Hautnah

Produktionsnotizen

Der Anfang, das Ende, die Zeit dazwischen ... "Hautnah handelt davon, dass wir uns in der Liebe an den Anfang und an das Ende genau erinnern und dazu neigen, die Zeit dazwischen zu vergessen. Das wirft interessante Fragen auf, wie zum Beispiel die, wie wir die Dinge wirklich erinnern und wie wir das Leben wirklich sehen." - Regisseur Mike Nichols

Patrick Marbers Drama-Komödie "Closer" feierte 1997 in London Premiere, bekam begeisterte Kritiken, den Laurence Olivier/BBC Award für das "Beste Neue Stück" und den London Critics' Circle Award.

Die darauf folgende Broadway-Produktion wurde für einen Tony Award für das "Beste Stück" nominiert und gewann den New York Critics Award für das "Beste Ausländische Stück". Seitdem wurde es in mehr als einhundert Städten auf der ganzen Welt aufgeführt und in dreißig verschiedene Sprachen übersetzt.

Der Dramatiker beschreibt Closer als "eine Liebesgeschichte". Es geht natürlich auch noch um andere Dinge - sexuelle Eifersucht, den männlichen Blick, die Lügen, die wir einander erzählen und denen, die uns am vertrautesten sind, die Art und Weise, wie sich Menschen selbst finden, indem sie andere benutzen.

Aber am Ende ist es nichts als eine nette, einfache Liebesgeschichte. Und wie bei den meisten Liebesgeschichten laufen die Dinge schief.

Der Titel "Closer", so Marber, legt nahe, dass er für verschiedene Interpretationen offen ist. "Ich wollte etwas Mehrdeutiges, das einem ein Gefühl für die Stimmung gibt, ohne dabei eine Bedeutung auszuschließen, die die Story möglicherweise haben könnte."

Sieben Jahre zuvor, als Produzent John Calley (damals Vorstandsvorsitzender von Sony Pictures Entertainment) erstmals Patrick Marbers Stück las, war er "verrückt danach", sagt er. "Es ist ein bemerkenswertes Dokument unserer Zeit, geistreich, ungeheuer romantisch und sehr gefährlich - und sehr wichtig, denke ich."

Was John Calley und Sony Pictures' Präsidentin Amy Pascal begeisterte, war Patrick Marbers tiefgründige und bissige, präzise Analyse von Romantik in unseren modernen Zeiten.

"Marber erforscht die Komplexität zeitgenössischer Beziehungen, in denen die Anfänge so bedeutsam und aufregend sind, dass der Prozess des Verliebens süchtig machen kann", so John Calley.

"Die Menschen können abhängig vom Verliebtsein werden und es schwierig finden, diese Gewohnheit abzulegen. Im Laufe des Stücks kommentiert Marber dies genau, sowohl geistreich als auch witzig. Der Humor ist immer intelligent und manchmal herzzerreißend."

Als John Calley und Amy Pascal Patrick Marber trafen und ihr Interesse daran zum Ausdruck brachten, sein Stück in einen Film zu verwandeln, gab er ihnen allerdings einen Korb, so Calley. "Er war dementsprechend herablassend und wollte es uns nicht verkaufen, weil er sich mehr von dem versprochen hatte, der den Film machen würde."

Glücklicherweise zeigte Regisseur Mike Nichols Jahre später, nach dem Erfolg des Stücks am Broadway, Interesse an dem Projekt. Wie seine letzten Adaptionen der erfolgreichen Theaterstücke "Wit" und "Angels in America" behandelte "Closer" sehr persönliche Probleme auf eine humorvolle und komplexe Art und Weise.

Nichols dachte, dass es sich gut für eine Leinwandadaption eignen würde, denn die Struktur des Stücks war von Haus aus filmischer Natur und es hatte vier Hauptrollen, die interessant und komplex waren, deren Persönlichkeiten sich verändern und die sich im Verlauf der Story weiterentwickeln.

Nichols schien der ideale Regisseur für das Projekt zu sein, da dieses durchaus Ähnlichkeiten zu einigen seiner früheren Filme aufwies, einschließlich der gefeierten Komödien/Dramen The Graduate (Die Reifeprüfung, 1967), Who's Afraid of Virginia Woolf (Wer hat Angst vor Virginia Woolf, 1966) und Carnal Knowledge (Die Kunst zu lieben, 1971), in denen er sein Gespür für Beziehungen zwischen Männern und Frauen bewiesen hatte.

