Vera Drake

Ausführlicher Inhalt

Wir befinden uns in London, die Nachkriegsjahre sind knapp vorbei, ein wenig Licht fällt in die trübe Städte, aber noch sind sie düster genug. Es ist das Jahr 1950. Vera Drake ist eine Frau mit Familie, sie hat einen Mann und zwei erwachsene Kinder, die beide noch in der engen elterlichen Wohnung leben. Die Familie Drake ist pure Arbeiterklasse. Vater und Sohn haben ein Handwerk gelernt, die Tochter ist in der Fabrik beschäftigt, Vera selbst geht putzen. Sie ist etwa Ende 40 und eine Frohnatur, unentwegt summend kniet sie auf den Fußböden der Bourgeoisie und poliert sanft die Dielen, die Messinggitter der offenen Kamine, die Treppen ins nächste Stockwerk.

In einem dieser reichen Häuser lebt Susan, etwa 18, ein schüchternes Mädchen, dem eine Mutter wie Vera Drake gut täte, das sich aber mit rein gesellschaftlich orientierten Eltern zufrieden geben mußs. Vera hingegen kümmert sich nach ihrer Arbeit noch zusätzlich um bettlägerige Bekannte, um ihre alte Mutter, und um einen einsamen Junggesellen, den sie zum Abendessen zu sich nach Hause bittet. Dort wird schnell klar, dass hinter der Einladung die Idee steckt, ihrer ebenfalls recht schüchternen Tochter Ethel einen Ehemann vorzustellen. Nach ein paar schweigsamen aber gemütlichen Abenden bei Drakes wird Reg, der Junggeselle, tatsächlich ein ständiger Gast auf ihrer Couch, und Ethel himmelt ihn an. Sid, Veras Sohn, hat solche Hilfestellung nicht nötig. Er geht mit Freunden in die Tanzhallen der Stadt, ist amüsant, beredt, und den tanzenden Damen ein Wohlgefallen.

Doch es gibt etwas, das Vera Drake vor allen geheim hält. Nicht einmal ihre Familie weiß Bescheid: Ohne irgend jemandem davon zu erzählen erledigt Vera Drake gelegentlich eine unangenehme Aufgabe. Sie hilft Frauen, meist jung und mittellos, die ungewollt schwanger wurden. Die Adressen bekommt sie von Lily, einer dubiosen Bekannten, die den Kontakt herstellt. Vera geht zu den verzweifelten Mädchen, legt sie aufs Bett, und hat wider Erwarten keine erschreckend blutige Methode, die Schwangerschaft zu beenden, sondern ist auch hier sanft und effizient. Immer tröstet sie die betroffenen Frauen, immer hilft sie schnell, tatkräftig und unentgeltlich. Was sie nicht weiß, ist, dass Lily sich für diese Dienste ordentlich bezahlen lässt. Veras Motto ist, dass man Frauen in dieser Not helfen mußs, denn oftmals wäre ein Kind für sie tatsächlich eine Katastrophe. Die meisten ihrer Klienten sind jung und unerfahren in die Sache hineingeraten, selten sind es leichtlebige Gören. Manchmal allerdings sind auch Frauen darunter, die schon sieben Kinder haben und einfach kein achtes mehr ernähren können.

In anderen Gesellschaftsschichten kommt es ebenfalls zu solchen Problemen. Susan zum Beispiel geht mit einem Bekannten aus und wird von ihm vergewaltigt. Natürlich kann sie darüber nicht sprechen, natürlich wird sie aber schwanger. Ohne Wissen ihrer Eltern wendet sie sich an eine Bekannte, mit deren Hilfe sie die Vorgehensweise der upper class in solchen Fällen kennenlernt: Ein Besuch beim Psychiater, der langsam die Wahrheit aus ihr herauslockt, ein Wochenende in einer Klinik, ein Schwangerschaftsabbruch unter medizinischer Kontrolle. Das ist im London der Fifties nicht ganz so illegal wie Veras Methode, mußs aber gut bezahlt werden können.

In der Familie Drake kommt es derweil tatsächlich zur Verlobung zwischen Ethel und Reg. Alle sind glücklich darüber, auch Stan, Veras Gatte, und dessen Bruder Frank. Frank ist verheiratet mit einer hübschen Frau, die gern den Mief seiner Autowerkstatt abschütteln würde, und seine restliche Familie auch. Trotzdem mußs sie mit zur Verlobungsfeier ins Wohnzimmer der Drakes. Diesmal allerdings hat auch sie eine frohe Nachricht, denn sie erwartet endlich ein Kind. Die Feier ist fröhlich, die Familie ist glücklich zusammen, als plötzlich unvermittelt das Unglück über Vera Drake hereinbricht: Vor einigen Tagen hat sie wieder einem schwangeren Mädchen geholfen, im Beisein von dessen Mutter. Die Mutter kannte Vera noch von vor dem Krieg, was deren Anonymität plötzlich aufhob. Gerade bei diesem Mädchen kam es später zu Komplikationen, sie mußste ins Krankenhaus, die Geschichte kam ans Licht, und widerstrebend mußste die Mutter Veras Namen preisgeben.

Mitten in die Feier bei Drakes platzt also die Polizei. Vera gibt sofort klein bei und fährt mit aufs Revier. Sie bittet jedoch die Polizisten, ihrer Familie nichts zu sagen. Fassungslos sitzen Kinder und Gäste zu Hause und rätseln, was passiert sein könnte. Stan folgt Vera auf die Polizeistation, und nach einem tränenreichen Verhör gesteht sie ihm, was sie seit Jahren heimlich tut. Die Polizisten sind dabei erstaunlich zartfühlend, Stan erstaunlich gefasst, er hält zu seiner Frau. Er kehrt zurück und erzählt den wartenden Angehörigen, was Vera zur Last gelegt wird. Jetzt kommt es zu interessanten Reaktionen in der ganzen Familie. Franks Frau hat einen weiteren Grund, um Vera zu verachten. Auch Veras Sohn Sid kann die Taten seiner Mutter nicht verstehen und zieht bald darauf aus. Stan arrangiert sich widerwillig, und nur Reg, der schweigsame zukünftige Schwiegersohn, erkennt die Notwendigkeit von Veras Tun an.

Vera wird auf Kaution entlassen, aber ihre häusliche Idylle ist zerbrochen. Es kommt zu einem wortlosen, traurigen Weihnachtsfest, bei dem wieder nur Reg etwas Optimismus verbreitet. Einige Zeit später ist die Gerichtsverhandlung, bei der trotz aller widerstreitenden Gefühle Veras ganze Familie anwesend ist. Vera gibt ihre Taten zu, beharrt aber auch darauf, dass jemand schließlich den Frauen in Not helfen müsse. Der Richter, ein verknöcherter Mann, sieht die Sachlage anders. Er nimmt das Strafmaß des Verteidigers nicht an, sondern setzt es um einige Monate herauf. Vera Drake mußs zwei Jahre ins Gefängnis. Draußen aber mußs ihre Familie und alle anderen, denen sie immer geholfen hat, lernen, allein zurecht zu kommen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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