Ray

Produktionsnotizen

Ray kennen lernen: Einführung in sein Leben Für die meistens Menschen gilt als die Geburtsstunde des amerikanischen Souls die Veröffentlichung der Single "I've got a Woman", die ein junger aufstrebender Künstler namens Ray Charles 1954 bei Atlantic Records herausgebracht hat. Mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Blues und Gospelklängen durchbrach er nicht nur ein Tabu sondern es gelang im auf geradezu wundersame Weise sexuelle und spirituelle Elemente, Wildheit und Zärtlichkeit, Sehnsucht und Leichtigkeit in ein und dem selben Herzklopf-Sound zu verschmelzen, der die Welt buchstäblich erschütterte.

Dieser Song war für sehr viele junge Musiker ein Katalysator, der einen Funken zündete, der wiederum ein kreatives Feuer entfachte, wie es die amerikanische Kulturszene noch nicht gesehen hatte. Und es war nicht nur die Initialzündung für die sogenannte Rock 'n' Roll-Revolution sondern auch der Beginn einer 50 Jahre umspannenden Weltkarriere von Ray Charles.

Aber so außergewöhnlich wie der Sound war auch der Mann, der ihn kreiert hatte. Der kürzlich verstorbene Ray Charles wurde oft als "Genie des Souls" bezeichnet - aber wie stand es eigentlich um die Seele des Genies? Die meisten kennen und lieben wohl Ray Charles unvergleichliche Musik - die der amerikanischen Musik - von Jazz bis Country - wesentliche und neue Impulse gab -, wer aber kannte schon die Story hinter dem schwer erkämpften künstlerischen Triumph?

Ray Charles war nicht nur ein brillanter Entertainer auf dem Piano, ein kluger Geschäftsmann, der seine Karriere fest im Griff hatte und ein musikalischer Pionier, der vielen Musikern einen neuen Weg zeigte, er war auch ein Mann auf der Suche nach Erlösung. Ein Kindheitstrauma, das ihn geradezu fiebrig zu kreativen Höchstleistungen anspornte, quälte ihn auch tagtäglich - bis es ihm endlich gelang, sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Regisseur Taylor Hackford meint dazu: "Ray Charles Leben war eine absolut fantastische Reise. In diesem Film wollte ich dieses amerikanische Genie in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit zeigen. Ray war brillant, mutig und einzigartig, aber in seinem Leben gab es auch schreckliche Tragödien und schwer zu begreifende Dämonen. Mit dem Film "Ray" wollten wir auch die Entwicklung eines Künstlers in einer außergewöhnlich turbulenten Zeit zeigen. Ich hoffe, dass der Zuschauer durch diesen Film erkennt, dass Ray Charles viel mehr als nur ein fantastischer Musiker war. Er hat in Amerika damals eine kulturelle Revolution eingeläutet, die auch heute noch längst nicht zu Ende ist."

Wenige Monate vor seinem Tod äußerte sich Ray Charles über diesen Film: "Ich stelle fest, dass Taylor seine Hausaufgeben gemacht hat. Er hat mein Leben ziemlich gut getroffen. Mich würde freuen, wenn die Leute die Prüfungen, das Leid und all die anderen Dinge - die ich seit meiner Kindheit und auch noch während meiner Karriere - über mich habe ergehen lassen müssen, begreifen würden. Es stimmt schon: Mir sind einige sehr schöne Dinge in meinem Leben widerfahren, aber auch einige ziemlich schlimme. Ich will den Leuten zeigen, dass man sich von vielen Tiefschlägen erholen kann und dass man wieder auf die Beine kommt, wenn man nur will. Mit anderen Worten: "Man gibt nicht einfach auf, nur weil man ein paar Mal zu Boden geschlagen wurde."

Ray Charles war ein Mann der Widersprüche. Eine zwiespältige Mischung aus urbaner Weltgewandtheit und ländlicher Einfachheit, aus großer Ernsthaftigkeit und Schlitzohrigkeit, aus Schreien und Flüstern. Reglementierungen oder Etikettierungen waren ihm zutiefst verhasst. Und deshalb ist es auch kein Wunder, dass er in seinen Songs Grenzen überschritt und sich ganz bewusst aus der amerikanischen Musiktradition bediente. Damit verwischte er nicht nur die Grenzen zwischen Jazz, R&B, Country und Gospel sondern erschuf auch gleichzeitig etwas völlig Neues, etwas das unter die Haut ging. Ray Charles konnte einem genauso leicht zum Tanzen bringen oder einem das Herz brechen - ganz wie er wollte. Oder er konnte einem Hoffnung geben oder das Gefühl völliger Einsamkeit - und das manchmal in ein und demselben Song. Für Ray Charles war es wie im richtigen Leben, das ja auch voll von Schmerzen, Schwierigkeiten und Sorgen auf der einen Seite und Freude, Schönheit und Erlösung auf der anderen Seite war.

Ray Charles Robinson wurde am 23. September 1930 in Albany, Georgia, geboren. Es war die Zeit der großen Depression und Armut. Ray fand schon sehr früh zur Musik. Er wurde sowohl von den Gospelgesängen, die er jeden Sonntag in der Baptisten-Kirche hörte, beeinflusst, als auch von den Blues-Musikern vor Ort. Schon vor seinem fünften Lebensjahr fing Ray mit dem Klavierspielen an. Dann kam es zu einer Reihe von tragischen Ereignissen. Zuerst sah er wie sein Bruder George vor seinen Augen ertrank, ein Unfall, für den Ray sich zeitlebens die Schuld gab. Dann erkrankte er, wahrscheinlich durch das seelische Trauma begünstigt, am Grünen Star und verlor langsam sein Augenlicht. Mit Sieben war er schließlich ganz blind und lernte - unter Anleitung seiner Mutter - sich in der Welt allein durch sein Hörvermögen zurechtzufinden. Er hat nie einen Stock, einen Blindenhund oder ein anderes Hilfsmittel in Anspruch genommen, da er sich nicht davon abhängig machen wollte. Stattdessen gelang es ihm allein mit seinen hochentwickelten Hörsinn das Leben eines Blinden zu meistern. Und vor allem half ihm dabei seine Liebe zur Musik. Viel später gab er in seinem Buch Brother Ray zu Protokoll: "Ich kann mir das nur so erklären, dass ich mit der Musik in mir geboren wurde."

Um Ray einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen, schickte seine Mutter den jungen Ray in die über 200 Kilometer entfernte Blindenschule St. Augustine, wo Ray lernte, Noten in der Braille-Schrift zu lesen. Dort lernte er auch verschiedene Instrumente und ließ sich von der dortigen Künstler-Szene mit Jazz, Swing, Gospel, Blues und Country-Musik versorgen. Da geschah eine weitere Tragödie: Rays Mutter starb und ließ ihn ganz allein in der Welt zurück. Motiviert von den mahnenden Worten seiner Mutter, er solle sich nie im Leben als Krüppel behandeln lassen, sondern seinen eigenen Weg finden, verschwendete Teenager Ray keine Zeit. Er setzte alles daran, mit seiner großen Liebe - der Musik - Geld zu verdienen und es gelang ihm schließlich regelmäßig, in kleinen Clubs, Tanzhallen und Bars in Nord-Florida aufzutreten. Er spielt sogar eine Zeitlang mit einer Country & Western-Band namens "The Florida Playboys". Das Leben war allerdings alles anderes als einfach für den jungen, unerfahrenen Teenager in der rauen Wirklichkeit. Aber Ray lernte schnell.

Im März 1948, im Alter von erst 17 Jahren, fuhr Ray ganz allein in einem Greyhound Bus von Florida nach Seattle, um dort als Klavierspieler und Crooner - im Stile von Nat King Cole und Charles Brown - Fuß zu fassen. Er hatte ziemlich schnell Erfolg und landete sogar einen Plattenvertrag bei Jack Lauderdales "Swingtime Records"-Label. 1949 nahm Ray seine erste Single für Swingtime Records auf. Außerdem schickte Lauderdale ihn mit dem R&B-Gitarristen Lowell Fulson auf Tournee. Damals war Ray immer noch ein junger, unbekannter Musiker, der sich damit abquälte, einen eigenen, ganz unverwechselbaren Sound zu kreieren. Das war eine einsame Zeit. Obwohl er von den Bandmitgliedern als talentierter Musiker geachtet wurde, war Ray während der Tournee die meiste Zeit allein in seinem Hotelzimmer. In dieser Zeit entdeckte Ray das Heroin.

Sein eigentlicher Durchbruch als Musiker hatte Ray Charles dann Anfang der 50er Jahre, als ihn die beiden Talent-Scouts Ahmet Ertegun und Jerry Wexler für Atlantic Records unter Vertrag nahmen. Ertegun und Wexler waren es auch, die ihn mit der legendären "Miss Rhythm" Ruth Brown auf Tournee schickten. Zu dieser Zeit fing Ray damit an, den Gospel-Sound mit der "Musik des Teufels", nämlich dem Blues, zu mischen. Das Resultat war so elektrisierend und kontrovers, dass viele seiner frühen Hits von den Rundfunkstationen nicht gespielt wurden.

Und trotzdem: Die Wirkung seiner Kunst war groß und berührte viele Zuhörer. Und so dauerte es nicht lange, bis er eine ständig wachsende Fangemeinde für sich reklamieren konnte. Und obwohl es eine Zeit war, in der man afro-amerikanische Musik durchaus unter ethnischen ("race records") Gesichtspunkten etikettierte, gefiel die alle Genre sprengende Musik sowohl weißen wie auch schwarzen Zuhörern. Oder wie Jerry Wexler in seinem Buch über Rays Charles 1993 schrieb: "Ray hat sich nie groß um Kategorien geschert, er spielte einfach das, was er fühlte."

Ray Charles (der mittlerweile seinen Familiennamen Robinson nicht mehr benutze, um Verwechslungen mit dem populären Boxer Sugar Ray Robinson zu vermeiden) veröffentlichte 1956 also die sensationelle Single "I've got a Woman", wo er einem Blues-lastigen Text eine spirituelle Note gab. Danach folgten eine Reihe von Hits wie ""What'd I Say", "Drown in My Own Tears", "Unchain My Heart" und "Hit the Road Jack". Er war erst Anfang 20, nannte man Ray Charles bereits "das Genie" - ein Terminus, der im Showbusiness extrem selten gebraucht wurde.

