Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse

Produktionsnotizen

Sehr geehrter Berichterstatter,

es betrübt mich sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Film, über den Sie gerade lesen, außergewöhnlich unangenehm ist, was in diesem Fall bedeutet, dass darin "drei erfindungs-reiche Waisenkinder, ein düsterer Bösewicht und ein haarsträubender Zwischenfall" enthalten sind.


Es ist die Geschichte der Baudelaire-Geschwister, die - obgleich sie ungewöhnlich clever und charmant sind - ein Leben voll des Leids und Elends führen. Allein in diesem auf-sehenerregenden Kino-Event werden Sie einem furchtbaren Brand, trüber Beleuchtung, großer Tragödie, einer riesigen Schlange, niederer Komödie, menschenfressenden Blutegeln und Jim Carrey begegnen.

Ich werde mich weiterhin der Aufgabe widmen, die rätselhaften Ereignisse zu erforschen, denen die Baudelaire-Waisenkinder in den Fängen des bösartigen Graf Olaf zum Opfer fallen, doch Ihnen steht es frei, nach leichterer Kost zu streben, wie zum Beispiel einem Dokumentarfilm über Käsefondue.

Hochachtungsvoll,

Lemony Snicket

Die erschreckende Geschichte Schon seit den Märchen der Gebrüder Grimm, ebenso in den moralisierenden Fabeln der viktorianischen Ära und in den verzerrten Welten von Roald Dahl gibt es in Kinderbüchern eine lange Tradition von absurden und schrecklichen Dingen, die ganz normalen und netten Kindern zustoßen. Die elf vom geheimnisumwitterten Lemony Snicket verfassten und erzählten Bücher - der von manchen beschuldigt wird, eigentlich der 34-jährige Autor Daniel Handler zu sein - spinnen genau diese Tradition weiter, führen sie in ungeahnte Höhen ... und lassen sie dann eine Klippe hinabstürzen.

Als verblüffende Schilderung von Kinderschicksalen und bösen Grafen der heutigen Zeit, haben Mr. Snickets Romane sich von Seiten der Kritik großes Lob erworben und sind überaus beliebt. Es waren die ersten Bücher, die die Harry Potter-Serie von der Spitze der Bestseller-Liste der Kinderbücher der New York Times verdrängen konnten. Seither war Lemony Snicket insgesamt über 600 Wochen lang auf dieser Liste vertreten und ist von renommierten Publikationen, darunter die New York Times, Entertainment Weekly und U.S. News and World Report, in Rezensionen begeistert gefeiert worden. Weltweit wurden über 27 Millionen Exemplare von Mr. Snickets Büchern verkauft - trotz des wiederholten dringlichen Flehens des Autors, doch "etwas anderes zu lesen"!

Nun verdunkelt eine Filmadaption unter der Regie von Brad Silberling, mit einem verwirrend talentierten Schauspielerensemble, zu dem auch Jim Carrey und Meryl Streep gehören, unsere Kinos. Der Film setzt den gleichen subversiven Humor, die Gefahren, die launigen Spleens, die Vorstellungskraft, die herzzerreißenden Gefühlsanwandlungen, den stilistischen Einfallsreichtum und die menschenfressenden Blutegel ein, die Mr. Snickets Bücher so einzigartig machen.

"Ich habe sie angefleht, es nicht zu tun. Ich habe sie angefleht, keinen guten Regisseur zu engagieren. Ich habe sie angefleht, keine talentierten Schauspieler zu besetzen. Ich habe sie angefleht, ihren Film auf keinem meiner Bücher basieren zu lassen, und stattdessen haben sie drei davon ausgewählt!", stöhnt Mr. Snicket, und spricht zu uns von einem unbekanntem Ort aus, entweder ein Erdloch oder eine Luxusvilla. "Meine letzte Hoffnung ist, dass ganze Horden von Freiwilligen dieses Zitat lesen, jedes verfügbare Kinoticket aufkaufen, und dann nicht ins Kino gehen, um diesen Film zu sehen."

"Lemony Snicket ist eine der originellsten Stimmen dort draußen", sagt Mr. Carrey, und ignoriert dabei vollständig Mr. Snickets Befindlichkeit. "Seine aberwitzige kleine Reise in das Leben dieser Kinder ist sowohl wunderbar als auch furchterregend."

Meryl Streep, deren Tochter "völlig begeistert von diesem Projekt" war, konnte die Gelegenheit, in diesem Film zu sein, nicht ungenutzt verstreichen lassen. "Was an dieser Geschichte so interessant ist, ist die Tatsache, dass sie zeigt, wie unabhängig Kinder sein können", merkt Meryl Streep an. "Die Geschichte verwirklicht die Fantasie der Kinder, völlig für sich selbst verantwortlich zu sein, und - wie im Fall der Baudelaire-Geschwister - auch noch schlauer als jeder Erwachsene in ihrer Umgebung." Die Schauspielerin äußerte sich jedoch nicht über die Tatsache, dass eines der Kinder im Film gezwungen wird, sich als Kamel zu verkleiden, wenn auch nur für kurze Zeit.

Schauspieler Jude Law, der im Original die Stimme von Lemony Snicket spricht, erfuhr von dessen Büchern, als sein Sohn eines davon begeistert von der Schule mit nach Hause brachte, obwohl er scheinbar von niemandem verfolgt wurde.

"Die Lemony-Snicket-Bücher erregen die Aufmerksamkeit der Kinder und auch ihrer Eltern in einer ganz einzigartigen Weise", meint Mr. Law, und sagt, sein Erzähler, wenn auch gesichts-los, sei den Kindern emotional verbunden und beobachte sie aus der Ferne. "Anders als die meisten Bücher für junge Leser hat diese Serie eher düstere Elemente, und das scheint Men-schen in jedem Alter zu faszinieren."

