Beyond The Sea

Kevin Spacey über seinen Film

Meine Liebe zu Bobby Darins Musik geht zurück auf meine frühe Kindheit. Es gibt eine Szene in BEYOND THE SEA, in der der junge Walden Robert Cassotto (so der Geburtsname von Bobby Darin) seinen Eltern in eine als Mikro umfunktionierte Haarbürste einen Frank-Sinatra-Song vorsingt. Genau das habe ich für meine Eltern auch gemacht - lediglich, dass der kleine Bobby zu Frank Sinatra, ich aber zu Bobby Darin sang.

Während der Vorbereitung auf die Rolle des Bobby Darin für BEYOND THE SEA war ich erstaunt, wie ähnlich wir in die Welt der Musik eingeführt wurden. Bobby erbte das musikalische Talent von seiner Mutter und durchforstete die riesige Plattensammlung seines Schwagers Charlie. Auch die Plattensammlung meiner Eltern war ein riesiger Schatz und machte mich sowohl mit Bobby Darin vertraut wie auch mit Duke Ellington, Bing Crosby und die legendären Big Bands dieser Zeit und führte mich direkt zu der Musik der frühen siebziger Jahre.

Ich begann im Wohnzimmer in eine Haarbürste singend. Später stand ich dann tatsächlich vor einem Mikrofon in einem der berühmtesten Tonstudios der Welt - Abbey Road, Studio 2. Dort, wo die Beatles 172 Titel eingespielt hatten, genau dort fand ich mich im Herbst 2003 wieder, neben dem legendären Produzenten Phil Ramone und dem THE JOHN WILSON ORCHESTER, mit dem zusammen alle Tracks der Platte eingespielt wurden. Was war das für eine unglaubliche Erfahrung!

Für diejenigen, die nur meine Arbeit beim Film kennen, mag es überraschend sein, dass ich in vielen Musicals aufgetreten bin, bevor meine Karriere in New York begann: "West Side Story", "Damn Yankees", "The Boyfriend", "Gypsy", "Dames At Sea" und "The Sound Of Music", um nur einige zu nennen. Obwohl das High-School- und College-Produktionen waren, liebte ich jeden Moment bei dieser Arbeit. Seit damals singe ich leidenschaftlich gerne.

Schon vor 14 Jahren begann ich davon zu träumen, Bobby Darin in einem Film darzustellen. Genau genommen war es wie ein Luftschloss, als Theaterschauspieler zu hoffen, dass man in Hollywood das verborgene Potenzial des Projekts erkennen würde, einen völlig Unbekannten Bobby Darin spielen zu lassen - und ihm darüber hinaus auch noch zu erlauben zu singen.

Es sind tatsächlich noch erstaunlichere Dinge geschehen. Nahezu zehn Jahre später - nachdem ich mich für das Projekt in den Ring geworfen hatte und auch wieder daraus zurückgestoßen worden war - gelang es mir, im Jahr 2000 die Rechte an der Bobby-Darin-Story zu erwerben. Dafür werde ich Alan Horn für immer dankbar sein und den vielen Verantwortlichen bei Warner Bros., die die Abwicklung erleichterten - und damit wieder einmal mehr bewiesen, dass auch Träume wahr werden können. Seit damals habe ich eine Menge Zeit darauf verwand, den Film zu realisieren.

Es gab ein paar ganz besonders tolle Momente, als sich nach meiner Zeit im Musical-Theater erstmals wieder die Gelegenheit bot, öffentlich zu singen: Zum Beispiel beim John-Lennon-Gedächtniskonzert 2001 in der Radio Music Hall, wo ich die Zuhörer mit meinem eigenen Tribut an John Lennon überraschte, bei ein paar wichtigen Benefizveranstaltungen und letztes Jahr beim Grand Concert in The Old Vic mit Elton John, Sting und Elvis Costello.