Abgesehen von der Genauigkeit von Marbers Herangehensweise, beschreibt Nichols das Verhältnis von Männern und Frauen, auf das sich der Dramatiker bezieht, als "Zentrum unseres Daseins auf Erden.

Es ist das, worüber die meisten Witze gemacht werden, worüber die meisten Romane geschrieben werden, wovon die meiste Musik handelt. Es ist - wenn man ein besseres Wort wählen will - das Leben. Und das ist unendlich interessant."

Der Kreis schloss sich, als sich Mike Nichols wegen der Finanzierung des Projekts an John Calley wandte. Die zwei Männer sind seit vierzig Jahren die besten Freunde.

Sie lernten sich kennen, als Nichols zum gefeierten Comedy-Team von Nichols und (Elaine) May gehörte und Calley eine Weile mit May zusammen war. Calley produzierte Nichols' Adaption von Joseph Hellers klassischem Roman Catch-22 (Catch-22 - Der böse Trick) im Jahr 1970.

Später arbeiteten sie gemeinsam an so erfolgreichen Filmen wie Postcards from the Edge (Grüße aus Hollywood, 1990), The Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb, 1993) und The Birdcage (The Birdcage - Ein Paradies für schräge Vögel, 1996).

"Als Mike zu mir kam, sagte ich ihm, dass ich immer verrückt nach dem Stück gewesen wäre und natürlich war ich schon immer verrückt nach Mike", so Calley. "Auf der Bühne und auf der Leinwand hatte er schon immer diese wunderbare Fähigkeit bewiesen, das geschriebene Wort in ein Drama zu verwandeln, das dein Herz zum Stillstand bringt."

Was "Closer" von Natur aus filmisch machte, war laut Nichols die Tatsache, "dass die Story genau so erzählt wird, wie sich die Menschen an etwas erinnern - auf eine verschachtelte Art und Weise."

Außerdem, ergänzt er, würde sich die Intimität von Marbers Arbeit auf der Leinwand besser machen als auf der Bühne. "Es ist schwierig, Intimität vor einem Live-Publikum zu zeigen, während der Zuschauer im Kino mit den Figuren alleine im Dunkeln ist, was in gewisser Weise angemessener für Intimität, Sex und Liebe ist."

Marber war ganz begeistert von der Idee, dass Nichols eine Filmversion seines Theaterstücks drehen würde und wurde dazugeholt, um das Drehbuch zu schreiben.

Er sagt, dass er eine sehr persönliche Arbeitsbeziehung zu dem Regisseur entwickelt hatte, "der wollte, dass ich gewissenhaft mit dem Stück umgehe.

Nachdem er die Regel vorgegeben hatte, dass wir die Geschichte ganz genau so erzählen sollten wie auf der Bühne - in ziemlich langen zeitlichen Sequenzen - bestand der Job aus Herausschneiden, Neuschreiben und einem gewissen Grad an Neustrukturierungen innerhalb der Sequenzen."

"Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mit Mike zu arbeiten", fährt Marber fort. "Ich habe wirklich Glück, dass ich meinen Job durch ,learning by doing' von einem Meister gelernt habe. Außerdem ist das Catering bei einem Nichols-Film exzellent."

Thematisch betrachtet, so erklärt Marber, erlaube sich Hautnah kein moralisches Urteil über das Verhalten der Figuren und dem Zuschauer die Freiheit zu eigenen Einschätzungen.

"Ich mache mir weder Gedanken über ,gut' oder ,schlecht' noch ein Urteil über die Figuren. Dies ist, was sie gesagt haben. Dies ist, was sie getan haben. Wie sie sich benehmen, ist wirklich nicht mein Problem.

Das Publikum wird sie so sehen, wie es möchte, und ihnen zustimmen oder auch anderer Meinung sein, aber hoffentlich werden sie etwas Wahres darin erkennen. Und über ein paar der Witze lachen, die es zwischendurch gibt."

