Kontroll

Produktionsnotizen

"In den langen Gesprächen mit dem Regisseur beschrieb er mir, wie ihn der Kampf zwischen Gut und Böse beschäftigt. Die Darstellung in seinem Film entspricht einer erfundenen Handlung, in einer fiktiven unterirdischen Welt. Die Ereignisse im Film, die Örtlichkeit der Szenen, sowie die Schauspieler können nicht in der Verbindung mit der BKV (Budapester Verkehrsbetriebe) gesetzt werden, weil sie globale und universelle Gedanken widerspiegeln." (Aba Botond, Leiter der Budapester U-Bahn-Betriebe)

Nimród Antals KONTROLL ist ein fesselnder Thriller voll schwarzem Humor. Der Film wurde in den Kulissen der expressionistischen Tunnel und Bahnsteige der Budapester U-Bahn gedreht und war in Ungarn 2003 der Box Office Hit schlechthin. Nimród Antal erzählt uns von den teils lustigen, teils deprimierenden Momenten im Leben einiger U-Bahn-Kartenkontrolleure, von ihrem täglichen Kampf gegen Schwarzfahrer bis hin zu einem Kapuzen-Killer, der Fahrgäste vor den einfahrenden Zug stößt, und er erzählt von ihren eigenen Neurosen und Obsessionen.

Hauptfigur Bulcsú ist der beinahe klassische Anti-Held. Er weigert sich, seinen unterirdischen Arbeitsplatz zu verlassen, um an der Hetze des Alltags teilzunehmen, die über den U-Bahn-Schächten, am Tageslicht stattfindet. Lieber schläft er im grellen Neonlicht auf den Bänken der U-Bahnsteige. Der 29-jährige Sàndor Csányi, der Bulcsú spielt, erklärt, dass ihn die Rolle deshalb interessiert hat, weil darin die soziale Entfremdung in der modernen Gesellschaft klar zum Ausdruck kommt. "Die Rolle thematisiert ein Generationen-Problem, beschäftigt sich mit dem Schicksal und den Schwierigkeiten der ca. 30-jährigen. Es ist eine Generation herangewachsen, die non-stop in Konkurrenz zueinander steht, von morgens bis abends, und dieser Wettbewerb frisst langsam nicht nur ihr Nervensystem, sondern auch ihre Familien auf. Es reizte mich, jemanden zu spielen, der aus diesem Teufelskreis ausschert. Weil der Wettbewerb spätestens dann ausgespielt hat, wenn die Leute nicht mehr gegeneinander antreten."

Bei den Kontrolleuren entlädt sich dieser soziale Druck in lebensgefährlichen Wettläufen, bei denen sie vor Einfahren des letzten Durchgangszugs die nächste Station zu erreichen versuchen. Bulcsú ist in dieser "Disziplin" der Champion. Diese Szenen gehören zu den spannendsten des Films, für den Zuschauer ebenso wie für die Schauspieler: "Nimród wollte, dass wir die abschließende Verfolgungsszene mit dem Killer in einem Take spielen," sagt Csányi. "Das war schwierig, denn die Diesellokomotive, auf der die Kamera befestigt war, ließ sich bezüglich ihrer Geschwindigkeit nicht steuern. Zu Beginn war sie sehr langsam, aber am Ende unerreichbar schnell. Gleichzeitig mußste man ständig nach unten blicken, denn zwischen den Schienen lagen eine Menge Kabel und es gab Ölpfützen. Und der Auspuff der Lokomotive war genau auf Höhe des Kopfes, so dass uns die Abgase andauernd ins Gesicht bliesen...Und dann, wenn Du wirklich fertig bist, wenn dir die Luft wegbleibt und Du nicht mehr rennen kannst, taucht hinter Dir der U-Bahn-Zug auf, und wir wussten, dass der nicht innerhalb von 10 Metern anhalten kann. Das war keine Schauspielerei für uns, ich hatte in meinem Leben noch nie solche Angst." Er wollte auch den Stunt nicht vorher proben, denn es mußste schließlich mit abgedrehtem Strom gefilmt werden, weil die Stromversorgung ja zwischen den Schienen lag.

Drehen in der U-Bahn KONTROLL wurde "on location" gedreht, wodurch das Team mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert war. Obwohl er vom Drehbuch begeistert war, zweifelte Produktionsleiter Károly Fehér zunächst an der Durchführbarkeit der Dreharbeiten. Schließlich entwickelte er einen Drehplan, der punktgenau umgesetzt werden mußste: "Wir hatten jeden Tag 5 Stunden zur Verfügung, genau von 23.30 Uhr abends bis 4.30 Uhr früh, die Zeit, in der die U-Bahn nicht fuhr?" Am Ende lobte er nicht nur das gesamte Team, sondern auch das Management der Budapester U-Bahn (BKV) für ihre fleißige Unterstützung.

Es gab nur eine einzige Verspätung, als Schauspieler Zsolt Nagy (Tibi) sich am Anfang der Dreharbeiten zu einer komplizierten Szene verletzte, die an mehreren Haltestellen gedreht werden mußste und zu der viele Komparsen bestellt waren. "Das war eine schwierige Situation für Nimród. Ein Teil des Teams wartete bis Tagesanbruch, ob Zsolt aus dem Krankenhaus zurückkommen würde. Diesen und den nächsten Drehtag konnten wir abschreiben. Alles kam kurz vor Weihnachten zum Erliegen."

Auch Tonmann Attilla Madaras hatte so seine Probleme mit der U-Bahn und den Sound-Aufnahmen in den Tunnels, bei den Rolltreppen und in den Wagen-Abteilen. Die Aufnahmesituation für O-Töne gestaltete sich dort beinahe unmöglich. "Es gab Situationen, die von unserem bzw. dem Sound-Standpunkt aus unmöglich zu lösen waren," gibt Madaras zu. "Zum Beispiel die Rolltreppen. Einen Dialog aufzunehmen, während vier alte Rolltreppen ständig laufen, ist eigentlich so gut wie unmöglich, ganz egal, wie man es anstellt."

Die U-Bahn von Budapest ... gibt es seit 1896. Sie ist damit die älteste U-Bahn auf dem europäischen Festland. Die meisten U-Bahnfahrer sind Frauen. Erwiesenermaßen gibt es dort kaum Kriminalität. Die Rolltreppen fahren wesentlich schneller als in Deutschland. Sie sind ziemlich steil. Achtung: In den U-Bahnen wird überdurchschnittlich oft kontrolliert!

Im Budapester Verkehrs-Verbund arbeiten etwa 460 Fahrkarten-Kontrolleure, die dort täglich 2200 Züge, Busse und Straßenbahnen abdecken müssen. Laut Statistik versuchen 7 bis 10 Prozent der Fahrgäste schwarz zu fahren. Fahrgäste, die ohne gültiges Ticket angetroffen werden, müssen indes nicht damit rechnen, auf derart schräge Charaktere zu treffen, wie sie im Film dargestellt sind. Die echten Fahrkartenkontrolleure lernen Englisch und müssen sich einem Kommunikationstraining unterziehen, bei dem sie üben, mit Konfliktsituationen umzugehen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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