Die Tiefseetaucher

Produktionsnotizen

Wes Anderson stürzt sich ins Abenteuer: Das Drehbuch Mit nur drei Filmen - "Bottle Rocket" ("Durchgeknallt - Bottle Rocket", 1996), "Rushmore" ("Rushmore", 1998) und "The Royal Tenenbaums" ("Die Royal Tenenbaums", 2001) - hat sich Wes Anderson zugleich als Spezialist für Komödien als auch als Spezialist für eine zutiefst menschliche Sicht auf unser heutiges Leben und heutige Beziehungen etabliert.

Jede seiner weithin geschätzten Komödien handelt von Sehnsucht, Außenseitern, Familie, Liebe und davon, wie man bei jemandem in Ungnade fällt.

Sein vierter Film verlagert die gleichen Themen auf eine ganz neue Ebene: Anderson stürzt sich in ein Abenteuer auf dem Ozean, mit Verfolgungsjagden, Schieße-reien, einem Hai auf Beutezug und voller wundersamer Meereswelten.

In gewisser Weise wurde Die Tiefseetaucher für Anderson selbst zur Erforschung des Unbekannten. Barry Mendel erklärt: "Wes nahm einige große Risiken auf sich, um diesen Film zu machen.

Er hat im Grunde das ,Wes-Anderson-Buch' weggeworfen und sich selbst neu erfunden. Weit weg von den sehr präzisen Kammerspielen "Rushmore" oder "The Royal Tenenbaums" hat er sich in einen chaotischen, in der freien Natur spielenden, fantastischen Genrefilm gestürzt."

Andersons romanähnliche Drehbücher entspringen seinen persönlichen Erfahrungen. Im Mittelpunkt von Die Tiefseetaucher steht wieder eine Figur, die Andersons Herz sehr nahe ist: Steve Zissou, ein weltberühmter Ozeanograph, der mit seiner komischen Seite vertraut wirkt und doch völlig einzigartig ist.

Anderson ist seit langem von Filmen über Ozeanwelten und das Leben unter Wasser im Allgemeinen fasziniert. Er wollte schon immer einen Abenteuerfilm an Bord eines Schiffes drehen.

"Dies ist ein Film, über den ich seit ungefähr vierzehn Jahren nachgedacht habe", kommentiert er. "Ich war immer fasziniert von dieser merkwürdigen und erstaunlichen Figur, die die exzentrische Familie auf hoher See zusammenbringt."

Noch am College verfasste Anderson eine Kurzgeschichte über einen Ozeanographen, in der es um Steve Zissou, sein Schiff Belafonte und seine Frau geht, die sich als das wahre Gehirn hinter Zissous Operation entpuppt.

Von hier aus entwickelten sich die Figuren mit den Jahren weiter, während Anderson über die Persönlichkeit und die Misere von Steve Zissou nachdachte und schließlich mit seinem langjährigen Freund, Autor und Regisseur Noah Baumbach ("Kicking and Screaming", 1995), der auch Comics für den New Yorker schreibt, die Arbeit an seinem Drehbuch fortsetzte.

Anderson und Baumbach trafen sich jeden Tag im selben Restaurant in New York, um die Story von Zissou auszuarbeiten und auch die seiner kompletten Crew aus befreundeten Träumern, die mit ihm zusammen in See stechen. Beim Schreiben der Action-geladenen Geschichte vom Team Zissou brachte die Entwicklung der Charaktere den Subtext der Story an die Oberfläche.

"Steve Zissou ist jemand, dessen Leben daraus besteht, Teams aufzustellen. Er ist stets von einer Gruppe von Menschen umgeben, die mit ihm zusammen seine Abenteuer bestreiten", erklärt Anderson.

"Aber nun hat er einen Punkt in seinem Leben erreicht, an dem er schon einiges hinter sich gebracht hat, ein paar Mal verheiratet war - ein Punkt, an dem ihm plötzlich alles entgleitet."

"Also handelt die Story von Steve Zissou, seiner Gruppe von Abenteurern, die er zusammenbringt, und ihrer Mission, der Suche nach einer Kreatur, die möglicherweise gar nicht existiert.

Und gleichzeitig geht es um einen Typen, der einen Tiefpunkt in seiner Karriere erreicht hat und nach etwas strebt, das größer ist als alles, was er jemals getan hat - um sich selbst wieder Bestätigung zu verschaffen.

Als er jemanden trifft, der sein Sohn sein könnte, bringt ihn das plötzlich wieder mit Dingen in Berührung, die er aus den Augen verloren hat. Außerdem mußs er sich Fragen stellen, die er sich eine lange Zeit nicht mehr gestellt hat und die die ganze Reise verändern."