Düster ist ein Wort, das wahrscheinlich auf Graf Olaf anspielt, ein schrecklicher Schurke und noch schrecklicherer Schauspieler, der hier von Mr. Carrey verkörpert wird. Wieder und wieder sehen sich die Kinder gezwungen, auf ihre eigene Intelligenz und besondere Begabungen zu vertrauen, um den Fängen des Grafen zu entkommen. Manche glauben, Graf Olaf sei eine Quelle von komödiantischen Entspannungsmomenten. Andere wiederum sind überzeugt, er rieche eigenartig und habe nur eine Augenbraue. Wieder andere meinen, er sei einer der furcht-erregendsten Bösewichte der Filmgeschichte seit Joan Crawford.

Für Regisseur Brad Silberling gestehen die Bücher den Kindern einen eigenen Sinn für Humor zu, und lassen sich von niemandem einschränken. Genauso sei er auch an die Regiearbeit herangegangen: "Die Bücher sind rebellisch, sie riskieren viel, und das tut der Film auch." Man mußs jedoch anmerken, dass es nicht Mr. Silberling ist, der viel riskiert, wenn ein Stunt-Kind von einer Klippe heruntergehängt werden mußs.

Aufbauend auf dem Thema, dass die Erwachsenen den Kindern oft nicht zuhören, wenn sie es doch sollten, handelt die Geschichte laut Angaben von Mr. Silberling von Überlebenswillen und Standhaftigkeit. Sie bestätigt die Kraft, die Kinder entwickeln können, wenn sie auf ihre eigene Erfindungsgabe vertrauen - besonders in einer Welt, die fremd, unfreundlich und voller kratzender Kleidung sein kann.

"Lemony Snickets Welt ist ein Aufeinanderprallen verschiedener Zeiten, in der Computer und Kopfsteinpflaster gleichzeitig existieren - und diese Kinder müssen in dieser eigenartigen Umgebung ihre Kreativität entfalten", meint Mr. Silberling. "Es ist einfach eine wunderbare Geschichte, die sich anfühlt, als sei sie einer weit zurückliegenden Zeit entsprungen, die aber gleichzeitig im technologischen Sinne sehr zeitgenössisch ist - genau wie die Themen, die angesprochen werden." Solche Themen können zum Beispiel nachbarliche Selbstjustiz, Helfershelfer mit Hakenhänden und Kühlschränke sein.

Ausführende Produzentin Julia Pistor, die auch Senior Vice President von Nickelodeon Movies ist, erinnert sich daran, als das Team bei Nick Movies im Jahr 1999 zum ersten Mal auf Lemony Snicket stieß, kurz vor dem Erscheinen von Der schrecklicke Anfang, Das Haus der Schlangen und Der Seufzersee, die ersten drei Bücher der Serie, auf denen auch dieser Film basiert.

"Wir haben die Buchmanuskripte gelesen und uns die Rechte so schnell wir nur konnten gesichert, denn wir liebten den unterschwellig subversiven Humor", erinnert sich Ms. Pistor. "Das war im Kinderbuchgenre etwas völlig neues, und die Geschichte dieser bemerkenswerten Kinder, die ständig die Erwachsenen austricksen, passte perfekt in das Oeuvre von Nickelodeon." Oeuvre ist ein Wort, das hier wahrscheinlich entweder "Schafskäseomelette" oder "gesammelte Werke" heißen soll, je nachdem, wie man es ausspricht.

Produzent Walter F. Parkes merkt an, der Film sei nicht nur eine Abenteuergeschichte über drei clevere Geschwister, sondern auch die Geschichte von Lemony Snicket selbst, der mit allen Figuren - den jungen und den alten - auf ganz besondere Weise verbunden ist.

Er sagt: "Am Ende des Films hat man tatsächlich den Eindruck, dass Lemony die Lebenswege von allen Beteiligten weiterverfolgen wird, denn ihre Geschichten müssen weitererzählt wer-den." Dann setzt sich Mr. Parkes eine dunkle Sonnenbrille auf und klebt sich einen falschen Schnurrbart an, weil er meint, es sei gut möglich, dass Mr. Snicket auch ihn verfolge.

Produzentin Laurie MacDonald stimmt dem zu und fügt hinzu, sie habe noch nie so ausgefeilte und lustige Kinderbücher wie diese gelesen, die darüber hinaus auch noch etwas Wichtiges zu vermitteln hätten. "Trotz des respektlosen komödiantischen Tons handelt der Film, genau wie die Bücher, vom Willen zu überleben", meint Ms. MacDonald. "Tatsache ist, dass die Baudelaire-Geschwister zu wissen scheinen, wie sie mit ihrer Erfindungsgabe alle Widrigkeiten überwinden können, während die Erwachsenen eher blind für all die Dinge sind, die sich um sie herum abspielen." Ms. MacDonald stieß daraufhin auf eine aufgebrachte Menschenmenge, als sie versuchte, den Raum zu verlassen.

Auch eine weitere Person, die sich überzeugend als Produzent des Films verkleidet hat, nämlich Jim Van Wyck, stimmt dem zu, und meint: "Es ist eine wunderbar intelligente und unvorhersehbare Geschichte, deren Fundament die Kraft der Familie und die Widerstandsfähigkeit der Kinder bildet."

Ausführende Produzentin Ms. Pistor folgert, dass der Erfindungsreichtum der Baudelaire-Geschwister einfach inspirierend sei: "Dieser Film beleidigt nicht die Intelligenz der Kinder, sondern feiert sie", sagt Ms. Pistor auf die Frage eines misstrauisch gewordenen, zwölf Jahre alten "Assistenten". "Ich liebe es einfach, wie die Kinder den Grafen Olaf sofort durchschauen, und wie sie ihn jedes Mal austricksen."

Das Casting der beachtlichen Schauspielerriege Lemony Snickets wahnwitzig bejammernswerte Schilderung beginnt, als den drei Baudelaire-Geschwistern lapidar mitgeteilt wird, ihre Eltern seien gerade bei einem Brand, der ihr Haus zerstörte, ums Leben gekommen. Produzent Walter F. Parkes sagt, Lemony Snickets Geschichte folge der Literaturtradition, die auf die alten Klassiker zurückgehe und bis heute in der Literatur und im Film Gültigkeit habe.

