Sophie Scholl - Die letzten Tage

Produktionsnotizen

Aus einem Zeitungsartikel anlässlich des 60. Todestages von Sophie Scholl erfuhr Regisseur Marc Rothemund im Februar 2003 von bisher unveröffentlichten Gestapo-Protokollen über die Verhöre von Mitgliedern der Widerstandsgruppe ?Die Weiße Rose?. Sein Interesse war geweckt, und er überzeugte seinen langjährigen Partner, Autor Fred Breinersdorfer, diese Dokumente zu besorgen.

?Es ist ein Wunder, dass die Protokolle überhaupt noch existieren?, konstatiert Breinersdorfer, ?denn die Münchner Gestapo hat alle Akten vernichtet, bevor die Amerikaner eintrafen. Doch die Vernehmungsprotokolle der Mitglieder der ,Weißen Rose? waren zusammen mit den Unterlagen des so genannten ,Volksgerichtshofs? nach Berlin gekommen. Sie wurden 1945 von den Russen nach Moskau mitgenommen und später der DDR ausgehändigt. Dort verschwanden sie in den Archiven ? und kamen erst 1990 bei der Sichtung der Stasi-Akten wieder ans Tageslicht. Bisher waren sie nur einer begrenzten Fachöffentlichkeit bekannt.?

Rothemund und Breinersdorfer, die zuletzt bei dem vielfach preisgekrönten TV-Drama ?Die Hoffnung stirbt zuletzt? zusammengearbeitet hatten, zeigten sich bei der Lektüre fasziniert von den Vernehmungsprotokollen ? und erkannten sofort das enorme filmische und emotionale Potenzial, das in ihnen steckte: Minutiös konnte man nachzeichnen, wie nervenaufreibend die Verhöre von Sophie Scholl abliefen.

?Allerdings handelt es sich um Täterprotokolle, verfasst vom Vernehmungsbeamten, der die Texte nach dem jeweiligen Verhörabschnitt diktierte und vom Beschuldigten unterschreiben ließ?, erläutert Breinersdorfer. ?Die Protokolle sind also mit großer Vorsicht zu lesen. Auf der anderen Seite gibt es einen Bericht von Sophies Zellengenossin Else Gebel, der glücklicherweise zu Sophies Verhörprotokollen passt wie ein Puzzleteil zum anderen ? ein starkes Indiz für die Authentizität der Dokumente.?

Die beiden Filmemacher beschlossen, auf der Basis dieses spannenden Materials einen Film zu entwickeln, der sich ganz auf die letzten Tage von Sophie Scholl konzentriert. Zusammen mit dem Publizisten Ulrich Chaussy trieben sie ihre Recherche voran. ?Sophies letzte Tage sind in der gesamten Literatur immer nur schlaglichtartig behandelt worden?, berichtet Breinersdorfer.

?Wir fanden ein widerwärtig-bürokratisches Protokoll über die Hinrichtungen ? nein, ich benutze in diesem Zusammenhang lieber das Wort Morde. Von der grotesken Verhandlung vor dem so genannten ,Volksgerichtshof? am 22. Februar 1943 existiert ein Ereignisprotokoll; außerdem hatten wir die schriftliche Begründung der Todesurteile des Blutrichters Roland Freisler zur Verfügung, einschließlich seines in übergroßen Lettern hingeworfenen Entwurfs für das kurz darauf entstandene Urteilspamphlet, das mich als Jurist besonders anwiderte.?

In der Zusammenschau schilderten die Dokumente minutiös die wütende, maßlose und brutale Reaktion des Systems auf einen Widerstand, der nur mit Worten, nie mit Gewalt ausgeübt worden war. ?Und außerdem?, fügt Breinersdorfer an, ?war der Weg von Sophie, ihrem Bruder Hans und dem ebenfalls hingerichteten Freund Christoph Probst nun klarer denn je nachvollziehbar und damit filmisch aufzubereiten.?

