Sideways

Produktionsnotizen

SIDEWAYS/Seitwärts reisen: Die Geschichte von Miles & Jack "Ich mußs manche Dinge tun, die du einfach nicht verstehst ... Du kennst dich mit Wein und Literatur und Filmen aus ... aber von meiner Misere hast du keine Ahnung." (Jack)

Die erheiternde, bittersüße Misere des Durchschnittsmannes, der im Strudel des modernen Alltags untergeht, lieferte Autor und Regisseur Alexander Payne einen reichen Ideenschatz für seine drei hochgelobten Filme. Von Jack Nicholsons plötzlich verwitwetem Versicherungsangestellten aus ABOUT SCHMIDT ("About Schmidt", 2002) über Matthew Brodericks verwirrtem Lehrer, der gegen die junge, von Reese Witherspoon gespielte Schülerin aus ELECTION ("Election", 1999) keine Chance hat, bis hin zu Laura Dern, die sich als Schwangere in CITIZEN RUTH ("Citizen Ruth - Baby Business", 1996) plötzlich inmitten einer hitzigen Abtreibungsdebatte wiederfindet - Paynes provokante Filmarbeiten stellen die Absonderlichkeiten und die Moral der Mittelklasse-Amerikaner auf den Prüfstand.

In SIDEWAYS erzählt Payne die Geschichte zweier unglückseliger - und dennoch hoffnungsfroher - Versager: Miles und Jack reisen zum Weintrinken, Golfspielen und Sonnenbaden an die Küste. Doch der Trip endet in Sexgier, Betrug und körperlichen Blessuren ... und einer unerwarteten Konfrontation mit den Unberechenbarkeiten des Lebens, die es aber im Endeffekt erst lebenswert machen.

Mit der Story von Miles und Jack, einem seltsamen Duo auf seinem letzten Spaß-Trip, behandelt Payne ein ungewöhnliches und nicht oft im Kino gesehenes Thema: Männer im mittleren Alter, deren Existenz einzig von ein paar übrig gebliebenen Träumen, ungeklärten Liebesgefühlen und den so seltenen Momenten angetrieben wird, in denen sie mit ein paar Freunden eine perfekte Flasche Wein genießen.

Payne begegnete der gleichzeitig zärtlichen und bissigen Geschichte von Miles und Jack 1999 beim Lesen von Rex Picketts Roman Sideways - noch bevor er für ELECTION und ABOUT SCHMIDT Oscar-Nominierungen erhielt. Augenblicklich zog ihn die Geschichte in ihren Bann. Zum einen spielte sich das Geschehen auf den Weingütern und den dort stattfindenden heimeligen Weinproben von Santa Barbara County ab - für einen Weinliebhaber wie Payne ein Magnet. Zum anderen beschäftigte ihn die einfache und bisweilen absurde Menschlichkeit der Geschehnisse, die zugleich auch das allgegenwärtige Verlangen nach Erfolg, Liebe, Glückseligkeit und Zugehörigkeit behandeln. Und das alles, während rundherum eine Urlaubsreise kräftig den Bach hinuntergeht.

"Geschichten wie SIDEWAYS bewegen mich. Stories rund um menschliche Wesen und die menschliche Natur, menschliche Schwächen und eigenartige Ereignisse, die nicht immer geordnet enden", erklärt Payne. "Viel zu viele Filme der letzten Zeit haben Menschlichkeit zugunsten der Stromlinienförmigkeit aufgegeben. Ich hingegen versuche das amerikanische Kino der 70er Jahre mit seinem Fokus auf echten Menschen und echten Problemstellungen aufleben zu lassen. Ich denke, gerade jetzt brauchen wir menschliche Filme mehr denn je."

"Auch Miles und Jack sind irgendwie hängen geblieben", verdeutlicht Payne. "Sie leben in der Vergangenheit - Jack mit seiner gescheiterten Karriere und Miles mit seiner zerbrochenen Ehe und den Träumen von einem Schriftstellerdasein. Es scheint, als hätte sich die Welt ohne sie weitergedreht. Plötzlich aber müssen sie sich der Herausforderung stellen und mit ihrem Leben vorankommen. Ich finde diese Problemstellung gleichzeitig witzig und berührend."

Die Charaktere von Miles und Jack entstanden, als Romanautor Rex Pickett vor einigen Jahren eine ähnliche, wenn auch glücklicherweise weniger ereignisreiche Wein-Tour mit einem Freund unternahm. "Da war ich plötzlich und führte meinen Kumpel in die Geheimnisse des Weins ein. Dabei erzählte ich die wildesten Geschichten", erinnert sich Pickett. "Je betrunkener wir wurden, umso mehr lachte sich mein Freund kaputt. Plötzlich meinte er: ?Du mußst über diese Geschichte hier schreiben.' Spaßeshalber versprach ich ihm, einen Text namens Two Guys on Wine! zu schreiben. Wieder zu Hause wurde mir aber plötzlich klar, dass ich tatsächlich über diese beiden Charaktere schreiben mußste: Jack, der meinem Freund ähnelt, und Miles, der Ähnlichkeit mit mir besitzt."