"Von den Gebrüdern Grimm bis zu Dickens, von "Bambi" bis "Findet Nemo", ist das Thema des Waisenkindes in der Familienliteratur absolut zentral", meint Parkes. "Ironischerweise liefert diese Situation oft das Fundament für die Geschichten, in denen die größte Hoffnung und das Selbstbewusstsein geweckt werden, denn sie handeln von der Herausforderung, die jedes Kind irgendwann meistern mußs: Erwachsen zu werden und erfolgreich in der Welt der Erwachsenen zu bestehen."

"Diese Geschichten sind Klassiker, denn sie ermöglichen es den Kindern, sich in einem sicheren Kontext mit unausweichlichen Ängsten auseinander zu setzen", fügt Produzentin Laurie Mac-Donald hinzu. "Und sie vermitteln das Gefühl, dass - was auch immer geschehen mag -, am Ende alles gut gehen wird."

In der Tat gehen die Dinge in "Lemony Snickets - Rätselhafte Ereignisse" wieder und wieder gut, aber erst nachdem die Baudelaire-Geschwister bei einer ganzen Reihe von ekelhaften Vormunden leben müssen. Der erste ist Graf Olaf, der den Geschwistern auch in jeden neuen Unterschlupf folgt, bei seinen unermüdlichen Versuchen, den Waisenkindern ihr großes Erbe abspenstig zu machen.

Mr. Carrey mußste die Rolle des Graf Olaf einfach spielen, weil sie es ihm ermöglichte, innerhalb einer Figur so viele andere Figuren darzustellen. "Dieser Kerl verkörpert alles, was an einem Menschen negativ sein kann", lacht Mr. Carrey, dessen Figur im Laufe des Films in eine ganze Reihe außergewöhnlicher Kostüme schlüpft, darunter als salziger Matrose mit Holzbein und irrer Labor-Assistent. "Er ist größenwahnsinnig. Er ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Er besteht nur aus Fassade, und er ist sich über alles unsicher - von seinen schauspielerischen Fähigkeiten bis hin zu seinem rückläufigem Haaransatz -, obwohl er sich das niemals anmerken lassen würde; und das Beste überhaupt: Durch ihn konnte ich die Schauspielerei durch den Kakao ziehen!" Verdächtigerweise streitet Mr. Carrey ab, selbst ein gefürchteter Schurke zu sein - trotz der Tatsache, dass er ein riesiges Vermögen angehäuft hat.

"Für Graf Olaf sind die Baudelaire-Kinder seine Tür in die Zukunft - und sonst nichts", fährt Mr. Carrey fort. "Man wird ihn mögen, obwohl man ihn eigentlich hassen sollte." Nach Been-digung des Interviews widmete sich Mr. Carrey wieder der Lektüre des Klassikers "Verachtenswerte Figuren und die Fans, die sie lieben".

Ein weiterer Vormund der Kinder ist ihre Tante Josephine (Meryl Streep), eine nervöse Witwe, die niemals den Herd anstellt, aus Angst, er könnte explodieren, die ihren Kühlschrank meidet, denn er könnte umkippen und sie zerquetschen, und die niemals ihr Telefon benutzt, wegen der Gefahr eines tödlichen Stromschlages. Sie fürchtet sich praktisch vor allem, außer vor der Grammatik, und lebt in einem alten Haus, das in gefährlicher Hanglage an einer Klippe hoch über dem Seufzersee errichtet wurde - wobei dies eine lange und komplizierte Beschreibung ist und eigentlich heißen soll, "keine wirklich gute Idee, besonders weil das Haus demnächst von einem Wirbelsturm weggefegt werden wird."

"Tante Josephine ist ein großes, zittriges, kleines Vögelchen in Menschenform; sie war in ihrer Jugend auch abenteuerlustig, bis ihr irgendetwas Angst einjagte", erklärt Ms. Streep. "Ich habe mich in diese Figur verliebt, die sich vor allen Dingen schrecklich fürchtet, denn auf gewisse Weise bin ich auch so ... sind wir doch alle so", meint sie, und späht hinter einer Bücherregal-Attrappe hervor.

Intuitiver und erkenntnisreicher als irgendeiner der Erwachsenen, die sich um sie kümmern sollen, sind Violet, Klaus und Sunny Baudelaire; die drei müssen jedes Quentchen ihrer Intelligenz, Erfindungsgabe und ihres Mutes aufbringen, um eine Reihe fantastischer Zwischenfälle zu überstehen, darunter eine "Unglaublich Tödliche Viper", ein Schwarm hungriger Blutegel und Geschirrspülen.

Violet (Emily Browning) ist die älteste der Geschwister und eine der besten 14jährigen Erfinder, die die Welt je gesehen hat; sie erfand unter anderem das Sich-Selbst-Machende-Bett, den automatischen Harmonika-Spieler sowie eine Apparatur, die einen Stein wiederbeschaffen kann, nachdem er ins Meer geworfen wurde. Violets Erfindungsreichtum leistet den Kindern bei ihren Abenteuern wertvolle Dienste - abgesehen vielleicht von dem Zwischenfall mit dem allzu schnell fahrenden Zug.

"Ich habe die Bücher geliebt. Gleich von Anfang an, wenn Lemony Snicket sagt, dass man sie gar nicht lesen wollen wird - dann will man sie natürlich erst recht lesen", sagt Ms. Browning. "Meine Figur ist so etwas wie die Verantwortungsvolle, und da ihre Eltern nicht mehr da sind, hat sie das Gefühl, dass sie die Verantwortung trägt. Sie ist echt super - schlau, liebevoll, und sie hat eine optimistische Sicht auf all die schrecklichen Dinge, die ständig passieren." Darauf-hin bricht die arme junge Schauspielerin in Tränen aus.

Violets jüngerer Bruder Klaus (Liam Aiken) ist eine Leseratte, und im Alter von nur zwölf Jahren hat er bereits mehr Bücher verschlungen als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben jemals lesen werden. Diese Leidenschaft für das Wissen hilft ihm und seinen Schwestern, eine ganze Reihe rätselhafter Ereignisse zu überleben, obwohl sie ihm gar nichts nützt, als er an der Seite eines sehr hohen Turmes hängt.

