz ihrer Zwiespältigkeit den romantischsten Teil des Films darstellt.

In dieser Szene werden die extremen Seiten ihrer Beziehung offenbart, als nämlich seine Frustration darüber, beim Schreiben nichts zustande zu bringen, in einem Akt sexueller Brutalität kulminiert.

Trotz Cathies zweideutigem Gelächter und ihrer passiven Duldsamkeit sollte klar sein, dass hier alle Grenzen überschritten werden, die sonst in einer Beziehung gelten sollten, auch wenn es sich um eine so entfesselte Beziehung wie die ihre handelt.

Diese Szene spielt zu einem Zeitpunkt, da Joe am heftigsten mit seinen Schuldgefühlen zu kämpfen hat. Es soll gezeigt werden, dass Joe, auch wenn ihn möglicherweise keine Schuld an dem Mord trifft, alles andere als ein Unschuldsengel ist.

Es war beabsichtigt, beim Publikum Entsetzen über Joe hervorzurufen, es gleichzeitig aber auch daran zu erinnern, wieviel Cathie ihm bedeutet haben mußs.

Wir wollten in dieser Szene unverhohlene Brutalität und Erotik zeigen. Wir haben den Ablauf besprochen und ein paar Mal geprobt, doch kann man bei einer Szene wie dieser nicht allzu oft proben.

Schließlich haben wir zwei Aufnahmen gemacht und das war?s. Ewan McGregor und Emily Mortimer waren sehr mutig und haben sich rückhaltlos in die Schlacht gestürzt.?

Alexandra Stone ist überzeugt davon, dass Young Adam beim Publikum einiges Aufsehen erregen wird: ?Das ist ein ausgereiftes Stück Kino?, beteuert sie.

?Man bekommt nur noch selten Filme dieses Kalibers zu sehen. Das britische Kino hat oft versucht, kommerziellen Hollywood-Produktionen nachzueifern und ist dabei gescheitert. Dies aber ist ein ganz eigenständiger und mutiger Film ? britisches Kino at its best!?

Das Leben und Werk von Alexander Trocchi Alexander Trocchis Lebensgeschichte liest sich wie das Drehbuch zu einem Film. Auch wenn es abgedroschen klingen mag, so lässt sich der schottische Schriftsteller doch trefflich als ein eigenwilliges Genie und als eine gequälte Künstlerseele beschreiben.

Seine lang währende Heroinsucht zwang ihn oft zu verzweifelten Maßnahmen, um an Geld heranzukommen, doch beeinträchtigte das niemals seine Fähigkeit, ergreifende literarische Figuren zu erschaffen.

?Trocchi führte ein faszinierendes Leben?, meint Tilda Swinton. ? In Schottland haben Menschen, die wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde eine gespaltene Existenz führen, ein gewisse Tradition.

Diese Zwiespältigkeit, die sich anhand von zahlreichen Fällen belegen lässt, ist wirklich etwas sehr schottisches. Dahinter verbirgt sich der ewige Gegensatz zwischen Calvinismus und roher Leidenschaft.?

Nach seinem Tod im Jahr 1984 ist Trocchi zu einer Kultfigur geworden. Zahlreiche namhafte Schriftsteller gaben an, von ihm maßgeblich beeinflusst worden zu sein.

Irvine Welsh, einer von Trocchis größten Bewunderern, nannte ihn den ?George Best der schottischen Literatur?. Als Sohn einer schottischen Mutter und eines italienischen Vaters 1925 in Glasgow geboren, absolvierte Trocchi an der dortigen Universität ein Studium der Geisteswissenschaften.

Er folgte aber niemals einer vorgezeichneten Laufbahn, sondern gefiel sich in seiner Rolle als Außenseiter und genoss es sichtlich, gegen die gesellschaftlichen Normen zu verstoßen.

Der Schriftsteller Terry Southern sah in Trocchi den ?Inbegriff eines Bohemien: Er schien überhaupt keinen Bezug zur banalen Wirklichkeit zu haben.?

