Haus aus Sand und Nebel

Produktionsnotizen

Der erfolgreiche Werbefilmregisseur Vadim Perelman war fern von Hollywood, im Flughafen von Rom, als er auf den Roman HOUSE OF SAND AND FOG stiess. Er las das Buch auf dem Atlantikflug und wusste bei der Landung, dass er am Scheideweg stand. "Ich spürte, dass ich diese Geschichte erzählen mußste. Eine Geschichte über Einsamkeit, Rauswurf und das Leben als Einwanderer in einem neuen Land - und darüber, dass sich Kathy im eigenen Land als Einwanderer fühlt. Das sind universale Themen. Wer könnte darin nichts Eigenes entdecken?"

Perelman kennt das Einwandererleben aus eigener Erfahrung. Er und seine Mutter verliessen die sowjetische Heimat, als er ein Teenager war. Sie lebten von der Hand in den Mund in Wien und Rom, bevor sie sich in Kanada niederliessen. Am Ende sollte Perelman als Werbefilmer Karriere machen - aber die Jahre auf der Strasse haben ihn am eigenen Leib erfahren lassen, wie angestrengt Behrani den Amerikanischen Traum verfolgt - und wie Kathy daran verzweifelt, ihn verloren zu haben. Es war dieses tiefe Verständnis für den Stoff, das den Autor dazu bewog, Perelman die Filmrechte zu geben, obwohl er noch keinen Spielfilm gedreht hatte. Andre Dubus erinnert sich: "Ich hatte mit mehreren Leuten gesprochen, die sich von verschiedenen Elementen der Geschichte angesprochen fühlten. Doch als ich mit Vadim sprach, spürte ich, dass er den tieferen Sinn der Geschichte manchmal besser verstand als ich. Ich fühlte, dass er der Geschichte in ihrer wahren Form treu bleiben würde."

Der Produzent Michael London war nicht minder beeindruckt als Dubus, als das Drehbuch fertig war: "Man liest nicht oft ein Buch, bei dem man sagt: Das mußs ich machen! Hier spürte ich mit jeder Faser meines Körper, wie nah mir die Geschichte gegangen war. Was die beiden Hauptfiguren suchen ist etwas ungeheuer Fundamentales: ein Heim - ein Haus und im übertragenen Sinne ein Zuhause fürs Leben und die Familie, das was Kathy verloren hat und was Behrani nicht aufgeben möchte. Darüber hinaus hat mich an der Geschichte beeindruckt, dass man mit beiden Figuren mitfühlt. Es gibt nicht einfach Richtig und Falsch. Man glaubt Kathy, dass sie zu Unrecht aus ihrem Haus geworfen wurde - und mußs doch auch für Behranis Kampf Sympathie empfinden, der seiner Familie ein besseres Leben ermöglichen will. Es gibt keine einfachen Antworten auf dieses Dilemma, und genau das ist es, was einen hineinzieht." Perelman: "Kathy und Behrani haben beide ihre Schwächen, aber sie verfolgen beide auf ihre Art ein ehrenvolles Ziel. Allerdings verstehen sie einander nicht, und das wird sie am Ende zu Fall bringen."

Für die Besetzung der Rolle Behranis war Ben Kingsley Perelmans erste und einzige Wahl - und bald sollte er feststellen, dass ihm der Romanautor oder besser dessen Frau zuvorgekommen war. "Als ich bei Ben Kingsley wegen der Rolle anfragte, kannte er sie schon. Ich fragte ihn, ob er das Drehbuch etwa schon gelesen habe - und er antwortete: Nein, aber das Buch - Andres Frau hat es mir gleich nach Erscheinen geschickt!"