Picket schätzte insbesondere die amüsante und manchmal herzerweichende Art, wie Miles und Jack ihre Fehler machen. Genau das macht die beiden so echt und interessant. "Die Leute fühlen mit den Jungs mit, weil sie solche Versager sind", vermutet er. "Jeder von uns wünscht sich sein Leben aufregender, glamouröser und doch erreichen nur die wenigsten von uns dieses Ziel. Tief in uns drin wünschen wir Jack doch alle, dass er seine Hochzeit ordentlich über die Bühne bringt. Wir alle möchten, dass Miles endlich die Liebe entdeckt und sich nicht selbst zu Tode analysiert. Wir gönnen ihnen, dass sie mit ihrem Leben ins Reine kommen, selbst wenn es vielleicht anders ausfällt als in ihren Träumen."

Auch Picketts persönliche Faszination für Kaliforniens Weinanbaugebiete fand ihren Weg in die Geschichte - insbesondere in der Art, wie sich die unterschiedlichen Lebensphilosophien von Miles und Jack in der uralten Diskussion um Pinot und Cabernet widerspiegeln. Die eine Traubensorte ist nicht leicht zugänglich, vielschichtig und kapriziös in der Verarbeitung, die andere weit widerstandsfähiger und einfach in der Handhabung. "Jack würde alles hinunterkippen", stellt Pickett fest. "Miles hingegen schwärmt für Pinot - zugleich eine der komplexesten Trauben und auch eine derjenigen, die am meisten abzustoßen vermag. In gewisser Weise entscheidet sich Jack für Gleichgültigkeit und Miles für die Enttäuschung. Es herrscht jedoch kein Zweifel darüber, dass beide Erlösung bitter nötig haben."

Ironischerweise begann Pickett damit, die Story als Drehbuch zu entwickeln. Erst nachdem das nicht klappte, schrieb er den Roman. Er vertraute einen der ersten Entwürfe seinem langjährigen Freund Michael London an, der wiederum an Alexander Payne dachte und den Stein ins Rollen brachte.

"Alexander liebt Charaktere mit Macken", erklärt London. "Ich wusste, ihm würde die Idee zusagen, diese Idee von zwei Typen, die an solch einen idyllischen Ort reisen und eigentlich eine fröhliche Zeit erleben müssten, dann aber aufgrund ihrer selbstverschuldeten Missgeschicke nur Schmerz und Unglück erleiden. Ich vertraute auch darauf, dass Alexander diesen wundervollen Figuren sogar noch mehr Tiefe und Menschlichkeit verleihen würde."

London sah sogar noch einen weit profaneren Grund voraus, warum Payne sich wohl für Miles' und Jacks Schwierigkeiten interessieren könnte. "Alexander stand den beiden altersmäßig recht nahe, wie ich selbst auch. Man erreicht einen gewissen Punkt im Leben, an dem man in der Mitte seiner Existenz steckt und an dem man schon genauso viel hinter sich gelassen hat, wie noch vor einem liegt", verdeutlicht der Produzent. "Diesen Punkt finde ich sehr bedeutsam. Man hat Entscheidungen getroffen und kann sich nicht mehr hinter den Wunschvorstellungen verstecken, die man einmal über die eigene Zukunft hatte. Darum geht's in diesem Film und ich hatte das Gefühl, Alexander besäße da seine ganz eigenen Einsichten - abgesehen von seiner Leidenschaft für Wein und das Wine County."

Payne hatte gerade erst ELECTION abgeschlossen und steckte mitten in den Vorbereitungen zu ABOUT SCHMIDT, behielt SIDEWAYS jedoch auch weiterhin im Hinterkopf: Trotz der dramatischen Veränderungen in seiner Karriere ließ er Miles und Jack nie im Stich ...

Als sie den Roman zum Drehbuch adaptierten, empfanden er und sein Ko-Autor Jim Taylor die witzigen Seiten der Hauptfiguren wie geschaffen für Filmdialoge. "Ich glaube, das war die leichteste Adaption meines Lebens", gesteht Taylor, der sich bei der Arbeit an einem Computer mit zwei Tastaturen für gewöhnlich mit Payne abwechselt. "Wir konnten viel von der Sprache aus dem Buch übernehmen, denn Rex' Schreibstil hat etwas sehr Filmisches."

Doch der beste Teil der Arbeit kam mit der Recherche. "Ich trank während der Arbeit an diesem Film Unmengen von Wein", gibt Payne zu. "Ich reiste ins Santa Barbara County und traf mich mit vielen Weinbauern, um so viele Weine wie möglich kennen zu lernen. Ich verliebte mich in die schöne Landschaft dort und wollte diesen Aspekt des Films auch wirklich gut umsetzen. Für mich ist SIDEWAYS sowohl eine Liebeserklärung an das Wine County als auch ein Porträt der beiden Jungs."

Das perfekte Bouquet: Wie besetzt man SIDEWAYS? "Diese Traube ist schwierig anzubauen. Sie ist empfindlich und launisch. Anders als die Cabernet-Traube, die selbst dann wächst, wenn man sie vernachlässigt, ist sie keine Kämpfernatur. Pinot braucht konstante Pflege und Aufmerksamkeit ..." (Miles)

Angesichts des Skripts voller vielschichtiger, komplexer Charaktere sah sich SIDEWAYS-Regisseur Alexander Payne plötzlich von einigen der mächtigsten Stars Hollywoods umworben. Doch der Autor und Filmemacher entschloss sich dazu, seiner ursprünglichen Idee treu zu bleiben: weniger glamouröse Schauspieler zu besetzen, die der Geschichte zweier gebeutelter Männer im mittleren Alter auch visuell entsprachen. Nichts gegen Filmstars", beteuert Payne, "doch ich wollte mit diesem Film das echte Leben widerspiegeln. Und das ist ziemlich schwierig, wenn unglaublich gut aussehende, berühmte Persönlichkeiten vor der Kamera stehen ..."

