Saw

Produktionsnotizen

Gleich mit den ersten Bildern dieses neuen schaurigen Thrillers aus dem Hause Lions Gate Films wird das Publikum ins Ungewisse gestürzt: Zwei Männer wachen in einem verrotteten unterirdischen Badezimmer auf, beide sind an die Wand gekettet. Sie wissen nur eines: dass ein Mann den anderen töten mußs. Und zwar innerhalb von acht Stunden. Sonst sterben beide. Das ist der Anfang eines Horrortrips, der mit seinem hoch komplexen Plot und seinem überraschenden Ende bereits die Zuschauer einschlägiger Festivals erschauern ließ.

SAW blickt in tiefste Abgründe und leitet den Schrecken aus menschlichen Konflikten ab. Deshalb kann man sich diesem Horror nicht entziehen. "Ich glaube, der Film erlaubt es dem Zuschauer, sich selbst in die Situation der Figuren zu versetzen", sagt Regisseur und Ko-Autor James Wan. "Der Film fragt unentwegt: ?Was würdest du tun, stecktest du in den Schuhen der Figuren? Würdest du das Undenkbare tun, um zu überleben?"

"Es ist diese Ungewissheit", fügt Schauspieler und Ko-Autor Leigh Whannell hinzu, der in dem Film die Rolle des Adam übernommen hat. "Nicht zu wissen, wo du bist und was um dich herum geschieht, diese absolute Ohnmacht - das ist es, was so furchteinflößend ist. SAW ist aus der Sicht der Opfer erzählt, nicht aus der der Polizei, wie man das sonst aus Täterrätseln kennt. Das Publikum mußs die Hinweise gemeinsam mit den Charakteren in Echtzeit zusammentragen, da mußs man sich einfach mit ihnen identifizieren."

Jedes Opfer in SAW mußs eine schreckliche Entscheidung treffen, um zu überleben. Ein Mann mußs durch ein Stacheldrahtlabyrinth kriechen, das ihm das Fleisch von den Knochen schabt. Eine Frau mußs einen anderen Menschen töten, um an den Schlüssel zu kommen, mit dem eine perfide Stahlvorrichtung um ihren Kopf befestigt ist - schafft sie es nicht innerhalb einer bestimmten Zeit, würde mit eben dieser Vorrichtung ihr Kopf zermalmt werden. Es sind diese Spiele, ausgearbeitet von einem ominösen Killer namens Jigsaw, durch die SAW alle traditionellen Serienmörder-Krimis in den Schatten stellt und ein ebenso makabres wie unausweichliches Szenario der Angst entwirft. "Die Kunstfertigkeit von Jigsaw macht den Film so einzigartig", schwärmt Produzent Gregg Hoffman. "Die Spiele, zu denen er seine Opfer zwingt, sind grausam - aber vor allem sind sie raffiniert. So was hat man im Kino noch nicht gesehen."

Whannell wollte die Morde so grausam wie möglich erscheinen lassen. "Ich konnte Jigsaw seine Opfer ja nicht zu einer nächtlichen Runde ?Twister' einladen lassen", sagt er lachend. "Die Spiele, die er sich ausdenkt, müssen nun mal Hardcore sein. So sah ich mich dann irgendwann all diese kranken kleinen Spiele ausdenken - als ob ich selber ein Psychopath wäre."

Doch SAW variiert das Serienkiller-Genre auch als moralische Geschichte. Jigsaw wird nicht allein von Grausamkeit und Wahnsinn getrieben - er will den Opfern eine Lektion über den Wert des Lebens erteilen. In einer der bizarrsten Szenen bedankt sich eine der Überlebenden sogar bei Jigsaw dafür, dass er ihr dabei geholfen hat, ihr Leben zu verändern.