Das Drehbuch ging mit der Erschaffung einer Realität, die ihren ganz eigenen Regeln folgt, über alles hinaus, was Anderson bisher getan hatte. Als Produzent Barry Mendel einen frühen Entwurf von Die Tiefseetaucher las, war er bereits begeistert von der komplett eigenständigen fiktionalen Welt, die Anderson und Baumbach kreiert hatten.

"Das Niveau der Details und die vielschichtigen emotionalen Ebenen und raffinierten Dialoge in diesem ersten Entwurf waren grandios", sagt Mendel. "Wes' verbale Gewandtheit und seine Fähigkeit, den Tonfall und seine Ideen mit jedem Herzschlag wechseln zu lassen, ist etwas, was außerhalb seiner Filme nicht existiert.

Menschen, die einen Wes-Anderson-Film sehen, nehmen das als selbstverständlich hin - dass die Dialoge brillant sind - doch er steigert sich mit diesem Film noch einmal mit Textzeilen, die durchgehend lustig, aufschlussreich und unvergesslich sind."

Mendel setzt fort: "Das Drehbuch spiegelt den Spaß wider, den Wes und Noah beim Schreiben hatten. Es entführt dich in eine wilde, lebendige und energiegeladene Welt, die mit wundervollen Figuren gefüllt ist."

Das Skript machte nicht nur Steve Zissous subtile persönliche Verwandlung, die seine späte Vaterschaft mit sich bringt, lebendig, sondern auch eine fantasievolle, skurrile Unterwasserwelt, die noch exzentrischer, lebhafter und magischer ist als die Realität.

"Im Film wollten wir zeigen, wie Steve Zissou diese geliebte Unterwasserwelt sieht, die zauberhaft und überraschend ist und ihn in eine ganz andere Welt versetzt", erklärt Anderson.

"Wir sind mittlerweile alle so sehr daran gewöhnt, erstaunliche Unterwasseraufnahmen zu sehen, wenn wir uns durch die Kabelkanäle zappen. Damit konnten wir natürlich nicht konkurrieren. Also nahmen wir den entgegengesetzten Weg und versuchten, uns ganz auf unsere eigene Vorstellungskraft zu verlassen.

Als Noah und ich das Drehbuch schrieben, dachten wir nach, welchen Kreaturen sie begegnen könnten. Wir fingen mit einem Rochen an. Aber dann dachten wir uns: Wie wäre es mit einem Rochen mit leuchtenden Sternenbildern auf der Haut - und von da an ging es weiter."

Von Anfang an hatte Wes Anderson sich entschlossen, anstelle von aufwändiger, digitaler Technik lieber die Zeit zurückzudrehen und die ältesten klassischen Mittel beim Herstellen von Kreaturen anzuwenden, nämliche reine Stopmotion-Animation.

"Ich wollte, dass der Film nach Handarbeit aussieht", sagt er. "Diese alten Techniken haben eine echte Persönlichkeit. Sie geben dir dieses Gefühl von Handwerk, das ganz anders ist als das, was man bei der digitalen Technik bekommt.

Ich habe schon immer die Arbeit von Henry Selick bewundert, und ich wusste, er würde hier ganz viel von seiner Kunst in den Film einbringen können. Das brachte der Story genau die richtigen Eigenschaften. Ich konnte mir nicht vorstellen, die Geschichte vom Team Zissou und ihren Abenteuern auf der Belafonte mit High-Tech-Mitteln zu erzählen."

Barry Mendel kommentiert: "Es war ein völlig kühnes Konzept, einen Film über einen Ozeanographen nur mit gefaketen Fischen zu machen. Wir wussten, dass so etwas noch nie zuvor getan worden war.

Aber ich denke, Wes hat sofort klug erkannt, dass die Unterwasserwelt von Filmemachern bereits so zauberhaft eingefangen worden ist, dass er mit einem ganz neuen Konzept kommen mußste. Er kreierte eine einzigartige Welt auf dieselbe Art und Weise, wie er eine einzigartige New-York-ähnliche Stadt für "The Royal Tenenbaums" geschaffen hatte.

Es macht so viel Spaß zu sehen, dass all diese Kreaturen und Korallenriffe im Film ausschließlich dafür erfunden und mit Hilfe von großartigen Designern, Konstrukteuren, Malern und einer ganzen Stopmotion-Animation-Einheit zum Leben erweckt worden sind - direkt der menschlichen Fantasie entsprungen."

Andersons Risikobereitschaft setzte sich auch in der Besetzung des Films fort. Er suchte nach Schauspielern, die bereit waren, mit allen bekannten Mustern zu brechen.

Er besetzte Bill Murray in seiner bislang facettenreichsten und emotional verletzlichsten Rolle; er bat Owen Wilson um eine 180-Grad-Wendung von seinen entspannten, ironischen Charakteren hin zu einer konträren Rolle; er überzeugte den stets intensiven Willem Dafoe, sich in einer rein komischen Rolle zu versuchen.