Einen Song des Albums hatte ich früher schon einmal für einen Film, in dem ich spielte, gesungen, nämlich für Clint Eastwoods "Midnight In The Garden Of Good and Evil". Diese Aufnahme gelang praktisch ohne Probe. Ich erinnere mich an den Anruf an einem Freitag, und bereits am folgenden Dienstag nahm ich "That Old Black Magic" auf. Es dürfte klar sein, dass Bobby Darins Musik in der Vorbereitungsphase ein bisschen mehr Zeit in Anspruch nahm.

Ich spürte immer, dass der wichtigste Aspekt in einem Film über Bobby Darin die Musik sein mußs. Wenn die Musik nicht authentisch rüberkommen würde, dann würde der ganze Film in sich unstimmig werden. Daraus zogen wir folgende Konsequenz: Wir widmeten uns erst ausschließlich der Musik, noch bevor wir uns mit dem Drehbuch, der Finanzierung, der Produktion oder anderweitiger Organisation beschäftigten.

Ich hatte das Glück, gleich anfangs mit einem Mann zusammen zu arbeiten, der über die Jahre immer wieder mit Bobby zusammen gekommen war. Roger Kellaway ist ein anerkannter Jazz-Musiker und war auf Tourneen Bobbys Musikdirektor. Er hat sehr viel für das leider unterschätzte Album "Doctor Doolittle" (1967) von Bobby beigetragen.

Roger und ich trafen uns an ganz unterschiedlichen Lokalitäten, Hauptsache, wir fanden ein Klavier, um eine Session mit Bobby Darins Musik zu machen. So konnte ich lernen, meine Stimme in die Richtung von Bobbys Stil zu entwickeln. Zum einen wollte ich sein Talent würdigen, zum anderen nicht eine bloße Imitation sein. Wir waren einer Meinung, wenn die Energie und der Stil ganz spezifisch wie der Bobby Darins waren und wir ganz sorgfältig mit den Arrangements arbeiteten, dass wir dann vielleicht beim Zuhörer den Eindruck erwecken konnten, dass er tatsächlich Bobby Darin hört. Letztendlich war ich überzeugt, dass ich in der Performance überzeugen mußste, sonst würde der ganze Film nicht bestehen können.

Unsere Arbeit ging weiter und erreichte ein ganz neues Level, als Phil Ramone zu uns stieß und zwei Jahre lang als unser Musikproduzent agierte. Tagelang machten wir bei Capitol Records mit einer 16-köpfigen Band Probeaufnahmen. Das war aufwendig, hat sich aber gelohnt, denn so hatte ich Aufnahmen, mit denen ich üben konnte. Wo ich auch war - in Flugzeugen, auf Filmsets, im Auto, in U-Bahnen - ich hatte immer meinen iPod mit diesen Musikstücken dabei, um meine Stimme für die Anforderungen der nächsten Aufnahme für den Film zu modellieren. Immer wenn ich einen Job als Schauspieler bekam, hielt ich durch meine Gesangsübungen in den Hotels in ganz Europa und in den USA sicherlich die anderen Hotelgäste wach. Sorry.

Die Wahrheit ist, dass ich einfach nicht genug davon bekam. Die Erfahrungen der Aufnahmen im Studio, "von der Musik gefesselt zu sein" (ein Ausspruch von Ramone), Noten zu lesen (das kann ich allerdings immer noch nicht) und die Entdeckung, wie sich Bobby Darins Stimme von Musikgenre zu Musikgenre veränderte, machten den ganzen Prozess zu einer unschätzbaren Erfahrung. Mein Respekt für Musiker ist noch größer geworden. All der Humor und die Freundschaft, die sie ins Aufnahmestudio mitbrachten, trug dazu bei, dass mit ihnen zu swingen immer das große Ziel, zugleich aber auch das reine Vergnügen war.