Trotzdem er den Herren Ertegun und Wexler viel verdankte, wechselte Ray Charles 1959 von Atlantic Records (viele Jahre später würde er allerdings wieder dahin zurückkehren) zu ABC-Paramount. Der Grund dafür war das lukrative Angebot, dass er die Rechte an seinen Masterbändern behalten durfte. Dieser spektakuläre Vertrag gab Ray die absolute finanzielle Kontrolle über sein Werk, etwas, das bis zu diesem Zeitpunkt noch keinem Künstler zu Teil geworden war. Doch der Schock für seine neue Plattenfirma folgte auf dem Fuß. Ray Charles machte nämlich eine 180 Grad-Wende und befasste sich nur noch für Country & Western-Musik. Doch anstatt seine Fangemeinde damit zu verprellen, gewann er durch diesen Stilwechsel mit Lieder wie "Georgia on My Mind", "I Can't Stop Loving You", "Born to Lose" und "Busted" noch viel mehr Fans dazu. Und gerade als es so aussah, als hätte Ray Charles den Höhepunkt seiner Karriere erreicht, ging er noch einige Schritte weiter. Thomas Thompson schrieb in einem Artikel im Life Magazine: "Ist er der beste Blues-Sänger? Ja sicher, aber noch weit mehr. Er ist auch ein einzigartiger Jazz-, Gospel- und Country & Western-Sänger. Er führt all diese musikalischen Ströme in einem großen Fluss zusammen, den nur er richtig kanalisieren kann."

Im Jahre 1960 setzte sich Ray Charles zum ersten Mal öffentlich für die Menschenrechte ein und wurde einer der führenden Aktivisten dieser Bewegung. Bei seinen Tourneen in den 50er Jahren hatte er sich, um überhaupt weitermachen zu können, mit dem latenten Rassismus seiner weißen Landsleute mehr schlecht als recht arrangiert. Aber diese Zeiten waren zum Glück vorbei. Jetzt weigerte sich Ray Charles in Clubs, die immer noch an der Rassentrennung festhielten, aufzutreten. Ein damals sehr mutiger Schritt, der ihm nicht nur beträchtliche finanzielle Einbußen einbrachte, sondern auch ein lebenslanges Auftrittsverbot im US-Bundesstaat Georgia. (Bis sich 1977 Georgia zu einer formellen Entschuldigung durchringen konnte und Ray Charles' "Georgia on My Mind" zum offiziellen Song des Bundesstaats erkor).

1960 war aber auch das Jahr, in dem das ständige Herumtouren sich negativ auf seine Ehe auswirkte, wobei die zahlreichen Affären des Musikers sicher großen Anteil daran hatten. Dann wurde er 1965 auch noch von Montreal kommend am Logan Airport von Boston wegen Heroin-Besitz verhaftet. Ray wurde bewusst, dass seine über 20 Jahre andauernde Heroin-Sucht eine ernste Gefahr für seine Musik-Karriere darstellte. Also checkte er in ein Rehabilitations-Zentrum ein, um clean zu werden. Und ganz gleich, wie groß die Versuchung zur Droge wieder zurückzukehren jemals gewesen sein mag - die Liebe zu seiner Musik war größer. Er hat nie wieder Heroin genommen.

Seitdem hat Ray Charles kontinuierlich weiter an seiner Karriere gearbeitet. Bevor ihn eine Lebererkrankung im letzten Jahr etwas langsamer treten ließ, gab er meist mehr als 200 Konzerte pro Jahr. In den 70ern veröffentlicht er ein beeindruckendes Remake seines Klassikers "American the Beautiful". Er packte in diesen Song soviel Seele und Hingabe, dass er ihn dadurch noch schöner machte.

Im Laufe seiner Karriere bekam Ray Charles zwölf Grammy Awards, darunter 1988 den Grammy Lifetime Achievement Award. Er hatte 76 Singles in den Top Ten und nahm mehr als 75 Langspielplatten auf. Er war ein Ehrenmitglied des Kennedy Center, bekam die National Medal of the Arts und wurde in die Rock and Roll Hall of Fame, die Blues Hall of Fame und die NAACP Image Awards Hall of Fame aufgenommen. Da er nie seine Wurzeln vergessen hat und auch nicht die vielen Schwierigkeiten, die er im Laufe seiner Karriere überwinden mußste, war es ihm immer ein großes Anliegen, Geld für schwarze Wohltätigkeitsorganisationen zu sammeln. Er unterstütze aber auch kulturelle und erzieherische Einrichtungen. Im Laufe seines Lebens kamen so über 20 Millionen Dollar zusammen.

Sein schönstes Vermächtnis ist aber seine Musik und der Einfluss, den er auf Generationen von Rock-, Jazz-, Soul-, Gospel- und Country-Musikern hatte - und ganz sicher noch haben wird. Man braucht nur das Radio anzustellen, und fast immer hört man einen Song, auf den das musikalische Genie Ray Charles' abgefärbt hat.

Ray Charles starb am 10. Juni 2004 im Alter von 73 Jahren.

Ray entdecken: Eine 15 Jahre dauernde Mission Wie die meisten Menschen hat sich auch Regisseur Taylor Hackford von der fiebrigen Emotionalität in Ray Charles Musik anstecken lassen. Hackford erinnert sich noch gut daran, wie ihn der Song "I've Got a Woman" unter die Haut ging, als er ihn in den 50er Jahren zu ersten Mal hörte: "Von der ersten Minute an, als ich Ray Charles singen hörte, wusste ich, dass da ein außerordentliches Feuer brannte. Seitdem habe ich seine Karriere sehr aufmerksam verfolgt."

Hackford sah aber Ray Charles Aufstieg zu einem der essentiellen amerikanischen Musiker immer im Kontext seiner Zeit und seiner Kultur, eine Kultur, die sich nach und nach sehr drastisch veränderte. " Es wurde schnell offensichtlich, dass Ray etwas tat, das eine ziemlich durchschlagende Wirkung auf das amerikanische Establishment und den Kulturbetrieb hatte. Er beeinflusste eine Reihe unterschiedlicher Künstler wie Elvis Presley, BB King, Stevie Wonder und die Rolling Stones. Und natürlich auch aktuelle Stars wie Outkast, Alicia Keys, Norah Jones und Justin Timberlake," stellt Hackford fest.

In den 80er Jahren wurde Hackford nicht nur als Filmregisseur und durch den Welterfolg "Ein Offizier und Gentleman" bekannt, sondern auch als ein Filmemacher mit einem großen Faible für die Geschichte der amerikanischen Musik. Er begann seine Karriere mit dem Musical "Alle meine Stars", führte später bei dem mit großem Beifall aufgenommenen Dokumentarfilm "Chuck Berry Hail! Hail! Rock'n'Roll" Regie und produzierte die Lebensgeschichte Richie Valens' "La Bamba", das eines der ersten Bio-Pics einer Rock-Legende war.

Doch diesmal wollte Taylor Hackford einen Film über einen Mann machen, der ihn sein Leben lang inspiriert und begleitet hat. Und es war nicht nur Ray Charles' Musik, für die sich Hackford begeisterte. Ihn interessierte auch was sich hinter der "Vom Tellerwäscher-zum-Millionär"-Erfolgsgeschichte verbarg: Tragödien, Schmerz, Hass, Vorurteile, Drogenabhängigkeit aber auch Genie, Liebe, Schönheit - und ein eiserner Wille, der das alles formte. Hackford und sein langjähriger Produzent Stuart Benjamin sahen darin auch eine zutiefst amerikanische Geschichte.

Dazu Hackford: "Um Ray Charles wirklich verstehen zu können, ist natürlich seine Musik von großer Bedeutung, aber da ist noch viel mehr. Als ich zum ersten Mal die Geschichte seines Lebens hörte, dachte ich: "Oh mein Gott, das hätte ich nie gedacht!" Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Gedanken darüber gemacht, wie er denn eigentlich aufwuchs, warum er blind wurde, wie er mit dem Greyhound-Bus von Florida quer durchs Land nach Seattle fuhr, wie er dort ganz allein überleben mußste, diskriminiert wurde, drogenabhängig wurde, Sorgen hatte - und trotz aller Schwierigkeiten einen Weg fand, ein unvergleichlicher Künstler zu werden, ein unglaublicher Geschäftsmann und schließlich eine amerikanische Ikone. Ich dachte bei mir: "Diese Geschichte mußs einfach erzählt werden!"

Benjamin meint dazu: "Mit "La Bamba" hatten wir damals die Geschichte dieses Latino-Kids erzählt, das aus dem Nichts heraus zum Star wurde - wenn auch nur für eine kurze Zeit. Rays Geschichte hingegen ist die essentielle amerikanische Erfolgsgeschichte, die die verschiedensten musikalischen Strömungen einschließt und Generationen-überspannend ist. Daran glaubten wir, und nur deshalb hatten wir auch die Kraft, das ganze Projekt durchzuziehen. Und dann fanden sich auch noch die ganzen Stars zur richtigen Zeit am richtigen Ort ein."

1987 traf Hackford Ray Charles zum ersten Mal. Der Anlass dafür war, dass er sich die Rechte an Charles Lebensgeschichte sichern wollte. Im Laufe der nächsten 15 Jahren wurde daraus ein lockeres Arbeitsverhältnis, das einen sehr starken Eindruck beim Filmemacher hinterließ: "Er war gleichzeitig sehr großzügig und sehr hart", erinnert sich der Regisseur. "Er war einer der intelligentesten Menschen, die ich je getroffen habe und außerdem grundehrlich. Natürlich war er kein einfacher Mensch, aber niemand, der so komplex ist, ist das. Nachdem er die schlimmsten Widrigkeiten in seinem Leben gemeistert hatte, legte Ray eine Zuversicht an den Tag, die nur ein Self-Made-Man haben kann. Er war außerdem ein Perfektionist, der von jedem, mit dem er es zu tun hatte, die höchste Konzentration und Hinhabe verlangte. Ganz abgesehen davon, war es schlicht unmöglich, sich von ihm nicht inspiriert zu fühlen."