Ben Kingsley fährt fort: "Sie hatte mir das Buch mit einem äusserst charmanten Begleitschreiben übersandt. Darin stand, dass ihr Mann Behrani mit einer mir ähnlichen Silhouette vor Augen geschrieben habe. Nicht etwa, dass er es für mich oder über mich geschrieben habe, aber, wenn ich so sagen darf, er nahm mich als Anhaltspunkt. Ich liebte das Buch, und nun, Monate später, schickte mir Vadim sein wunderbares Drehbuch. Ich spürte, dass ich mit Behrani mitfühlen konnte. Ich wollte die Geschichte dieses Mannes erzählen. Ich wollte wissen, wie weit sein Verantwortungsgefühl reichte und seine Fähigkeit, Verluste und sogar Erniedrigung zu ertragen, um der Patriarch zu bleiben, zu dem er seiner Überzeugung nach bestimmt war."

Perelman: "Ben war dafür geschaffen, die Rolle Behranis zu spielen. Kein anderer wäre auch nur von fern an ihn herangekommen. Ben ist der Mittelpunkt, der Felsen dieses Films. Er ist ein grosser Mann und ein grosser Schauspieler - intuitiv und wunderbar grosszügig. Ich mußste ihn gar nicht anleiten, weil er das nicht brauchte. Er verkörperte einfach die Figur. Ben hat eine königliche Haltung an sich und ein sehr stolzes Auftreten, das war ideal für Behrani, der fast zu stolz ist. Behrani mußs niedrige Arbeiten annehmen, was ihn im Innersten trifft, aber er würde das nie zeigen. Auch wenn er beim Strassenbau oder in einem Laden arbeitet, steht er da wie der Oberst, der er einst war."

Kingsley: "Der Mensch kann enorme Kräfte mobilisieren, um Verluste auszuhalten, zu verstehen und mit ihnen fertig zu werden. Wir sind aussergewöhnliche Tiere in unserem Vermögen, einen Verlust nach dem anderen zu ertragen. Kurz gesagt, Behrani ist ein Mann, der seine Königskrone verlor und dann sein Königreich verliert, seinen Sohn, seine Frau, sein Zuhause und schliesslich sich selbst."

Ben ist nicht der einzige, der grosse Verluste erleidet. Verlust ist auch die treibende Kraft im Leben seiner Gegenspielerin Kahty Nicolo, ihr Antrieb im Kampf um das einzige, was ihr in dieser Welt noch blieb: ihr Haus. Jennifer Connelly, die Kathy spielt, stellt fest: "Sie ist zu Beginn des Films völlig verloren. Ihr Mann hat sie verlassen, sie mußs eine Sucht überwinden, und nun überwintert sie sozusagen in ihrem Haus, als sie zu Unrecht ein Zwangsräumungsbefehl trifft - für das Nichtzahlen von Steuern, die sie gar nicht schuldig war! Man versteht, warum ihr das Haus so viel bedeutet und warum sie so störrisch daran festhält. Ich wollte sie sofort spielen, das Drehbuch war sehr bewegend und gut geschrieben. Mir gefiel, dass es keinen Schurken und keine Lichtgestalt gab. Es hat mich überzeugt, dass beide Seiten moralisch fragwürdige Dinge tun - weil das im Leben oft so ist."

Nicht lange nach der Rollenzusage nahm Connellys Leben eine dramatische Wendung: Sie bekam den Oscar für A BEAUTIFUL MIND und wurde sofort mit Angeboten überschüttet. Aber, so der Produzent Michael London, "sie blieb unserem Projekt unwahrscheinlich treu. Ich glaube, sie verstand Kathy und spürte, dass sie der Figur die Tiefe, Kraft und Anmut geben konnte, die Kathy hat." Perelman: "Man könnte Kathy auch als schwachen Charakter interpretieren, aber ich glaube nicht, dass sie das ist. Sie wird von einem Strudel erfasst und heruntergezogen, und wie bei einem Ertrinkenden packt sie Verzweiflung. Also greift sie nach jedem Strohhalm, egal was, um irgendwie ihr Haus wiederzubekommen."