Nach Sichtung der Literatur- und Dokumentenlage stellte sich allerdings heraus, dass über zwei der für Sophie Scholl in ihren letzten Tagen so wichtigen Personen fast nichts bekannt war: über die Mitgefangene Else Gebel und den Gestapo-Verhörbeamten Robert Mohr. ?Nie hat sich jemand darum gekümmert, herauszufinden, wer diese beiden Menschen waren?, stellt Breinersdorfer fest. ?Nirgends fanden wir ein Foto, geschweige denn eine Biografie.? Doch den Filmemachern gelang es, wichtige Zeitzeugen aufzuspüren und zu interviewen: Werner Gebel, den Neffen von Else Gebel, der lange Zeit bei seiner Tante gewohnt hatte, sowie Willy Mohr, den inzwischen 83-jährigen Sohn von Robert Mohr.

Als äußerst aufschlussreich erwiesen sich schließlich auch die Gespräche mit weiteren Überlebenden ? allen voran Anneliese Knoop-Graf und Elisabeth Hartnagel. Anneliese Knoop-Graf, die Schwester des ?Weiße Rose?- Mitglieds Willi Graf, war vier Monate lang von Robert Mohr verhört worden und hatte während dieser Zeit mit Else Gebel in derselben Zelle gelebt wie zuvor Sophie Scholl. Elisabeth Hartnagel, Sophie Scholls jüngere Schwester, hatte später Sophies Verlobten Fritz Hartnagel geheiratet. Das Gespräch mit den Filmemachern war Elisabeth Hartnagels erstes Interview vor einer Kamera überhaupt. Auch ihr persönliches Archiv öffnete sie dabei.

Beim Verfassen des Drehbuchs galt es einerseits, sich um größtmögliche Authentizität zu bemühen, aber andererseits auch, eine packende und emotionale Dramaturgie zu finden, Spannung aufzubauen und die Texte aus den verschiedenen Dokumenten in eine sprechbare Form zu bringen. ?Für Sophie Scholl, von der es keine Tonaufzeichnungen gibt, mußsten wir einen eigenen Sprachduktus entwerfen ? inspiriert von ihren Briefen und ihren Tagebucheinträgen?, erinnert sich Breinersdorfer. ?Die größte Herausforderung bei diesem Drehbuch war allerdings, die Temperatur der Emotionen auszubalancieren: Wir durften zum einen nicht in eine trockene Pseudo-Dokumentation abgleiten, zum anderen aber auch nicht die Zuschauer emotional überfordern. Und schließlich mußsten wir jeweils noch die neuesten Rechercheergebnisse in das Skript einarbeiten.?

Schon während der ersten Drehbuch-Entwürfe machten sich Fred Breinersdorfer und Marc Rothemund Gedanken über die Umsetzung ? und schlossen sich zur Realisierung des Projektes mit Sven Burgemeister und Christoph Müller zusammen, den beiden Produzenten von ?Goldkind Film?, mit denen sie bereits früher mehrfach gemeinsam gearbeitet hatten. Damit fand eine erfolgreiche, von Vertrauen geprägte Partnerschaft ihre Fortsetzung.

Breinersdorfer und Rothemund wollten diesmal nicht nur auf das Produktions-Know-how von ?Goldkind Film? zurückgreifen, sondern selbst auch als Produzenten auftreten. Zu diesem Zweck gründeten sie ihre eigene Firma: ?Broth Film?. BR-Redakteurin Bettina Reitz, die mit Produzent Sven Burgemeister schon mehrere Projekte realisiert hatte, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass die TV-Sender BR, SWR und arte als Co-Produzenten an Bord kamen. Gefördert wurde das Projekt von FFF Bayern, FFA und BKM. ?Alle Beteiligten haben uns dabei stets vertrauensvoll unterstützt und konstruktiv begleitet?, resümiert Burgemeister. ?Das war eine schöne Erfahrung für uns.?

Sehr früh begaben sich die Produzenten auch auf die Suche nach dem passenden Partner, um den Film in die Kinos zu bringen ? und fanden ihn im X Verleih: ?Ein engagierter Verleih, der mit viel Liebe zum deutschen Film und dem richtigen Riecher bei der Auswahl der Projekte schon für einige Überraschungen gesorgt hat?, stellt Sven Burgemeister fest. ?Im Kreise der Filme, die der X Verleih bisher herausgebracht hat, fühlt man sich einfach wohl und gut aufgehoben.?