Danny Glover, der Detective Tapp spielt, hält das für einen der interessantesten Aspekte an SAW: "Sogar der Typ, den wir in diesem Film am meisten hassen, hat einige philosophisch interessante Ansichten zum Thema ?Respekt vor dem Leben'." Dem stimmt auch Cary Elwes zu, der Dr. Lawrence Gordon spielt, einen der beiden Gefangenen: "Jigsaw bringt seine Opfer dazu, das Leben zu schätzen, indem er droht es ihnen wegzunehmen. Er sagt: ?Nehmt das Leben nicht für selbstverständlich und wartet nicht, bis es zu spät ist.'"

Regisseur Wan grinst und ergänzt: "Jigsaws Absichten sind gut - aber seine Methoden sind es nicht." Für Wan bot SAW die Möglichkeit, die harten Schockeffekte des Horrorfilms mit einem ausgeklügelten Thriller-Plot zu verknüpfen: "Horror ist für mich ein Genre, das frei von Zwängen und Konventionen ist. Ich bin mit unserem Projekt immer umgegangen wie mit einem Täterrätsel, wie mit einem Mörderpuzzle. Ich habe die Storyline eines Thrillers genommen und sie mit den freien Stilmitteln des Horrorfilms ausgeschmückt."

Genau das ist es auch, was Produzent Gregg Hoffman fasziniert: "Wenn man einen Genrefilm drehen will, mußs man sich überlegen, wie man die Leute überraschen kann. Man mußs sich einen Dreh ausdenken, wie man den Film aus dem Genre herausheben kann. SAW könnte eigentlich auch von Hitchcock sein - wenn Hitchcock zu viele Videos von Nine Inch Nails geguckt hätte."

Wan zitiert Regisseure wie David Lynch und Dario Argento als wichtigste Quellen seiner Inspiration, von ihnen ließ er sich zu dem rauen und surrealen Look seines Films animieren: "Ich wollte ganz normale Menschen nehmen und sie in diesen befremdlichen Lynch-artigen Kosmos stellen, und auch das Makabre und Bizarre von Argento sollte dort eingehen. Von Anfang an wollte ich eine Geschichte über Verderben und Amoral erzählen, in der sich keiner der Charaktere sicher fühlen darf."

Wan und Whannell trafen sich Ende der Neunziger auf einer Filmhochschule in Australien, schon damals schätzte Wan einschlägige Genre-Arbeiten. "Wir gingen auf eine sehr kunstorientierte Filmhochschule", erinnert sich Whannell, "da liefen die Leute mit Baskenmützen rum und drehten Filme über Sand. Und mittendrin bastelte James an seinen Zombie-Streifen. Ich wusste, dass er irgendwann ein ganz Großer werden würde."

Irgendwann setzten sich Wan und Whannell zusammen, um ein Drehbuch zu schreiben, das einer ganz klaren Vorgabe folgte: Zwei Männer sind zusammen gefangen in einem verrotteten Badezimmer; ein Mann mußs den anderen töten. Aus diesem denkbar simplen Szenario entwickelte sich eine Geschichte aus vielen Rückblenden und mit einer ganzen Reihe anderer Charaktere.

Nachdem Whannell sich klar gemacht hatte, was das Grundmotiv war, wusste er, dass er mit dem Schreiben loslegen konnte. "Ich hatte zuvor einige ernsthafte gesundheitliche Probleme", berichtet er. "Die waren am Ende zwar nicht lebensbedrohlich, doch sie veränderten mein Bewusstsein für das Leben. Ich dachte, das wäre ein interessantes Thema, um das man gut einen Thriller herumbauen kann." Und Wan ergänzt: "Das Buch war so angelegt, dass all die losen Erzählfäden am Ende zusammengeführt werden. Wie ein Puzzle, bei dem man erst alle Teilchen zusammensetzen mußs, um das Bild erkennen zu können."