In der Abbey Road beleitete mich - zeitweise - ein 72-köpfiges Orchester mit Streichern. Der Druck war groß. Aber wie immer, wenn du etwas mit jemandem machst, der es besser kann als du, konnte auch ich mich noch steigern. In all den Jahren der Vorbereitung hat es nie besser geklappt, als in den zwölf Tagen in den Abbey Road Studios. Unser brillanter Musikdirektor, John Wilson, engagierte den Chor seiner 19-köpfigen Band. Sie schafften es, die Veränderung des Sounds deutlich zu machen, die sich von den grandiosen Jahren in den Nachtclubs bis hin zu dem Sound in den späteren Jahren vollzogen hatten.

In den Fällen, in denen wir uns für die Original-Aufnahmen oder seine Live-Aufführungen entschieden, gab es immer einen guten Grund. Bobby Darins Familie und Steven Blauner (der Bobby sein ganzes Leben gemanagt hat) waren anfangs dagegen, dass ich selbst sang. Doch als sie dann hinter dem Projekt standen, waren sie ungeheuer hilfsbereit und boten jede Unterstützung an. Das vielleicht für den Film praktisch relevanteste Geschenk war, als Dodd Darin und Steve Blauner in Bobby Darins Archiv gingen, dort all seine Original-Arrangements und Charts aufstöberten und sie uns gaben.

Die Auswahl der einzelnen Musikstücke schwankte ständig. Die Auswahl trafen wir immer unter dem Gesichtspunkt, welche Songs uns helfen würden, die Story voran zu treiben. Viele von Bobby Darins Songs sind weltweit bekannt, aber wir wollten auch weniger bekannte Titel bringen. Ich selbst war ganz besonders bewegt von der Hymne "Simple Song Of Freedom", die seine Haltung gegen den Vietnamkrieg und die politischen Manipulationen der 60er Jahre spiegelt.

Dieser Song könnte noch heute veröffentlicht werden und wäre für uns heute genau so gültig, wie er es damals war. Außerdem liebe ich die ganz große Big-Band-Musik wie beispielsweise "Hello Young Lovers". Ich finde aber auch, dass sich in Titeln wie "The Curtain Falls" seine Persönlichkeit spiegelt und dieser Song deshalb ein wichtiger und bewegender Beitrag zu Bobby Darin als Künstler ist.

Es war mir wichtig, dass der Film nicht wie ein Konzert wirken sollte, obwohl die Musik ja im Mittelpunkt steht, sondern dass die Auswahl der Songs dazu führen sollte, dass sich die Geschichte immer weiter entfaltet. Wenn man weiß, dass Bobby Darin über 300 Songs aufgenommen hat, kann man erahnen, wie schwierig die Auswahl der einzelnen Titel für den Film war. Einiger meiner eigenen Favoriten wurden nicht in den Film aufgenommen. Ich wünschte, sie hätten alle mit hinein gekonnt.

Ich hoffe, dass alle, die das Album hören, zu demselben Schluss kommen wie wir: dass es repräsentativ geworden ist für einen Musiker, der eigentlich eine Gesamtausgabe seines Werks verdient hätte. Nebenbei es gibt eine CD-Sammlung mit Bobby Darins Musik (das 4-CD-Set "As Long As I´m Singing: The Bobby Darin Collection" von Rhino Records), das der gesamten Karriere Bobby Darins gerecht wird.

Mit dem Filmporträt hoffe ich, junge Leute für die Musik Bobby Darins gewinnen zu können und das Interesse derer neu zu erwecken, die mit seiner Musik bereits vertraut sind. Es ist keine Frage, dass sein früher Tod mit 37 Jahren ihn um seinen verdienten Platz in der Reihe der Musikgrößen in unserer Zeit gebracht hat.

Vielleicht können der Film und das Album zu BEYOND THE SEA dazu beitragen, dass der schon fast vergessene Künstler Bobby Darin neu entdeckt wird. Ich kann nur hoffen, dass wir mit dem Film nahe genug an die Person Bobby Darin heran gekommen sind, um ihm, seinem Leben und seiner künstlerischen Karriere unsere Verehrung zu zollen.

Kevin Spacey

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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