Sprach's und startete eine ausgiebige Suche nach der idealen Besetzung, die den Charakteren den richtigen Touch an Komik, aber auch an Glaubwürdigkeit einzuhauchen vermochte. Zuerst konzentrierte man sich auf die Hauptfiguren: Miles, ein Mann, dem seine Scheidung arg zugesetzt hat, der an seinem Misserfolg als Autor leidet und der sich unter dem Vorwand der Recherche mit großen Mengen Wein tröstet. Die Filmemacher mußsten also nach einem Schauspieler suchen, der sowohl unendliche Traurigkeit als auch beißenden Humor ausstrahlen und für den sich das Publikum dennoch erwärmen konnte. Die Aufgabe erwies sich als unlösbar, bis Paul Giamatti zum ersten Vorsprechen erschien. Giamatti begeisterte zuletzt mit seiner viel gerühmten Darstellung des Harvey Pekar in AMERICAN SPLENDOUR ("American Splendour", 2002). Als er Miles' Dialoge vorlas, begann die Rolle vor den Augen der Filmemacher Form anzunehmen.

"Mir erschien Paul sofort wie geschaffen für die Rolle", erinnert sich Regisseur Alexander Payne. "Die besten Schauspieler überraschen mich immer mit etwas Unerwartetem, etwas, an das ich selbst nie gedacht hätte oder das ich mir nie hätte vorstellen können. Und Paul überraschte uns tatsächlich jeden Tag am Set irgendwie und ich fand es toll, ihn dabei zu beobachten, wie er sich in Miles verwandelte."

Michael London zeigte sich gleichermaßen überzeugt. "Paul lässt die Schwächen seiner Figuren unglaublich wirklich - und dennoch liebenswert - erscheinen. Man fühlt mit ihm mit und wünscht ihm, dass alles gut ausgeht. Wie erwartet verlieh er dem Projekt eine sehr starke emotionale Seite."

Für Ko-Autor Jim Taylor bewahrte Paul Giamatti das Projekt davor, in die Farce abzugleiten. "Nur jemand mit einer Seele wie Paul kann der Rolle die Tiefe verleihen, die sie brauchte, um über das ganze Kuddelmuddel hinwegzustrahlen", verdeutlicht Taylor.

Giamatti hatte Spaß an der Figur, trotz ihres hartnäckigen Pessimismus, der mannigfaltigen Ängste und ihrer Angewohnheit, ihre tiefsten Wünsche und Sehnsüchte selbst zu zerstören. "Miles zu spielen macht in vielerlei Hinsicht erstaunlich viel Spaß ", erzählt der Schauspieler. "Obwohl er mit der Zeit einige ziemlich unsympathische Dinge tut, gefiel mir sein schwarzer, vielschichtiger Humor, sein tiefes Verlangen danach, der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Er ist eine widersprüchliche Person und deshalb gestalten sich auch seine gesamten zwischenmenschlichen Beziehungen sehr widersprüchlich - mit Jack, seiner Mutter, seiner Exfrau und natürlich mit Maya. Ich hatte noch nie zuvor eine ähnliche Rolle übernommen, deshalb empfand ich es als wunderbare Herausforderung, mehr über diesen Miles zu erfahren."

Ironischerweise begann Giamatti die Arbeit als vollkommener Wein-Neuling. "Ich habe keine Ahnung von Wein", gesteht er. "Ich gehöre zu den Leuten, denen es egal ist, was auf den Tisch kommt, solange Alkohol drin ist! Was mich an dem Wein-Aspekt in dem Film interessierte, war nicht der Wein selbst, sondern wie er mehr und mehr zu einem Teil von Miles' Identität wird. Ihm ist es wichtig, wie ein anspruchsvoller Weinkenner zu wirken anstatt wie ein geschiedener, unzufriedener Lehrer, was der Wahrheit entspräche."

Einen weiteren interessanten Aspekt seiner Rolle stellte für Giamatti die wechselvolle Beziehung zu Jack dar - ein selten gesehenes, intimes Porträt einer Männerfreundschaft mit all ihren Komplikationen. "Miles und Jack erinnern zeitweise ein bisschen an Laurel und Hardy, aber man kann sich dennoch oft mit ihnen identifizieren", stellt Giamatti fest. "Ich glaube, dass viele Leute solche Freundschaften mit Menschen pflegen, die sie vielleicht im College kennen gelernt haben. Da besteht eine starke, beinahe geheimnisvolle Verbindung, obwohl man manchmal nicht genau weiß, warum diese Freundschaft überlebt hat. Miles und Jack bleiben hauptsächlich zusammen, weil jeder vom anderen profitiert. Doch plötzlich ergibt sich eine Veränderung in ihrer Freundschaft, auf die sie beide nicht unbedingt vorbereitet sind."