Bereits im Drehbuchstadium war X Verleih überzeugt vom Buch und vom Projekt ? und davon, dass ?Sophie Scholl ? Die letzten Tage? ein aktuell relevanter Film werden wird. Um die richtigen Darsteller zu finden, wandten sich die Filmemacher an Casting-Agentin Nessie Nesslauer. ?Sie hat nicht nur einen hervorragenden Blick für die Dramaturgie der Figuren, sondern auch ein großes menschliches Gespür für Personenkonstellationen und das Zusammenspiel vor und hinter der Kamera?, betont Burgemeister.

?Außerdem kennt sie sich in der Theaterlandschaft so gut aus wie kaum jemand anderes ? und uns war angesichts der kammerspielartigen Struktur des Films und der Fülle des zu bewältigenden Textes klar, dass wir Schauspieler brauchten, die sich in einem solchen Rahmen sicher bewegen können.? Da lag es nahe, bei der Besetzung der Titelrolle an Julia Jentsch zu denken, den Jungstar der Münchner Kammerspiele: ?Wir haben uns alle Julia auf der Bühne angesehen und waren fasziniert von ihrer Präsenz?, fährt Burgemeister fort. ?Sie hat etwas an sich, das einen mitreißt und berührt.?

Gedreht wurde im Sommer 2004 ? obwohl die Handlung im Februar stattfindet. Möglich war das, weil der Film fast ausschließlich in Innenräumen spielt. Nur drei kurze Außenaufnahmen wurden an einem Vormittag im Dezember nachgedreht. Dabei war es Regisseur Marc Rothemund wichtig, weitestgehend chronologisch zu filmen. ?Das war ein großer Vorteil für die Inszenierung und die Schauspieler?, erinnert sich Sven Burgemeister.

?Aber es wurde von Tag zu Tag heftiger, weil wir uns mehr und mehr dem Tod von Sophie Scholl näherten. Dieses Bewusstsein hat alle Beteiligten angesteckt. Es war eindrucksvoll, den Zusammenhalt des Teams zu erleben und mit all den energiegeladenen, hoch motivierten Mitarbeitern an diese bewegende Geschichte heranzugehen.?

Ein Hauptziel der Inszenierung war es, die emotionale Entwicklung der Hauptfigur nachvollziehbar zu machen: ?Wir haben hinter der Heiligenfigur und dem Namen auf Straßenschildern die menschliche Komponente gesucht?, erläutert Fred Breinersdorfer. ?Sophie war eine intelligente, warmherzige, moderne junge Frau, die mit Freundinnen getrampt ist, Zigarren geraucht und Jazz gehört hat. Darum zeigen wir sie zu Beginn, wie sie einen Billie-Holiday-Song mitsingt ? um von Anfang an eine starke Identifikation mit ihr zu ermöglichen. Eine nibelungenhafte Heldin hätte uns nicht interessiert.?

Für Produzent Sven Burgemeister ist Sophies konsequentes, unerschrockenes Handeln der zentrale Punkt: ?In unserem Film geht es nicht in erster Linie um das Dritte Reich, sondern um Zivilcourage: ein Thema, das immer aktuell sein wird. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich auch heute nach einer so klaren Figur wie Sophie Scholl sehnt, die mit unerbittlicher Konsequenz, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben, für die Gemeinschaft eingetreten ist ? und uns damit ein Beispiel gegeben hat, das es verdient, in unserem Bewusstsein zu bleiben.?

Drehbuchautor Fred Breinersdorfer schließlich verweist auf die Vorbildfunktion, die Sophie Scholl insbesondere für die jüngere Generation übernehmen könnte: ?Ich sehe in unserer heutigen Mediengesellschaft den geradezu verzweifelten Versuch, künstliche Vorbilder zu erzeugen. Da werden immer wieder neue Tiefenrekorde auf der nach unten offenen Trash-Skala erreicht?, stellt er fest. ?Und alle diese so genannten Vorbilder haben ? abgesehen von ihrer Hilflosigkeit oder ihrer schlechten Stimme ? eines gemeinsam: Auf Charakter, Bildung und Moral kommt es überhaupt nicht an! Deshalb finde ich es wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. Wenn ich mir also etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein Hype um Sophie Scholl!?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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