"Es gibt viele Dinge in diesem Film, über die man zwei Mal nachdenken mußs", meint Aiken. "Da sind auch ernste Sachen, aber insgesamt ist es ein riesengroßer Spaß". Es fällt dem jungen Nachwuchsschauspieler offensichtlich noch immer schwer, seine Erfahrungen aus dem Film zu bewältigen.

Die kleine Schwester Sunny (gespielt von den Zwillingen Kara und Shelby Hoffman) schließlich ist ein knuddeliges Kleinkind, das sich ausschließlich mit Kreischlauten verständigt, die nur Violet und Klaus verstehen können. Mit ihren ungewöhnlich scharfen Zähnen hat Sunny eine besondere Neigung, in Dinge hineinzubeißen.

"Das Einzige, was man über Sunny wirklich weiß, ist, dass wenn sie dich richtig doll beißt, sie dich nicht leiden mag", lacht Aiken, während er seinen Knöchel reibt. "Wenn sie dich aber nur sanft beißt, dann schon."

Regisseur Silberling versucht, das Gespräch von der verstörenden Verschwörung abzulenken, und meint, er sei von allen Schauspielern begeistert gewesen - angefangen bei den großen Stars bis hin zu den Kindern, die wie alte Hasen schauspielerten. "Besonders Jim Carrey sehe ich als eine Art merkwürdigen Cousin von Peter Sellers", erzählt Mr. Silberling, der keinen Familienstammbaum vorlegen kann, um diese Behauptung zu beweisen. "Er ist ein beachtlicher Charakterdarsteller, darüber hinaus ein fantastischer Komödiant, und er kann mit seinen Rollen bis zur Unkenntlichkeit verschmelzen. Tatsache ist, es gibt kein großartigeres Chamäleon als ihn, um in eine ganze Reihe von Figuren hinein- und wieder aus ihnen hinauszuschlüpfen, die Komödie voranzutreiben und gleichzeitig die geheimnisvolle Spannung aufrechtzuerhalten. Er war für Graf Olaf meine erste Wahl, und er geht darin voll auf."

Auch Meryl Streep war für die Rolle der Tante Josephine die erste Wahl des Regisseurs. "Schließlich ist sie der ?Walter Cronkite' unter den lebenden Schauspielerinnen - jemand, zu dem man aufschaut, wie zu einer Festung der Stabilität und Zuverlässigkeit; daher war die Ironie unwiderstehlich, gerade sie für die Rolle dieses völlig unstabilen Tantchens auszuwählen!"

Mr. Silberling bekennt, dass die Suche nach den geeigneten Kindern für die Rollen der Baudelaire-Waisen notwendigerweise etwas breiter angelegt war, zumindest teilweise, weil sich nur wenige Kinder bereit erklären wollten, sich einer Reihe von Desastern, Tragödien, Zwischenfällen und dem schlechten Essen auszusetzen. Doch er schätzt sich glücklich, solch wundervolle junge Schauspieler für die Rollen von Violet, Klaus und Sunny gefunden zu haben.

"Die Rolle der Violet mit Emily Browning zu besetzen war ganz leicht", erinnert sich Mr. Silberling. "In ihr habe ich diese zeitlose, und doch absolut zeitgenössische Qualität erkannt, die auch eine perfekte Beschreibung der Welt von Lemony Snicket ist. Und Liam ist eine der ältesten Seelen unter 14 Jahren, die ich jemals getroffen habe. Er ist ein bemerkenswerter junger Schauspieler, und ist genau wie Klaus jedem in seiner Umgebung immer drei Schritte voraus. Und dann sind da die Hoffman-Zwillinge, die gemeinsam Sunny spielen. Es ist erstaunlich, wie gut sie schauspielerten. Sie haben meine Erwartungen bei weitem übertroffen."

Abgerundet wird das Ensemble von einer Gruppe außergewöhnlicher Schauspieler, darunter z. B. Timothy Spall, Catherine O'Hara, Billy Connolly, Cedric the Entertainer, Luis Guzmán, Jennifer Coolidge, Craig Ferguson und Jane Adams, um nur einige Namen zu nennen. Diese eklektische Truppe beweist, gemeinsam mit einigen überraschenden Cameos, wie viele Menschen dazu verleitet werden können, in einem so verstörenden Projekt mitzuwirken.

"Die Geschichte ist von Anfang bis Ende mit überraschenden Wendungen gespickt", sagt Mr. Spall, der die Rolle des Mr. Poe spielt, der wichtigtuerische Testamentsvollstrecker des Baudelaire-Erbes. "Der Erzähler beginnt zum Beispiel damit, dass er diese wunderbaren, klugen Kinder beschreibt, und man denkt, es wird eine schöne Geschichte über sie. Dann taucht meine Figur, Mr. Poe, am Strand auf - ein trockener Banker, der hier so deplatziert ist wie ein Delfin in einer Telefonzelle - und teilt den Kindern mit, dass ihre Eltern bei einem Brand gestorben sind. Das macht alle ziemlich perplex." Perplex ist ein Wort, das hier bedeutet "bring lieber ein paar Taschentücher mit".

"Einzigartig - genau das ist dieser Film!", lacht Billy Connolly, der den Onkel Monty spielt, ein Schlangenforscher, der oft eine zweieinhalb Meter lange, burmesische Albino-Python um den Hals trägt. "Ich habe diese Python sehr lieb gewonnen. Sie hat immer schwer in mein Ohr geatmet, ganz leise gewimmert und dann gezischt, als wollte sie mir etwas zuwispern". Die Pythonschlange selbst gab keinen Kommentar ab.

In "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" sind tatsächlich über 100 Nebendarsteller der nichtmenschlichen Gattungen vertreten, ein komplizierter Ausdruck, der hier "Tiere" bedeutet. Sie alle standen unter der Leitung des renommierten Hollywood-Tiertrainers Jules Sylvester.