Das erste Zusammentreffen zwischen den Filmemachern und dem Künstler verlief so gut, dass Ray Charles ihnen die Rechte an seiner Lebensgeschichte überließ. Danach versuchten Benjamin und Hackford über zehn Jahre lang in Hollywood Interesse für den Stoff zu wecken - doch ohne Erfolg. "Stuart war derjenige, der dieses Projekt am Laufen hielt", erinnert sich Hackford. "Er war sehr hartnäckig und wollte es einfach nicht aufgeben. Wir waren von Anfang an davon überzeugt, dass der Film beim Kinopublikum ankommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Zu unserem großen Leidwesen starb Ray Charles leider kurz bevor der Film endlich fertiggestellt war."

Ende der 80er Jahre schrieb Hackford eine erste Drehbuchfassung, die sich vor allem auf intensive und intime Interviews gründete, die er mit Ray Charles geführt hatte und wo er über seine Blindheit ebenso sprach, wie über die sehr komplexe Beziehung zu seiner frühverstorbenen Mutter und seinem Bruder, der vor seinen Augen ertrank. Außerdem nutzten Hackford und Benjamin ihre sehr guten Kontakte zur Musikszene, und so konnten sie aus erster Hand - von Familienangehörigen und Freunden wie Ahmet Ertegun und Quincy Jones - wichtige Details aus Charles' Leben bekommen.

Die Filmemacher und Ray Charles legten sehr viel Wert auf Detailtreue. "Wir haben wirklich nichts geschönt", meint Benjamin. "Denn nur wenn man auch die dunklen Seiten zeigt, erstrahlen die sonnigen Seiten um so heller. Außerdem sollte unser Film wahr und authentisch sein. Keiner von uns hatte auch nur die geringste Lust nur die halbe Geschichte zu erzählen. Und es ist ja nicht so, dass Ray Charles keine Laster gehabt hätte. Aber er hat sie überwunden, als er sah, dass sie ihm das Liebste, das er auf der Welt hatte - nämlich seine Musik - gefährden konnten."

Während des ganzen Entstehungsprozesses war Ray Charles mehr als nur ein kooperativer Begleiter. Er bestand nämlich immer wieder mit großem Nachdruck darauf, bloß nicht die schwarzen Flecken in seiner Biographie unter dem Teppich zu kehren. O-Ton Ray Charles: "Ihr könnt alles erzählen was ihr wollt und ihr könnt mich so darstellen wie ihr wollt, aber das Eine, das ich euch sicher nicht werde durchgehen lassen ist, nicht die Wahrheit zu erzählen, denn das wäre unlauter."

Ein weiterer wichtiger Mitarbeiter bei diesem Projekt wurde Charles' Sohn, Ray Charles Robinson, Jr., einer der Ko-Produzenten des Films. Während der ganzen langen Zeit, als keiner in Hollywood den Film machen wollte, war er es, der nie zuließ, dass wir aufgaben. Ray Jr. liebt und respektiert seinen Vater außerordentlich. Und er weiß ganz genau, welchen Stellenwert sein Vater einnimmt - nicht nur in Musik sondern in der ganzen großen weiten Welt.

Schließlich wurde aber dann aus dem Traumprojekt "Ray" tatsächlich langsam Wirklichkeit. Wesentlich daran beteiligt waren Philip Anschutz, Howard Baldwin und Karen Baldwin, die mit ihrer Firma (bei der Benjamin lange Executive Vice President war) als Produzenten einstiegen. Außerdem brachten Hackford und Benjamin den Drehbuchautor James L. White mit an Bord, der mit "Ray" zum ersten Mal ein Drehbuch für einen Spielfilm schrieb. "Jimmy hat viel mit Ray gemein", erklärt Hackford. "Wie er ist er auch im Süden der USA aufgewachsen, ist auch ein Farbiger und machte genau deshalb auch ein paar unschöne Erfahrungen. Er hat nicht nur ein tiefes Verständnis für Rays Lebensgeschichte - er kann sie zu Teilen sogar selbst nachfühlen. Er nahm sich meinen Drehbuchentwurf zur Vorlage und entwickelte daraus eine Geschichte, die an emotionaler Dichte nichts zu wünschen übrig lässt. Außerdem hatte er ein gutes Gespür für Rays einzigartige, ländlich eingefärbten Dialoge, die dem Script eine hohe Authentizität verleihen."

White führte natürlich selbst unzählige Interviews mit Ray Charles und dessen Freunden und Familienmitgliedern, darunter auch Charles' Ex-Frau und Langzeit-Vertraute Della. "Je mehr ich mich mit den Leuten unterhielt, desto mehr wurde mir klar, dass ich eigentlich eine Liebesgeschichte nach der anderen aufschrieb", meint White. "Es ging um die Liebe zu seinem Bruder, der ertrank, um die Liebe zu seiner Mutter, der er soviel zu verdanken hat, um seine Liebe zu Della und natürlich vor allem um seine Liebe zu seiner Musik - diesem Lebenselixier."

Hackford wollte die Musik von Ray Charles sehr stark als narratives Element in seinen Film einbauen. Deshalb platzierte er dutzende von Songs über das ganze Drehbuch hinweg an strategisch wichtigen Stellen. Damit wollte er nicht nur den Rhythmus und das Tempo des Films vorgeben, sondern auch der emotionalen Verfassung, in der sich Ray Charles in dieser oder jenen Lebensphase befand, Rechnung tragen.

Als das Drehbuch fertig war, ließen es die Filmemacher in die Braille-Blindenschrift übertragen und schickten es Ray Charles zur Begutachtung. Hypernervös warteten sie auf seine Antwort. "Er wollte nur zwei Änderungen haben", erinnert sich Hackford, die beide faktischer Natur waren und absolut nichts mit der kontroversen Darstellung seiner Person zu tun hatten. Mit Ray zu arbeiten war einfach fantastisch. Er hätte nie etwas von uns verlangt, das er sich nicht selbst abverlangt hätte. Er wollte Klasse und Hingabe. Was will man mehr?"

Als es dann schließlich soweit war, dass das Script fertig zum Verfilmen vorlag, war allen Beteiligten klar, dass dafür nur Taylor Hackford in Frage kam. Dazu der Produzent Stuart Benjamin: "Niemand hat so ein tiefes und profundes Wissen und Verständnis wie Taylor, wenn es um Ray Charles geht. Taylor versteht es auch besser als jeder andere, wie man populäre Musik in Filmbildern umwandelt und damit Geschichten erzählt. Und Taylor erzählt mit "Ray" eine zutiefst menschliche Geschichte."

Ray darstellen: Jamie Foxx wird besetzt Als "Ray" langsam Gestalt annahm, stellten sich die Filmemacher die schwerwiegende Frage: Wo würden sie einen Schauspieler finden, der eine so komplexe Rolle meistern und gleichzeitig eine einzigartige amerikanische Ikone darstellen konnte? Die Antwort auf diese Frage war überraschend. Hackford und Benjamin entschieden sich nämlich für Jamie Foxx, der zu diesem Zeitpunkt als Stand-up-Komiker und TV-Star bekannt war, der den beiden aber auch schon in Spielfilmen wie Oliver Stones "An jedem verdammten Sonntag" und Michael Manns "Ali" aufgefallen war.

Hackford war es ganz wichtig, dass derjenige, der Ray Charles letztendlich spielen würde, ein ganz inniges Verhältnis zur Musik haben müsste. Genau das teilte er Jamie Foxx beim ersten Treffen der beiden mit - und war sehr erleichtert zu hören, dass Foxx, ähnlich wie Ray Charles, schon im Alter von drei Jahren mit dem Klavierspielen angefangen hatte. Doch nicht nur das. Der Schauspieler war auch der Bandleader einer Gospel-Gruppe, die regelmäßig in seiner texanischen Heimat in Kirchen auftraten, und Jamie Foxx bekam später sogar ein Universitätsstipendium im Fach Piano. Hackford erinnert sich: "Als Jamie mir das alles erzählte, dachte ich nur, "Oh mein Gott - das hätte ja gar nicht besser sein können!" Ich weiß, das klingt alles ein bisschen so, als ob alles so geplant war, aber das war es nicht. Wir hatten einfach nur Glück gehabt."

Die nächste Hürde war natürlich ein Zusammentreffen zwischen Jamie Foxx und Ray Charles. Bei dieser Begegnung wurden zwei Klaviere nebeneinander aufgestellt - und dann hielten alle vor lauter Anspannung den Atem an. Hackford erinnert sich: "Wie ich ja schon erwähnte, ist Ray Charles nicht gerade einfach - und schon gar nicht, wenn es um seine geliebte Musik geht. Da verlangt er nichts weniger als absolute Perfektion. Jamie, nicht scheu, fing sofort zu spielen an und Ray konnte hören, dass er das Klavierspeilen durchaus drauf hatte. Dann begannen beide zu spielen. Jamie spielte funky Gospel-Sachen , aber es dauerte nicht lange, da ging Ray in Richtung Jazz und spielte ein paar Thelonius Monk-Stücke. Ich dachte, oh nein, die kennt Jamie doch gar nicht. Aber Ray sagte: "Los Mann, spiel es einfach!" und wiederholte ein paar mal die Monk-Akkorde. Aber Jamie packte es nicht. Und Ray ungeduldig: "Los Mann, spiel es endlich. Es ist da - unter deinen Fingern!" Mir wurde schon ganz schlecht vor Aufregung. Aber dann hat es Jamie gepackt und Ray sagte schließlich: "Das ist es. Siehst du? Er kann es doch. Er soll mich spielen." Ich konnte sehen, wie Jamie vor Freude geradezu strahlte. Auf gewisse Weise hat er die Rolle direkt von Ray Charles bekommen."