Der Film begleitet Miles auf die intimste Art und Weise und enthüllt so dem Publikum seine profansten - und zugleich bedeutendsten - Momente. So erfährt man von seinem alkoholgeschwängerten, weinerlichen Anruf bei seiner Exfrau ebenso wie man ihn dabei begleitet, wie er an einem entscheidenden Augenblick mitten in seiner ersten Verabredung mit Maya auf die Toilette hetzt, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen. "In diesen allzu menschlichen Situationen finden wir Zugang zu Miles' Persönlichkeit", erklärt London. "Paul spielt diese kleinen Augenblicke mit einer Offenheit und Ehrlichkeit, die den Zuschauer berühren."

Giamatti empfand die sich entwickelnde Beziehung zu der von Virginia Madsen gespielten Kellnerin Maya als einen der einschüchterndsten Aspekte seiner Rolle. "Ich dachte ständig: ?Niemand bezahlt ernsthaft einen Typen wie mich dafür, mit dieser Frau herumzumachen'", lacht Giamatti. "Doch sie spielte ihren Part so gut, dass ich mich schließlich auch entspannte. Sie wirkt echt, ungekünstelt und bodenständig. Es wurde schnell klar, wie selbst ein Typ wie Miles sich in solch einer Situation gehen lassen kann."

Als Miles' Besetzung feststand, machten sich die Filmemacher auf die Suche nach einem gegensätzlichen und doch kompatiblen Jack-Darsteller. Alexander Payne lud Thomas Hayden Church zum Vorsprechen, nachdem er ihn bereits für andere Projekte eingeladen und immer auf die richtige Rolle gewartet hatte, um ihn zu besetzen. Und bei Jack hatte Payne ein gutes Gefühl. "Als ich ihn beim Vorsprechen sah, wusste ich, es gab keinen anderen für den Part", bemerkt der Regisseur. "Sein Humor, sein schlaksiger, attraktiver Look, seine Tollpatschigkeit und seine weit reichende TV-Erfahrung überschnitten sich auf interessante Weise mit der Rollenbeschreibung."

Church begeisterte die Filmemacher zudem mit seiner Liebenswürdigkeit, die in ihren Augen den Kern von Jack widerspiegelte. "Thomas ist so charmant, dass man ihm allen möglichen Unfug verzeiht und ihn immer noch gern hat", verdeutlicht London. "Egal wie fehlgeleitet oder verwirrt Jack zeitweise erscheinen mag, man verzeiht ihm unter anderem deswegen, weil Thomas ihn mit dieser süßen Verletzlichkeit spielt."

Thomas Church fand sich selbst auch in Jack wieder. "Ich ähnele Jack wahrscheinlich mehr als mir selbst bewusst ist", vermutet er. "Es gibt so vieles in seinem Leben mit dem ich mich identifizieren kann - ich mußste nur irgendwo in seiner Lebensgeschichte einhaken und konnte viel aus meinen persönlichen Erfahrungen einfließen lassen. Jack ist ein Mittvierziger und auf eine bestimmte Art und Weise hat er resigniert - beruflich, emotional und auch in Bezug auf Frauen. Interessanterweise versucht er auf diesem einwöchigen Trip all diesen Ballast abzuwerfen und das führt natürlich zu katastrophalen Ergebnissen."

Der Schauspieler genoss die Aufgabe, die charakteristischen Ecken und Kanten seiner Rolle herauszuarbeiten. "Das Besondere an Jack ist ja, dass er tatsächlich alles glaubt, was er im Augenblick sagt", erklärt der Schauspieler. "Er ist wie das Fähnchen im Wind und wenn er dann wieder etwas Neues aufschnappt, denkt er: ?Wow, ganz schön tiefschürfend', selbst wenn er am Vortag noch das Gegenteil behauptet hat. Jeder kennt solche Typen. Jack nimmt seine Gefühle so ernst, dass er ständig sein gesamtes Leben in Frage stellt. Auf diesem Trip hinterfragt er moralische Werte, für die er noch vor 48 Stunden durch die Hölle gegangen wäre!"

Church glaubt, dass diese Reise Jack und Miles für immer verändert, wenn auch auf unvorhersehbare Weise. "Ich denke Jack und Miles lernen beide eine wichtige Lektion, obwohl sie auf ihrer Reise einige düstere und absurde Haken schlagen", erklärt Church. "Sie lernen etwas über sich selbst und ihr Gegenüber und machen dann mit ihrem Leben weiter. Ich mag Filme, die einem das Gefühlt der Echtheit vermitteln."

Als Church und Giamatti sich kennen lernten, entwickelte sich zwischen ihnen eine bestimmte Chemie, die alle Hoffnungen Paynes auf eine humorvolle und anspruchsvolle Zusammenarbeit auf der Stelle bestätigte. "Normalerweise lässt man für ein Buddy Movie die Schauspieler zusammen vorsprechen", verdeutlicht Payne. "Doch wir schafften es nicht, beide zusammen auszuprobieren. Also hoffte ich einfach darauf, dass es klappen würde, und es hat schließlich auch funktioniert. Thomas und Paul sind im wahren Leben extrem witzig und ihr Sinn für Humor und ihr Verständnis für die jeweilige Rolle harmonierten perfekt."

Noch vor Produktionsbeginn wurde die frische Beziehung auf eine harte Probe gestellt, als Payne und sein Ko-Produzent George Parra Church und Giamatti drei Tage lang für jeweils zehn Stunden in einen Saab setzten, um die Fahr-Einstellungen zu filmen. "Nach der Hälfte des ersten Drehtags wollten die beiden das Auto schon nicht mehr verlassen und man konnte draußen nur noch das Gelächter und die Witze hören. Es wirkte, als hätten sich die beiden bereits seit 20 Jahren gekannt", erinnert sich Parra.

