Schneeland

Produktionsnotizen

Einen ungeheueren Sog entwickelte die Geschichte dieser beiden jungen Frauen, die sich im eisigen SCHNEELAND über die Jahrzehnte hinweg verbünden. Ungeachtet der Strapazen, die ein Dreh in der kalten, stürmischen Winterlandschaft von Lappland, bei Temperaturen um minus 20 Grad bedeutet, war es nicht nur für den Regisseur, sondern auch für die Schauspieler Liebe auf den ersten Blick.

Seit einigen Jahren hatte Hans W. Geißendörfer nach einer Vorlage für seinen nächsten Kinofilm Ausschau gehalten, als eine Freundin ihm Elisabeth Rynells SCHNEELAND zum Lesen gab und er sofort wusste, dass er seine Geschichte gefunden hatte, fast so als würde der Ruf dieser tapferen, jungen Frauen über die Zeiten hinweg locken.

Da die Landschaft wesentlicher Bestandteil der Geschichte ist, und im Grunde die Rolle eines weiteren Charakters annimmt, gestaltete sich schon die Suche nach dem Schauplatz sehr schwierig. Zunächst hoffte Hans W.Geißendörfer auf die Hilfe von Elisabeth Rynell und ließ sich von der Autorin an die Orte führen, an die sie beim Schreiben gedacht hatte, ohne jedoch zu wissen, dass es die Originalschauplätze ihres eigenen Lebens waren: " Die haben mir aber nicht gefallen, ebenso wenig wie dem Kameramann," erinnert sich der Regisseur. "Das hatte nichts damit zu tun, was ich mir vorgestellt hatte. Es war viel zu lieblich, wenig poetisch, da hätten wir auch im Schwarzwald oder im Fichtelgebirge drehen können. Wir haben eine Einsamkeit gesucht, eine karge Landschaft, kein Grün, keine Bäume. Wir haben sehr lange gebraucht, es ist nicht mehr so leicht in Europa diese großen, leeren Landschaften zu finden."

Fast ein Jahr lang dauerte die Motivsuche, bevor Geißendörfer in Mittelschweden fündig wurde, in Südlappland, an der norwegischen Grenze, wo die Höfe von Salomon und Knövel in die Landschaft gebaut wurden, Salomons Haus in etwas 400 Metern Höhe und Knövels weiter oben auf einem Hochplateau (ca. 1000 Meter über dem Meeresspiegel).

Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Wahl des Drehortes war, dass Schauspieler und Team in der Nähe untergebracht werden konnten, um lange Reisen zum Drehort zu vermeiden. Auch die kommunale Verwaltung der Lappen, die das Land bewirtschaften und Rentierzucht betreiben, sorgte für eine Fülle von Auflagen. So mußsten Geburten- und Schlachtzeiten der in einem achtzig Quadratkilometer großen Gebiet verstreuten Rentiere ebenso berücksichtigt werden wie der Schutz der Jungtiere. Zudem war zu befürchten, dass die extremen Wetterbedingungen den Dreh übermäßig verteuerten: Im Winter herrschen in dieser Gegend 18 - 25 Grad Minus, bei starken Stürmen und oft meterhohem Neuschnee, der jedes Durchkommen unmöglich macht.

Jedes Mitglied des Teams bekam eine veritable Expeditionsausrüstung: "Wir sahen alle aus wie die Michelinmännchen", lacht Hans W. Geißendörfer. All diesen Strapazen zum Trotz wurde die Überlegung, im Studio zu drehen, schnell wieder verworfen: "Die authentischen Wetterbedingungen helfen den Schauspielern ungeheuer.", sagt Geißendörfer. "Es ist einfach etwas ganz anderes, ob Maria Schrader in der Kälte von Eis und Schnee in dieses kalte, seit langem leerstehende Haus kommt und wirklich friert, oder ob sie im geheizten Set unter den Scheinwerfern, die auch noch Wärme verbreiten, bei 22 Grad Wärme so tut, als ob sie friert." Maria Schrader kann das nur bestätigen "Von so einer Landschaft kann man sich völlig vereinnahmen lassen. Die Kälte, die Gerüche in diesem Haus, die vereisten Fenster, das ist alles ganz real, und macht es leicht, sich von seinen Gefühlen wegspülen zu lassen, in seinem Innenleben zu versinken."

Selbst im Sommer wurde die Hoffnung auf erheblich bessere Bedingungen enttäuscht, statt den üblichen 15 bis 20 Grad hat es in den sieben Drehwochen fast täglich geregnet und gestürmt, und war kaum je wärmer als 15 Grad, bei Durchschnittstemperaturen zwischen fünf und sechs Grad, die im ganzen Sommer Anoraks, Parkas und anderen Wärmeschutz nötig machten. Statt jedoch auf die Laune zu drücken, haben die schwierigen Wetterverhältnisse die Teammitglieder nur enger verbunden: "Erstaunlicherweise führen solche Dinge nicht zu Depressionen", sagt Geißendörfer " stattdessen schweißen solche kleinen Katastrophen nur stärker zusammen. Jeder sagt dann, "wir packen's trotzdem! Es war teuflisch schwierig, aber hat sehr viel Spaß gemacht".

Gleich an ihrem ersten Drehtag hatte Maria Schrader ein beeindruckendes Erlebnis, als sie morgens sehr früh, vor Sonnenaufgang zum Drehort fuhr. "Das war ein so unglaublich schöner Sonnenaufgang, dass ich den Fahrer bat, anzuhalten, weil ich das unbedingt fotografieren wollte. Ich hatte so eine Landschaft noch nie gesehen, so endlose Schneewüsten... Ich habe die Wüste gesehen, war aber noch nie so nördlich. Dann sind wir weitergefahren, und ich sah den Set zum ersten Mal, diesen alten, verlassenen Hof, und da stand noch so eine kleine schwarze Gestalt, hinten in der Ebene, das war der Kameramann, dem es genau wie mir ging. Er sagte dann, dass er nicht weiß, was ich später anhaben würde, ich solle aber einfach mal da hinten hin gehen, weil er es unbedingt drehen wollte: ´So ein Licht kriegen wir nie mehr!` So haben wir die erste Einstellung gedreht, bevor der Regisseur oder irgendjemand sonst da war."

Für alle Beteiligten wurde die Landschaftserfahrung zu einem eindrucksvollen Erlebnis. " Ich bin gar nicht so ein nordischer Mensch, " räumt Maria Schrader ein, "ich bin auch überhaupt kein Skifahrer, aber diese Landschaft hat mich völlig überwältigt. Einmal sind wir mit dem Auto über einen vereisten See gefahren und haben dort einen Elch gesehen. Großartig war auch diese Szene, für die wir mit den Skidoos, diesen Motorrädern auf Skiern um den ganzen Berg rumfahren mußsten, und dann von hinten hoch, damit wir vor dem Drehen keine Spuren im Schnee hinterlassen. Dann steht man auf so einem Bergkamm und hat so eine endlose Eiswüste vor sich, um dann da durchzustürmen. Nach zehn Metern kriegt man kaum noch Luft, weil es so wahnsinnig anstrengend ist, weil man bis zu den Hüften im Schnee steht, und man weiß, dass nur einmal gedreht werden kann, weil dann die Spuren da sind ... Es war unglaublich und hat mir sehr gut gefallen. Ich hätte das noch viel länger machen können!"

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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