Bevor Foxx die Rolle übernahm, wusste er nicht viel von Ray Charles, von dessen Musik einmal abgesehen. Und so war es für Foxx eine ziemlich aufregende Reise in Ray Charles Biographie. "Schon beim Drehbuchlesen ging mir auf, dass dieser Film nicht nur über Musik ist, sondern eine phänomenale Geschichte über einen Mann, der auf seinem Lebensweg alle möglichen Hindernisse überwand und nach und nach ein echter Führer in Sachen Kultur wurde. Die Art wie er alles, was ihm widerfahren ist, miteinander verband und in seine Musik einfließen ließ, das war schon etwas ganz besonderes."

Foxx ging voll und ganz in seiner Rolle auf. Nach dem Treffen mit Ray Charles begann er sich optisch immer mehr Ray Charles anzugleichen, zum Beispiel ließ er sich die Haare so schneiden wie er und gewöhnte sich auch eine Reihe von Ticks und Manierismen an, die typisch für den großen Musiker waren. Außerdem hörte er nur noch Soul, Jazz und Blues-Platten, um sich emotional in die richtige Stimmung zu bringen. Er lernte sogar die Braille-Blindenschrift und ging wochenlang nur noch mit einem Tuch vor den Augen durch die Gegend, um das richtige Gespür dafür zu bekommen, was es denn heißt, blind zu sein. Foxx erinnert sich: "Es war schon seltsam, aber plötzlich nicht sehen zu können, machte mich anfangs ziemlich wütend. Es ist total frustrierend. Aber ich stellte auch fest, dass ich viel besser hören konnte und Geräusche wahrnahm, die niemand anderem auffielen."

Bei den Dreharbeiten waren sehr viele erstaunt darüber, wie natürlich und unverkrampft Foxx mit dieser Blindheit umging. Aber Foxx wollte viel mehr, als nur eine gute Ray Charles-Imitation abliefern: "Mir ging es um Nuancen. Ich wollte versuchen auch das darzustellen, was Ray beseelte, was ihn antrieb. Und da gab es viel in Einklang zu bringen: die kleinen Gesten, seine Musikalität, seine Wärme, sein Gefühl für Ausgewogenheit, seine Art und Weise sich zu halten. Das alles mußste mit einer physischen Ähnlichkeit harmonieren."

Um aber noch tiefer in Ray Charles Seele einzudringen, setzte sich Foxx mit dessen ganz persönlichen Hoch und Tiefs auseinander. Foxx nennt Ray Charles' Kindheit einen "gesegneten Fluch". Es war gleichzeitig die Zeit von großem Leid, aber auch der Beginn einer Entwicklung, die ihm zu einem großen, offenherzigen Künstler machte. "Ich bin mir sicher, dass er der, der er wurde, aufgrund dieser schweren Schicksalsschläge wurde. Sicher ein sehr hoher Preis, den er da zahlen mußste. Aber das Erstaunlichste war ja, dass er nie aufgab. Stattdessen sagte er: "Ich will nicht nur arm, blind und schwarz sein. Deshalb nehme ich mein Leben in die eigenen Hände und mache etwas daraus!" Und seine Entscheidungen waren immer glasklar. Er zögerte keine Minute, denn er hatte keine Zeit in der Vergangenheit zu leben."

Foxx war schnell klar, welche ungeheuere Willensstärke von Nöten war, diesen Berg von Hindernissen zu überwinden. "Er hatte viele Handicaps, nicht nur seine Blindheit oder die Tatsache, dass er ein Farbiger war. Anfangs wurde er als simpler Begleitmusiker wie der letzte Dreck behandelt. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich nach und nach zu einem ausgefuchsten Geschäftsmann mauserte. Plötzlich kontrollierte er seine Karriere, wie es noch niemand vor ihm möglich gewesen war. Das hatte sicher mit dieser unbändigen Energie zu tun, aber auch mit Rays Charisma. Leute fühlten sich von ihm einfach angezogen und inspiriert. Sie wollten mit ihm Geschäfte machen und sich seine Gunst nicht verscherzen", meint Foxx.

Foxx war auch sehr gerührt von der großen Liebesgeschichte zwischen Ray Charles und Della, die ihn am Beginn seiner Karriere unterstütze wo sie nur konnte. Und das, obwohl Charles dafür berüchtigt war, bei seinen Tourneen eine Affäre nach der anderen zu haben. Aber Della stand immer zu ihm und spornte ihn nicht nur zu musikalischen Höchstleistungen an, sondern gab ihm auch den Mut, sich seinen Dämonen zu stellen. "Ich weiß, dass die beiden sich wirklich liebten. Della mußs sich wohl gesagt haben, dass sie diesen Mann - egal was er macht - einfach liebt. Und das hat sie dann auch getan. Sie war wirklich eine starke Frau, die alles zusammenhielt und Ray ermöglichte, der Künstler zu sein, der er sein wollte. Sie war der Klebstoff in seinem Leben. Und ganz egal, was er ihr angetan haben mag, tief in seinem Herzen wusste Ray ganz genau, dass er die beste Frau der Welt hatte", meint Foxx.

Je mehr sich Foxx mit dem schillernden Charakter Rays befasste, desto klarer wurde es ihm, wie Ray tickte: "Er lebte in einer sehr unvorhersehbaren Welt und da gab es nur wenige Dinge, auf die er sich verlassen konnte", meint Foxx. "Er konnte sich auf seine Musik verlassen, auf Sex und auf Heroin. Diese Dinge brachten ihn vor allem große Befriedigung, deshalb spielten sie in seinem Leben eine so zentrale Rolle. Und das ging solange gut, bis er erkannte, dass er mit dieser Art zu leben, Menschen - die er liebte - sehr verletzte."

Trotzdem es natürlich eine große Hersauforderung war, so eine komplexe Persönlichkeit wie Ray Charles darzustellen, hatte Jamie Foxx auch viel Freude daran. Vor allem die große Lebensfreude und Energie, die er an den Tag legte. "Es ist mir schließlich klar geworden, dass er gar kein anderer hätte sein können und dass alles in seine Musik einfloss, die so viele Künstler inspirierte. Er hat wirklich Geschichte gemacht und der Welt etwas ganz besonders zurückgelassen. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich ihn kennen lernen durfte," meint Foxx.

Ray Charles war wiederum von Foxx sehr beeindruckt. In einem Interview, kurz vor seinem Tod, sagte er: "Ich kann gar nicht glauben wie gut Foxx ist. Er ist tatsächlich "Ray Charles" geworden. Der Kerl läuft ja sogar wie ich. Er ist wirklich phänomenal gut. Und, er ist ein wunderbarer Mann."

Ray lieben: Die Frauen Man sagt, dass sich Ray Charles nur in Gegenwart von Frauen blind stellte. Seine Verführungskünste und sein Hang für romantische Abenteuer waren legendär. Und natürlich spielten Frauen nicht nur eine große Rolle in seinem Leben, sondern prägten ihn auch. Vor allem diese vier Frauen waren wichtig: Della Bea Robinson, seine Ehefrau, die im Film von Kerry Washington gespielt wird; Margie Hendricks, die feurige Sängerin der Raelettes - so genannt, weil, wenn man als Background-Sängerin aufgenommen werden wollte, mußste man Ray an sich ?ranlassen ("let Ray") -, gespielt von Regina King; Mary Ann Fisher, dargestellt von Aunjanue Ellis, die in den 50er Jahren mit Ray tourte und als "Queen of Blues" bekannt war; und Rays über alles geliebte Mutter Aretha, eine Rolle, mit der Sharon Warren ihr Leinwanddebüt gab.

Als Kerry Washington das Drehbuch las, wurde ihr klar, wie wenig sie von dem Mann wusste, dessen Musik sie ihr Leben lang begleitet hatte. Natürlich war sie auch ganz besonders von der früheren Gospel-Sängerin Della beeindruckt, die mit Ray durch dick und dünn ging. Ganz gleich was geschah, Della hielt Ray immer den Rücken frei - solange, bis sein Lebensstil eine Gefahr für die ganze Familie wurde. "Della hat Ray auf dieser magischen Reise immer begleitet, eine Reise, die aus tiefster Armut zu unvorstellbarem Reichtum und Ruhm führte", meint Washington. "Sie hat immer an ihn geglaubt, hat ihn wirklich geliebt. Bis sie beide an einem Punkt waren, wo sie erkannte, dass der Mann ihres Lebens sich selbst zerstörte."

Für Taylor Hackford war Washington die Idealbesetzung der Frau, die so viele Jahre das starke Fundament dieser Ehe war. "Kerry verkörpert sowohl die Milde und Sensibilität von Della, zeigt aber auch, wie diese Frau zu einem echten Felsen in der Brandung wurde," meint Hackford und fährt fort: "Zu Beginn hat Kerry so etwas Unschuldiges und Blauäugiges, aber dann sieht man, wie sie sich durch das viele Leid verändert und zu dem Menschen wird, der als einziger noch mit Ray sprechen konnte."

Washington traf sich zur Vorbereitung auf die Rolle auch mit der echten Mrs. Robinson. Washington traf auf eine völlig undogmatische Frau. O-Ton Mrs. Robinson: "Sehen Sie, ich mag keinen Brokkoli. Und ich mag es schon gar nicht, wenn mir Leute erzählen, ich solle doch Brokkoli essen. Das ist auch der Grund warum ich nie herumgelaufen bin und die Leute davon abhalten wollte, Drogen zu konsumieren oder Alkohol zu trinken. Denn jeder kann sich doch dafür oder dagegen entscheiden. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wohin die Reise geht."

Dazu Washington: "Ich habe sie als sehr starke, unabhängige und spirituelle Frau erlebt. Ganz sicher hat sie Ray sehr geliebt, zumindest solange, bis diese Liebe sich nicht gegen sie und ihre Familie richtete."

Die Dreharbeiten - und besonders die Zusammenarbeit mit Jamie Foxx - waren für sie ein besonderes Erlebnis: "Jamie ist ja so ein talentierter und hingebungsvoller Schauspieler, was besonders bei den Szenen zur Geltung kam, die wir gemeinsam hatten. Diese Szenen sind von einer besonderen Intimität. Wenn Ray mit Della zusammen war, dann war er ganz er selbst und öffnete seine Seele. Jamie hat das so gut gespielt, dass es für mich ganz leicht war, mich emotional voll einzubringen. Für mich erzählt der Film auch die Geschichte der Selbstfindung von Ray und Della. Della mußste schließlich lernen sich genauso sehr zu lieben wie Ray, und für Ray ging es auch darum, sich selbst zu vergeben und sich endlich seinen Dämonen zu stellen. Und es geht natürlich um Musik. Ich habe seit kurzem jede einzelne CD, die Ray Charles jemals aufgenommen hat."