Als sie das Skript fertig hatten, wurden Wan und Whannell von ihrem Manager gedrängt, für ein paar Meetings nach Los Angeles zu fliegen. Die beiden angehenden Filmemacher, die damals knapp bei Kasse waren, wollten allerdings nicht so viel Geld ausgeben, nur um in L.A. ein paar Hände zu schütteln. Da sie den Trip so effizient wie möglich gestalten wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig als noch mehr Geld auszugeben: Sie kratzten ein paar Tausend Dollar zusammen, nahmen eine extrem gewalttätige Szene mit Whannell als Schauspieler auf und hofften, sich mit diesem Kurzfilm als Regisseur und Hauptdarsteller anbieten zu können. Sie brannten den Film auf DVD und schickten diese samt Drehbuch an Produzenten in L.A.

"Es war das Klügste, was wir je getan haben", erklärt Whannell. Denn einige Tausend Meilen entfernt in Los Angeles wartete schon Produzent Gregg Hoffman, dem die DVD von einem befreundeten Agenten überreicht worden war. "Ich rieb mir vor Staunen die Augen", erinnert sich Hoffman. "Ich mußste den Film sofort meinen Partnern zeigen." Als Wan und Whannell schließlich irgendwann in Los Angeles aus dem Flugzeug stiegen, hatten Hoffman und seine Partner bereits ein Angebot ausgearbeitet. Schon drei Monate später begannen die Dreharbeiten zu SAW - mit Wan als Regisseur und Whannell in einer Hauptrolle.

Mit der starken DVD und dem Drehbuch in der Hand konnten Wan und seine Produzenten sehr schnell Stars für das Projekt interessieren. Nachdem Cary Elwes die DVD gesehen hatte, schickte er Hoffman eine E-Mail, in der nur ein einziges Wort stand: "Wow." Er setzte sich sofort hin, um das Skript zu lesen - das er dann ohne Unterbrechung verschlang. "Das tue ich sonst nie", sagt Elwes. "Aber ich mußste es ganz einfach tun. Ein wundervoll geschriebener Suspense-Thriller!"

Monica Potter, die Dr. Gordons Ehefrau Alison spielt, kann sich auch noch lebhaft daran erinnern, wie sie die DVD zum ersten Mal angeschaut hat: "Ich guckte sie mir einmal an und dann gleich noch einmal. Es verstörte mich ehrlich gesagt ein bisschen, als ich feststellte, dass ich diese Rolle unbedingt haben wollte. Warum bloß wollte ich da mitmachen?"

Ihr Kollege Elwes erklärt sich das so: "James und Leigh trafen voll ins Schwarze, sie erreichten die Psyche aller Beteiligten. Als ich die ersten Tage auf dem Set herumlief, sagte jeder zu mir: ?Ist das Skript nicht einfach großartig?' Das hört man normalerweise nicht vom ganzen Filmteam. Niemals."

Für die Rolle des Tapp, dem Kommissar, der davon besessen ist, Jigsaw das Handwerk zu legen, nahm Wan Danny Glover ins Visier. Glover zeigte sich beeindruckt von Wans Ideen und sagte sofort zu. Mit einem Lächeln erinnert sich Glover daran, wie Wan auf ihn zutrat: "James hat mich in einer Werbesendung in Australien gesehen. Er sagte nicht: ?Ich habe dich in einem anderen Film gesehen.' Er hat mich in einer dieser Werbesendungen gesehen!"

Da die Beziehung von Dr. Gordon und Adam im Zentrum von SAW steht, sah es Elwes als unbedingt erforderlich an, dass er und Leigh Whannell vor Drehbeginn zusammen proben. "Diese beiden Charaktere stehen in diesem Raum in einer sehr sonderbaren Verbindung", meint der Schauspieler. "Sie erleben gemeinsam alle möglichen extremen Emotionen und finden in ihrer Angst zusammen - sogar dann noch, als sie am Ende Gegenspieler sind. Wir kamen uns bei den Proben sehr nahe." Und Whannell fügt hinzu: "Für mich war es die größte Herausforderung, neben so einem fantastischen Schauspieler zu bestehen. Zum Glück zeigte sich Cary so einfühlsam und großzügig, dass sich meine Nerven bald beruhigten."