Das Drehbuch bewahrt den bitteren Witz des Stücks und die miteinander verknüpften Geschichten zweier Paare - oder, wie Produzent Cary Brokaw es nennt: "ein Damespiel mit den Beziehungen zwischen zwei Männern und zwei Frauen, das letztlich zum Wettbewerb der zwei Männer wird - einem Wettbewerb um jede der Frauen zu einem anderen Zeitpunkt."

Die ausführende Produzentin Celia Costas fügt hinzu: "Es ist ein hoffnungsvolles Stück, in dem die Figuren mit sich selbst ins Reine kommen müssen und sich in interessante Richtungen verändern. Sie lernen, was wirklich das Wichtigste im Leben ist ... und im Film."

Aus nächster Nähe: Die Spieler Anna (Julia Roberts)

Für Julia Roberts ist die Figur der Anna ein Neuanfang, sagt Produzent John Calley. "Julia ist eine erstaunliche Schauspielerin, die alles, was sie macht, wundervoll macht.

Aber in diesem Fall forderte sie sich selbst heraus, um die Probleme einer starken, intelligenten Frau auf eine Art zu erforschen, die ganz wunderbar ihr beachtliches Talent, das sich mit den Jahren weiterentwickelt hat, demonstriert."

Brokaw fügt hinzu: "Anna hat etwas Bezwingendes als eine Frau, die versteht, was sie will, selbst als sich dieses verändert. Und während sie sie spielt, zeigt Julia sich selbst auf eine Art und Weise, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben."

Am Anfang der Story ist Anna eine erfolgreiche Fotografin und frisch geschieden. Nach einem Treffen und Flirt mit Dan (Jude Law) heiratet sie Larry (Clive Owen), obwohl sie eine heimliche Affäre mit Dan fortsetzt.

Viel eher, als sich von Annas fragwürdigem Verhalten zu distanzieren, interessierte es Roberts, sowohl die Stärken als auch die Risse ihres Charakters zu erforschen.

"Ich hatte Schwierigkeiten damit, aus ihr diese unglaublich fehlerhafte Frau zu machen. Ich sehe im Vergleich mit dieser Frau wie ein Amateur aus. Sie ist sehr verlogen, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich berechnend ist."

Vor allem bewundert Roberts die Geschichte von "Closer", weil "ich denke, dass es um die Not dieser Menschen geht, die versuchen, einander näher zu kommen, und dem etwas näher zu sein, was im Leben wirklich von Wert ist.

Einer Wahrheit näher zu sein, die vielleicht keiner von ihnen jemals erreichen wird. Es geht wirklich mehr um das Bestreben, ein leidenschaftlicher Mensch zu sein. Das ist das, was sie insgeheim oder unbewusst erreichen wollen."

Dan (Jude Law)

In Hautnah spielt Jude Law Dan, einen angehenden Romancier, der seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Nachrufen verdient. Obwohl Marber erklärt, dass die Story keinen Protagonisten hat, ist Dan die Figur, durch den alle anderen vorgestellt werden.

Law kennt sich mit der Darstellung aufgeblasener Typen aus, wie er sie in seiner für den Oscar® nominierten Performance in The Talented Mr. Ripley (Der talentierte Mr. Ripley, 1999) bewiesen hatte und unlängst auch in Alfie (Alfie, 2004).

Was ihn an Hautnah reizte, nachdem er das Bühnenstück bereits mehrmals gesehen und immer sehr bewundert hatte, waren Marbers "außergewöhnliche Dialoge und sein konzentrierter Fokus auf diese vier Figuren, die das Herz des Stücks bilden", sagt er.

Die Intimität der Situation passte zu den Anforderungen, die die Arbeit auf so engem Raum mit nur drei weiteren Schauspielern mit sich brachte.

"Es gab nicht einen Tag, an dem man es leicht nehmen konnte, denn wirklich jede Szene hat eine bestimmte emotionale Steigerung", sagt Law.

"Entweder, man öffnete sich und bot sich jemandem an, oder man verschloss sich und versuchte, jemanden los zu werden. Es war ziemlich intensiv und fordernd."

Wenn er über seine Figur nachdenkt, die ein Katalysator für einen großen Teil der Handlung ist, so sagt Law: "Dan ist jemand, der in einer Art Kokon lebt, ein frustrierter Schriftsteller, bis er Alice trifft, die seine Muse wird.