"Für die Szenen im Haus der Schlangen benötigte man manchmal über 70 Schlangen und Reptilien, darunter hochgiftige Kobras, ägyptische Kobras, Vipern, Klapperschlangen, grüne Baumpythons, Leguane, Skorpione und eine 200-Pfund-Schildkröte", berichtet Mr. Sylvester. "Sie haben sogar ihren eigenen Green Room bekommen, den Tank, die Schildkröte, köstlich fand. Sie fraß sich nämlich durch eine der Wände!" Genau wie bei anderen Schauspielern erwies sich Tanks versuch, dem Filmset zu entkommen, jedoch als völlig nutzlos.

Mit seiner beachtlichen Besetzung großartiger Schauspieler, unwissentlichen Komplizen, furchtlosen Kindern und gefährlichen Kreaturen ist "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" eine unvergessliche Erfahrung, die Familien überall auf der Welt aufwühlen wird - hoffentlich vor Lachen.

Die gefahrvolle Produktion Die Filmemacher ließen sich unter keinen Umständen davon abbringen, den Film "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" getreu dem Geist und Stil der Originalbücher zu gestalten. Der Film mußste den unvorhersehbaren Ton der Bestseller einfangen, ebenso das zeitlose Ambiente und die beklagenswerte, jämmerlich-erbärmliche Situation. Um seine Vision der Filmadaption umzusetzen, bestand Regisseur Brad Silberling leidenschaftlich auf den bestmöglichen Stab von Filmemachern.

Das stilistisch herausragende Produktionsdesign wurde Rick Heinrichs anvertraut, der für "Sleepy Hollow" bereits mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

"Zu den wunderbaren Dingen an der Welt, mit deren Erschaffung ich beauftragt wurde, gehört die Tatsache, dass wenn man sie einmal betreten hat, niemand genau weiß, an welchem Ort oder in welcher Zeit man sich befindet", sagt Mr. Heinrichs. "Der Film vermittelt den Eindruck eines Parallel-Universums, eines ?Jenseits', das einem irgendwie bekannt, und zugleich doch völlig fremd erscheint."

In der Tat ist das Produktionsdesign von "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" so herausragend, dass es zu einem weiteren Hauptdarsteller der Geschichte wird - besonders deshalb, weil eine Reihe Unglücksfälle eintreten, darunter ein Brand, ein Wirbelsturm und trübes Licht. Um diesen "Darsteller" zu entwickeln, trafen die Filmemacher die gewagte Entscheidung, den gesamten Film in Hollywood-Studios zu drehen.

"Die größte Herausforderung bei diesem Film war, dass wir praktisch eine ganze Welt in einem Studio erschaffen mußsten", erklärt Mr. Silberling oder aber ein Hochstapler, der genau wie Mr. Silberling aussieht und klingt. "Weil wir alles in der Tradition alter Hollywood-Studio-Filme gedreht haben, mußsten wir auch jede Szene genau unter die Lupe nehmen und sicherstellen, dass sie diese Zeitlosigkeit vermittelt, die sowohl zeitgenössische als auch historische Elemente beinhaltet. So konnten wir die Geschichte in einer - was die Beleuchtung, den Sound und die Atmosphäre angeht - sehr kontrollierten Umgebung erzählen."

Das Art Department unter der Leitung von Mr. Heinrichs wurde bereits neun Monate vor Beginn der Dreharbeiten zusammengetrommelt. Zu dieser Verschwörerbande gehörten der zwei Mal für einen Oscar nominierte Kameramann Emmanuel Lubezki ("Sleepy Hollow"), der Leiter der Art-Direction, John Dexter ("Planet der Affen"), die drei Mal für einen Oscar nominierte Set-Dekorateurin Cheryl Carasik ("Men in Black"), die Oscar-preisgekrönte Kostümdesignerin Colleen Atwood ("Chicago") sowie Set-Designer Luke Freeborn ("X-Men-2"), der viele der Modelle baute, die als Prototypen für das Set dienen sollten.

"Rick Heinrichs stand ganz oben auf meiner Wunschliste, denn sein Produktionsdesign vermit-telt eine sehr taktile und gleichzeitig fantasievolle Welt", sagt Mr. Silberling. "Er hat einen sehr ?handgemachten' Look kreiert, der vielleicht etwas düster wirkt, und gleichzeitig so aufregend, wunderschön und wirklich spektakulär ist."

"Die Arbeit mit Brad war toll, denn er ist sehr visuell orientiert", meint Mr. Heinrichs. "Von Anfang an wollte er seine Geschichte und die Figuren in einer Umgebung verankern, die sinnvoll gestaltet ist, also hat er bei allen Arbeitsschritten mit dem Art Department zusammengearbeitet. Wir erschufen dann einen vage an Amerika erinnernden Look, den wir "Dickens New England" tauften, und waren alle sehr zufrieden damit. Es war genau das, was er wollte." Anders als bei Dickens oder in New England beinhaltete das Produktionsdesign jedoch auch ein riesiges Gartenornament in Schlangenform.

Einen wichtigen Beitrag zu "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" leistete auch Kameramann Emmanuel "Cheevo" Lubezki, eine weitere verdächtige Person, die auf der Wunschliste des Regisseurs sowie auf vielen weiteren "Meistgesucht-Listen" auftauchte.

"Cheevo ist genau wie ich, er vermag unter den eigenartigsten Umständen die emotionale Schönheit zu erkennen", meint Mr. Silberling. "Durch die Beleuchtung und die Komposition hat er einen Weg gefunden, für diesen Film einen außergewöhnlichen Look zu erschaffen."

Während der Vorproduktion zu "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" vertiefte sich das Art Department in Unmengen von Recherchearbeiten. Es wurden Ideen ausgetauscht, die dann zu Zeichnungen, Fotos, Nervenzusammenbrüchen und Modellen führten, gefolgt von noch mehr Gesprächen über die Sets und die Art und Weise, wie sie die verschiedenen Figuren widerspiegeln sollten.