"Thomas und ich freundeten uns gleich an", erinnert sich Giamatti. "Er gehört zu den lustigsten, cleversten Leuten, die ich je kennen lernen durfte, und wir verstanden uns prächtig. Ein Glück, denn das war die Voraussetzung dafür, die Charaktere echt und lebendig wirken zu lassen."

Auch die zwei Frauen, für die Miles und Jack einen romantischen Umweg fahren, mußsten zu dem Gespann passen: die Wein-begeisterte Kellnerin Maya und die verführerische Weingutsangestellte Stephanie. Payne traf viele Schauspielerinnen, bevor er auf die richtige Maya-Darstellerin stieß. Doch als er Virginia Madsen sah, wusste er, dass die Suche ein Ende hatte. "Ich mochte sie schon immer", erzählt er. "Als wir die Vorsprechen planten und ich zusammen mit meinem Casting-Agenten Namenslisten und Fotos durchforstete, sagte er plötzlich: ?Schau dieses Bild an. Sieh in ihre Augen. Schaut es nicht aus, als hätte sie bereits alles Erdenkliche durchgemacht?' und ich antwortete nur: ?Ja, schauen wir sie uns an.'"

Kurze Zeit später war der Deal im Kasten. "Virginia sieht wirklich toll aus", schwärmt Produzent London. "Sie wirkt liebenswürdig, warmherzig und echt - und all diese Qualitäten machen auch Maya aus. Ihre mitfühlende, ungekünstelte Art passt wunderbar zu Pauls Figur. Man konnte förmlich sehen, wie sie unter diesen Umständen seinen Schmerz und seine Verletzlichkeit teilen konnte."

Madsen faszinierte die Andersartigkeit des Skripts im Vergleich zu ihren früheren Rollen. "Es gibt Stellen, die sind so lustig, dass man Weinen mußs, und andere wiederum, die sind so traurig, dass es schon wieder witzig ist", verdeutlicht sie. Am besten gefiel ihr, dass Maya als Single-Frau nicht irgendeinem Klischee entspricht. "Ich habe noch nie eine Frau wie Maya gespielt", erzählt Madsen. "Mir gefiel es, dass sie sich vom Leben nicht unterkriegen lässt. Sie mußste viele Veränderungen überstehen, hat aber von Neuem begonnen. Sie hat in ihrem Leben schon einiges einstecken müssen, aber sie hat nicht aufgegeben. Ihr wurde nur allmählich klar, dass sie ihre Zeit lieber einsam als mit einem Vollidioten verbringt."

"Ich mag außerdem die Gefühle, die sie für Miles aufbringt", verdeutlicht Madsen. "Zwischen ihnen entwickelt sich eine echte Freundschaft. Zuerst sieht Maya in Miles einen unbeholfenen Poeten. Aber sie hört ihm wirklich gerne zu und ihr gefällt, wie er sich immer wieder unwohl fühlt. Sie findet ihn bezaubernd ... und ich selbst auch."

Virginia Madsen genoss die enge Zusammenarbeit mit Paul Giamatti. "Er ist so ein witziger, begabter Darsteller. Durch ihn gewann das Projekt noch mehr an Qualität", schwärmt sie, "und das gefiel mir. Ich mag die Herausforderung, aber auch die Möglichkeit, jeden Tag von jemandem wie Paul zu lernen. Nach diesem Projekt halte ich mich tatsächlich für eine bessere Schauspielerin als vorher."

Sandra Oh komplettierte das aus Paul Giamatti, Thomas Haden Church und Virginia Madsen bestehende Kleeblatt. Sie spielt die verführerische, betrogene und am Ende rachsüchtige Stephanie. Schon beim Lesen von Picketts Roman hatte Payne seine Frau Sandra Oh für diesen Part im Kopf.

"Sandra strahlt als Schauspielerin etwas so Freies, Ungezwungenes aus, dass man ihr abnimmt, dass sie wild, impulsiv und verloren genug ist, um sich in Jack zu verlieben", erklärt Michael London. "Und man verspürt eine ungemeine Befriedigung, wenn sie die Wahrheit erfährt und ihren Ärger an Jack auslässt."

Von Anfang an wusste Oh, was Payne an dieser Geschichte interessierte. "Wir sprechen hier von einer sehr witzigen, klugen und ehrlichen Komödie", verdeutlicht sie. "Man lernt etwas über die männliche Psyche und darüber, wie Männer mit Frauen umgehen. Zwei völlig konträre Männer, die nie richtig erwachsen geworden sind und einander brauchen, um überleben zu können. Und nicht zuletzt geht es um die Frage, ob man in seinem Leben alles erreicht hat und wohin man in Zukunft noch gehen möchte."

Oh genoss bei der Arbeit an SIDEWAYS insbesondere, Teil dieses Vierergespanns zu sein, das seine ganz eigene Chemie entwickelte. "Paul, Thomas, Virginia und ich verstrickten uns so ineinander, dass sich etwas sehr Interessantes und Natürliches zwischen uns entwickelte, sobald die Kameras liefen", schwärmt Oh. "Alexander gelang es einfach, vier Personen auf Film zu bannen, wie sie spontan miteinander Spaß haben. Das ist wirklich etwas Besonderes."