Durch sie blüht er auf. Die Beziehung ist tatsächlich verantwortlich dafür, dass er aus sich herauskommt, sie ermutigt ihn, selbstbewusst genug zu sein, die Frau zu finden, von der er glaubt, dass er sie wirklich liebt, Anna.

Leider scheint diese Beziehung von Anfang an zum Scheitern verdammt zu sein und obwohl er mit ihr einige seiner glücklichsten Tage erlebt, wirft er sich schließlich selbst weg, weil er sich mit seinem ganzen Herzen in die Beziehung gestürzt hat."

Marbers Stück sieht er grundsätzlich als eine Geschichte über Männer und Frauen, die sich ineinander verlieben und sich entlieben. Insofern sei es außerdem ein Kampf zwischen zwei männlichen Charakteren, die jeweils zur Nemesis des anderen werden.

"Das zwischen den beiden hat viel mit ihren Egos zu tun. Man könnte behaupten, dass es für sie beinahe wichtiger ist, dass sie dem anderen die Sache vermasseln, als selbst das Mädchen zu bekommen, in das sie verliebt sind."

Alice (Natalie Portman)

"Die Figur der Alice ist meiner Meinung nach Natalie Portmans Einstand als erwachsene Schauspielerin", sagt Brokaw. "Man sieht sie als eine faszinierende, irgendwie mysteriöse erwachsene Frau, die sehr sensibel und kompliziert ist."

Nichols hatte mit Portman erstmals bei einer Produktion von Tschechows "Die Möwe" zusammengearbeitet, als sie noch ein Teenager war.

"Die Leute bemerken eigentlich gar nicht, was für eine bemerkenswerte Schauspielerin sie ist, weil sie so erstaunlich aussieht", so Nichols. "Aber sie ist es. Ich sah sie gleich von Anfang an in Hautnah, und sie war in gewisser Weise der Anfang meiner Besetzung."

Portman gibt zu, dass dies definitiv eine neue Art von Rolle für mich ist." Der Schlüssel zu der Figur der Alice, sagt sie, sei der Konflikt, der in ihrem Charakter begründet liegt.

"Alice ist wirklich einsam, als sie nach London kommt, also mußs sie sich ihre Welt ganz neu erschaffen, sich völlig selbst neu kreieren. Aber sie hat auch diese kindliche Seite.

Sie ist wirklich ehrlich und direkt, was ihre Gefühle angeht, was sie von den anderen Figuren unterscheidet. Obwohl sie in Bezug auf ihre Person lügt, ist sie die direkteste, ehrlichste Figur des ganzen Films."

Abgesehen davon, dass sie den Charakter einer erwachsenen Frau mit vielen Gesichtern zu bewältigen hat, mußste Portman außerdem Unterricht im Strip-Tanzen an der Stange nehmen, da sie im Film in einem noblen Londoner Stripclub arbeitet.

"Es hat Spaß gemacht. Ich habe einen ganz neuen Respekt für Strip-Tänzerinnen, weil der Job als Kombination von Tanz und Akrobatik sehr viel Geschick erfordert und körperlich fordernd ist", sagt sie.

Trotz seiner pikanten Elemente erzählt Hautnah in Portmans Augen eine sehr moralische Geschichte: "Er erforscht, wie Menschen in Beziehungen miteinander umgehen und sich manchmal darin so verlieren, dass sie ganz unsensibel gegenüber den Gefühlen des anderen werden.

Es ist so eine Art ,Ich bin verliebt, ich darf jetzt mal unvernünftig sein. Es ist egal, wen ich verletze.' Also wird Liebe zu der merkwürdigen Entschuldigung dafür, dass man anderen sehr viel Schmerzhaftes zufügt."

Larry (Clive Owen)

Clive Owen, der hier die Rolle des attraktiven, selbstsicheren Dermatologen Larry übernommen hat, spielte in der original Londoner Bühnenproduktion von "Closer" den Part von Dan.

Als er erfuhr, dass Mike Nichols Interesse daran hatte, ihn für den Film zu casten, bat er darum, stattdessen in Larrys Rolle zu schlüpfen. "Ich liebte es, Dan zu spielen, aber noch einmal in der Rolle von Larry zurück an den Anfang zu gehen, war eine echte Freude", sagt er.

