Sylvia

Produktionsnotizen

"Sylvias dichterisches Werk wurde eigentlich erst nach ihrem Tod angemessen gewürdigt, und das ist die Ironie der Geschichte von Ted und Sylvia. Sie wollte in ihrem Leben zwei Dinge erreichen: beständige Anerkennung und Ruhm für ihre Arbeit und die uneingeschränkte Liebe eines Mannes. Letztendlich konnte sie das eine nur bekommen, indem sie das andere verlor - und das ist ihre große Tragik." (Alison Owen, Produzentin)

Entstehungsgeschichte "Der Film ist eine große Liebesgeschichte und zugleich eine Geschichte über Sylvia Plath und ihren ständigen Kampf, als Dichterin und Mutter Anerkennung zu finden. Ich war nicht nur an der Liebesgeschichte interessiert, sondern auch daran, wie sich das Aufeinandertreffen zweier starker, kreativer Charaktere auswirkt und wie es das Leben der beiden Protagonisten füreinander so schwierig macht", sagt Christine Jeffs, die Regisseurin des Films, die auf ungewöhnliche Weise an dieses Projekt kam. Die Produzentin Alison Owen hatte bereits einige Jahre auf die Entwicklung des Projekts verwendet und Christine Jeffs erinnert sich: "Mein Agent rief mich auf meiner Farm in Neuseeland an und sagte mir, ich müsse dieses Drehbuch lesen; und als ich merkte, dass es sich um einen Film über Sylvia Plath handelt, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Der nächste Schritt war bereits, Gwyneth und die Geldgeber zu treffen - an einem Tag war ich also noch bei meinen Pferden auf der Farm und am nächsten mußste ich schon nach New York reisen."

Für Alison Owen, die sich bereits mehrere Jahre lang mit dem Projekt beschäftigt hatte, war der Entwicklungsprozess etwas schwieriger: "Ich habe mich schon immer für Sylvia Plath interessiert - schon als Teenager war ich ein Fan von ihr, so wie viele Mädchen in dem Alter, und die Liebesgeschichte zwischen Ted und Sylvia hatte mich immer schon fasziniert. Aber ich glaube, dass ich das Gefühl, den Film wirklich machen zu dürfen, erst bekam, als Ted kurz vor seinem Tod seine Birthday Letters veröffentlichte, denn es war bekannt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt sehr zurückgezogen gelebt hatte und diese letzten Gedichte waren so großartige Kunstwerke - wunderschöne Gedichte, die zum ersten Mal seine Beziehung zu Sylvia zum Thema hatten. Ich hatte das Gefühl, dass dies gewissermaßen eine stillschweigende Einverständniserklärung war, mit dem Thema an die Öffentlichkeit gehen zu dürfen."

Owens erste Sorge galt dem Bemühen, einen Drehbuchautor zu finden, der das Thema mit Sorgfalt und Respekt behandeln würde. Der Autor, den sie kontaktierte, John Brownlow, war ursprünglich Dokumentarfilmer. Owen sagt: "Er war äußerst gewissenhaft, was die Recherche anging und er beschäftigte einen eigenen Rechercheur, der viele von Teds und Sylvias Freunden und Bekannten interviewte. Daher hatten wir unser eigenes Informationsmaterial, zusätzlich zu all den Quellen, die bereits existierten." Sie fährt fort: "John hat unglaublich viel recherchiert, dann setzte er sich hin und schrieb, und er sagte, dass er zum ersten Mal beim Schreiben das Gefühl hatte, eine Muse säße auf seiner Schulter. Er hatte die Informationen, setzte sich hin und die Geschichte entfaltete sich vor ihm - und ich glaube, dass man seiner Arbeit diesen Fluss anmerkt."

Brownlow hatte sich sofort für das Projekt interessiert, als Owen (mit der er bereits an einem anderen Projekt zusammengearbeitet hatte) von ihrem Wunsch sprach, einen Film über Sylvia Plath zu machen: "Es waren die Gedichte Sylvia Plaths, die mich dazu veranlasst hatten, während meines Studiums an der Oxford University von der mathematischen in die englische Fakultät zu wechseln." Er fährt fort: "Zuerst war ich zurückhaltend, nicht wegen des möglicherweise problematischen Charakters des Projekts - ich habe früher investigative Dokumentarfilme gedreht und bin daran gewöhnt, kontroverse Themen anzupacken - sondern weil ich nicht wusste, wie ich für die Dialoge dieser zwei großartigen Lyriker die entsprechende Sprache finden sollte; und außerdem wollte ich sicher sein, dass wir eine Geschichte erzählen, die ein breites Publikum findet und sich nicht nur an Lyrikfans richtet - und ich wusste noch nicht, wie das funktionieren sollte."

Nachdem er einige Monate lang intensiv recherchiert hatte, fand Brownlow "endlich die Geschichte, nach der ich gesucht hatte und die darin bestand, sich vor allem auf die Beziehung zwischen Ted und Sylvia zu konzentrieren, mehr oder weniger von dem Moment an, in dem sie aufeinander treffen, bis zu Sylvias Tod. Dies schien mir eine allgemeingültige Geschichte zu sein, denn hier waren zwei Menschen, die das erlebten, wovon wir alle träumen - sie treffen auf den Menschen, der ihnen vom Schicksal bestimmt ist. Das Problem war, dass sie auch die Fähigkeit hatten, einander zu zerstören - man könnte sogar behaupten, dass darin die Hauptanziehung zwischen den beiden bestand. Auch ohne zu wissen, dass es sich um Ted Hughes und Sylvia Plath handelt, ist dies schon eine unwiderstehliche Geschichte und man will wissen, was sich daraus entwickelt."