Der besondere Blick auf das moderne Leben: Die Dreharbeiten zu SIDEWAYS Miles: "Du bist wie ein Stück Vieh auf der Weide, das auf den Abdecker wartet."
Jack: "Ist der Abdecker ein ... was ist das?"

Von Anfang an konzipierten die Filmemacher SIDEWAYS als Erwachsenen-Roadmovie. Doch als Hintergrund wählte man nicht das typische Roadmovie-Setting in einer Zeit des jugendlichen Aufbruchs, sondern die Lebensperiode, in der man alles mit Bedacht macht. In Bezug auf den visuellen Stil orientiert sich Alexander Payne an den ungeschliffenen, unangepassten und sehr persönlichen amerikanischen Filmen der 70er Jahre, die das Genre der Roadmovies erst initiierten.

Die kinematografischen Standards der 70er hatten Payne schon immer sehr imponiert. "Leider ist diese sehr menschliche Art des Filmemachens aus der Mode gekommen", bedauert er. "Die Leute gratulieren mir oft und sagen: ?Ihre Filme wirken so frisch und außergewöhnlich.' Aber im Endeffekt versuche ich keine neuartigen Filme zu machen, sondern versuche Filme so zu drehen, wie man sie damals realisiert hat."

Im Unterschied zu den ersten drei Filmen des Autors und Regisseurs, die alle in und um seine Heimatstadt Omaha, Nebraska spielten, findet SIDEWAYS in einem anderen amerikanischen Idyll statt - dem pittoresken Santa Ynez Valley mit seinen schmucken Dörfern, schmalen Landstraßen, sonnendurchfluteten Weinbergen und hochklassigen Weingütern. Doch selbst in neuer Umgebung erkennt man in SIDEWAYS immer noch den typischen Alexander-Payne-Film.

Chefkameramann Phedon Papamichael erklärt das Geheimnis: "Eigentlich ist es ganz einfach: Man versucht mit den Bildern einen Freiraum zu schaffen, in dem sich die Charaktere angemessen entwickeln können. Natürlich bildet diese Umgebung einen sehr fotogenen Hintergrund, der in interessantem und beinahe komischem Gegensatz zu diesen hochkomplexen Individuen steht. Ein Teil des Witzes der ganzen Sache liegt daran, diesen armseligen Wesen dabei zuzusehen, wie sie mit diesem idyllischen Urlaubsort zurecht kommen."

Payne arbeitete eng mit Papamichael zusammen, um das angestrebte Retro-Feeling zu erreichen. "Ich versuchte eine weiche, pastellige Farbpalette zu erreichen, wie man sie aus den Filmen der 60er und 70er Jahre kennt", erklärt Payne. "Doch das Material heutzutage ist vollkommen anders, die Farben wirken viel leuchtender, heller und kontrastreicher. Auch die Linsen unterscheiden sich, bringen ein schärferes Bild - ich würde nicht sagen besser, einfach anders. Manchmal mußs man für den so genannten Fortschritt einen Preis zahlen. Indem er Filter und andere Filmmaterialien verwendete, erreichte Phedon dennoch einen Look, der meinem Wunsch sehr nahe kam."

Als weitere Vorbereitung für SIDEWAYS sahen sich Payne und Papamichael Filme von Hal Ashby, Jean-Luc Godard und Bertrand Blier an - weniger für spezifische Ideen als die generelle kinematografische Inspiration. "Durch diese Filme und die Gespräche darüber wurde ich mir Alexanders Geschmack und seiner Vorlieben bewusst", kommentiert Papamichael. "Ich weiß jetzt, was er mag, worauf er Wert legt und woher er seine ästhetischen Bezüge nimmt. Das macht die Zusammenarbeit natürlich leichter. Bei Produktionsbeginn lagen wir schon auf einer Wellenlänge und mußsten deshalb beim Dreh kaum noch etwas besprechen."

Nach der Ankunft an der geplanten Location entdeckten die Filmemacher immer neue unberührte Flecken und stimmungsvolle Orte. Neben der TV-Serie "Mayberry R.F.D." und ein paar Filmen, darunter das Remake von THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE ("Wenn der Postmann zweimal klingelt", 1980) mit Jack Nicholson/Jessica Lange, hatten trotz der geografischen Nähe zu Los Angeles nur wenige Produktionen die natürliche Schönheit der Region von Santa Ynez genutzt.

Der Produktionstross zog an einige der charakteristischsten Orte der Gegend, darunter das verspielte holländische Dörfchen Solvang, die quirlige Kleinstadt Buellton und die Künstlergemeinde Los Olivos. Darüber hinaus drehte man in Santa Maria, Lompoc, Santa Barbara und Goleta. Zudem schafften es einige persönliche Lieblingsorte der Filmemacher, wie die La Purisima Mission und das Hitching Post Restaurant, in den Film. "Im Endeffekt bauten wir uns das Drehbuch rund um die Drehorte, die wir bei unseren anfänglichen Fahrten durch die Gegend entdeckt hatten", gesteht Produktionsdesignerin Jane Ann Stewart, die mit Alexander Payne bereits bei seinen anderen Filmen kooperiert hatte. "Für mich bestand das besondere Vergnügen in der Tatsache, dass wir sozusagen auf jungfräulichem Boden arbeiteten. Wir entdeckten die Gegend und bereisten sie genauso wie unsere Hauptfiguren."