Regina King mußste sich einer anderen Herausforderung stellen. Sie spielt Margie Hendricks, eine andere wichtige Frau in Rays Leben. Sie war seine Freundin und hochtalentierte Backgroundsängerin der Raelettes, die, kurze Zeit, nachdem sie die Band verlassen hatte, an einer Überdosis Drogen starb. Margie begann ihre Karriere in den 50er Jahren in der Back-up-Gruppe The Cookies. Doch schon bald danach sang sie auf Rays Platten, die er in den 60ern einspielte und war mit ihrer kraftvollen Stimme die ideale Ergänzung zu Rays rauem Bariton.

"Über Margie wurde nur wenig geschrieben", stellt King verwundert fest. "Und dabei hatte sie doch einer der herausragendsten Frauenstimmen in der ganzen amerikanischen Musik. Ich glaube, dass sie in vielerlei Hinsicht Rays Muse war. In ihrer Stimme hörte er den Kirchen-Sound, der ihn dazu inspirierte, seinen eigenen Blues zu etwas völlig Neuem umzumodulieren. Als ich das Drehbuch las, erinnerte ich mich an ihre Stimme und wollte sie unbedingt spielen. Sie schien mir sehr stark und authentisch zu sein. Ihre wechselseitige Anziehungskraft hatte sehr viel mit Musik zu tun. Es war vor allem die Leidenschaft für die Musik, die sie verband. Aber sie waren auch ziemlich rücksichtslose Menschen, und als sie schließlich zu trinken anfing, brannte ihre Beziehung langsam aus. Trotzdem glaube ich, dass er sie wirklich geliebt hat. Schließlich war er auch nur ein Mensch. Und sie spielte in seinem Leben sicher eine ganz wichtige Rolle."

Taylor Hackford war darüber, wie King eine Frau, über die eigentlich wenig bekannt ist, zum Leben erweckte, mehr als begeistert. "Regina hat mich als Margie einfach umgeworfen. Sie ist ja eigentlich eher für die leichte Muse und für ihr komisches Talent bekannt, aber ihre erdige und sehr tragische Performance war einfach fantastisch."

Die Sängerin Mary Ann Fisher hat Ray Charles - laut seiner Autobiographie - zu folgenden Songs inspiriert: "Mary Ann", "What Would I Do Without You" und "Leave My Woman Alone". Sie ging mit Ray 1955 zusammen auf Tour und blieb sogar noch in der Band, nachdem Ray sich 1957 die Raelettes als Background-Sängerinnen holte. Sie verließ 1958 die Band, was auch gleichzeitig das Ende der Liebesaffäre mit dem Bandleader war.

Aunjanue Ellis über ihr Leinwand-Alter-Ego: "Sie hatte eine Zeitlang großen Einfluss auf Rays Musik und auf sein Leben. Sie kam gerade zu der Zeit an Bord, als Rays Sound sich erweiterte und lieferte dafür die perfekte Frauenstimme. Damals verlor Ray auch zunehmend Interesse an seiner Frau und seiner Ehe. Sie war eine der ersten Frauen, deren Leben beruflich, wie privat, ganz und gar um Ray Charles kreiste."

Taylor Hackford über Aunjanues Performance: "Aunjanue gelingt es, die Persönlichkeit von Mary Ann sehr treffend und nuancenreich darzustellen, und das innerhalb der kurzen Auftritte, die sie im Film hat. Dabei ist sie noch unglaublich sexy. Ein unvergessliches Erlebnis."

Aber die Frau, die für Ray Charles' Leben in gewisser Weise die größte Bedeutung hatte, war wohl seine Mutter. Sie gab ihm Selbstvertrauen und Stärke. Sie sagte einmal zu ihm: "Du bist blind, nicht dumm. Du hast dein Augenlicht verloren, nicht deine Fähigkeit zu denken." Sharon Warren spielt diese bemerkenswerte Frau. Und die Theaterschauspielerin gibt in dieser Rolle gleichzeitig ihr Leinwanddebüt. Taylor Hackford erinnert sich, wie er auf Sharon Warren kam. "Als sie zum Vorsprechen kam, fiel mir sofort ihre Energie auf und ihr Charisma. Wir gaben ihr den Text, sie studierte ihn 15 Minuten lang, dann nahmen wir sie auf Band auf. Und schon nach den ersten Sätzen wusste ich: wir haben Aretha gefunden. Endlich, denn wir hatten uns lange erfolglos bemüht, jemanden zu finden, der Ray Charles' Beschreibung seiner Mutter auch nur annähernd nahe kam. Laut Ray war Aretha, die mit 31 Jahren starb, spindeldürr, ausgestattet mit einer unbändigen Lebenskraft und von scharfem und klarem Verstand. Er sagte: "Sie war die wichtigste Person in meinem Leben." So jemanden zu verkörpern ist schwer - und Warren kam, sah und siegte."

Nach dem Ende der Dreharbeiten spielte Hackford Ray eine Szene mit Warren als Aretha vor, wo sie Sätze sagte, die Ray aus seiner Erinnerung hervorgeholt hatte. Ray hörte gebannt zu, dann sagte er leise: "Ja, das ist es. Das ist die Wahrheit."

Natürlich ging Warren voll und ganz in der Rolle auf, was nicht ganz leicht ist, wenn man eine Frau spielt, die Anfang 30 unter tragischen Umständen starb. "Die größte Hilfe, die ich dabei hatte, war meine 87 Jahre alte Großmutter Annie Lou Gould Walker", meint Warren, "die mir viel davon erzählt hat, wie sich das ländliche Leben damals im Süden abspielte. Leider starb meine Großmutter kurz vor den Dreharbeiten. Ich bin außerdem Ray Charles, Jr. ewig dankbar, der mit viel über das Leben seiner Großmutter erzählt hat. Und natürlich war mir auch der Drehbuchautor James L. White und Regisseur Taylor Hackford eine große Hilfe.

Arethas Geschichte ist nämlich ziemlich mysteriös. Das Wenige, was wir von ihr wissen ist, dass sie sehr arm war und sehr zerbrechlich wirkte. Sie verdiente sich ihr Geld mit Kleiderwaschen, denn das war das Einzige, das sie konnte. Sie arbeitete hart für sich und ihre Söhne George und Ray. Und sie gab auch nicht auf, als George starb und Ray blind wurde. Sie setzte alles daran, Ray - trotz dessen Blindheit - auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben vorzubereiten. Sie war eine harte, aber sehr liebevolle Mutter. Denn sie wusste nur zu gut: wenn Ray in dieser Welt überhaupt eine Überlebenschance hätte, dann nur wenn er selbst hart und stark sein würde. Sie wollte nicht, dass man ihn als Aussätzigen oder Krüppel behandelte. Ray war ein vollwertiger Mensch - und so sollte er auch durchs Leben gehen. Je mehr ich über sie und ihr Schicksal nachdachte, desto mehr wollte ich sie stark und authentisch auf die Leinwand bringen, damit sich die Welt ihrer erinnern würde."

Manager und Musiker Ray Charles war umgeben von einer Anzahl hochtalentierter Leute, die ihm dabei halfen, dass sich sein Genie auch richtig entfalten konnte. Für den Film "Ray" war also eine Anzahl von hochkarätigen und charismatischen Schauspielern nötig, die diese Schlüsselfiguren darstellten. Zu den Wichtigsten in Rays Leben gehörten zwei Freunde, die auch seine Manager waren. Es war Jeff Brown, gespielt von dem bekannten Charakterdarsteller Clifton Powell, der in den frühen Jahren sein Tour-Manager war, und Joe Adams, der ihn später ablösen sollte und 40 Jahre lang Ray Charles' Musiker-Karriere managte, gespielt von Harry Lennix.

Taylor Hackford landete mit Clifton Powell einen echten Besetzungs-Coup. "Clifton ist ein fabelhafter Schauspieler, der seine Rolle voll und ganz ausfüllt. Durch seine Art, Jeff Powell darzustellen, bekommt man einen sehr guten Eindruck davon, wie es war, als die beiden versuchten, ins - nicht immer sehr faire - Musik-Business einzusteigen. Jeff war es auch, dem auffiel, wie Ray Charles anfangs von den Leuten unterschätzt wurde."

Mit Joe Adams, der Jeff ablöste, kam dann ein intelligenter, geschmeidiger Typ an Bord, der einen völlig anderen Stil als sein Vorgänger hatte. Harry Lennix, der ihn darstellt, erinnert sich noch mit Freuden an ein unvergessliches Konzert von Ray Charles in der Carnegie Hall. "Ich war damals noch auf dem College. Und es war eine dieser magischen Nächte." Lennix traf sich auch mit dem echten Joe Adams und bekam von ihm einen Crash-Kurs in Sachen ambitioniertes Management. Adams machte ihm auch deutlich, was es in der damaligen Zeit bedeutete, als Farbiger im Big Business mitmischen zu wollen. Lennix erinnert sich: "Joe hatte etwas von einem Renaissance-Mann und war unheimlich gutmütig. Er war früher selbst Schauspieler und stand mit Leuten wie Harry Belafonte und Sidney Portier vor der Kamera, und er war der erste schwarze DJ, der eine landesweit ausgestrahlte Rundfunksendung hatte. Er ist einfach ein äußerst faszinierender Typ."