Er ermutigte den Weltklasse-Schauspieler Michael Gambon von der Bühne zu treten, um den verblassenden Impresario Oseary Drakoulias zu spielen; und er gestattete dem brasilianischen Schauspieler Seu Jorge ("Cidade de deus" ("City of God", 2002)), in einer noch nie gesehenen musikalischen Rolle des Pele Dos Santos aufzublühen.

Eine Reise mit der Belafonte In Wes Andersons und Noah Baumbachs Drehbuch zu Die Tiefseetaucher wird Steve Zissous Schiff, die Belafonte, zu einer weiteren Hauptfigur des Films.

Angefangen mit ihrem farbenfrohen Labor, über die hübsch dekorierte Küche bis zur Bibliothek für die Forschungsarbeiten, dem Schneideraum und der traumhaften "Observation Bubble" scheint das Schiff den etwas anderen Geist dieser Reise exakt widerzuspiegeln.

Die Produktion begann damit, nach einem Schiff mit ungewöhnlicher Form und ungewöhnlichem Stil zu suchen. "Es war eigentlich wie ein Casting", so Szenenbildner Mark Friedberg. "Die Suche nach dem Schiff selbst war ein ziemliches Unterfangen.

Wes war sehr wählerisch in Bezug auf den Typ des Schiffs. Es sollte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen, es sollte ein Minensuchboot sein, es sollte ungefähr 50 Meter lang sein, und es sollte in gewisser Weise an Cousteaus Calypso erinnern."

Nach monatelangem Durchstreifen der Weltmeere konnte die Produktion ein 50 Jahre altes Minensuchboot in Südafrika auftun, das sie von Kapstadt nach Rom schipperten.

Das Schiff wurde für die Außenaufnahmen in seinem Zustand belassen und nur im Einzelnen umdekoriert, damit es als Forschungsschiff eines Ozeanographen durchging - mit Türmen, einem Aussichtsdeck und buntem Farbanstrich. In der Zwischenzeit wurde ein zweites, ähnliches Schiff beschafft, das für das Szenenbild entkleidet werden mußste.

"Als es an die Innenausstattung des Schiffs ging, wollten wir, dass diese eine Art Spiegelbild Zissous wird, eines Mannes, der sich nicht sicher ist, welche Richtung sein Leben von hier aus nehmen wird. Deshalb ist alles ein bisschen schräg und wackelig und zusammengestückelt", sagt Friedberg.

"Als wir damit anfingen, war die Frage, ob dies eine Story über einen realen Menschen ist, der erstmals seinem Sohn gegenübersteht, oder ein Märchen, oder eine ironische Komödie. Die Antwort war jedes Mal ,Ja', und das sollte auch von der Ausstattung wiedergegeben werden. Wir wollten Intimität aber auch Luft zum Atmen."

Von Anfang an wollte Anderson, dass das Publikum die Belafonte in einer Art Querschnitt sieht, einer Modellansicht, aufgeschnitten und mit Blick in die inneren Organe und Funktionen. Also baute das Team der Produktionsdesigner ein halbes, längs aufgeschnittenes Boot, so dass Kamera und Crew sich auf einer Längsachse von Raum zu Raum bewegen konnten.

"Da das echte Schiff aus Aluminium besteht, konnten wir nicht so einfach die Wände herausnehmen. Deshalb bauten wir das, was wir nachher innen sehen, im Studio nach", erklärt Friedberg.

"Wes wollte das komplette Boot für die erste Szene, in der das Schiff vorgestellt wird, mit der Bewegung eines einzelnen Kamerakrans filmen können.

Er wollte nur echte Sets verwenden und nur wenig digital herstellen oder mit Effekten arbeiten. Das ergibt einen großartigen komischen Touch und lässt alles ineinander fließen. Wes hatte das alles sehr genau geplant." "Diese Szene zu drehen, hat großen Spaß gemacht", sagt Anderson. "Alle Schauspieler wanderten von hier nach dort wie in einer Ameisenkolonie, das Licht veränderte sich, die Kameras bewegten sich, und es war richtig aufregend, weil noch keiner von uns so etwas je zuvor gemacht hatte.

Das Set selbst war eher ein Museumsstück als ein Filmset - die Leute kamen hierher, nur um es anzuschauen." Die halbe Belafonte - mit ihren drei Stockwerken - wurde wie der größte Teil der Sets auf dem Studiogelände der legendären Cinecitta Studios bei Rom mit Hilfe von deren berühmten Handwerkern und Künstlern erbaut.