"Dieser Film verfügte zweifellos über eine der ausgefeiltesten Rechercheabteilungen, die ich jemals bei einem Dreh erlebt habe - und ich habe an vielen Kostümfilmen mitgearbeitet", meint Set-Dekorateurin Cheryl Carasik, die so ziemlich jeden Flohmarkt und jede Schurkenvilla in Kalifornien abgraste, um authentische Ausstattungsgegenstände für diesen Film zu erwerben. Nach enger Zusammenarbeit mit Mr. Heinrichs schätzt sie, dass schließlich ca. 85 Prozent die-ser Utensilien auf die eine oder andere Weise modifiziert wurden, während Großteile des Mo-biliars Sonderanfertigungen waren, um jedem Einzelteil des Film diesen besonderen Look zu verleihen.

"Da sich diese Geschichte in keiner bestimmten Zeit abspielt, fühlte ich mich bei meiner Arbeit sehr befreit", berichtet Ms. Carasik, die vielleicht oder vielleicht auch nicht aus einem marokkanischen Basar im Jahre 1927 zu uns spricht. "Es hat viel Spaß gemacht, auf keine bestimmte Epoche beschränkt zu sein, und deshalb konnte ich wirklich alles auf die Spitze treiben."

Ms. Carasik erinnert sich an einen ganz bestimmten Tisch in Graf Olafs Haus, auf dessen Robustheit sie besonderes Augenmerk legte: "Diese drei Meter lange Tafel war eine Sonderanfertigung aus Mahagony, die Beine wurden mit Stahlträgern verstärkt", erzählt die Set-Dekorateurin. "Ich hatte so eine Ahnung, dass Jim Carrey irgendwann darauf herumspringen würde - und tatsächlich ist er mitten auf der Tischplatte munter herumstolziert!" Zeugen zufolge waren schlechte Tischmanieren auf dem Set keine Ausnahme.

Um das Haus des Grafen noch bedrohlicher wirken zu lassen, entwickelte Ms. Carasik eine Methode, um einige Materialien schnell "altern" zu lassen - eine überaus ungewöhnliche Aufgabe in Los Angeles, wo man meist doch keine Mühen scheut, um Dinge jünger wirken zu lassen. "Wir haben bei Olafs Vorhangstoffen zum Beispiel mit Säure gearbeitet, um die Wirkung von ausgebleichten Streifen zu erzielen", erläutert Ms. Carasik. "Grundsätzlich haben wir brandneue Stoffe verwendet, und diese im Verlauf von zwei Wochen so alter lassen, dass sie abgenutzt und schäbig aussahen, als hätten sie seit 100 Jahren dort gehangen."

Kostümdesignerin Colleen Atwood hat zum zeitlosen Produktionsdesign des Films beigetragen, indem sie Elemente der modernen Kleidung mit Kostümen kombinierte, deren Stil an viktorianische Gewänder erinnert.

"Meine Grundlage für den Look der Kostüme waren hauptsächlich die Lemony-Snicket-Bücher, die nach einer eklektischen Zusammenstellung verlangten, wobei alles entfernt an den viktorianischen Stil erinnert", erklärt Ms. Atwood, die für die Entwicklung ihrer Kostüme oder Verkleidungen oft mit Schauspielern, Schurken und Mitgliedern von Geheimorganisationen zusammenarbeitet. "Genau wie die Frisur und das Make-Up kann die Kleidung ungemein hilfreich für einen Schauspieler sein, wenn er seine Rolle gestaltet. Jim Carrey zum Beispiel benutzt seine Kostüme wirklich, er erfindet sich mit jedem neuen Kleidungsstück neu - das ist die ultimative Belohnung für einen Designer."

Die Filmemacher ließen traditionelle Hollywood-Techniken wieder auferstehen und verließen sich auf den Einsatz von kleinen Set-Modellen, um vorab visualisieren zu können, wie das echte, große Set wirken würde. Um weitläufige Maisfelder oder scheinbar endlose Bahngleise zu erschaffen, verwendeten sie auch eine Kombination aus gemalten Hintergrundbildern und verzerrter Perspektive. Das erlaubte ihnen, innerhalb des eingeschränkten Raums des Filmstudios eine Landschaft oder Umgebung entstehen zu lassen, die dem Auge des Zuschauers eine Weiträumigkeit vorgaukelt. Genau wie Spione, Tarnkleidung und Eurasien scheinen die Sets mit dem Hintergrund zu verschmelzen, und das macht es unmöglich, festzustellen, wo das eine endet und das andere beginnt.

Produzentin Laurie MacDonald meint: "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" war ganz ohne Zweifel die komplexeste Herausforderung, die wir beim Filmemachen je meistern mußsten." Gemeinsam mit Walter F. Parkes produzierte sie u.a. "Gladiator", "Men in Black" und "Twister", neben vielen anderen hochambitionierten Projekten.

Tatsächlich beinhaltet "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" aus Sicht der Produktion gleich zwei Filme in einem, denn es wurde in zehn verschiedenen Soundstages bei Paramount Pictures gedreht, und dann noch in den Downey Studios in einem Vorort von Los Angeles, wo ehemals die Firma Boeing ansässig war und das Space Shuttle gebaut wurde. Insgesamt wurden über 70 verschiedene Sets benötigt, und fünf davon befanden sich auf dem Wasser. Genau wie in den Krieg zu ziehen oder ein Omelette aus 82 Eiern zu braten, erforderte dieses Projekt unglaubliche logistische Höchstleistungen.

"Wir wurden bald als ?Lemony Piggy' bekannt, denn wir beanspruchten so viele verschiedene Studios bei Paramount, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen", erinnert sich Regisseur Brad Silberling.

Um auch absolut sicher zu gehen, arbeiteten zeitweise zwischen 300 und 400 Verschwörer gleichzeitig an verschiedenen über das Studiogelände verteilten Soundstages, während andere gerade die Wasser-Sets in Downey errichteten. Die größeren Sets, insbesondere die Adoptiv-Häuser, in denen die Kinder wohnen müssen, brauchten durchschnittlich 14 Wochen, um gebaut und ausgestattet zu werden; allein der Bau des imposanten Hauses von Graf Olaf dauerte 20 Wochen. Die riesige Villa mit drei Stockwerken mußste in ihrer Struktur ja auch so viel Verrat beherbergen können, darunter die ehrgeizigen Stunts für den Höhepunkt des Films.