Zu den zentralen Drehorten des Films gehört die wunderlich anmutende Windmühle in der kalifornischen Kleinstadt Buellton, wo die Produktion beinahe drei der insgesamt zehn Drehwochen verbrachte. Für Stewart bestand die Aufgabe darin, den "touristischen" Locations einen dennoch glaubwürdigen Touch zu verpassen. "Alexander findet immer wieder einen perfekten Drehort wie eben das Windmill Inn. Das entspricht dann beinahe seinen Vorstellungen und doch mußs man noch hier und dort eine Kleinigkeit ändern, um sie den Szenen anzupassen und die Symbolik herauszuarbeiten", verdeutlicht sie die Arbeitsweise des Regisseurs.

Für Payne, so erklärt Kameramann Papamichael, dient die technische Seite des Filmemachens stets nur einem Zweck: "Alexander achtet darauf, den Moment einzufangen, und er hält uns immer dazu an, uns an das, was er an Chemie zwischen den Schauspielern wahrnimmt, anzupassen. Manchmal ändert er die Ausleuchtung, das Szenenbild oder die Einstellung von einem Augenblick auf den nächsten. Er arbeitet sehr schnell, doch das kann er auch, weil er weiß, was er will."

Neben seinem Ruf, schnell und flexibel zu arbeiten, sagt man Payne die Fähigkeit nach, eine Atmosphäre völliger künstlerischer Freiheit auf seinen Sets zu schaffen, die bei SIDEWAYS ungeahnte Ausmaße annahm. "Ich finde SIDEWAYS entspannter und fröhlicher als seine früheren Filme, vielleicht auch wegen der fröhlichen Stimmung am Set", sagt Papamichael. "Die Schönheit der Natur, das Essen, der Wein und der Spaß beim Dreh spiegeln sich im Look dieses Films, in den darstellerischen Leistungen und der vermittelten Stimmung wider."

Das stimmungsvolle Wine County findet auch in den jazzigen Melodien von Rolfe Kents Score seine Entsprechung. Kent, der zuvor bereits die Musiken zu Alexander Paynes ABOUT SCHMIDT, ELECTION und CITIZEN RUTH komponiert hatte, besprach sich bereits lange vor Beginn der Dreharbeiten mit dem Filmemacher über SIDEWAYS. "Während Alexanders Vorbereitungen fuhr ich nach Santa Ynez hinaus, wir tranken einen der lokalen Tropfen und sprachen über unsere Ideen", erinnert sich Kent. "Er wünschte sich etwas Jazziges und gab mir als Anregung einige italienische Jazz-Scores aus den 60ern zum Anhören."

Bei Fertigstellung des Films hatte sich Payne so in diese Scores verliebt, dass er Kent bat, die Filmmusik wie vor 40 Jahren üblich mono aufzunehmen. "Ich fand die Idee toll, doch sie hätte Probleme beim Abmischen der Dialoge verursacht", erklärt Kent. "Also schlug ich ihm vor, zwar stereo aufzunehmen, dafür aber historische Aufnahmegeräte zu verwenden. Und so geschah es dann dank der Hilfe des Score-Tonmischers Greg Townley."

Unterdessen verstrickte sich Kent beim Komponieren immer tiefer in authentische Jazz-Stücke. "Als ich Alexander die Stücke vorspielte, fragte er: ?Wo sind die charakteristischen Rolfe-Melodien?' So wurde mir bewusst, dass er nach einer Mischung aus Jazz-Inspirationen und klassischen thematischen Kompositionen suchte. Und die schrieb ich dann auch."

Die größte Herausforderung kam für den Perfektionisten Kent jedoch während der Aufnahmen. "Ich als Kontrollfreak fand es wirklich schwer, die Musik loszulassen und zu erkennen, dass man beim Jazz nicht allzu pedantisch sein darf", bemerkt er. "Stattdessen mußs man seine Stücke ins Studio bringen, einige Vollblut-Musiker und Experten einladen und zuschauen, wie sich daraus etwas vollkommen Unvorhersehbares und Magisches entwickelt. Letztendlich entwickelte sich SIDEWAYS für mich zu einer Lehrstunde in Sachen Musik. Der Score ist eine Mischung aus meiner Arbeit und dem Werk eines Fremden, denn die Studiomusiker fügten so viel Eigenes hinzu."

Während der Aufnahmen gab Alexander Payne seinem Komponisten vollkommene musikalische Freiheiten. "Ich empfand es als sehr hilfreich, dass Alexander organisch entstandene Musik mag", erzählt der Komponist. "Er nahm an allen Aufnahme-Sessions teil und ermutigte mich, Neues auszuprobieren. Er machte deutlich, dass ihm Präzision nicht viel bedeutet - Lebendigkeit und Energie dafür umso mehr."