"Es war so, als würde man noch mal ganz von vorne anfangen, weil man das Ganze immer aus der Perspektive der Figur betrachtet, die man spielt.

Jetzt mußste ich alles noch einmal neu beurteilen, was ich gedacht hatte, als ich das Stück zuerst spielte, alles umdrehen und aus Larrys Augen betrachten." Eine Sache, die sich nicht geändert hat, seit er zum ersten Mal das Stück gelesen hatte, ist seine Bewunderung für Marbers Stoff.

"Als Schauspieler bekommt man nicht oft Filme mit so fantastischen Dialogen angeboten und es ist wundervoll diese in Szene zu setzen. Der Dialog ist so aussagestark, mit vier fantastischen Rollen. Jede davon zu spielen wäre großartig."

"Was wichtig ist", setzt er fort, "ist, dass man alle vier Figuren mag. Alle Szenen sind intensiv und damit es wirklich funktioniert, mußs man bereit sein, beiden Seiden treu zu bleiben, mit beiden zu sympathisieren und sich in sie hineinzuversetzen."

Und das ist der Art der Story vollkommen angemessen, argumentiert Owen, "weil es um menschliche Wesen geht. Die Geschichte erfasst, wie Menschen sich heutzutage verhalten. Das ist das, was daran so aufregend ist."

Larry sei jemand, dessen Herz im Laufe der Geschichte gebrochen wird und der beschließt, sich niemals wieder verletzen zu lassen, erklärt er. Während er sich selbst verteidigt, kommt es jedoch dazu, dass er andere verletzt.

"Diese vier Menschen verlieben und entlieben sich und zeigen, wie brutal und hart das sein kann. Am Ende kommt einem der Gedanke: ,Warum tun wir uns das gegenseitig bloß an?'"

Die Arbeit mit Mike Nichols Die vier Protagonisten von Hautnah genossen den seltenen Luxus einer vierwöchigen Probenzeit vor den Dreharbeiten. Die Proben gaben den Schauspielern und dem Regisseur Mike Nichols die Möglichkeit, ihre Charaktere wirklich zu entdecken und sie als Menschen mit all ihren unterschiedlichen Dimensionen zu identifizieren.

Mike Nichols probt immer für seine Filme, aber auf eine völlig andere Art als bei seinen Proben für ein Theaterstück. Der Prozess bei seinen Filmen berücksichtigt die Tatsache, dass das Drehen von Filmen immer in Einzelteilen und Stücken und nicht in chronologischer Reihenfolge geschieht.

"Also geht es im Probenprozess darum, zusammen zu entscheiden, welche Geschichte wir überhaupt erzählen", sagt er. "Je introvertierter und mysteriöser eine Geschichte ist, umso notwendiger ist es, sich darüber im Klaren zu werden, was als nächstes geschehen wird."

Im Fall von Hautnah brachte dies mit sich, dass man sich vor Augen führte, was in der Zeit geschieht, die in der Geschichte übersprungen wird, in den großen Lücken eines Jahres oder mehr zwischen den Szenen.

Ein weiterer Grund, warum Nichols für seine Filme proben lässt, ist die damit verbundene Möglichkeit, die Schauspieler zusammenzubringen, "so dass sie erforschen können, wie sie miteinander zurechtkommen werden, wie sie wirklich füreinander empfinden.

Je besser die Schauspieler sind - wie die vier Schauspieler, die ich bei Hautnah hatte - umso besser sind sie darin, sich vorzustellen, was zwischen ihnen in den Beziehungen im Film geschehen wird."

Nathalie Portman, die mit Nichols zuvor an der Bühnenproduktion von Tschechows "Die Möwe" zusammengearbeitet hatte, sagt, dass die Art des Regisseurs zu proben dort ganz anders war als die Vorbereitung für Hautnah.

"Auf der Bühne ging es viel mehr um den Prozess des Probens", sagt sie. "Mike lehnte sich einfach zurück und ließ alles wachsen. Beim Film legte er selbst viel mehr Hand an, mit eigenen Vorschlägen.

Er lenkte die Diskussionen in bestimmte Richtungen. Es war, als wäre man in einem wirklich interessanten Englisch-Kurs, in dem man das Stück während der Proben analysiert und andere literarische Referenzen einbringt."

