Kammerflimmern

Produktionsnotizen

Die Bavaria Filmverleih- und Produktions GmbH verfilmte in Co-Produktion mit Constantin Film, dem Bayerischen Rundfunk und arte die außergewöhnliche Geschichte eines Rettungsassistenten. Die Dreharbeiten zu dem Kinofilm KAMMERFLIMMERN fanden in Köln sowie in München und Umgebung statt. Die Finanzierung wurde durch Fördermittel des FilmFernsehFonds Bayern, der Filmförderungsanstalt Berlin und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen mitgetragen.

Mit dem Drehbuch zu Benjamin Quabecks preisgekröntem Spielfilmdebüt NICHTS BEREUEN hat sich Hendrik Hölzemann bereits einen Namen gemacht. In seinem zweiten Spielfilm-Drehbuch kombiniert der 26-jährige Autor nun eine schicksalhafte Liebesgeschichte mit der realistischen Schilderung des harten Alltags im Rettungsdienst. Hölzemann weiß, wovon er schreibt: Er hat seinen Zivildienst als Rettungssanitäter in Köln absolviert - eigentlich mit der Absicht, anschließend Medizin zu studieren. "Aber als ich im Rettungswagen saß, fand ich das, was die Leute gesagt haben, immer viel interessanter als ihre Krankheiten", erzählt er. Bei seinen Sanitäter-Fahrten hat er viele Menschen getroffen, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben - und in sein Buch eingeflossen sind: "In KAMMERFLIMMERN gibt es keine einzige erfundene Figur."

Besonders faszinierend fand er es zu beobachten, wie sich die Rettungsassistenten durch den Job verändern, wie sie abstumpfen und Schutzmechanismen entwickeln, um das viele Elend, mit dem sie konfrontiert werden, nicht an sich ranzulassen - für Hölzemann ein idealer Filmstoff: "Ich liebe es im Kino, wenn die Figuren beschädigt sind. Sogenannte sympathische Charaktere halte ich auf der Leinwand am wenigsten aus. Denn die Arschlöcher sind immer die interessantesten Menschen - im Leben wie im Film."

Es gibt noch weitere Parallelen zwischen dem Autor und seiner Hauptfigur, dem Rettungsassistenten Crash. Beide verbindet zum Beispiel eine Begeisterung für Skateboards: Hölzemann schwärmt von der "Grazie der Skater, gegen die kein Tänzer ankommt". Seine Leidenschaft ist allerdings eher passiv: Er selbst hat nur ein wenig Longboard-Erfahrung und würde sich nie als Skater bezeichnen. Dafür fährt er viel Snowboard und ist vor allem seit vielen Jahren ein aktiver Surfer.

Wie Crash hatte auch Hendrik Hölzemann als Kind einen Tumor im Gesicht, ausgelöst durch einen schweren Unfall im Straßenverkehr, und mußste daraufhin mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Wie bei Crash kundet auch bei ihm eine Narbe auf der Wange von jener Zeit. Wie seiner Filmfigur ist es auch ihm irgendwann gelungen, "diesen Unfall mit Sinn zu füllen", wie Hölzemann sagt. Crash schafft das durch die Begegnung mit November, der jungen Frau, von der er schon seit Jahren träumt: "Durch sie merkt Crash zum ersten Mal, dass er existiert. Und vor allem: dass er existieren will. November hat auch kein leichtes Los gehabt - aber sie ist völlig anders damit umgegangen: Sie hat keine Angst vor dem Leben. Sie kann den Moment genießen. Sie kann es auch genießen, wenn sich die Dinge plötzlich ändern. November sorgt dafür, dass Crash einen biegsamen Geist bekommt."

KAMMERFLIMMERN ist Hendrik Hölzemanns Abschlussarbeit im Diplom-Studiengang Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Um das Buch in Ruhe schreiben zu können, hatte er sich für ein halbes Jahr nach Australien zurückgezogen. Franziska Buch, die Leiterin der Abteilung Drehbuch und Dramaturgie an der Ludwigsburger Filmakademie, betreute Hölzemanns Diplom - und fand das Drehbuch so außergewöhnlich, dass sie es der Produzentin Uschi Reich in die Hand drückte. "Mir persönlich war es bei der ersten Lektüre fast ein bisschen zu düster", gesteht Uschi Reich. "Aber es ist mit Abstand das beeindruckendste Drehbuch, das mir im vergangenen Jahr untergekommen ist. Es hat mich nicht losgelassen. Und als ich es noch mal gelesen habe, war ich mir sicher, dass ich diesen Film gerne machen würde."