Nachdem er bereits in dem mit Wan gedrehten Kurzfilm sein schauspielerisches Talent unter Beweis gestellt hatte, ließ er seine Schreibambitionen erstmal ruhen und schmiss sich in seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm. dass seine Visionen nun reale Gestalt annahmen, war für ihn eine wahrlich surreale Erfahrung: "Wenn du so lange bestimmte Bilder mit dir im Kopf herumträgst und diese dann auf einmal sichtbar werden, ist das ein fantastisches Erlebnis. Nimm nur das Badezimmer, also den wichtigsten Handlungsort: Zwei Jahre hatte ich ihn vor meinem inneren Auge - und plötzlich kannst du darin herumspazieren und die Wände anfassen. Unglaublich!"

Whannell konnte man am Set oft mit Kopfhörern sehen, denn vor dem Dreh seiner Szenen hörte er Musik. "Es ist schon sehr schwierig, Wut oder Angst zu suggerieren, wenn du dir gerade deinen Traum erfüllen darfst und deinen ersten großen Film drehst. Doch die Musik brachte mich in kürzester Zeit in das erforderliche emotionale Stadium." Doch ganz egal, welche Methoden er nun anwendete - er macht neben den anderen Stars eine durchaus souveräne Figur. "Leigh ist wahnsinnig talentiert", meint Elwes. "Es wird nach diesem Film für ihn karrieretechnisch steil nach oben gehen."

Genauso begeistert zeigen sich die Schauspieler über den Regie-Debütanten James Wan, der bewies, so Elwes, "dass Regieführen der Job ist, für den er geboren wurde". Für Wan selbst überstieg der Dreh von SAW alle Erwartungen: "Ich dachte immer, ich würde meinen ersten Film zu Hause mit ein paar Kumpels drehen. Und dann steht mir diese professionelle Crew zur Seite, die mich so fantastisch unterstützt. Ich bin ein echter Glückspilz."

Doch es ist nicht nur Glück, sondern vor allem Talent, durch das es Wan so weit gebracht hat. "Er zählt zweifellos zu den vielversprechendsten neuen Regisseuren", erklärt Elwes. "Er ist visionär und kann wunderbar mit Schauspielern umgehen. Er schafft eine Atmosphäre, in der du wagst alles auszuprobieren." Dem stimmt auch Glover zu: "Er gibt dir den Raum kreativ zu sein." Und Monica Potter glaubt, dass es ihm gerade seine relative Unerfahrenheit erlaubt seinem Job als Regisseur aufgeschlossen und flexibel nachzugehen. "Viele ältere Regisseure sind einfach nur stur", so die Schauspielerin, "aber James ist offensiv und zugleich sehr sensibel. Er weiß genau, was er will, kann sich aber auch den Ideen anderer öffnen."

Die meisterhaften Darsteller und der kluge Spannungsaufbau von SAW ziehen den Zuschauer in den Bann, aber es ist vor allem das überraschende und schaurige Ende, weshalb das Publikum noch lange danach über die Produktion spricht. "Die überraschende Wendung am Ende prägt den Film als Ganzes", weiß auch Produzent Mark Burg, "und wir werden es natürlich nicht verraten."

Auch Whannell weiß um die Wirkung des Finales: "Ich will, dass die Leute ähnlich aufgewühlt aus SAW kommen wie aus ?Die üblichen Verdächtigen' oder ?The Sixth Sense'. In Filmen mit solch einem Ende versuchst du dir frühere Szenen in Erinnerung zu rufen und rekonstruierst den Plot noch einmal. So hallt der Film nach dem Kinobesuch noch in deinem Kopf nach."

Wan genießt sichtlich den Effekt, den die letzten Bilder aufs Publikum haben. "Die Leute sollen sich wie durchgeschüttelt fühlen, wenn sie aus dem Kino kommen. Total durchgeschüttelt", sagt er lachend. "Das war unser Plan."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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