"Wir hatten uns für Italien entschieden, weil Italien alles hat, wonach wir suchten - Wasser, die Cinecitta Studios, in denen alle Fellini-Filme gedreht worden waren, und es hat das mediterrane Flair, also eine Art Insel-Mentaliltät", sagt Friedberg.

Barry Mendel fügt hinzu: "Es fühlt sich ganz besonders an, in Italien zu drehen, und ich denke, dass dieser europäische Sinn für Handwerksarbeit zum großen Teil die einzigartige Machart unseres Films bestimmt hat."

Die Sets waren die eine Sache. Aber für das echte Schiff brauchte es noch mehr, damit es für die Belafonte und Cast und Crew verwendet werden konnte. Viele spürten dies bei einem Tagestrip, auf dem Wes Anderson einen Teil des Dokumentarfilm-Materials von Team Zissou drehen wollte.

r machten uns auf den Weg zu einer kleinen vulkanischen Insel. Es war sehr hoher Wellengang und fast alle wurden seekrank - aber wir hatten trotzdem eine tolle Zeit", erinnert er sich.

r lernten uns alle besser kennen. Wenn man auf einem Schiff wie diesem ist, ist das eine sehr intime Angelegenheit. Keiner kann sich zurückziehen. Und das Interessante daran ist, dass die Leute sich sehr zu der Belafonte hingezogen fühlten, dass sie sehr loyal ihr gegenüber wurden."

Die Szenenbildner entwarfen außerdem Steve Zissous Inselgelände Pescespada in Italien. Auf dem vollgestopften Gelände befinden sich ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert, ein Pool mit einem Killerwal (der Wal wurde durch Projektion eingefügt), eine Landebahn für ein Wasserflugzeug und eine überaus wichtige Tischtennisplatte.

"Das Motto für Zissous Grundstück war so eine Art von Ich-will-nicht-erwachsen-werden-Motiv", bemerkt Friedberg. "Pescespada Island war ein außergewöhnliches Set, völlig anders als alles, was ich je zuvor gesehen hatte", fasst Mendel zusammen.

In der Zwischenzeit entstand im Kontrast zur Belafonte das Schiff von Steve Zissous Erzrivalen Hennessey als eines der modernsten Forschungsschiffe der Welt, bei dem keine Kosten und Mühen gescheut wurden. Für dieses Schiff nutzte die Produktion ein NATO-Aufklärungsschiff - The Elite -, das sich als Antithese zur Belafonte erweisen sollte.

"Es war so sehr das Gegenteil dessen, was wir für Steve Zissou gebaut hatten - ultra-sauber, sehr strukturiert und sehr high-tech", erklärt Mark Friedberg. "Es ist eine völlig andere Welt."

Ein weiterer wichtiger Teil der Belafonte ist das Deep-Search-Tauchboot - zuvor nach einer verloschenen Flamme von Steve Zissou benannt - in dem das Team schließlich durch den Ozean taucht, um den Jaguar-Hai zu jagen. Das Mini-U-Boot wurde von einer italienischen Crew aus Stahl und Fiberglas gebaut, mit funktionierenden Propellern und Lichtern.

"Das U-Boot zu filmen, war eine echt verrückte Szene, weil wir die komplette Besetzung, abgesehen von Owen, in diesem wirklich winzigen Set unterbringen mußsten.

Es wurde so entworfen, dass sie tatsächlich eingepfercht waren und nicht hinaus konnten, was der Szene ihre besondere Stimmung verlieh", sagt Anderson. "Das gab das beängstigende Gefühl wieder, ins Unbekannte hinabzutauchen."

Die Unterwasserwelten des Steve Zissou Obwohl Die Tiefseetaucher ein Unterwasserabenteuer ist, sind die Unterwasserwelten, die für den Film erschaffen wurden, ganz anders, als das Publikum zuvor jemals welche gesehen hat.

Das liegt daran, dass der Meeresbereich, den Team Zissou besucht, nicht so sehr der echten Ozeanographie und Meeresbiologie entsprungen ist, sondern der Vorstellungskraft von Wes Anderson, Noah Baumbach und Animator Henry Selick.

Die ozeanische Heimat von Steve Zissou wimmelt vor leuchtenden, bunten Kreaturen wie aus einem Traum - angefangen mit bonbonfarbenen Zuckerkrebsen über die Rochen mit Sternbildmotiven auf der Haut, dem fünf Zentimeter langen Bleistift-Pony-Fisch bis zu dem zweieinhalb Meter langen gesprenkelten Riesenfisch, der als Jaguar-Hai bekannt ist.

Eine Welt, die mit all dem Zauber und der Ehrfurcht gefüllt ist, die Steve Zissous restliches Leben vermissen lässt. Sobald Anderson und Baumbach mit dem Schreiben der Fantasie-Kreaturen begonnen hatten, drehten sich Andersons Gedanken darum, wie er die Storyboard-Tiere zum Leben erwecken könnte.