Dann brauchte Alison Owen noch einen passenden Regisseur, und nachdem sie Christine Jeffs Film RAIN gesehen hatte, wusste sie, dass sie gefunden hatte, was sie suchte: "Wir wollten vor allem jemanden, der das Publikum emotional bewegen kann, denn das ist im Endeffekt, was den Erfolg oder Misserfolg des Films ausmacht - die Fähigkeit, zu bewegen. Nachdem ich RAIN gesehen hatte, konnte ich minutenlang nicht sprechen und war emotional völlig ausgelaugt. Es ist ein außergewöhnlicher Film, und ich wusste, dass Christine aus unserem Drehbuch das Beste machen würde. Von dem Moment an lief alles wie von selbst, Christine wusste bereits viel über Sylvia Plath und war ein großer Fan von ihr."

Besetzung Alison Owen erzählt: "Einer der Gründe, warum ich auf diesen Film wirklich stolz bin, ist die Tatsache, dass man nie das Gefühl hat, ein Schauspiel zu sehen - wenn man ihn anschaut, taucht man ganz in diese Welt ein und hat das Gefühl, echte Menschen jener Zeit zu betrachten." Owen hatte von Anfang an Gwyneth Paltrow für die Rolle der Sylvia Plath im Sinn; sie hatte bereits zehn Jahre zuvor mit ihr in MOONLIGHT UND VALENTINO zusammengearbeitet. "Als ich schließlich beschloss, den Film wirklich zu machen, war Gwyneth die erste, die ich anrief um zu fragen, ob sie an dem Projekt interessiert sei."

Owen hatte das Gefühl, dass Paltrow alle Wesenszüge besitzt, um die Rolle der Sylvia zu spielen: "Sie hat eine enorme Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft für das Thema und sie gleicht Sylvia: dieselbe Anmut, die vielen jungen Frauen der Ostküste zu Eigen ist, dieselbe Ungezwungenheit und dieselben intellektuellen Fähigkeiten. Gwyneth passt mit ihrer wunderbaren Lebendigkeit auch besonders gut in Epochenfilme. Sie kann sich zudem sehr gut in andere Personen hineinversetzen, sie spielt keine Rolle, sondern ist in diesem Augenblick tatsächlich Sylvia. Der Hauptgrund ist jedoch, dass sie eine großartige Schauspielerin mit enormer emotionaler Tiefe ist."

Christine Jeffs pflichtet bei: "Nachdem Gwyneth angefangen hatte, Sylvia zu spielen, konnte man die Persönlichkeiten der beiden fast nicht mehr auseinander halten. Manchmal sah ich sie mit einer Perücke und dachte: ?Sieh mal, Gwyneth hat sich die Haare schneiden lassen' - sie wurde für mich zu Sylvia und es war merkwürdig, dass sie am Ende eines Drehtages plötzlich wie Gwyneth aussah. Sie arbeitet unglaublich instinktiv und ist leidenschaftlich begeistert von diese Rolle. Ihre Arbeit ist sehr intuitiv und emotional."

Die Geschichte von Sylvia Plath hat Gwyneth Paltrow jahrelang fasziniert. Sie erklärt: "Als ich im Alter von 21 Jahren an einem Film namens DOROTHY PARKER AND THE VICIOUS CIRCLE arbeitete, sagten mir einige Frauen, die an dem Film mitwirkten, dass ich eines Tages Sylvia Plath spielen sollte. Am letzten Drehtag gaben sie mir das Buch The Bell Jar (Die Glasglocke), und nachdem ich es gelesen hatte, fand ich die Dichterin phantastisch und begann, mich für sie und ihre Bücher zu interessieren. Als Alison Owen mich dann auf das Projekt ansprach, sagte ich ihr, dass ich großes Interesse daran hätte."

Paltrow beschäftigte sich ausführlich mit der Thematik des Films und sprach mit einer Reihe von Plaths Freunden: "Die Leute beschreiben sie als sehr lebendig und lebhaft - aber sie war gleichzeitig auch sehr kompliziert. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, sie mir als enge Freundin vorzustellen und sie scheint auch Schwierigkeiten in der Beziehung zu anderen Frauen gehabt zu haben."

Nachdem die Rolle von Sylvia Plath mit Gwyneth Paltrow besetzt war, war es sehr wichtig, jemanden zu finden, dessen Ausstrahlung die von Paltrow ergänzen würde. Daniel Craig hatte sich seit Jahren für Ted Hughes interessiert. Er schildert: "Schon als Kind hatte ich Hörkassetten, auf denen Ted Hughes seine Gedichte las, und ich erinnere mich, dass wir uns, als ich die höhere Schule besuchte, ins Gymnasium einschmuggelten, wo Hughes eine Lesung abhielt. Es gibt so viele Menschen, die ihn kennen gelernt haben, und jeder erzählt eine andere Geschichte über ihn, aber am Ende mußst du dich für eine Darstellung entscheiden, denn du kannst nicht alle Aspekte berücksichtigen."

Alison Owen erklärt: "Daniel war einer unserer Favoriten für die Rolle, aber es dauerte eine Weile, bis wir uns entscheiden konnten, denn wir hatten uns sehr viele Leute für Teds Rolle angesehen. Manchmal hatten wir den Eindruck, dass fast jeder Schauspieler auf der ganzen Welt die Rolle von Ted Hughes spielen wollte - einer der Darsteller sagte mir, dass für Schauspieler Ted Hughes so etwas wie ?der Clint Eastwood der Dichter' sei! Daniel war einer der ersten, den wir gesehen hatten und er kam uns immer wieder in den Sinn, und als Christine dann mit von der Partie war, verliebte sie sich sofort in seine Darstellung - als er für sie vorspielte, war er absolut großartig, und uns war klar, dass niemand anderes mehr in Frage kam."