Vor allem war sie sehr angetan von der psychologischen Tiefe des Buches: "Es hat einen existenzialistischen Touch. Ich finde es erfreulich, dass es in der jüngeren Generation auch Filmautoren wie Hendrik Hölzemann gibt, die sich nicht über die Spaßgesellschaft definieren, sondern ein ernsthaftes Thema haben. Mir imponiert es, wenn jemand in dem Alter über derart existenzielle Erfahrungen schreibt. Das Drehbuch zu KAMMERFLIMMERN kommt Fassbinders Erzählweise sehr nahe. Auch seiner Figurenzeichnung: diese unbequemen Menschen mit ihren Fehlern und Widersprüchen, ihren Zynismen? Seit Fassbinder hat es in Deutschland kaum mehr solche Rollen gegeben."

Nachdem KAMMERFLIMMERN eine so persönliche und autobiografisch gefärbte Geschichte ist, wollte Uschi Reich das Projekt unbedingt mit Hendrik Hölzemann als Regisseur realisieren: "Natürlich war das ein gewisses Wagnis, weil er bis jetzt erst ein paar Kurzfilme gedreht hatte. Aber er hatte sehr konkrete Vorstellungen, was die Umsetzung seiner Geschichte auf der Leinwand betraf. Und ich bin ein sehr risikofreudiger Mensch. Nachdem ich fünf Filme hintereinander produziert hatte, die alle über eine Million Zuschauer fanden, sah ich es geradezu als meine Verpflichtung an, einen Erstlingsregisseur wie Hendrik Hölzemann zu unterstützen."

Die außerordentliche Qualität des Drehbuchs ist für Uschi Reich der Hauptgrund dafür, dass sich so viele hochkarätige Schauspieler für KAMMERFLIMMERN begeistern ließen: Matthias Schweighöfer verkörpert den Rettungsassistenten Crash, Jessica Schwarz die Frau seiner Träume, Jan Gregor Kremp und Florian Lukas spielen Crashs Sanitäter-Kollegen, und Bibiana Beglau ist als Notärztin "Dr. Tod" zu sehen. Sogar kleinste Rollen sind prominent besetzt - als Gäste wirken unter anderem Rosel Zech, Volker Spengler und Ulrich Noethen mit.

Auch Hendrik Hölzemann zeigt sich ausgesprochen glücklich über die Besetzung: "Ich finde es toll, dass sich all diese grandiosen Leute bereit erklärt haben, mitzuspielen - und dass sie sich alle dermaßen reingehängt haben!" Die intensivste Vorbereitung hatte dabei sicherlich Matthias Schweighöfer zu absolvieren: Er mußste sich nicht nur mit dem Alltag im Rettungsdienst vertraut machen, sondern auch mit der Kunst des Skateboardens. Crash, seine Filmfigur, wohnt in einer Art Schrebergarten mit einer selbst gezimmerten hölzernen Halfpipe hinter seinem Häuschen. Diese Location wurde für den Film in einer Schrebergartensiedlung in Oberschleißheim gebaut.

Für die Szenen im Krankenhaus begab sich die Produktion auf die Suche nach leer stehenden Trakten in geeigneten Gebäuden - selbstverständlich kam es nicht in Frage, in einer echten Notaufnahme zu drehen. Fündig wurde man im Münchner Herzzentrum und in einer Freisinger Klinik, wo mit Hilfe eines medizinischen Beraters die entsprechenden Räume und Gänge eingerichtet wurden. Schließlich mußste man noch eine fiktive Ambulanz erfinden - mit einem eigenen Emblem, bei dem sich keine der real existierenden Hilfsorganisationen angesprochen und auf den Schlips getreten fühlte. Denn die klassischen Rettungsdienste ließen sich nicht zur Mitarbeit bewegen: "Die Geschichte war ihnen wohl zu düster angelegt", meint Uschi Reich.

Doch Hendrik Hölzemann betont, dass seine Darstellung des Rettungsdienst-Alltags auf authentischen Erlebnissen beruht. Und trotz aller geschilderter Katastrophen bleibt KAMMERFLIMMERN für ihn "ein durch und durch hoffnungsvoller Film: Der Kernpunkt ist, dass alles irgendwann Sinn macht. Du kannst dir zwar nicht aussuchen, was dir passiert - aber du kannst dir aussuchen, wie du darauf reagierst. Das ist ein wahnsinnig tröstlicher Gedanke, finde ich."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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