In diesem Moment beschloss er, Kontakt zu Henry Selick aufzunehmen, dem heutigen Meister der "Oldschool"-Animation, bekannt als "Stopmotion", die Selick bereits in seinem gefeierten Spielfilmdebüt "The Nightmare before Christmas ("Tim Burton´s The Nightmare Before Christmas", 1993) angewandt hatte.

Als eine der bis heute ältesten Techniken filmischer Animation hat Stopmotion eine körperliche, stoffliche Qualität, die sie von digitalen Formen absetzt.

Auf der Suche nach genau dieser Art von lebhaften Effekten für die Menagerie von Die Tiefseetaucher fragte Anderson Selick lange vor Beginn der Dreharbeiten, ob er Interesse daran hätte, seine Kunst in einen tragikomischen Abenteuerfilm einzubringen.

"Wes sagte, dass er nach jemandem suchte, der die Art von Meereskreaturen erfinden könnte, die eine märchenhafte Atmosphäre schaffen würden", erinnert sich Selick.

"Er hatte sofort sehr einfache, klare und unendlich kreative Ideen für das Design und die Farbe, die ich sehr erfrischend fand. Je mehr ich mich in den Stoff vertiefte, umso stärker erkannte ich, dass die Animation in diesem Film, so ungewöhnlich sie ist, nur eines der vielen Gewürze in dem Eintopf ist, den Wes zusammenkocht.

Sie spielt eine subtile aber wichtige Rolle beim Erzählen der unglaublichen Story von Steve Zissou." Selick fand bald heraus, dass Anderson für jede der individuellen Kreaturen seiner Welt - einschließlich der am Tag leuchtenden Eidechsen, der paisleygemusterten Thunfische und changierenden Minifrösche - ganz spezielle Bilder im Kopf hatte.

"Zum Beispiel wollte er die Zuckerkrebse wortwörtlich in Konfekt-Farben", erklärt Selick. "Also brachte ich ihm viele Prospekte mit Süßigkeiten, und er wählte die Farben und Muster aus, die er aus der Kollektion haben wollte und die wir replizieren würden."

Selick fährt fort: "Einige der Kreaturen wurden vollständig von uns hergestellt, während andere ganz subtile aber lustige Abwandlungen von echten Meerestieren sind. Der goldene Barrakuda zum Beispiel stammt von echten Fotos von Barrakudas, die wir neu interpretiert haben.

Aber der Rattenschwanz-Kuvert-Fisch, der sich selbst umstülpen kann, ist frei erfunden. Wir schufen etwa 40 oder 50 völlig unterschiedliche Designs, die wir Wes zeigten. Er hatte sehr viel Spaß mit jedem einzelnen und wollte gar nicht mehr, dass wir wieder aufhörten. Am Ende wählte er das aus, was er für die wildesten Varianten hielt."

Später kam Selick zu Cast und Crew in Italien hinzu, um das Basteln der Miniatur-Modelle und der Puppen zu überwachen, die das Herz der Stopmotion-Animation bilden. "Jedes Mal, wenn ich Wes eine Idee präsentierte, fand er eine Möglichkeit, sie noch zu verbessern", erinnert er sich. "Es war eine wirklich sehr intensive Zeit."

Tatsächlich sind unter all den Meeresfischen, Reptilien und Säugetieren in Die Tiefseetaucher ausschließlich Zissous Wale (die mit Hilfe von altmodischer Projektion ins Bild gefügt wurden) echt. Die Forschungs-Delphine - Zissous Fluch - wurden animatorisch kreiert, als ferngesteuerte Roboter.

Schließlich war es an der Zeit, das pièce de résistance des Films zu bauen, Steve Zissous ultimatives Objekt der Rache: den legendären Jaguar-Hai. "Der Jaguar-Hai ist in Die Tiefseetaucher das, was der große, weiße Wal in ,Moby Dick' ist", beobachtet Selick.

"Er ist eine sagenumwobene Kreatur, an die niemand außer Steve Zissou wirklich glaubt. Also mußste sie spektakulär sein. In jeder Woche schien der Jaguar-Hai zu wachsen. Wes wollte ihn immer noch größer und imposanter. Wir endeten schließlich mit einer 150 Pfund schweren Puppe, die vielleicht die größte Stopmotion-Puppe ist, die wir je gebaut haben."

Während Stop-Motion-Animation typischerweise low-tech ist - und nur mit Licht, Kameras und Animatoren, die die Modelle Frame für Frame bewegen, umgesetzt wird - ging Selick für Die Tiefseetaucher ein wenig weiter. Er verwendete Computertechnik, um den Prozess zu verstärken.