Das gesamte Produktionsdesign für "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse" wurde mit großer Liebe für die Details ausgestattet, und die Filmemacher übertrafen sich selbst, indem sie jedes Haus den jeweiligen Charakter der Figuren spiegeln lassen. Im Design für die Villa von Graf Olaf zum Beispiel vermieden sie den herkömmlichen Look eines viktorianischen Spukschlosses; stattdessen reflektiert seine Behausung auch seine Eitelkeit als Schauspieler, indem neun verschiedene Porträts den Grafen in verschiedenen Rollen darstellen, darunter als John Barrymore, als George Washington, der über den Delaware zeigt, als Ritter in schimmernder Rüstung und als Queen Elizabeth I. im hochgeschlossenen Spitzenkragen. Erstaunlicherweise fand sich jedoch kein Porträt von Graf Olaf als Bruce Allmächtig.

Das Haus des Antagonisten ist außerdem angefüllt mit einem ständig wiederkehrenden "Augen"-Motiv, das dem Zuschauer und den Kindern den Eindruck vermittelt, Olaf würde sie ständig beobachten.

"Manchmal haben wir subtile Elemente eingebaut, wie die Augen in der Pfauen-Tapete", er-zählt Produktionsdesigner und Verschwörer Mr. Heinrichs. "Dann wieder haben wir Offen-sichtlicheres verwendet, wie das Gemälde von einem Auge, das an der Wand hängt."

Set-Dekorateurin Carasik hat auch bei ihren Designs das Augen-Motiv verwendet. "Ich habe eine antike Couch gekauft, abgezogen, und dann mit einem Stoff mit Augenmuster ganz neu beziehen lassen; auch in den Holzrahmen wurden Augen geschnitzt", berichtet Ms. Carasik schamlos. "Es gibt auch eine eigens angefertigte Standuhr mit einem Auge auf dem

Ziffernblatt und einer Pupille im Pendel. Das mußs man sich wirklich anschauen." In der Zwischenzeit wurden das Haus von Onkel Monty und das Haus der Schlangen so gebaut, dass sie aussahen wie das Innere von Montys Kopf. Angefüllt mit Krempel und der Unordnung, die im Geist eines schusseligen Gelehrten herrschen, der darüber hinaus auch noch Junggeselle ist, weisen sowohl das Interieur als auch das Äußere seines Landsitzes exotische Schlangenelemente auf - darunter Reptilien-Bodenfliesen und schmutzige Socken. Zusätzlich gibt es 90 Käfige mit exotischen Reptilien aus aller Welt. Das wäre alles schon sehr überraschend, würde es nicht im gleichen Film eine Rolle spielen, in dem auch ein bösartiger Schauspieler mit nur einer Augenbraue auftritt.

"Onkel Monty hat eines der besten Häuser in diesem Film", begeistert sich Billy Connolly. "Der Boden besteht aus ineinandergreifenden Echsen-Mustern. Es gibt das Skelett einer Riesenschlange, und unzählige lebende Schlangen und beängstigende Wesen kriechen überall herum!"

Im Kontrast dazu steht Tante Josephines Haus, ein klappriges altes Cottage auf Stelzen, das am Hang einer Klippe errichtet wurde, die über einem See emporragt. Es beschwört unweigerlich die Gebrechlichkeit und Instabilität ihres Charakters. Und da die einzige Freude in Josephines Leben die Grammatik ist, befinden sich in ihrer Bibliothek haufenweise Bücher über die korrekte Verwendung der Wörter, Zeiten und Rechtschreibung. Bemerkenswerterweise findet sich dort jedoch kein einziges Buch mit dem Titel "Wie man einen furchtbaren Schurken mit Namen Graf Olaf besiegt".

Doch nicht nur die "Persönlichkeit" dieses Sets befand sich in prekärem Zustand. Die Struktur des Hauses selbst mußste so errichtet werden, dass es um die jungen Schauspieler herum zusammenbrechen konnte, als der Wirbelsturm Herman zuschlägt. Das Kreativteam bewerkstelligte dies, indes es das Haus auf hydraulische Hebel setzte, die es innerhalb von zwei Sekunden sechs Meter anheben und drei Meter nach unten sausen lassen und insgesamt 50.000 Kilo Gewicht tragen konnten. Mit anderen Worten: Sogar Naturkatastrophen gehörten zum unerhörten Komplott des Produktionsteams.

In den fünf Szenen, die unmittelbar auf oder am Seufzersee gedreht wurden, kamen dann die Downey Studios ins Spiel. Als weitläufige ehemalige Industrieanlage beherbergen die Downey Studios den größten überdachten Wassertank in Nordamerika. Dieses riesige Wasserbecken erstreckt sich über mehr als einen Hektar Fläche, misst 3,9 x 7,5 Meter, ist drei Meter tief und beinhaltet 9,5 Millionen Liter Wasser - der perfekte Drehort, um den Seufzersee entstehen zu lassen oder festzustellen, ob irgendwelche Statisten untergehen.

Wenn die Errichtung der Sets schon eine körperliche Herausforderung war, dann bedeutete das Make-up sowohl eine körperliche wie auch mentale Hürde. Täglich mußste Jim Carrey drei Stunden Visagistenarbeit über sich ergehen lassen, die der geheimnisvolle Bill Corso betrieb, der mit dem Schauspieler bereits bei "Bruce Allmächtig" zusammengearbeitet hatte.

"Billy ist in vielerlei Beziehung ein erstaunlicher Künstler", sagt Mr. Carrey, der bereitwillig den Verrat erduldete, den Mr. Corso für ihn ausgetüftelt hatte. "Meiner Meinung nach ist er ein Genie." Auf die Frage, welche Gefühle Mr. Corso für den Schauspieler hege, ruft der Visagist und Meister der Verkleidungskünste aus: "Was es bedeutet, sich für seine Kunst aufzuopfern! Jim mußste acht Monate lang wie ein Gespenst durchs Lebens gehen, lange Fingernägel tragen, durfte nie in die Sonne, damit seine Haut blass blieb, und mußste uns täglich gestatten, ihm eine Glatze zu rasieren!"