Jude Law, der bemerkt, dass ihm manchmal die Entdeckungen, die man während Proben macht, mehr gefallen als die tatsächlichen Dreharbeiten, fand Nichols' Herangehensweise einzigartig.

"Er arbeitet wie kein anderer. Es ist schon toll, einfach in seiner Nähe zu sein, seine Geschichten zu hören, an seinen unvergleichlichen Erfahrungen teilzuhaben. Es ist eine sehr subtile Annäherung.

Langsam wird einem klar, dass er dich im Laufe eines Gesprächs fast unbewusst in die Richtung lenkt, von der er will, dass man sie einschlägt. Das weckt in einem das Vertrauen, dass man die einzig richtige Person für den Job ist, also sollte man sich nie selbst in Frage stellen oder Zweifel an sich haben."

Der Sinn für Optimismus, den Nichols vermittelt, übte einen wichtigen Einfluss auf Julia Roberts aus, wie sie sagt. "Er ist so klar und enthusiastisch. Er ist der beste Cheerleader, den man sich vorstellen kann. Er ist so ermutigend.

Es ist einfach unglaublich. Er rüttelt viele Emotionen wach und regt viele Gespräche und viele Gedanken an. Mike ist wirklich sehr scharfsinnig, wenn es um die dramatischen Szenarien geht, die Feindseligkeiten und Vulgarität beinhalten und all diese unangenehmen Dinge.

Und es gelingt ihm irgendwie im Verlauf einer Geschichte oder einfach durch seine Ausführungen, diese zu etwas zu machen, was jeder schon einmal getan, gesagt oder erlebt hat."

"Wir verbrachten viel Zeit damit, über die größeren Themen des Stücks zu sprechen", so Clive Owen, "wie sich die Menschen unter Druck verhalten, wie sie sich verhalten, wenn sie verliebt sind, wie, wenn ihnen Unrecht getan wird. Das geht auf eine gewisse Art in dein Bewusstsein über und kehrt später zurück, wenn man mit den Dreharbeiten beginnt."

Mike Nichols Arbeitsweise bei den Proben trug während der Produktion Früchte, bemerkt Clive Owen. "Mike ist sehr smart und das Auffällige an einem so smarten Regisseur ist, dass alles andere auf einmal zusammenpasst", sagt er.

"Während der Dreharbeiten lässt er nur sehr wenige Aufnahmen wiederholen. Das bewirkt, denke ich, dass die Frische und Lebendigkeit von allem erhalten bleibt. Wenn man viele Wiederholungen dreht, selbst wenn man darin die Dinge verfeinert, beginnt man an einem gewissen Grad alles abzuschließen.

Man verliert den Geist und das Leben einer Szene. Aber Mike bewahrt die Atmosphäre. Es setzt dich außerdem in gewisser Weise unter Druck, wenn du weißt, dass du nur ein paar Aufnahmen bei jeder jeweiligen Szene hast. Es gibt allen diesen wunderbaren Adrenalinstoß."

Aufgestylt und Underdressed in London Ein weiteres Element von Hautnah ist der Blick auf das moderne London und darauf, wie die vier zentralen Figuren sich in diesem Milieu verhalten.

"London ist eine so faszinierende, facettenreiche Stadt, in der man immer etwas Neues im filmischen Sinn entdecken kann. Und das haben wir in Hautnah getan", so Produzent Brokaw.

"Wir zeigen ein wirklich zeitgemäßes London, nicht die romantisierte Stadt, an die die Leute denken, sondern eher die Stadt in ihren unterschiedlichen Farben und Strukturen wie sie die Leute kennen, die hier leben."

Mike Nichols wählte den preisgekrönten Bühnenbildner Tim Hatley als Ausstatter von Hautnah. Obwohl das Produktionsdesign für einen Film für Hatley eher Neuland war, war Nichols so beeindruckt von seinen letzten Bühnenarbeiten für "Private Lives" und "The Crucible", dass er überhaupt keine Bedenken dabei hatte, ihn an Bord zu holen.

Hatley wiederum engagierte Mark Raggett als leitenden Art Director, einen Künstler mit einer langen, beeindruckenden Liste an Filmcredits.