"Wir verwendeten Computer zum Bewegen der Modelle, um die grundsätzlichen Schwimmbewegungen des Jaguar-Hais zu simulieren, während ein Animator die Maulbewegungen, die der Brustflosse und all der anderen Extras mit der Hand kreierte", erklärt er.

Selick verwendete für die Kreaturen außerdem Silikon der neuesten Generation, bekannt als "Drachenhaut". "Eines der schwierigsten Dinge bei Animationen ist immer die Haut", bemerkt Selick.

"Unser Stoff ist immer lichtdurchlässig, wodurch die Kreaturen des Films immer lebendig wirken. Grundsätzlich mischten wir die neuesten Materialien und Techniken mit den ältesten Techniken des Filmemachens. In vielerlei Hinsicht gehen diese Kreaturen damit über alles hinaus, was wir je gemacht hatten."

Visual Effects Supervisor Jeremy Dawson arbeitete eng mit Selick zusammen und verliebte sich sofort in dessen Entwürfe. "Ich liebe es, dass die Kreaturen in diesem Film nicht real sind, sich aber so anfühlen, als könnten sie es sein", sagt er.

"Wes bewegt sich nahe an der Grenze der Glaubwürdigkeit, aber er fällt niemals völlig ins Cartoonhafte, und das macht wirklich Spaß."

Dawsons Rolle bei Die Tiefseetaucher stellte sich als völlig anders heraus, als jene, die er bei seinen bisherigen Filmen gespielt hatte. "Das Einzigartige an diesem Projekt ist, dass es überhaupt nichts mit modernen Spezialeffekten zu tun hat - stattdessen mußsten wir Wege finden, eine komplette Unterwasserwelt vorrangig in Handarbeit zu erschaffen," sagt er.

Dawsons Lieblingsszene ist jene, in der Tausende elektrischer Quallen an die Küste von Zissous Pescespada Island gespült werden. "Wir hatten all diese men-o'-war, die von den Spezialeffekte-Jungs von Cinecitta kreiert wurden", erinnert er sich.

"Sie waren alle aus Kunstharz und Silikon mit Lampen im Inneren, waren miteinander verkabelt und im Sand vergraben. Der Effekt war so cool. Es war so aufregend, zwischen den Kreaturen herumgehen zu können, anstatt etwas Digitales herzustellen, das man nicht anfassen kann. Die Schönheit kam daher, dass man es einfach nicht anders machen konnte."

Für die Unterwasser-Tauchsequenzen des Films verwendete das Produktionsteam die großen Wassertanks der Cinecitta Studios und deren perfekt ausgebildete Taucher. "Wes wollte sogar, dass das Wasser stilisiert aussieht, sprudelt und schillert", erklärt Dawson.

"Also experimentierten wir mit verschiedenen Einstellungen und Lösungen und gaben sogar Glitter ins Wasser, damit es ebenfalls ein magisches Element bekommt. Die ganze Welt sollte kein "Titanic"-Realismus sein, sondern eher ein wenig fantastisch."

Zu den Herausforderungen der Unterwasseraufnahmen kam hinzu, dass nur Bill Murray und Willem Dafoe jemals zuvor Tiefseetauchen waren - für alle anderen war es völlig neu, unter Wasser zu sein. "Wir hatten zumindest zwei Schauspieler mit Erfahrung dabei. Was das Produktionsteam angeht, so hatte überhaupt niemand Taucherfahrungen", bemerkt Wes Anderson.

"Aber wir hatten das Glück, dass die Italiener, die mit am Film arbeiteten, helfen konnten, weil sie selbst sehr viel Zeit auf hoher See verbringen. Wir lernten von ihnen, wie man dabei vorgeht."

Für einige Szenen nutzte Anderson außerdem "dry-for-wet"-Techniken, bei denen eine Bühne mit Rauch und speziellem Licht versehen wird, um den Eindruck zu erwecken, man befände sich tief unter dem Meeresspiegel.

Zu den spektakulärsten Unterwasser-Sequenzen des Films gehört der Unterwasserwald, der mit lebensgroßen Bäumen und Beeten von Seegras von dem künstlerischen Team gepflanzt und in einem gigantischen Tank auf dem Cinecitta-Gelände versenkt wurde.

Steve Zissous Welt entstand außerdem in den Sequenzen, in denen Material aus seinen berühmten Naturdokumentationen gezeigt wird. Für diese Szenen wünschte sich Wes Anderson wiederum einen ganz anderen Look als für den Rest des Films.

In der Zusammenarbeit mit Kameramann Robert Yeoman fand man einen leicht schrägen dokumentarischen Stil. Yeoman verwendete Filmmaterial von Ektachrome, das den Dokumentarfilm-Sequenzen einen Retro-Naturfilm-Look verlieh, der in starkem Kontrast zum Rest von Die Tiefseetaucher steht.