Christine Jeffs ergänzt: "Daniel hat eine sehr intensive Energie - er ist sehr pur und hat diese durchdringend blauen Augen. Er ist sehr tiefsinnig und grüblerisch und er erschien in dieser Rolle sehr überzeugend, das heißt, man konnte sich gut vorstellen, dass er wirklich der Dichter Ted Hughes ist - er hatte auch diese bohemienhafte Ausstrahlung. Es war sehr aufregend für mich zuzuschauen, wie die beiden in ihre Rollen eintauchten und auf diese Reise gingen und dabei diese Wirkung hervorbrachten."

Auch die Besetzung der Nebenrollen war für das Gelingen des Films sehr wichtig und Owen war erfreut, auch für relativ kleine Rollen so gute Schauspieler zu bekommen. Michael Gambon als Professor Thomas begeisterte sie besonders: "Er ist so phantastisch. Die Szenen zwischen Michael und Gwyneth sind eine wahre Freude - man sieht selten, dass zwei wunderbare Darsteller in ihrem Spiel derart aufeinander abgestimmt sind. Es ist wirklich ein Traum, dabei zuzusehen, auch wenn es sich dabei um sehr tragische Szenen handelt."

Owen war auch begeistert, dass die Mutter von Gwyneth Paltrow, Blythe Danner, für die Rolle von Sylvias Mutter Aurelia Plath zur Verfügung stand. Sie sagt: "Wir haben Blythe nicht nur gecastet, weil sie Gwyneths Mutter ist. Es ist ein glückliches Zusammentreffen, dass Blythe für die Rolle perfekt war und gleichzeitig zufällig Gwyneths Mutter ist, und es hat offensichtlich beide begeistert, miteinander zu arbeiten. Blythe ist die perfekte Besetzung für die Aurelia."

Mutter und Tochter hatten schon vorher miteinander gedreht. "Schon vor diesem Film hatte ich drei Mal das Vergnügen, Gwyneths Mutter zu spielen, und alle diese Projekte waren sehr unterschiedlich und sehr beglückend. Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass ich manchmal vergesse, dass sie meine Tochter ist. Gwyneth hat die außergewöhnliche Fähigkeit, so vollkommen in einer Rolle aufzugehen, dass es den anderen ebenso ergeht." sagt Blythe Danner. Sie fährt fort: "Das Drehbuch ist wunderbar, sehr flüssig geschrieben und ich habe die Sensibilität, sowohl des Drehbuchs, als auch der Darstellungen von Gwyneth und Daniel sehr genossen - sie sind beide wundervolle Schauspieler."

Der Einfluss der Dichtung auf den Film Sowohl Sylvia Plath als auch Ted Hughes waren Schriftsteller, und das eigentliche Herz des Filmes entwickelte sich aus den persönlichen emotionalen Reaktionen des Drehbuchautors, der Regisseurin und der Schauspieler auf das Quellenmaterial.

John Brownlow ließ sich beim Verfassen seiner Texte stark von den Gefühlen leiten, die er beim Lesen der Gedichte empfand: "Ich benutzte ihre Lyrik, Sylvias Ariel und Teds Birthday Letters, als emotionales Quellenmaterial. Dafür mußste ich buchstäblich in jeder Zeile jedes Gedichtes eine biographische Bedeutung suchen, und indem ich dies tat, fing ich an, die Gedichte immer tiefgründiger zu empfinden. Sylvias spätere Gedichte, vor allem ab jenem Zeitpunkt, als sich in Devon ihr lyrisches Talent zu voller Blüte entwickelte, legen ein erschreckendes, unverblümtes Zeugnis ihres eigenes Psychodramas ab; sie sind bevölkert von den merkwürdigen, mythischen Wesen, die sie meiner Meinung nach benutzte, um der Welt einen Sinn zu geben.

Sobald man anfängt zu verstehen, wer diese Fabelwesen sind und wie sie agieren, ergibt Plaths eigenes Handeln in den letzten Jahren ihres Lebens einen wenn auch schrecklichen Sinn, einschließlich ihres furchtbaren Aktes des Selbstmords. Auch Birthday Letters ist ein emotionales Geständnis - und diese beiden Werke sind zutiefst selbstbezogen und subjektiv - aber was daran für mich so bemerkenswert ist, ist die Tatsache, dass Hughes sich derselben Sprache wie Sylvias Mythen bedient, um dieselben Ereignisse zu beschreiben. Ich denke, dass ich am Ende wirklich das Gefühl hatte, etwas ganz Tiefes über diese beiden Menschen zu wissen. Vielleicht täusche ich mich auch vollkommen, aber es war wichtig, dieses Gefühl zu entwickeln, damit ich mit Überzeugung über sie schreiben konnte."

Christine Jeffs hatte Sylvia Plaths Werk bereits als Jugendliche für sich entdeckt und war seitdem davon inspiriert: "Ich besaß meine eigenen Exemplare von Ariel und The Bell Jar und habe sie als junge Erwachsene immer wieder gelesen, daher kannte ich Plath als Dichterin und als Romanautorin. Sie brachte all ihre Leidenschaft in ihre Texte ein - ich glaube, dass die Menschen auf diese Gefühlsintensität reagieren, die sie in jede einzelne Zeile legte - die Genauigkeit und die Energie ihrer Texte ist unglaublich stark."