Dann galt es noch Ahmet Ertegun und Jerry Wexler zu besetzen, die beiden legendären Talentesucher bei Atlantic Records, einer kleinen Plattenfirma, aus der in den 50er Jahren das führende Rhythm and Blues-Label wurde und in den 60er Jahrem Amerikas Soul-Label Nummer eins. Ertegun, der aus der Türkei eingewandert war, half nicht nur Ray Charles auf die Beine und machte ihn einem Mainstream-Publikum bekannt, er war auch an den Erfolgen von u.a. Ruth Brown, Big Joe Turner, The Drifters und The Coasters mitverantwortlich. In den 60ern und 70ern war er der Chef von Atlantic Records, einer Plattenfirma, die mittlerweile Künstler vom Rang einer Aretha Franklin bis hin zu der Bluesrock-Legende Led Zeppelin unter Vertrag hat. Für seine Rolle wählte man den Charakterdarsteller Curtis Armstrong aus. Armstong mußste sich für die Rolle sogar sein dickes, schwarzes Kopfhaar abrasieren lassen, um dem glatzköpfigen Ertegun ähnlich zu sehen.

Aber sobald Armstrong sich mit der Vita von Ertegun intensiv beschäftigt hatte, war es ihm eine Ehre den legendären Platten-Produzenten darzustellen. "Ahmet war ein knallharter und mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann und gleichzeitig aber einer, der das Talent hatte, gute Musiker aufzuspüren. Die Beziehung, die er zu Ray hatte, war eine ganz besondere, denn Ahmet war lange Jahre so etwas wie ein Mentor für ihn. Er erkannte wie kein anderer das Talent, das in Ray schlummerte und gab ihm die Freiheit es zu entfalten. Er hatte auch keine Angst, Ray ein Genie zu nennen, denn das traf ja nur den Nagel auf den Kopf. Sogar als Ray die Plattenfirma wechselte und zu ABC ging, blieben die beiden gute Freunde, denn sie hatten immer eine starke Zuneigung füreinander und großen Respekt."

Jerry Wexler kam 1953 zu Atlantic Records. Schon damals war er einer der besten Produzenten des Landes. Außer mit Ray Charles arbeitete er u.a. mit Künstlern wie Aretha Franklin, Wilson Pickett, LaVern Baker, Dr. John, Dusty Springfield und Bob Dylan. Richard Schiff, bestens bekannt als Toby Ziegler aus der TV-Hit-Serie "The West Wing", wollte vor allem die interessante Mischung aus Cleverness und Musikwissen, die Wexler auszeichnete, darstellen. Dazu Schiff: "Damals waren Ertegun und Wexler ein unschlagbares Team, das nicht nur echte Pionierarbeit leistete und einen guten Riecher für gute Musik hatte, sondern auch peu à peu dem Musikbusiness ihren Stempel aufdrückten. Als ich mich mit Jerry darüber unterhielt, sagte er mir, dass das die glücklichsten Tage seines Lebens gewesen wären. Dem wollte ich auf der Leinwand Rechnung tragen."

Taylor Hackford über die beiden: "Curtis Armstrong und Richard Schiff zeigen sehr gut die symbiotische Partnerschaft zwischen Ahmet Ertegun und Jerry Wexler, die die amerikanische Musikszene dominierte und vor allem für Ray Charles sehr, sehr wichtig war."

Außerdem tritt in "Ray" auch der legendäre Jazz-Künstler Quincy Jones, gespielt von Larenz Tate, in Erscheinung, und zwar als junger, erfolgshungriger Trompeter. Tate hatte schon einmal eine Musiklegende gespielt, nämlich Frankie Lymon, die Doo-Wop-Legende aus den 50er Jahren, in dem Film "Why Do Fools Fall in Love" und war sehr froh darüber, wieder in diese Musik-Szene eintauchen zu können. Und zu seiner großen Freude durfte er sogar die Jazz-Legende Quincy Jones persönlich treffen. "Ich finde es schon sehr bemerkenswert, dass diese beiden Jazz-Giganten schon Freunde waren, bevor jeder für sich zur Legende wurde," meint Tate und fährt fort, "Quincy hat mir erzählt, dass die beiden über 55 Jahre - also bis zu Rays Tod - sehr engen Kontakt miteinander hatten und sich wirklich liebten."

Und wie das Leben manchmal so spielt, stellte sich heraus, dass Tate und Jamie Foxx selbst dicke Freunde sind. "Ich habe Jamie schon gesagt, dass ich von ihm erwarte, dass er mir mindestens die nächsten 55 Jahre die Treue hält", scherzt Tate, "aber auf jeden Fall hat es uns bei den Dreharbeiten sehr geholfen, dass wir Freunde sind. Für uns beide war es eine große Ehre, die beiden Legenden, die in gewisser Weise auch für uns den Weg geebnet haben, zu spielen."

Die hervorragende Besetzung runden noch ein paar echte Musiker ab, darunter Terrence Dashon Howard als Jazz-Gitarrist Gossie McKee, Bokeem Woodbine als der Jazz-Musiker David "Fathead" Newman, Chris Thomas King als West-Coast-Blues-Mann Lowell Fulson und David Krumholtz als Jazz-Impresario Milt Shaw.

Dekaden von Design Nachdem die Besetzung von "Ray" stand, war es eine der wichtigsten Aufgaben, die Welt um ihn herum zu Leben zu erwecken. Und zwar von der ärmlichen Jugend Rays im Süden der USA über die wilden und verschwitzten Chitlin Circuit Clubs, in denen er als junger Mann auftrat, bis hin zu dem super-modernen Aufnahmestudio, das er für sich selbst später in Los Angeles bauen ließ. Da der Film einen Zeitraum von 1930 bis weit in die 70er Jahre umspannt, war Taylor Hackford und Stuart Benjamin klar, dass sie ein sehr kreatives und versiertes Designer-Team brauchen würden.

Dazu Benjamin: "Da der Film ja in verschiedenen Dekaden des vorigen Jahrhunderts spielt, war es für uns sehr wichtig, dass diese jeweils akkurat und typisch dargestellt werden würden und zwar vor allem in Punkto Straßenzüge, Häuser, Innenräume, Kostüme, alte Autos und Instrumente." Schnell kam man überein, dass soviel wie möglich in der Musik-Stadt Amerikas - New Orleans - gedreht werden sollte, ganz gleich ob der Film eigentlich in Seattle, New York oder sonst wo spielte. Wie sich herausstellte, wurde New Orleans schnell zu einer großen Inspirationsquelle für alle Beteiligten.

Taylor Hackford: "New Orleans ist eine der in musikalischer Hinsicht aufregendsten Städte in den USA. Und obwohl ich da 20 Jahre lang ein Haus besessen habe - und die Stadt also gut kannte - überrascht und begeistert sie mich immer noch. New Orleans ist ja nicht nur der Geburtsort des Jazz, nein, aus dieser Stadt kommen noch immer einige der besten Musiker der Welt. Ray Charles verbrachte zu Beginn seiner Karriere viel Zeit hier und ließ sich gerne von den hier typischen R&B-Bläser-Sätzen beeinflussen. Seinen ersten Millionen-Hit, "The Things That I Used To Do" von Guitar Slim, produzierte er in New Orleans. Und so hatten wir immer das Gefühl - auch wenn New Orleans für die verschiedensten Orte im Land herhalten mußste -, dass wir immer in einem Musik-Paradies drehten."

Produktionsdesigner Stephen Altman, der für "Gosford Park" eine Oscar-Nominierung erhalten hatte, sah bei "Ray" die einmalige Chance etwas zu tun, was er vorher noch nie getan hatte: "Mein Ziel bei jedem Film ist es, ihn so aussehen zu lassen, wie keinen anderen Film, den ich je gesehen habe. Für mich steht Originalität an oberster Stelle. Und New Orleans hat mir sehr dabei geholfen, das zu erreichen."

Für Altman war Authentizität oberstes Gebot. Aber leider machte er bald die bittere Erfahrung, dass die meisten Clubs, in denen Ray Charles damals spielte, nie fotografiert worden waren und Ray sie - aufgrund seiner Blindheit - nie selbst gesehen hatte. "Natürlich haben wir intensive Nachforschungen angestellt, um herauszukriegen, wie die Clubs eingerichtet waren und wie die Bands auf der Bühne aussahen. Wenn nichts mehr ging, dann haben wir uns einfach auf unsere Fantasie verlassen. Vor allem aber wollten wir natürlich das damalige Feeling von Sinnlichkeit und Freiheit einfangen."

Um dies zu erreichen, einigten sich Hackford, Altman und die Kostümdesignerin Sharen Davis auf ein Schlüsselwort: Das ganze Film-Desgin von "Ray" sollte pulsieren! Es wurden also leuchtende Farben und lebhafte Oberflächen gebraucht, die einerseits die Sinnlichkeit und Leidenschaft in Rays Musik widerspiegeln sollten, wie auch sein turbulentes Innenleben. Aufgrund eines bescheidenen Budgets war es Altman leider nicht möglich, sehr viele der historischen Schauplätze zu kreieren, wo Ray auftrat oder lebte. Deshalb kamen Hackford und Altman überein, viele historische Archivaufnahmen zu verwenden. So wurden also Originalaufnahmen von Seattle, New York, Los Angeles, Chicago, Paris und Rom verwandt. Hackford meint dazu: "Unsere Strategie war es, von diesen Archivaufnahmen hinüber zu kleineren, intimeren Schauplätzen zu schneiden, die wir in New York und New Orleans aufgenommen haben, damit sie Steve dann je nach Bedarf in die Originalaufnahmen hineinmontieren - oder daraus entfernen konnte. Das erforderte, wie man sich denken kann, ein enormes Fingerspitzengefühl."

Natürlich waren einige dieser Archivaufnahmen in einem sehr schlechten Zustand und mußsten erst digital bearbeitet werden, damit sie gebraucht werden konnten. Altman benutzte ungefähr zwei Drittel echte Drehorte und nur ein Drittel Bühnenaufbauten. Die Bühnenaufbauten konnten naturgemäß natürlich viel leichter den verschiedenen Zeitperioden angepasst werden. Zu den echten Schauplätzen gehörte z.B. das RPM Studio in Los Angeles am Washington Boulevard, das Ray Charles 1960 selbst gründete, und das bis zu seinem Lebensende sein Hauptsitz blieb. Altman erinnert sich: "Natürlich war das etwas ganz Besonderes, dort drehen zu können, und natürlich mußsten wir es ein bisschen entmodernisieren und wieder in den "alten" Zustand versetzen."