Connelly: "Kathy greift nach allem, was sie über Wasser halten könnte, aber es sind alles Dinge, die sie nicht retten können." Erst versucht sie ihr Eigentum mit Hilfe der Rechtsanwältin Connie Walsh wiederzubekommen, die von Frances Fisher gespielt wird. Als der Rechtsweg versagt, hält sie sich an Lester Burdon, den Deputy Sheriff, mit dem sie, Ironie des Schicksals, Bekanntschaft schloss, als er das Haus räumen mußste.

Es war nicht leicht, die Rolle Lester Burdons zu besetzen. Erst Ron Eldard traf es genau. Perelman: "Ich suchte jemanden, der diesen unglaublichen Eindruck von Verletzbarkeit machen konnte und zugleich eine eigentümliche Anziehungskraft entwickeln konnte. Dafür war Ron genau richtig. Er war grosse Klasse als Lester." Ron Eldard wurde von den unerwarteten Wendungen des Dramas verführt. "Immer wenn ich glaubte zu wissen, wie es weitergeht, kam es anders. Ein starkes Thriller-Gefühl. Und dabei sind es eher geringfügige Entscheidungen, die zur Katastrophe führen. Es sind eben oft die Kleinigkeiten, die im Leben am wichtigsten sind. Da passieren grosse Dinge, aber die winzigen Schritte führen Stückchen für Stückchen zur Wende. Lester will eigentlich nur helfen. Er sieht, dass Kathy Hilfe braucht, und das öffnet sein Herz. Vielleicht begann es als instinktive Reaktion eines Polizisten, der einen Menschen in Not sieht. Sie steht am Rand eines Zusammenbruchs, er will sie beschützen. Aber das ist der Auslöser für vieles, was kommt."

Perelman: "Lester idealisiert sein Verhältnis zu Kathy. Er hält sich für den Ritter in scheinender Rüstung, der seine Dame aus der Not rettet. Am Anfang ist er ganz Mitgefühl, aber dieses Mitgefühl führt zu einer Art gegenseitiger Abhängigkeit und blinder Liebe, die ihn bis zum Schluss glauben lässt, was er tut, sei recht." London: "Ron lässt uns an Lesters obsessive Liebe für Kathy glauben - für die er alles aufs Spiel setzt. Er lässt seine Frau, zwei Kinder und ein Zuhause hinter sich zurück, weil er glaubt, dass ihm dort ein Gefühl fehlt. Er wendet sich Kathy zu, um sein Leben von vorn zu beginnen.l" Perelman: " Es ist seltsam - Behrani will aufsteigen, Kathy will einsteigen, und Lester will aussteigen." Kathy findet unerwartet Mitgefühl bei Behranis Frau Nadi, die sie für einen vom Leben verwundeten Menschen hält. Sie behandelt Kathy wie eine Tochter und nicht als Gefahr für ihr Zuhause, und so gehen die beiden Frauen einen schwankenden Bund ein. Connelly: "An der Art, wie Kathy auf Nadi reagiert, kann man sehen, wie sehr sie sich ein echtes Verhältnis zu jemandem wünscht, der gut und lieb ist."

Nadi wird von dem iranischen Bühnen- und Filmstar Shohreh Aghdashloo gespielt, der ihr charakterlich nahe kommt. Perelman: "Shohreh hat dieses unglaubliche Herz und starke Mitgefühl. Sie ist so ehrlich in allem, das ist wirklich liebenswert. Ich sollte sie eine Menge anleiten - nicht weil sie es brauchte, nur weil es mir so ein Vergnügen bereitete, mit ihr zu arbeiten. Sie war uns allen eine Mutter auf dem Set." Aghdashloo war die erste und einzige Wahl für die Rolle. London: "Vadim und ich sahen uns ihr Probeband an, und sie hatte alle Eigenschaften, die wir uns für Nadi vorgestellt hatten. Wir holten sie, sie trug vor und alle weinten. Keine Diskussion: Sie war es. Ich glaube, es ging viel Lebenserfahrung in die Darstellung von Nadis Heimat- und Familienliebe ein." Aghdashloo: "Ich habe viel von mir als iranischer Zuwanderer - meine Kultur, meine sozialen Vorstellungen - in den Film eingebracht. Aber dabei geht es nicht nur um die iranische Kultur, es geht um jede andere Kultur, die zur Mischung in den Vereinigten Staaten eine neue Geschmacksnote beiträgt, finde ich."