Gwyneth Paltrow fühlte sich durch das Lesen von Plaths Gedichten dazu angeregt, bis zum inneren Kern von Sylvias Wesen vorzudringen: "Ich lese gern sehr viel zu dem Thema. Das ist phantastisch, denn aus der Lyrik erfahre ich mehr als aus den Tatsachen über Sylvias Leben. Ich merkte, dass ich ein Gedicht von ihr lesen kann und mich dann genau in dem geistigen Rahmen bewege und die emotionale Stimmung habe, die ich brauche, um sie spielen zu können. Ich habe sehr viel recherchiert und ich weiß sehr viel über sie, aber vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen hat mir ihre Dichtung am meisten geholfen."

Paltrow glaubt, dass die Werke von Sylvia Plath für den Leser wichtige Botschaften enthalten. Sie erklärt ihre Sichtweise: "Wenn man Anfang zwanzig ist, hat man all diese verschiedenen Vorstellungen davon, wie man als Frau sein sollte - was es heißt, eine Frau zu sein und welche gesellschaftliche Bedeutung es haben könnte. Man ist sich nicht darüber im Klaren, wer man wirklich ist und was die Welt von einem erwartet. Ich glaube, dass Sylvias Werk den Gefühlszustand vieler junger Frauen widerspiegelt, denn sie war ein Mensch, die sich sehr stark mit ihrer eigenen Identität auseinandersetzte, mit dem was sie war und was sich in ihrem Inneren abspielte. Während sie innerlich fühlte, dass sie psychisch sehr labil war, zeigte sie nach außen hin ein völlig anderes Gesicht. Ich glaube, das bedeutet, dass man seine eigene Persönlichkeit akzeptieren und sich selbst gegenüber ehrlich sein mußs, weil man sonst zu sehr leidet.

Egal ob als Künstlerin, als Frau mit ihrer weiblichen Sexualität und ihrer Intelligenz, als Mutter, als Köchin - Sylvia war nie ganz mit sich im Reinen, sie fühlte nie eine wirkliche Übereinstimmung ihrer eigenen Innen- und Außenwelt. Ich denke, das ist es, was ich bei der Lektüre ihrer Gedichte erkannt habe. Wenn du liest, wirst du innerlich frei, denn das Lesen ermöglicht dir einen Zugang zu der Seite in dir selbst, die weiß, dass du zu allem fähig bist: zur Genialität, zum Selbstmord oder zu außergewöhnlichen Leistungen. Als Frau gibt es einem sehr viel Kraft, so etwas zu lesen."

Daniel Craig hat schon in seiner Jugend Ted Hughes Werke gelesen: "Mein Vater liest viel Lyrik und es gab immer viel lyrische Literatur bei uns Zuhause. Schon mit zwölf Jahren gab man mir Hughes Crow zu lesen. Zu der Zeit war dieser Stoff für mich noch ziemlich schwer zu verstehen, aber er war auf jeden Fall ein Teil meines Lebens, genauso wie die Geheimnisse, Gerüchte und Legenden, die sich um ihre Beziehung ranken. Von Sylvia Plath hatte ich noch nichts gelesen, bevor ich die Arbeit an diesem Film begann - das war immer die Lektüre für Mädchen, während Jungen Hughes lesen - so war die Aufteilung. Von daher war es eine großartige Erfahrung, sich mit Plaths Werk zu beschäftigen und sich diesem Kreis anzuschließen."

Craig fährt fort: "Birthday Letters ist eine enorme Inspiration. Hughes hat seine Meinung so lange für sich behalten, er hatte nie etwas gesagt oder irgendwelche Erklärungen abgegeben. Man kann einfach sagen, dass er schuldig ist, aber man kann auch sagen, dass seine Integrität absolut unangreifbar ist. Ich plädiere für Letzteres. Wenn man Birthday Letters liest, spürt man die Liebe und die Leidenschaft, die dieser Mann für Sylvia empfunden hat. Es war eine schwierige Liebe, und ich glaube, dass dies eine großartige Grundlage für einen Film ist - eine leidenschaftliche, tragische Liebesgeschichte ist einfach immer ein großartiger Stoff."

Biografie Sylvia Platz Sylvia Plath wurde am 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain, Massachusetts geboren. Ihr Vater Otto Plath war aus Deutschland zum Studium in die Vereinigten Staaten gekommen und wurde dort Biologieprofessor an der Universität von Boston, wobei er sich auf das Studium der Bienen spezialisierte. Ihre Mutter, Aurelia, war Deutsch- und Englischlehrerin an der Oberschule, und Sylvia hatte einen jüngeren Bruder namens Warren. Sie verbrachte mit ihrer Familie eine sehr behütete Kindheit in Wintrop bei Boston, bis ihr Vater an den Auswirkungen einer nicht erkannten Diabetes starb, als sie acht Jahre alt war - ein Verlust, der sie zeitlebens traumatisierte.

Als herausragende Schülerin reichte Sylvia ihre Texte zur Veröffentlichung an verschiedene Zeitschriften ein und gab die Schülerzeitung ihrer Schule heraus. Ihr erstes Gedicht erschien im Boston Sunday Herald, ein kurzer Vers, den sie mit acht Jahren geschrieben hatte. Sie arbeitete beharrlich daran, ihre Werke in größeren Zeitschriften und Zeitungen zu veröffentlichen. Nach fünfundvierzig Ablehnungen druckte die Zeitschrift Seventeen eine ihrer Geschichten ab, und danach erschienen ihre Texte in Zeitschriften wie Seventeen, Mademoiselle und Harper's.