"Ich wollte, dass es sich nach Dokumentation anfühlt. Aber gleichzeitig kann es natürlich nicht wirklich eine Dokumentation sein, wenn man Leute darin sieht, die aquamarinblaues Polyester und rote Mützen tragen", kommentiert Anderson. "Die Herausforderung lag darin, diese zwei Ebenen zu verbinden."

Schon früh vertieften sich Anderson und Produzent Barry Mendel in das Thema Naturfilm. "Wir sahen uns all diese famosen Naturalisten an", sagt Mendel. "Davon ausgehend entwickelte Wes Ideen, die man in unseren Film übernehmen könnte, für die Kostüme, Einstellungen und die kleinen Werkzeuge, die er an ihnen beobachte, während sie ihren Job erledigten."

Im Laufe der Dreharbeiten ermutigte Anderson seinen Kameramann Yeoman zu einem lockereren Stil als in allen anderen Anderson-Filmen. "Dieser Film entspricht mehr handgehaltener Kamera, ist lockerer und freier", sagt Anderson.

Der Kameramann erinnert sich an die Momente, in denen ihre Vorstellungen des Films miteinander verschmolzen. "Noch Wochen vor Beginn der Dreharbeiten machten wir eine Haar-, Make-up- und Kostümprobe für Owen Wilson in Cinecitta", erzählt er.

"Als Owen heranschlenderte, mit seiner roten Wollmütze und in seinem strahlend blauen Team-Zissou-Anzug, konnte ich das Lachen nicht zurückhalten. Die ganze Ästhetik des Films erschloss sich mir plötzlich in genau diesem Moment."

Die Kostüme, die so eine eindeutige Reaktion hervorriefen, wurden von der zweifachen Oscar®-Gewinnerin Milena Canonero entworfen, die eng mit Wes Anderson an dem Design der kompletten Garderobe des kultigen Team Zissou arbeitete.

Von Wintermänteln und Kapuzensweatshirts bis zu Badeanzügen und Speedos - und selbst die berüchtigten Zissou-Sneaker - alles trägt das Original-Team-Zissou-Logo.

Für Canonero war dies eine völlig andere Herausforderung als bei Kostümfilmen wie "Barry Lyndon" ("Barry Lyndon", 1975) oder "Out of Africa" ("Jenseits von Afrika", 1985), mit denen sie bekannt wurde. Diesmal lag ihr Schwerpunkt darauf, ihre Arbeit mit dem komischen, stilisierten Universum von Steve Zissou zu verweben.

Die überaus wichtigen Team-Zissou-Badeanzüge ließ Canonero von ihrem Team mit der Hand färben, da jeder der Anzüge diese einzigartig schimmernde blaue Farben erhalten sollte.

"Wir wollten den Effekt von Sardinen unter Wasser, also wurde jeder Badeanzug geairbrusht und von Hand mit schimmernder blauer Farbe bemalt", erklärt sie.

"Zu unserem eigenen Erstaunen überlebten die gefärbten Badeanzüge die wolkenbruchartigen Regengüsse, Stunt-Explosionen und Tauchgänge auf hoher See, durch die die Darsteller und ihre Figuren hindurch müssen."

"Viele der Kostüme, wie die Speedos und roten Mützen, wurden von Wes und Noah im Drehbuch beschrieben", sagt Barry Mendel. "Aber Milena nahm sie und verwandelte sie auf außerordentliche Weise in etwas, was exakt der Welt von Wes Anderson entsprungen war.

Wes nutzt immer die Kostüme, um seine Charaktere zu enthüllen und seine filmischen Welten zu schaffen - aber Milenas Kostüme gingen noch einen Schritt weiter und wurden Teil der Erzählung."

Tiefseemusik: Der Score Wie bei bislang allen Wes-Anderson-Filmen spielt die Musik ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der Erzählung von Die Tiefseetaucher - aber ähnlich wie die anderen Elemente des Films demonstrierte Anderson auch beim Score eine für ihn ungewöhnliche Herangehensweise.

Bei diesem Film wollte ich in musikalischer Hinsicht etwas ganz anderes machen", sagt Anderson. "Es gibt eine breit gefächerte Mischung von Elementen - von großen Abenteuerklängen bis zu den Themen der einzelnen Figuren und der Musik für Zissous Filme, die ebenfalls Teil des allgemeinen Scores wird. All das mußste zusammenkommen."

Anderson begann, mit Komponist Mark Mo-thers-baugh - seinem langjährigen Mitstrei-ter - schon früh während der Projektent-wicklung über die Musik zu sprechen. "Ich kann mich daran erinnern, dass ich in meinem Studio bei der Arbeit war, während Wes hinter mir saß und noch immer weiter am Drehbuch schrieb", merkt Mothersbaugh an.