Andere Schauplätze waren zwei historische Theater in New Orleans: Das um 1900 erbaute Orpheum Theatre und das Saenger Theater, Baujahr 1927. Dann wurden noch Außenaufnahmen von Rays erstem Haus, das er in Los Angeles bezog, gemacht. Und zwar nahe dem Coliseum in der Hepburn Straße. Und Innen- und Außenaufnahmen von seinem Haus in View Park.

Während der ganzen Produktion arbeitete Altman sehr eng mit Hackford zusammen sowie mit dem Kameramann Pawel Edelman, der auch bei Roman Polanskis Oscar-prämiertem "Der Pianist" hinter der Kamera stand. Pawel, der u.a. auch mit einem von Taylor Hackfords Lieblingsregisseuren, Andrzej Wajda, zusammengearbeitet hatte, war wie die meisten bei diesem Film, ein großer Ray Charles-Fan, der sich die in Polen lange verbotenen Platten auf dem Schwarzmarkt besorgte. Edelman und Hackford diskutierten sehr eindringlich den "Look" des Films, denn Hackford wollte für die drei unterschiedlichen Realitätsebenen des Films auch drei verschiedene visuelle Ausdrucksformen. Da war zum einen die linear erzählte Geschichte, die Rays musikalische Karriere im Blick hatte, dann die Rückblenden, die Ereignisse in Rays Kindheit zeigten, und schließlich Rays Visionen von seiner Mutter Aretha, die psychologisch motivierte Traum- bzw. Alptraumsequenzen sein sollten. "Normalerweise wird im Film die lineare Ebene in natürlichen Farben fotografiert und die Rückblenden sind dann stumm oder verfremdet", meint Hackford. "Wir haben die Sache umgedreht. Und unsere "natürlichen Farben" wurden so bearbeitet, dass sie fast hyper-real wirkten. Man darf nicht vergessen, dass Ray anfangs ja sehen konnte und deshalb wollte ich auch optisch klar machen, wie leuchtend er die Farben, sagen wir, an einem wunderschönen Frühjahrstag, empfunden haben mußste."

Edelman hatte den ganzen Film ganz normal gedreht, und erst in der Post-Produktion wurden dann die einzelnen Effekte (z.B. monochromatische Einfärbungen) hinzugefügt. Für Edelman und Hackford war auch die Bewegung der Kamera von großer strategischer Bedeutung. Bei den Flashbacks waren so gut wie keine Bewegungen sichtbar, denn hier sollte Vertrautheit, Sicherheit und Bodenständigkeit suggeriert werden. Sobald Ray aber den Greyhound-Bus bestieg und quer durch Amerika reiste, setzte sich auch die Kamera in Bewegung - und hörte nicht mehr auf sich zu bewegen - ganz genau so wie sein richtiges Leben. Hackford fügt erklärend hinzu: "In den Szenen zu Beginn haben wir Kamerawagen und Kräne benutzt, die einen ruhigen und geschmeidigen Bewegungsablauf garantierten. Dann, als Ray und Della heiraten, wird das Tempo langsamer, denn es soll mit der Stabilität in Rays Leben korrespondieren. Als dann Rays Ambitionen ins Spiel kommen und sein Ego an Fahrt aufnimmt, und er außerdem noch Heroin spritzt, da kommt dann die Handkamera zum Einsatz, um die wachsende Instabilität in seinem Leben auszudrücken. Und am Ende des Films, wenn sich Ray vom Heroin lossagt und Frieden schließt mit seiner Mutter und seinem Bruder, da wird die Kamera wieder langsamer, bis sie schließlich ganz anhält."

Auch die Kostümdesignerin Sharon Davis trug natürlich ihren Teil dazu bei, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, eine Vergangenheit, die übrigens eher selten in Filmen abgebildet wird. Ihr dienten eine Menge von Fotografien von Charles und anderen Musikern des Chitlin Circuit und natürlich auch aus anderen verschiedenen Zeitepochen als Vorlagen und Inspirationsquellen. Ray Charles selbst war ja nie besonders auffallend angezogen (seine "Uniform" damals bestand aus Anzug und Krawatte). Da waren die Raelettes schon eher ein Blickfang. "Ich habe die Original-Silhouetten ihrer Kostüme benutzt und sie mit kräftigen Farben zusätzlich etwas aufgepeppt", so Davis und meint weiter: "Als Ray dann immer erfolgreicher wurde, veränderte sich auch sein Outfit. Sein Markenzeichen in den 60er und 70er Jahren waren bunte Smokings. Und auch die Raelettes zogen sich etwas freizügiger an. Zu Beginn seiner Karriere legte Ray sehr viel Wert darauf, dass sie nicht zu sexy auf die Bühne gingen. Er wollte keine Go-Go-Girls, sondern Sängerinnen mit Klasse."

Davis war absolut davon fasziniert, dass Ray alle seine Kleidungsstücke nummerierte, und so immer und überall in der Lage war, sich selbst anzukleiden. Und worauf er besonders Wert legte war, dass seine Kleider wie angegossen passten. Und so war es nicht verwunderlich, dass ihm fast alle Kleidungsstücke auf den Leib geschneidert waren. Natürlich verfuhr Davis auch mit Jamie Foxx so - und das bei über 100 Film-Outfits. Dazu kamen dann noch einige Dutzende von Ray Charles-typischen Sonnenbrillen.

Für Kerry Washington alias Della Robinson entwarf Davis ebenfalls diverse Kleider und Kostüme, anfangs in lieblichen Bonbonfarben. Was sich allerdings änderte, je reifer Della wurde. "Anfangs war Della ja entweder schwanger oder als Hausfrau tätig. Als sie dann so Anfang der 60er mehr Geld hatte, begann sie ihren Stil zu ändern und trug auch schon mal Juwelen-Schmuck und maßgefertigte Kleider. Aber sie war nie protzig oder geschmacklos", meint Davis. "Ganz im Gegensatz zu Margie Hendricks, die sich sehr gerne mit Juwelen aller Art behängte. Margie war nie dezent, sondern immer so angezogen, als wollte sie in der Stadt einen draufmachen. Sie trug außerdem auch Hosen - was für eine Frau zu jener Zeit ein sehr mutiges Mode-Statement war. Aber sie war ja auch eine sehr mutige Frau." Bei ihrer Arbeit wurde Davis von Taylor Hackford aufs Beste unterstützt, denn dieser hatte - wie sie schnell bemerken mußste - ein untrügliches, modisches Gespür dafür, was passte - oder eben nicht.

Um die Schauspieler im rechten Licht strahlen zu lassen, war natürlich das richtige Make-up von entscheidender Bedeutung. Vor allem Jamie Foxx dem blinden Ray Charles so ähnlich wie möglich sehen zu lassen, war eine große Herausforderung. Jeden Tag saß Jamie Foxx stundenlang in der Maske und mußste die verschiedensten Prozeduren über sich ergehen lassen, wobei vor allem seine Augen "behandelt" wurden. Ray Charles hatte nämlich nur ein Auge offen - das andere war zugenäht. Also verklebte man Jamie täglich das eine Auge mit einem Spezialkleber. Was ihm allerdings etwas schwindlig machte, weil dadurch sein Gleichgewichtssinn erheblich gestört wurde. Dadurch bekam er allerdings ein völlig anderes Bewegungsgefühl, was wiederum sehr wesentlich dazu beitrug, Ray Charles zu werden. Die Filmemacher legten großen Wert darauf, dass der filmische Look nicht nur Ray Charles' großartiger Musik entsprechen, sondern weit darüber hinausgehen sollte. Etwas, das man mit Worten nur schwer beschreiben kann, das aber "etwas mit Poesie zu tun hat", wie Paul Hirsch, der für den Schnitt zuständig war, meinte. Was man auf der Leinwand sieht, wurde durch das Drehbuch vorgegeben: Die Verschmelzung von Songs und Szenen mittels Design. Und Hirsch weiter: "Das entstand nicht etwa erst im Schneideraum, sondern war schon vorher minutiös geplant und festgelegt. Wir benutzten hier zum Beispiel Ein- und Ausblenden viel häufiger, als das heute im Film üblich ist. Bei einigen Szenen blendeten wir nur - bei völliger Dunkelheit - Stimmen ein, um so ein Gefühl von Nicht-sehen-können zu erzeugen. Da Hackford meistens vor Ort drehte, bekam ich nicht die einzelnen Dailies zu sehen, sondern gleich eine Filmrolle auf einmal. Taylor hat mir bei der Bearbeitung des Materials absolute Freiheit gegeben, was umso bemerkenswerter ist, da dies unsere erste Zusammenarbeit war. Taylor gehört zu den Regisseuren, die solange drehen, bis sie genau das im Kasten haben, was sie wollen. So wusste ich, dass das "gültige" Material sich immer unter den letzten Takes befand. Da man einen Film immer nur einmal zum ersten Mal sehen kann, lag mir viel daran, dass ich die einzelnen Takes dem Regisseur schon sehr gut bearbeitet zur Begutachtung vorlegte. Ich versuche schon gleich zu Beginn etwas Besseres als nur den Rohschnitt zu liefern. Gewöhnlich bringe ich mich da schon ziemlich ein - aber das war bei "Ray" gar nicht nötig, so gut war das Ausgangsmaterial."

Hirsch lieferte seine erste Schnittfassung etwa vier Wochen nach Ende der Dreharbeiten. Danach verbrachten er und Hackford Monate im Schneideraum, um daran zu arbeiten. Niemand redete den beiden bei ihrer Arbeit hinein.

"Paul war erst ein Monat, nachdem wir mit den Dreharbeiten begonnen hatten, an Bord", meint Hackford, was extrem ungewöhnlich ist. Ich hatte noch nie zuvor mit ihm gearbeitet und habe ihn einfach anhand seiner beeindruckenden Liste von guten Filmen, an denen er mitgewirkt hatte, besetzt. Er kam zu mir nach New Orleans und wir unterhielten uns ein ganzes Wochenende über das Projekt. Und ich versuchte ihm meine Vision des Films nahe zu bringen. Er hörte aufmerksam zu. Dann flog er zurück nach Los Angeles und begann mit dem Filmschnitt. Drei Monate später zeigte er mir seine komplette Schnittfassung. Zuerst fühlte ich mich ein bisschen zittrig, aber schon nach einigen Minuten entspanne ich mich. Er hatte fantastische Arbeit geleistet. Es war schon unglaublich, wie genau er meine Intensionen getroffen hatte. Mit ihm die nächsten Monate zu arbeiten, war eine einzige Freude."