Als Mitglied der National Honors Society besuchte sie mit einem Stipendium das Smith College. Während ihres dritten Collegesommers arbeitete sie als Gastredakteurin bei der Zeitschrift Mademoiselle. Die Erfahrungen dieser Zeit in New York verarbeitete sie später in ihrem autobiographischen Roman The Bell Jar. Als sie nach Hause zurückkehrte, erfuhr sie, dass sie nicht zum Sommerkurs für Kreatives Schreiben in Harvard zugelassen worden war. Kurz darauf, am 24. August 1953, unternahm sie einen Selbstmordversuch - sie hinterließ die Nachricht, dass sie einen längeren Spaziergang unternehme, verkroch sich in einem versteckten Winkel des Kellers und schluckte eine große Anzahl Schlaftabletten. Erst drei Tage später wurde sie entdeckt und sofort ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie sich einer intensiven Behandlung, bestehend aus Psychotherapie und Elektroschocks, unterzog. Ihr Zustand verbesserte sich so weit, dass sie zum nächsten Semester ans Smith College zurückkehren konnte. Im Jahr 1954 machte sie ihren Abschluss summa cum laude.

Im Oktober 1955 ging Sylvia Plath mit einem Fulbright Stipendium ans Newham College in Cambridge. Dort lernte sie auf der Gründungsparty für ein Literaturmagazin im Februar 1956 Ted Hughes kennen. Die beiden heirateten im Juni desselben Jahres. Nach Abschluss ihres Studiums im Frühjahr 1957 bot man ihr einen Posten am Smith College an, und sie kehrte gemeinsam mit ihrem Mann nach Amerika zurück. Bevor sie ihre Stelle antrat, schenkte ihre Mutter Aurelia dem Paar einen Ferienaufenthalt in Cape Cod, wo die beiden sich den ganzen Sommer über ihrer Schriftstellerei widmen konnten.

Sylvia war von der Aussicht auf die Lehrtätigkeit begeistert gewesen, aber die Wirklichkeit stellte sich als sehr zermürbend heraus, und ihr blieb nur sehr wenig Zeit, an ihrem eigenen schriftstellerischen Werk zu arbeiten. Nach dem ersten Jahr gab sie die Stelle am College auf und nahm eine weniger anstrengende Tätigkeit als Empfangssekretärin in der psychiatrischen Klinik des Massachusetts General Hospital in Boston an. Heimlich nahm sie die Therapiesitzungen bei ihrer Therapeutin Ruth Boucher an der McLean Klinik wieder auf, wo sie nach ihrem Selbstmordversuch behandelt worden war. Gleichzeitig schrieb sie sich für einen Abendkurs in Lyrik ein, der von Robert Lowell geleitet wurde; sein Einfluss auf ihre Lyrik ist in ihren späteren Werken deutlich spürbar.

Im Dezember 1959 kehrte das Ehepaar nach England zurück und ließ sich in Primrose Hill nieder. Sylvia war schwanger und gebar am 1. April 1960 eine Tochter, die den Namen Frieda Rebecca erhielt. Während ihrer Schwangerschaft hatte sie mit dem Verlagshaus William Heinemann Ltd. einen Vertrag über die Veröffentlichung ihres Buches The Colossus abgeschlossen, das im Oktober 1960 erschien. Durch eine Fehlgeburt im Februar 1961 verstärkten sich Sylvias depressive Stimmungen.

+ Im August 1961 zog die Familie Hughes nach Court Green in Devon. Ein Sohn namens Nicholas kam am 17. Januar 1962 zur Welt. Im Juli desselben Jahres fand Sylvia heraus, dass ihr Mann ein Verhältnis mit Assia Wevill hatte und das Paar trennte sich im September. In den folgenden Monaten schrieb Sylvia mindestens sechsundzwanzig der Ariel Gedichte.

Im Dezember 1962 ging Sylvia mit ihren Kindern zurück nach London und zog in die Fitzroy Road 23 in Primrose, wo der Dichter William Butler Yeats einst gelebt hatte. Sie wurde immer depressiver und verzweifelter, bis sie am 11. Februar 1963 Selbstmord beging, indem sie den Gashahn ihres Ofens aufdrehte und eine Kohlenmonoxidvergiftung erlitt.

Ein Großteil ihres Werkes wurde postum veröffentlicht. The Bell Jar erschien 1963 kurz nach ihrem Tod und die Gedichte, die sie nur wenige Wochen vor ihrem Tod verfasst hatte, wurden in der Gedichtsammlung Ariel im Jahr 1965 veröffentlicht. Für ihre Collected Poems (Gesammelte Gedichte) erhielt sie 1982, fast zwanzig Jahre nach ihrem Tod, auch den Pulitzer Prize for Poetry.

Biografie Ted Hughes Ted Hughes wurde am 17. August 1930 in Mytholmroyd in Yorkshire als drittes und jüngstes Kind von William Hughes, einem Weltkriegsveteranen und dessen Ehefrau Edith Hughes geboren. Sein Vater arbeitete als Zimmermann, bis die Familie 1937 in die Bergarbeiterstadt Mexborough umzog. Hier eröffneten seine Eltern ein Zeitschriften- und Zigarettengeschäft, nachdem seine Mutter eine kleine Erbschaft gemacht hatte. So hatte Hughes unbegrenzten Zugang zu den Comic-Heften und Jungenzeitschriften, die ihn zu seinen ersten Geschichten inspirierten.

Hughes besuchte das Gymnasium von Mexborough und begann in dieser Zeit, Gedichte zu schreiben. Das Bildungsgesetz von 1944 erleichterte Schülern mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund den Zugang zur Universität, und im Jahre 1948 gewann er ein Stipendium für das Pembroke College in Cambridge. Nachdem er seinen zweijährigen Militärdienst bei der Royal Air Force abgeleistet hatte, ging er im Oktober 1951 nach Pembroke, wo er sich zunächst an der englischen Fakultät einschrieb, später jedoch zu den Fächern Archäologie und Anthropologie wechselte.