Die fünfte Hauptfigur von SIDEWAYS: Der Wein "Wenn jemand Merlot bestellt, gehe ich." (Miles)

Wie ein Lebenselixier strömt Wein durch alle emotionalen Schichten von SIDEWAYS. Rotwein, Weißwein, billiger Wein, teurer Wein, Wein, der Freunde einander näher bringt, Wein, den man missbraucht, und dann natürlich der Wein, der einen Kuss besiegelt. Von dem gefeierten 1961er Cheval Blanc, der unbeachtet in Miles' Schrank dahinaltert, über den Fiddlehead Sauvignon Blanc, den er mit Maya teilt und schätzt, bis hin zu Stephanies viel gerühmtem und unantastbarem Richebourg wartet SIDEWAYS mit einer "Weinkarte" auf, die jedem Kenner das Wasser im Mund zusammenlaufen ließe.

Diese flüssige Komponente faszinierte Alexander Payne entscheidend für das Projekt SIDEWAYS. Der Regisseur glaubt, dass Wein für viele normale Leute enorm an Bedeutung gewonnen hat - trotz seines früheren Rufs als Snob- und Elite-Trunk. Payne verfolgte in den letzten Jahren mit Genugtuung das Aufkeimen einer entspannten und schrankenlosen Weinkultur in den USA. Persönlicher Genuss und ein allgemein breit gefächertes Wissen zu Wein steht heute im Gegensatz zu den elitären Weinkritiken von früher im Vordergrund.

"Die amerikanische Weinkultur hat es geschafft, den Wein zu demokratisieren", erzählt Alexander Payne. "Mittlerweile beschäftigen sich eine Menge Leute mit der Materie - Weinclubs und Verkostungsstellen sind aus dem Boden geschossen. Selbst für einen verkorksten Lehrer ist es heutzutage nicht mehr undenkbar, ein Wein-Fan zu sein. Es geht einfach darum, sich umzuschauen und ein Gefühl dafür zu bekommen."

Obwohl zig verschiedene Sorten auf der Welt existieren, ist es doch nur eine Handvoll Trauben, aus der man eine Vielzahl von Weinen keltert. Der Cabernet ist ein für sein reichhaltiges, fruchtiges Bouquet und die schweren Tannine bekannter Wein, der Merlot ein leicht zu trinkender Roter, der sich in den USA großer Beliebtheit erfreut. Pinot gilt als beste Rotweintraube und besitzt einen komplexen, schwer zu perfektionierenden Geschmack. Äußerst populär sind der fruchtige Weißwein Chardonnay sowie als dessen leichtere, würzige Alternative der Sauvignon Blanc und der Riesling, ein oft als süßer Dessertwein servierter Weißer, der auch als Tischwein zunehmend an Popularität gewinnt.

Aufgrund einer glücklichen Laune der Natur konnte sich Santa Barbara zu einer der führenden Weinregionen der USA entwickeln und erfreut sich mittlerweile Tausender Hektar preisgekrönter Weinberge. Obwohl er seit etwa zehn Jahren selbst zu den Weinliebhabern zählt, wusste Payne zu Beginn nur wenig über die dort aufkeimende Weinkultur. Deshalb verbrachte er geraume Zeit damit, die Gegend zu erkunden und die Weine kennen zu lernen, die er später im Film einbauen würde. "Ich weiß jetzt genug, um zu wissen, dass ich noch viel lernen mußs", gesteht Payne. "Doch mittlerweile frustriert mich mein mangelndes Wissen nicht mehr. Für mich ist das Wissen über den Wein mittlerweile ein bisschen wie Yoga - etwas, das man übt und doch nie vollständig beherrscht. Man arbeitet einfach ständig daran."

"Für den Film", so verrät er, "habe ich einfach Weine ausgesucht, die ich mochte oder die von Weingütern stammen, die mir gefielen. Ich entschied mich nicht notwendigerweise für die besten Weine, sondern die, die mir persönlich zusagten."

Zuweilen führte die örtliche Nähe zu den Weinbauern zu manch verzwickter Situation. Einmal zum Beispiel sollte Maya laut Drehbuch einen Andrew Murray Syrah probieren und erklären: "Ich denke, Sie haben übertrieben. Zu viel Alkohol, das erschlägt die Fruchtigkeit." Dummerweise wohnte Produktionsdesignerin Jane Ann Stewart als Gast auf dessen Anwesen. "Schließlich fragten wir ihn, ob er etwas dagegen habe, wenn wir diesen Satz verwendeten. Er überraschte uns mit der wunderbaren Antwort: ?Klar, ich bin da vollkommen eurer Meinung.'"

Letztendlich drehten die Filmemacher in einer ganzen Reihe von Weingütern, darunter Foxen, Kalyra, Fess Parker und Sanford. Unter den gezeigten Weinen finden sich Sea Smoke, Fiddlehead Cellars und Highliner, die Eigenmarke von The Hitching Post.

Natürlich besitzt auch das Weintrinken seine dunkle Seite, die auch Miles in SIDEWAYS am eigenen Leib erfährt. In einer herzerweichenden Szene dürstet es ihm derart nach Alkohol, dass er aus dem Spucknapf einer Verkoststelle trinkt. Doch im Endeffekt bringt ihn der Wein näher zu Maya und der gesamte Trip durch das Weinland ermöglicht ihm einen Einblick in seine ganz persönliche Misere.

"Wenn Miles Maya von seiner Vorliebe für Pinot erzählt, enthüllt er natürlich auch etwas über sich selbst. "Auf der anderen Seite weiß er, dass Jack mehr zu den Cabernets gehört und selbst überlebt, wenn man ihn vollkommen missachtet. Wie man es auch immer sieht - Wein gehört zu den großen Erfahrungen menschlicher Existenz."

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