Zu guter letzt: Die Musik Die Seele des Films ist natürlich Ray Charles' Musik. Und deshalb hatte sich Regisseur Taylor Hackford auch dazu entschlossen, die Lebensgeschichte von Ray Charles - wann immer es möglich war - durch seine Songs erzählen zu lassen. Dafür hat Hackford einige Schlüssel-Songs zusammengestellt, unter anderem die folgenden:

I'VE GOT A WOMAN: Dieser Song war der Startschuss zu Ray Charles' einmaliger Karriere. In diesem Lied hat er die Zukunft der amerikanischen Musik ein für alle Mal verändert, indem er Gospel und R&B-Klänge in eine neue Form goss, die "Soul" genannt wurde. Elvis Presley wurde auf den Song aufmerksam, als er 1955 in der R&B-Hitparade war. Außerdem entzündete sich an ihm eine heftige Diskussion darüber, ob es gotteslästerlich sei, dass man auf Gospel-Art über Begierde singen durfte.

DROWN IN MY OWN TEARS: Ray Charles hatte damit 1956 einen großen Hit. Ein Song, der ursprünglich von Henry Glover für die Sängerin Lula Reed geschrieben wurde. Seine langsamere, im Stil eines Spirituals vorgetragene Interpretation machte diesen Song zu einer klassischen, herzzerreißenden Ballade.

WHAT'D I SAY: Für viele ist das der quintessentielle Ray Charles-Song. Bei diesem Song, der 1959 ein großer Hit war, spielt Ray Charles Electric-Piano und sang - in Frage-und-Antwort-Manier - auf eine extrem sexuell eingefärbte Art und Weise. Das Lied wurde damals sogar von einigen Radiostationen auf den Index gesetzt. Im Jahr 2003 wurde es von der Library of Congress als eine der signifikantesten amerikanischen Plattenaufnahmen in die Bibliothek aufgenommen.

GEORGIA ON MY MIND: Mit diesem Hoagy Carmichael-Song hatte Ray Charles seinen ersten Nummer Eins-Hit. Später wurde der Song der offizielle Song des Bundesstaates Georgia. Bei diesem Lied entwickelte sich Ray Charles in eine neue Richtung weiter, indem er einen Chor und ein Streichorchester benutzte, statt den süßen und aufreizenden Back-Up-Gesang der Raelettes.P HIT THE ROAD JACK: Ein Nummer Eins-Hit im Jahre 1961. Bei diesem Song glänzte Margie Hendricks mit ihrem unvergleichlichen Gesang und einer Stimme, die einem ein Loch ins Herz bohrte, wenn sie Ray dazu aufforderte, die Stadt zu verlassen.

UNCHAIN MY HEART: Sehr funky und soulig. Ein Mann bittet seine Liebesaffäre, ihn endlich (für eine andere Frau) freizugeben. Inklusive lateinamerikanische Rhythmen, der berühmte, dreistimmige Satzgesang der Raelettes und Ray Charles' emotionsgeladene Stimme.

I CAN'T STOP LOVING YOU: Charles' ganz eigenwillige, soulige Interpretation des Country-Klassikers. Der Song wurde als erste Single aus dem Album Modern Sounds in Country & Western ausgekoppelt. Diese Ballade hielt sich zehn Wochen hintereinander in den Top Ten der Billboard R&B-Charts und verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

"Musikalisch war der Film eine ziemlich komplizierte Angelegenheit", meint Taylor Hackford. "Wir haben ca. 40 Songs in den Film eingebaut, und zwar so, dass sie nicht nur die Handlung weitererzählten und ergänzten, sondern auch die jeweils gewünschte Stimmung erzeugten. Der Song hatte also immer sehr konkret mit dem, was gerade auf der Leinwand zu sehen war, zu tun - und umgekehrt."

Um Ray Charles elektrisierender und packender Musik gerecht zu werden, holte sich Hackford Curt Sobel, der die Musikaufnahmen überwachen sollte. Für Sobel war das eine große Sache: "Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass Ray Charles zu den wichtigsten Kulturträgern des 20. Jahrhunderts gehört. Er war der Erste, der das Beste aus der Country-Music, dem Gospel-Feeling, der Boogie-Woogie-Ausgelassenheit und der Tiefe des Blues zusammenfließen ließ, und daraus etwas völlig Einzigartiges und Neues machte." Natürlich standen Sobel alle Aufnahmen zur Verfügung, die Ray Charles je gemacht hatte, und mehr noch: Sobel hatte sogar das Glück, mit Ray Charles höchstpersönlich arbeiten zu können, und zwar als er Teil einer Band (aus New Orleans) war, die für den Film frühe Ray Charles-Titel einspielte, und so taten, als seien sie seine Original-Band von früher. Zu diesen Aufnahmen sang sich dann - lippensynchron - Jamie Foxx die Seele aus dem Leib, um den jungen Ray Charles mit all seinem Feuer darzustellen. Sobel erinnert sich: Jamie war wirklich so unheimlich gut darin, dass Ray Charles keine Probleme hatte, auf Jamie zurückzugreifen, wann immer es erforderlich war."

Mit Ray Charles arbeiten zu können, war für Sobel die Erfüllung eines großen Traums. "Für mich war das einfach fantastisch und unheimlich aufregend, Ray Charles - der in jeder Situation ein echter Gentleman war - dabei beobachten zu dürfen, wie er mit den Musikern umging und mit welcher Perfektion er das tat. Manchmal spielten wir ihm Songs vor, die wir im Film gerne benutzen wollten. Er hörte sie sich eine Minute lang an, setzte sich dann ans Klavier und begann einfach zu spielen. Er war ein phänomenaler Musiker und wir hatten wirklich sehr großes Glück, dass wir ihn mit an Bord hatten."

Sobel nahm Ray Charles sogar beim Spielen auf Video auf, sodass Foxx die Bewegungsabläufe von Rays Händen kopieren konnte. Sobel war von Jamie Foxx total begeistert: "Manchmal war es sogar fast unmöglich, ihn und den echten Ray Charles auseinanderhalten zu können. Er lernte auch alle diese schwierigen Klavierparts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Schauspieler Ray Charles so überzeugend hätte darstellen können."

Für den Soundtrack von "Ray" suchte Taylor Hackford einen versierten Komponisten, der die Sogwirkung eines Pop-Songs genauso handhaben konnte wie die emotionale Tiefe eines Streichorchesters. Hackford fand diesen Allround-Musiker schließlich mit Craig Armstrong, der u.a. die innovativen und preisgekrönten Arrangements zu dem Hit-Musical "Moulin Rouge" gemacht hatte. Außerdem hatte er sich einen guten Namen durch die Zusammenarbeit mit Madonna, U2 und Massive Attack gemacht - sowie durch eigene, vielgerühmte klassische Kompositionen. Dazu Hackford: "Der Film wird sicher von Rays Original-Songs gezogen, aber für gewisse innere Stimmungen, die die Schmerzen und das viele Leid ausdrücken sollen, hat Craig wunderschöne Filmmusik geschrieben. Musik, die einerseits von Ray Charles inspiriert ist, andererseits einen Kontrast zu dessen zeitloser Musik bildet."

Sehr viele erstklassige Künstler und Handwerker trugen dazu bei, dass "Ray" zu dem wurde, was wir jetzt auf der Leinwand sehen können. Taylor Hackford ist für den Einsatz aller mehr als dankbar: "Das, was mir wirklich bei der Herstellung dieses Films gefallen hat ist, dass jeder Teil des Films die Anstrengung und Begeisterung der Beteiligten spüren lässt. Was die Darsteller und der Stab haben entstehen lassen, ist nicht ein nostalgischer Blick zurück - sondern ein Film über einen Mann, der etwas Revolutionäres in Gang setzte, etwas, das sowohl heutige, als auch künftige Künstler inspiriert und begeistert."

Ray Charles Lebenslauf
  • Ray Charles Robinson wird am 23. September 1930, in Albany, im US-Bundesstaat Georgia, geboren.
  • 1937 Ein Jahr nachdem sein Bruder ertrinkt, verliert Ray Charles sein Augenlicht.
  • 1948 Ray verlässt den Süden und mischt sich unter die Jazz-Szene in Seattle.
  • 1949 Ist er zum erstenmal in der Hitparade mit dem Song "Confession Blues" (Swingtime Records).
  • 1952 Er erhält einen Plattenvertrag bei Atlantic Records.
  • 1955 "I've Got A Woman" kommt auf Platz 2 der R&B-Hitparade.
  • 1956 Ray hat mit "Drown In My Own Tears" seine erste Nummer Eins in den R&B-Charts.
  • 1959 Er verlässt Atlantic Records und geht zu ABC Paramount.
  • 1960 "Georgia On My Mind" wird Rays erster nationaler Nummer Eins-Hit und bringt ihm seinen ersten Grammy ein. Außerdem kommt seine erste LP für ABC Records, "The Genius Hits The Road", unter die Top Ten.
  • 1962 "Modern Sounds In Country & Western Music" wird die Nummer eins.
  • 1966 Wird wegen Besitz von Heroin verurteilt und geht daraufhin in den Drogenentzug.
  • 1979 "Georgia On My Mind" wird die offizielle Hymne des US-Bundesstaates Georgia.
  • 1986 Ray Charles wird in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen.
  • 1987 Er erhält bei der Grammy-Verleihung den Lifetime Achievement Award.
  • 1994 Gewinnt den zwölften Grammy in seiner Karriere für "A Song For You".
  • 2003 Die Library of Congress nimmt "What'd I Say" als einen der wichtigsten amerikanischen Songs in ihren Kanon auf.
  • Ray Charles stirbt am 11. Juni 2004 im Alter von 73 Jahren.
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