Nach seinem Examen im Jahr 1954 zog er nach London, verbrachte aber weiterhin viele Wochenenden in Cambridge bei seinen Freunden, unter ihnen Michael Boddy und Lukas Myers. Zusammen mit Myers und anderen Bekannten konzipierte er das Literaturmagazin St. Botolph's Review, und am 26. Februar 1956 wurde das Gründungsfest der Zeitschrift gefeiert. Im zweiten Stock der Frauengewerkschaft von Cambridge wurde ein Saal angemietet, eine Jazzband mit Michael Boddy als Posaunist spielte und Hughes traf zum ersten Mal mit Sylvia Plath zusammen. Sie heirateten vier Monate später.

Nachdem sie in die Vereinigten Staaten umgezogen waren, lehrte Hughes von 1957 bis 1959 Englisch und Kreatives Schreiben an der Universität von Massachusetts in Amherst. Schon bevor sie 1959 nach England zurückkehrten, hatte er begonnen, seine Werke mit Erfolg zu veröffentlichen. Trotz zwei gemeinsamer Kinder und einer Phase ruhigen Landlebens in Devon entfremdete sich das Ehepaar immer mehr und Ende 1962 kam es zur Trennung, als Sylvia Plath erfuhr, dass Hughes eine Affäre mit Assia Wevill hatte. Im Februar 1963 beging Plath Selbstmord.

1965 kam Hughes und Assias gemeinsames Kind, Shura, zur Welt, aber im Jahr 1969 beging auch Assia Selbstmord und nahm ihre Tochter mit in den Tod.

1970 heiratete Hughes Carol Orchard und im Jahr 1984 wurde er Poet Laureate, die höchste Auszeichnung, die ein Dichter in Großbritannien erhalten kann. Von Beginn seiner Karriere an fand sein Werk große Anerkennung. Für seine erste Sammlung, The Hawk In The Rain, bekam er den Harper's Poetry Prize, und auch danach gewann er verschiedene bedeutende Literaturpreise, darunter den Whitbread Poetry Award für Tales from Ovid.

In den Jahren nach Sylvia Plaths Tod weigerte sich Ted, über sie zu sprechen, aber im Januar 1998 veröffentlichte er die Birthday Letters, eine Sammlung von Gedichten über sein Leben mit Sylvia, und erhielt dafür erneut den Whitbread Poetry Award. Ted Hughes starb im Oktober 1998 an Krebs.

Die literarische Liebesbeziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes Am 25. Februar 1956 beschreibt die us-amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath in ihrem Tagebuch eine alkoholschwangere Studentenparty in Cambridge. Der Jazz ist dröhnend laut. Plath hat bereits einiges getrunken und gerade mit dem Herausgeber einer studentischen Literaturzeitschrift getanzt.

"Dann geschah das Schlimmste, dieser große, dunkle, wunderbare Kerl, der einzige, der groß genug war für mich, der sich auf die Frauen stürzte und nach dessen Namen ich mich erkundigt hatte, gleich als ich ins Zimmer trat, ohne dass mir jemand eine Antwort gegeben hätte, kam herüber und schaute mir tief in die Augen, und es war Ted Hughes. Ich fing [...] an zu brüllen, etwas über seine Gedichte, und zitierte "most dear unscratchable diamond", und er schrie zurück, gewaltig, mit einer Stimme wie ein Pole "Gefällts dir?" und dann fragte er mich, ob ich Brandy wolle, und ich schrie ja, und dann zogen wir uns ins andere Zimmer zurück [...] und Boing war die Tür zu und er goß Brandy in ein Glas, und ich goß ihn dorthin, wo nach meiner letzten Erinnerung einmal mein Mund war. [...] Und dann küßte er mich, Knall, Boing auf den Mund [...] Und als er meinen Hals küßte, biß ich ihn heftig und lang in die Wange, und als er aus dem Zimmer ging, lief ihm Blut übers Gesicht. [...] Und innerlich schrie ich und dachte: Ach, dir geb ich mich zerberstend, im Kampf." (S. Plath: Die Tagebücher, Frankfurter Verlagsanstalt 1997, 159)

Sowohl Hughes als auch Plath haben bereits Texte in einigen kleinen Literaturzeitschriften veröffentlicht und kennen die Gedichte des jeweils anderen, bevor sie sich begegnen. Und in der Literatur des jeweils erkennen sie Facetten des eigenen Anliegens. Die Literatur ist das Motiv der gegenseitigen Faszination. Und diese Faszination ist stärker als die Bedenken gegenüber dem anderen Menschen, die zumindest auf Plaths Seite stark sind. So schreibt sie an ihre Mutter, dass sie sich verliebt hat und fügt hinzu: "[Diese Liebe] kann nur zu großen Verletzungen führen." (Letter Home, Correspondence 1950-1963, Hg. V. Aurelia Schober Plath. London: Faber & Faber 1975) Dieser Zusatz liest sich wie Prophetie. Denn die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern Ted Hughes und Sylvia Plath nimmt sich wie der Stoff großer, tragischer Dramen aus.

Schon die erste Begegnung von Sylvia Plath und Ted Hughes gleicht einer gewaltigen Kollision. Sie ist voller Hingebung und wilder Leidenschaft, blutig und gewalttätig.

Sylvia Plath ist zum Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft mit Ted Hughes 24 Jahre alt. Hughes ist zwei Jahre älter. Plath hat zu diesem Zeitpunkt eine Hand voll Kurzgeschichten publiziert und gerade eine Auszeichnung für ihre Gedichte bekommen. Ted Hughes ist eine lokale Größe in den literarischen Zirkeln von Cambridge. Beide haben einen unbändigen Ehrgeiz nach höherem literarischem Ruhm.