Aus der Sicht der Make-up-Künstler war die größte Herausforderung, laut Mr. Corso, eine Figur entstehen zu lassen, die sich selbst neu erfindet und neue Figuren entstehen lässt, ohne dabei die Essenz des Originals, Graf Olaf, aus den Augen zu verlieren.

"Wir wollten den Illustrationen von Graf Olaf in den Büchern treu bleiben, also haben wir diese Elemente benutzt, sie mit Jim Carrey gemischt, und daraus entstand etwas, das wir uns niemals hätten träumen lassen", lacht Mr. Corso diabolisch. "Die Figur ist eigentlich ein später Lon Chaney, eine Mischung aus Aasgeier, Vampir und Sir Laurence Olivier!" Anders als Aasgeier oder Vampire jedoch war Sir Laurence Olivier Vegetarier.

Laut Mr. Corso war es dann wiederum ein ganz anderes Projekt, die Figuren zu erschaffen, die Graf Olaf verkörpert. "Captain Sham war etwas einfacher als Olaf, denn wir hatten ein wundervolles Bild eines grantigen alten Matrosen als Ausgangsbasis; aber für Stefano, den Reptilienforscher in spe, benötigten wir verschiedene Entwürfe. Eine Zeit lang dachten wir an einen Mantel-und-Degen-Helden und an einen Kapitän, haben uns dann aber für den eigenartigen Versicherungsvertreter-Typen entschieden, der seine Haare quer über die Glatze gekämmt trägt." In der Tat ist das einzige, das verräterischer als eine schlecht verborgene Glatze ist, eine gut verborgene.

In Bezug auf die Zusammenarbeit mit Mr. Carrey meint der erfahrene Visagist, sie sei ein Genuss gewesen: "Jim hat viel dazu beigetragen, Olaf und all seine Masken zu kreieren. Man findet selten einen Schauspieler, der so genau weiß, wie wichtig das Make-up für die Ausgestaltung der Rolle ist."

Neben den großen Mühen, die viele Menschen auf sich nahmen, um Mr. Carrey unbeschreiblich böse (im Aussehen) zu machen, hatte Hair-Stylistin Anne Morgan eine Schlüsselrolle inne: Sie mußste Mr. Carreys Haare nach und nach ausdünnen, um die Illusion zu erzeugen, dass der überaus eitle Graf Olaf allmählich eine Glatze bekommt.

Auch die anspruchsvollen Spezialeffekte waren wichtiger Bestandteil von "Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse", und die Filmemacher beschäftigten ein großes Team von Fachleuten, um diesen Job zu erledigen.

"Die Herausforderung bei den Spezialeffekten liegt darin, sie so aussehen zu lassen, als wären sie eben keine Effekte, damit sie sich nahtlos in den übrigen Film einfügen lassen", sagt Tom Peitzman, der Produzent der visuellen Effekte. "Bei diesem Film lag der Schwerpunkt der Arbeit darauf, echte Settings zu errichten oder zu fotografieren, und nicht so sehr darauf, vor einer weißen Leinwand die Bilder am Computer zu erschaffen." Dies ist eine gediegene Art, zu sagen, dass die meisten Ereignisse des Films echt sind.

Michael Lantieri, der bereits in "Casper" mit Regisseur Brad Silberling zusammengearbeitet hat, leitete die Spezialeffekte, und war somit für alle katastrophalen Folgen, die sich am Set vor der Kamera abspielten, verantwortlich. In dieser Funktion leistete Lantieri einen großen Beitrag für den Film, angefangen von der Kreation der hydraulischen Hebel für Tante Josephines Haus, über die Erzeugung der 120 Stundenkilometer schnellen Winde des Wirbelsturms Herman, bis hin zur Überwachung der Arbeiten am Wasserbecken und Verwendung des selbigen in den Downey-Studios, das als Seufzersee diente.

"Wir waren uns einig, dass wir in diesem Film die Effekte von der Geschichte bestimmen lassen würden, und nicht umgekehrt", sagt Lantieri. "So unterstreichen die Effekte die Persönlichkeit der jeweiligen Figuren."

Zu diesem Zweck werden auch Tante Josephines unbegründete Ängste Wirklichkeit, als ihr Herd explodiert, ihr Kühlschrank umstürzt und ihre Türgriffe aus der Verankerung springen, als ein gewaltiger Wirbelsturm ihr Haus zerstört - in der wohl beeindruckendsten Szene des Films. Außerdem fliegt Graf Olaf buchstäblich aus der Reichweite des Constable (Cedric the Entertainer), als sein Hochzeitskomplott scheitert - in einer wundervoll fantastischen Szene, die Olafs gemeine Bösartigkeit illustriert. "Wundervoll fantastische Szene" ist hier eine Re-densart, die bedeutet, "man sollte sich besser die Augen verbinden".

"Die Zuschauer werden verwöhnt mit einer sehr stilisierten, sehr interessanten Reise, die große Dimensionen und Einsichten vermittelt", schließt Mr. Lantieri. "Man lehne sich also zurück, lasse sich auf diese Reise ein und genieße das Abenteuer."

Meryl Streep ist der gleichen Ansicht: "Die Sets für diesen Film sind wahre Meisterwerke. Denn ich bin seit 30 Jahren beim Film, und die für diesen Film sind die großartigsten, die ich jemals gesehen habe!"

Jim Carrey ist ebenfalls begeistert: "Ich hatte das Gefühl, ich sei mitten in ?Der Zauberer von Oz' gelandet", schwärmt Mr. Carrey. "Dieses Projekt hat mich wirklich beeindruckt."

Um es in den Worten von Mr. Snicket zu sagen: Würden Sie nicht lieber etwas anderes sehen wollen?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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