Der Sänger Leonard Cohen, ebenfalls mit Trocchi befreundet, fügt hinzu: ?Er sah sich als Anwalt einer weltweiten subversiven Bewegung, die die alten Sichtweisen überwinden würde, um an ihre Stelle eine neue Art des Empfindens treten zu lassen, die unseren Herzen näher sein sollte.?

Tilda Swinton meint: ?Trocchi wollte Grenzen überschreiten und er trieb es darin ziemlich weit. Von seinem Standpunkt aus war das keineswegs abwegig, denn er brauchte das, um kreativ sein zu können.

Jetzt aber ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um ihn wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Warum überforderte sein Werk seine Leser? Warum entfernte sich Trocchi von den Ufern und ließ sein Boot einfach treiben? Welche Hebel bediente er dabei? Oder bedient er sie vielleicht noch immer??

In den frühen 50er Jahren arbeitete Trocchi für die Pariser Avantgarde-Literaturzeitschrift Merlin, in der Beiträge von Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett und Jean Genet veröffentlicht wurden.

Als die Zeitschrift 1955 eingestellt wurde, zog er nach New York, wo er heroinabhängig wurde und in einem Hausboot lebte. Sein Leben geriet aus allen Fugen.

Er verlegte sich darauf, pornographische Schriften zu verfassen und zwang seine Frau zur Prostitution, um sich seinen steigenden Drogenkonsum finanzieren zu können.

Auf die Wirkungen des Heroins stimmte er wahre Lobeshymnen an: ?Wenn ich mir die geistigen Zustände, die mir die Drogen vermitteln, auch ohne Drogen verschaffen könnte, dann würde ich diese Drogen bestimmt nicht zu mir nehmen.

Als Entdecker im Reich der menschlichen Emotionen ist es jedoch meine Pflicht, mich auf die Reise zu begeben und mit seltsamen, unbekannten Geisteszuständen zu experimentieren.?

Erstaunlicherweise gelang es Trocchi dabei, weiterhin literarisch aktiv zu bleiben. So brachte er die beiden klassischen Romane der Beat-Literatur Young Adam und Cain?s Book zu Ende, letzteres ein zum Teil autobiographisches Buch, das in New York spielt.

Im Jahr 1962 nahm Trocchi an der internationalen Schriftstellerkonferenz von Edinburgh teil, wo Hugh McDiarmid ihn als ?kosmopolitischen Dreckskerl? beschimpfte.

Als er dann 1965 beim berühmt-berüchtigten ?Happening? der Beat-Poeten in der Londoner Albert Hall mitmischte, war sein Leben bereits in mehrerer Hinsicht außer Kontrolle geraten.

Wie Emily Mortimer meint: ?Als Trocchi Cain?s Book schrieb, wurde er nach Kapiteln bezahlt, so dass er sich zwischendurch seiner Heroinsucht hingeben konnte. Das Schreiben interessierte ihn nur noch als Mittel, um Geld für seine Drogen zu bekommen.

Schließlich ging er sogar so weit, Young Adam umzuschreiben und ihn in einen pornographischen Roman umzuwandeln. Das ist so ziemlich das Erbärmlichste, was ein Schriftsteller tun kann ? sich seinen eigenen Text zu versauen!?

Trocchi, der am Ende vollkommen seiner Heroinsucht erlegen war, starb 1984 an einer Lungenentzündung. Doch wie tief er auch gesunken sein mochte, er hatte nie seine Kreativität eingebüßt. Seine Künstlerkollegen waren vor allem von seiner visionären Kraft fasziniert.

Um nochmals Emily Mortimer zu zitieren: ?In ihm steckte eine viel größere Unruhe als in Albert Camus, mit dem er oft verglichen wird. Sein ganzes Leben war ein einziger Versuch, gegen alle Regeln zu verstoßen.

Er hat sogar seine Frau als Prostituierte missbraucht, um sich die nötigen Mittel für seinen Drogenbedarf zu verschaffen. Man ist gleichzeitig entsetzt und doch auch fasziniert von ihm.?

Und Trocchis Freund William Burroughs sagte über ihn: ?Er war ein Individualist, das ist alles. Solche Typen wie ihn, gibt es heute nicht mehr.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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