Hatley las das Stück 15 Mal, bevor er damit begann, seine Entwürfe zu planen, und entdeckte, "dass die Antworten auf alle meine Fragen über die Figuren genau hier im Text zu finden waren."

Der Look und die Atmosphäre des Films sind das Herz des heutigen Londons. "Das Herz der Story bilden vier Menschen in London, nicht in der touristischen, von Postkarten bekannten Stadt, sondern in einem London echter Menschen - wie dieser hier", sagt Hatley.

Hatley, Raggett und Setdekorateur John Bush bemerkten, dass jede Szene in Hautnah voller Spannung steckt und dass die Sets diese Intensität der Dialoge und Interaktionen widerspiegeln sollten.

"Die Beziehungen der Figuren haben etwas Klaustrophobisches", so Raggett. "Die Sets und die Locations, die wir kreierten und aussuchten, sollten alle dieses Gefühl verstärken."

Für Dan, einen armen Journalisten und erfolglosen Schriftsteller, entwarf Hatley ein verwohntes, enges Londoner Appartement, das sich in der Nähe eines Marktes mit Buchläden und einem Café befindet.

Annas Fotostudio ist gleichzeitig ihre Wohnung und es verändert sich im Lauf der Geschichte. Das Loft-ähnliche Appartement ist am Anfang des Films heruntergekommen, aber als Anna erfolgreicher wird, verändert es sich - von einem eklektischen Bohemian-Fotostudio zu einem eleganten Arbeitsplatz und Zuhause.

Sowohl Hatley als auch Raggett sahen ihre größte Herausforderung in dem Design des Tabledance-Clubs. Hatley setzte sich mit Nichols zusammen, der nicht den typischen schäbigen Stripladen wollte, sondern etwas Niveauvolleres.

Er und Raggett recherchierten in mehreren Londoner Herrenclubs und nahmen sich den "The Reform Club" mit seinen wuchtigen, ausladenden Formen, die sie von Grund auf nachbauten.

"Tim schuf diese surreale Umgebung mit einem Treppenaufgang aus Spiegeln und gläsernen Wänden", sagt Raggett. "Diese trifft perfekt den mehrdeutigen Grundton der Szene."

Hatley setzte sich auch mit der Kostümdesign-Veteranin Ann Roth zusammen, mit der Nichols seit seinem Broadway-Erfolg "The Odd Couple" in den 60er Jahren zusammenarbeitet.

Hatley reiste mit riesigen Metallschrankkoffern von London nach New York, gefüllt mit Modellen, Fotos und Entwürfen und "breitete die Modelle während der ersten Drehbuchlesung aus und Ann und ich verglichen die Farben. Es war erstaunlich, mit so einer außergewöhnlich erfahrenen Künstlerin zu arbeiten."

Nach ihrem letzten ausführlichen Kostümjob bei Nichols' sechsstündiger Produktion von "Angels in America" für HBO sah Roth dieses Projekt als ein relativ einfaches Vier-Personen-Stück an.

"Die interessanteste Figur war Dan, der von Jude Law gespielt wurde. Er war so armselig und seine Kleidung war sehr abgetragen, langweilig und billig", so Roth. "Sie entsprach den Vorstellungen, die man von ihm hatte. Aber gleichzeitig ist Dan sehr sexy, also war das Teil der Herausforderung bei den Entwürfen für seine Kleidung."

Roth verstand, dass Dan als Journalist normalerweise in Hemd, Krawatte und Anzug auftreten mußste - obwohl seine Kleidung nicht teuer sein durfte. "Meine Aufgabe war, ihn in einem abgetragenen Anzug gut aussehen zu lassen und irgendwie haben wir das geschafft, indem wir ihm einen Mitte-der-60er-Jahre-Look verpassten."

Portmans Figur Alice stellte sich Roth als eine Rucksacktouristin vor, die herumreist und aus ihrer Tasche lebt. "Alice ist ein Freigeist, der von heute auf morgen einpacken und abhauen kann. Sie brauchte nur ein paar Hosen und paar T-Shirts", so Roth.

Anna und Larry waren wohlhabender, aber spiegelten ihre Generation wieder, die noch dazu tendierte, sich häufiger legerer zu kleiden, so Roth, und ihre Wahl der Garderobe entspricht der Wahl ihres Lebensstils.

Szenenfoto
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