Keine vier Monate nach dem ersten Kuss, der mit einem leidenschaftlichen Biss in die Wange endet, heiraten Ted Hughes und Sylvia Plath. Sechs Jahre lang leben sie in einer intensiven Liebes- und Arbeitsbeziehung zusammen. Von ihrem ersten Kennenlernen an verweben Hughes und Plath ihre Literatur und ihr Leben intentional miteinander.

Ted Hughes wird später zu einem der bekanntesten und bedeutendsten englischen Gegenwartsdichter, so wie Sylvia Plath die vielleicht bekannteste englischsprachige Autorin der Nachkriegszeit wird. Beider Werke stehen dabei in einem diametralen Gegensatz zueinander, so dass die Anziehungskraft, die die beiden auf jener Party zueinander zog, merkwürdig anmutet. Es scheint weniger literarische Seelenverwandtschaft zu sein, die das Interesse der beiden füreinander weckt, als vielmehr der Reiz, im Gegenüber einen echten Widerpart gefunden zu haben.

Ted Hughes beschreibt in seinem Werk die Welt der Moderne einerseits als sinnentleert, andererseits als durch Normen und Normalitäten verstellt. Diesem erfahrungsleeren Raum setzt er den extremen Vitalismus der Natur entgegen, in der die Leidenschaften und urwüchsigen Triebe nicht durch moralische Gebote beherrscht und unterdrückt werden. In dem Gedicht "Hawk Roosting" (Falke, aufgebaumt) ist die Welt des Falken, der um des Tötens willen tötet, nicht grausam. Denn Grausamkeit entsteht erst, wenn es Bewertungen gibt, die Gut und Böse voneinander unterscheiden. Die Maßstäbe dieser Bewertung stellt Hughes' Falke in Frage.

Sylvia Plath hat, zumal im deutschen Sprachraum, eine ungleich größere Bekanntheit erreicht als ihr Mann. Ihr Roman "The Bell Jar" (Die Glasglocke) ist ein moderner Klassiker geworden und ihre Lyrik gilt als eine der kühnsten Versuche, die Schwierigkeiten weiblicher Identitätssuche sprachlich darzustellen. Selbst Mutter von zwei Kindern - 1960 wird die Tochter Frieda, 1962 der Sohn Nicholas geboren - leidet Plath unter der Doppelrolle, sorgende Hausfrau und kreative Dichterin in einer Person zu sein.

Auch in ihrer Beziehung zu Hughes schwankt Plath zwischen dem "Wunsch nach Abhängigkeit & [dem] Gefühl, dass es falsch ist, abhängig zu sein". Ted ist ihre Muse und die Verkörperung ihrer schöpferischen Lähmung. Sie tippt seine Gedichte ab und bewundert ihn, leidet aber gleichzeitig eifersüchtig unter seinem Erfolg und ihrer eigenen vergleichsweisen Erfolglosigkeit.

Von Anfang an setzt sich Sylvia Plath in ihrer Literatur mit persönlichen Erfahrungen auseinander. In ihrem autobiographischen Roman "Die Glasglocke" untersucht sie auf so eindringliche wie komplexe Weise die Umstände ihres ersten Selbstmordversuches, den sie mit 21 Jahren unternahm. Die posthume Veröffentlichung ihrer Tagebücher und der Briefe an die Mutter steigert den Eindruck, dass Plath in ihrem Schreiben immer um die Rolle des eigenen Ich kreist. Doch Plaths Texte sind mit dem Begriff Bekenntnisliteratur unterbestimmt. Sie sind von einer erstaunlichen therapeutischen Weitsicht und verbinden die persönlichen Erfahrungen mit elementaren Themen und Bildern von großer Suggestion. Messerscharf analysiert Plath etwa in ihren Kurzgeschichten die Konstruktion der amerikanischen "Heile-Welt-Kultur". Danach ist die Bedingung für eine gesellschaftliche Integration, dass die herrschenden Abhängigkeitsverhältnisse und die dominierende Doppelmoral der Umwelt akzeptiert werden.

Bekenntnisliteratur ist für Plaths Werk auch deshalb unzutreffend, weil für sie nicht gilt, was allgemein für autobiographisch gefärbte Literatur angenommen wird. Plath verarbeitet ihre Probleme nicht in der Literatur, sie löst sie nicht in Kunst auf und schafft sie sich so vom Hals, sondern ihre Literatur verstärkt ihr Leiden, petrifiziert es, setzt es ins Werk. Gewissermaßen erschreibt sie sich ihr Leiden erst.

Der Effekt, aber auch die Risiken, die die poetische Verarbeitung authentischer Erlebnisse erzielt, ist Plath durchaus bewusst. In einem Interview mit Peter Orr legt sie dar, wie sehr ihr Schreiben auf ihren persönlichen Erfahrungen aufruht, um dann hinzuzufügen:

Ich glaube, dass man fähig sein sollte, Erfahrungen zu beherrschen und zu bearbeiten, selbst die allerschlimmsten wie Wahnsinn oder gefoltert zu werden, man sollte fähig sein, diese Erfahrungen aus einem aufgeklärten und intelligenten Bewußtsein heraus zu bearbeiten. Ich denke, dass die persönliche Erfahrung keine verschlossene Kiste oder eine narzißtisch sich selbst bespiegelnde Erfahrung sein sollte. Ich finde, sie sollte grundsätzlich auch mit solchen Dingen wie Hiroshima oder Dachau in Beziehung zu setzen sein. (aus: The Poet Speaks, London: Routledge & Kean Paul 1966, 169)

Aus Plaths frühem Gefühl der Unzugehörigkeit zur Gesellschaft wird in ihrer späten Lyrik Hass. Aber der Hass richtet sich bemerkenswerterweise nicht gegen die amerikanische Kultur, aus deren Gemeinschaft sie sich zuvor ausgrenzt, sondern gegen die Person des eigenen Vaters. Damit modifiziert, ja verkehrt sie ihre biographische Realität. Ihr Vater, Otto Plath, stirbt an Knochenbrand, als Sylvia acht Jahre alt ist. Das lyrische Ich in Plaths später Lyrik verwandelt den Verlust jedoch in einen Akt der Aggression. Das weibliche lyrische Ich tauscht die Rolle der Hinterbliebenen zugunsten der eines Opfers. Der Vater von einem Dahinsiechenden zu einem Folterknecht.