"Ich war an Grund und Boden zerstört, als ich den Roman gleich bei Erscheinen las. Nicht, dass mir die Schwierigkeiten eines kulturellen Übergangs unbekannt gewesen wären - aber er war herzzerbrechend, das auf so menschliche Art dargestellt zu sehen. Ich liebe die Geschichte und ihre Botschaft - dass wir Menschen übereinander aufgeklärt werden und lernen müssen, in dieser kleinen Welt zusammenzuleben. Wir müssen die Eigenheit und den Platz jedes anderen respektieren. Unwissenheit ist heute kein Glück mehr. Wir müssen einander besser kennen lernen, sonst stehen uns noch mehr Tragödien bevor."

Wie so oft kann die Figur beide Seiten verstehen, die wirklich unschuldig in den Kampf verwickelt wird, Behranis Sohn Esmail. Für diese Rolle gingen die Filmemacher das Risiko ein, mit einem blutigen Anfänger zu arbeiten, Jonathan Ahdout, der gerade noch rechtzeitig eintraf. London: "Wir hatten Jungs von überall gesehen und keinen gefunden, der wirklich zu Herzen ging. Es war die Nacht vor Drehbeginn, was uns Angst machte, und da kam Jonathan hereinspaziert. Ich weiss nicht wo er es hernahm - er hat keine Ausbildung und keine Erfahrung als Schauspieler! - aber er schaffte es völlig ohne falschen Ton." Perelman: "Er verwandelte sich nach nur einer einzigen Einstellung und fast ohne Anleitung in seine Figur." Jonathan Ahdout, ein Irano-Amerikaner der ersten Generation: "Ich schloss mich vom Rest der Welt ab und dachte nur noch über diesen Jungen nach - seine Freunde, seine Mutter und seinen Vater, wo er lebt, seine Hobbies und Interessen. Ich versetzte mich in ihn und konnte ihn so immer besser verstehen. Zu lernen, wie man jemand anderer wird, hat mich als Schauspieler gewaltig vorangebracht, und ich bin überglücklich, diese Rolle bekommen zu haben."

Ahdouts Mutter begleitete ihren Sohn jeden Tag zum Dreh und half Ben Kingsley, dem einzigen nicht-iranischen Schauspieler in Behranis Familie, sich in die iranische Sprache und Kultur zu vertiefen. Ihre Hilfe, und anderer iranischstämmiger Angehöriger des Filmteams, "machten alle akademischen Erkundungen überflüssig." Kingsley: "Die Unterstützung und Grosszügigkeit meiner iranischen Kollegen und Freunde haben auf nicht gering zu schätzende Weise zu meinem Porträt von Oberst Behrani beigetragen."

Perelmans wichtigster Lehrer am Set war der Bildregisseur Roger Deakins. Perelman: "Roger hat mir in kurzer Zeit mehr über Regie beigebracht als jeder andere. Sein Licht und seine Bildaufteilung ist wunderschön, und er hat mich in für Spielfilme grundlegende Dinge eingewiesen." London: "Roger hat massgeblich dafür gestimmt, den Stil einfach zu halten. Dieser Film erforderte, dass der Zuschauer ungehindert Zugang zu den Figuren und der Geschichte gewinnt. Je mehr man ihn direkt erleben kann, ohne das Gefühl zu haben, er sei durch künstlerische Mätzchen gefiltert, desto besser." Deakin: "Dies ist ein Charakterschauspiel, und bei so einem Film sollte die Bildgestaltung in den Hintergrund treten. Natürlich hebt man bestimmte Punkte hervor, und es gibt fast surreale Augenblicke, aber hauptsächlich geht es darum, alles so unauffällig wie möglich zu halten, damit die Zuschauer völlig ins Leben der Figuren eintauchen können."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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