"Das Einzige, was von Beginn an feststand, war, dass der Film für Wes ein großes Abenteuer werden würde - und in jeder Hinsicht größer als alles, was er zuvor gemacht hatte - die Musik eingeschlossen."

Mothersbaugh begann seine Arbeit mit der Überlegung, welche Art von Musik der Komponist und Physiker von Team Zissou, Vladimir Wolodarsky, geschrieben haben könnte. "Ich wusste, es müssten billige Synthie-Sounds sein", erklärt Mothersbaugh.

"Also war dies der Ausgangspunkt für unseren Film. Und das war schon mal ungewöhnlich, denn es ist das erste Mal, dass überhaupt ein elektronisches Instrument in einem Wes-Anderson-Score vorkommt. Alles andere, was wir zuvor gemacht hatten, war akustisch."

Glücklicherweise konnte Mothersbaugh auf seine eigene ansehnliche Kollektion analoger Synthesizer aus den 1970ern zurückzugreifen, um diesen entschlossen unterhaltsamen Sound zu erschaffen. Später werden die Themen von Wolodars-kys Kompositionen in ein üppiges 50-Mann-Orchesterstück verwandelt.

"Wir starteten musikalisch mit einfachen, kitschigen Syn-thesizern ziemlich nahe an Wolodarsky. Und ließen dann die Musik ganz einfach größer und größer werden und sich über den Rest des Films hinweg ausbreiten.

Natürlich war es dabei am interessantesten, zu all diesen vornehmen Bläsern und Streichern zu gehen und zu sagen: ,Ich möchte, dass ihr alle klingt wie Casio-Instrumente!'"

Einen anderen spannenden Moment beim Komponieren erlebte Mothersbaugh, als er ein instrumentales Stück, das er für DIE ROYAL TENENBAUMS komponiert hatte - "Scrapping and Yelling" - rückwärts spielte und für den Score verwendete, der über der Szene liegt, in der Steve Zissou die Belafonte vorstellt.

"Die Melodie kam völlig unerwartet, hat aber dieses gleiche optimistische Gefühl. Es passte gut zu der Szene, denn in diesem Moment erkennst du erstmals ohne jeden Zweifel, dass das hier kein durchschnittlicher Film ist", beobachtet der Komponist.

Die größte Inspiration gewann Mothersbaugh für seine Musik dadurch, dass er am Set dabei war und Wes Anderson bei der Arbeit beobachtete. "Wes ist so viel pragmatischer bei der Arbeit als jeder andere Regisseur, den ich kenne", sagt er.

"In gewisser Weise erinnert er mich an die gute alte Zeit mit meiner Band Devo, weil wir alles selbst gemacht haben, von den Kostümen bis zur Choreographie, und das ist genau das, was auch Wes macht.

Er macht die Skizzen und arbeitet bei der Herstellung der Kostüme mit, und zur selben Zeit erzählt er mir seine Ideen für die Musik. Es ist wirklich nett, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der alles auf so eine integrierte, kreative Art und Weise sieht."

Schließlich fügt die musikalische Performance des Schauspielers Seu Jorge in der Rolle des Gitarre spielenden Pele dem Film Die Tiefseetaucher einen unbeschreiblichen Charme und Zauber hinzu.

Als der Regisseur Jorge - einen Schauspieler, der in den USA mit seiner Rolle in dem hoch gelobten "City of God" bekannt wurde, aber in Brasilien auch als Popstar gilt - darum bat, ein paar Bowie-Songs zu spielen, hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten würde.

Aber als Jorge die Songs ins Portugiesische übersetzte und sie in einem Stil aus Folk und leidenschaftlichem Bossa Nova auf der Gitarre präsentierte, waren sowohl Cast als auch Crew platt.

"Bowie gab uns die Rechte der Songs, und als wir so weit waren, schickten wir ihm die Aufnahmen. Ich glaube, dass er Jorges Versionen wirklich mochte", kommentiert Anderson. "Er ist einfach ein großartiger Künstler."

Was Anderson vielleicht am meisten beeindruckte ist, wie Jorges Versionen der Bowie-Songs die Emotionen des Films reflektierten, die auf der einen Seite so fröhlich sind wie der Humor, auf der anderen so die tief wie der Ozean.

"Ich war mir nie sicher, ob es wirklich die genauen Übersetzungen waren", gibt er zu. "Aber ich ließ mich überzeugen, dass Peles Worte - und, außer Frage, auch seine wunderschöne Performance - den Geist Bowies und des Films einfangen."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Buena Vista © 1994 - 2010 Dirk Jasper