Liebe scheint in Plaths Lyrik, ähnlich wie in Hughes' Krähen-Zyklus, eine vernichtende, todbringende Macht zu sein. Das lyrische Ich in Sylvia Plaths Gedichten gibt sich selbst die Schuld am Tod des Vaters, der sie mit dem Entzug seines Lebens und Körpers bestraft, weil sie ihn liebt.

"Meine Liebe brachte uns beide um", schreibt sie in dem Gedicht "Electra on Azalea Path". In diesem Gedicht aus dem Jahr 1959 schließt Plath die Lücke, die der Tod ihres Vaters hinterlassen hat, durch die Vorstellung ihrer göttlichen Zeugung.

Als hättest du niemals gelebt, als käme ich
Gott-gezeugt in die Welt aus dem Leib meiner Mutter.
(Sylvia Plath, Collected Poems, Faber& Faber, London 1981,116f.)

Plath macht jedoch bei diesem Bild nicht Halt, sondern stellt ihre Geburt als Vorbote seines Todes dar. In der Logik ihres Gedichtes mußste sie ihren Vater töten, um ihn in das Reich jenseits der Zeit zu holen und dort mit ihm den Liebesakt zu vollziehen. Damit wird ihr Vater im inzestuösen Akt zu ihrem Mann. Innerhalb dieser literarischen Inszenierung kann nun ihr tatsächlicher Mann, Ted Hughes, für Plath zur Verkörperung ihres Vaters werden - im Positiven wie im Negativen. Einmal löst er Eifersucht aus, ein andermal ist er Halt und Trost, einmal wird er zum Untoten und Werwolf, ein andermal ist er Retter und Beschützer. Die literarische Logik ihrer Texte erklärt die Ambivalenz der Rolle, die Ted Hughes für Sylvia Plath einnimmt.

[...] Das Vaterbild [bezieht] sich auf meinen eignen Vater, die begrabene, männliche Muse, der Schöpfergott, auferstanden, um in Ted mein Partner zu sein. (aus: The Poet Speaks, London: Routledge & Kean Paul 1966, 170)

Hughes und Plath treffen und lieben sich literarisch im Totenreich. Ihre Liebesgeschichte wird zu einer Sterbensgeschichte. Und die Sterbensgeschichte der Menschen Plath und Hughes richtet sich auf frappante Weise nach den Mustern der Literatur, nach der Kunst.

Sterben
Ist eine Kunst, wie alles.
Ich kann es besonders schön.
(Sylvia Plath, Lady Lazarus: in Collected Poems, Faber& Faber, London 1981,244ff.).

Das literarisch artikulierte Gefühl des Opfers findet eine reale Entsprechung, als Ted Hughes seine Frau im Jahr der Geburt ihres zweiten Kindes für eine andere, die russisch-jüdische Schriftstellerin Assia Wevill, verlässt. In den frühen Morgenstunden des 11. Januar 1963 nimmt sich Plath einundreissigjährig in London das Leben. Nachdem sie die ganze Nacht an ihren Gedichten gearbeitet hat, stellt sie morgens für ihre kleinen Kinder warme Milch mit Honig bereit, klebt die Küchentür luftdicht ab, damit die Giftschwaden nicht in das Kinderschlafzimmer gelangen können, dreht den Gashahn auf und steckt den Kopf in den Ofen.

Nach dem Tod von Sylvia Plath wird die Immoralität, der Hughes in seiner Literatur Ausdruck verleiht, auf seine Biographie projiziert. dass er in seinen Gedichten Grausamkeiten beschreibt, macht ihn zum Mörder seiner Frau. Genährt werden derartige Vorwürfe durch die Tatsache, dass sich auch Assia Wevill fünf Jahre nach dem Tod von Sylvia Plath auf die gleiche Weise das Leben nimmt. Diesmal wird auch das gemeinsame Kind, Shura, getötet.

Hughes gilt vielen daraufhin als ausgemachter Schürzenjäger, Vergewaltiger und Ausbeuter. Bei Lesungen wird er als Mörder und Faschist beschimpft und niedergebrüllt. Derartige Vorwürfe, so unhaltbar und ungerecht sie auch sein mögen, scheinen im Werk von Sylvia Plath Bestätigung zu finden. Doch es greift zu kurz, in dem Bild des Mannes, das Plath zeichnet, nur die Anklage gegen den eigenen Ehemann zu sehen. Zwar erscheint Ted Hughes oft in einem ungünstigen Licht, aber das Gefühl der Bedrohung durch Ted, die Eifersucht auf ihn und die Hilflosigkeit angesichts der Kraft dieses Mannes werden immer zusammen mit der eigenen Furcht, Zerrissenheit und Verzweiflung thematisiert. Schon wenn Hughes in der Beschreibung des ersten Zusammentreffens eine brachiale Männlichkeit attestiert wird, ist damit vorweggenommen, was Sylvia Plaths Literatur insgesamt auszeichnet, nämlich dass sie dem hysterischen Gefühl der Angst, der Ausgesetztheit und der Bedrohung Stimme und Ausdruck verleiht.

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Dirk Jasper FilmLexikon

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