Die Pseudo-Braut

Regisseur Atif Yilmaz über seinen Film

Die Idee zum Projekt Mein letzter Film "Septembersturm", den ich mit den Mitteln meiner eigenen Produktionsfirma produzierte, war ein politischer Film über den Militärputsch in der Türkei im September 1980.

Während der Dreharbeiten zu "Septembersturm" verspürte ich in der erdrückenden und hoffnungslosen Stimmung, die die Thematik des Filmes verbreitete, den Wunsch, mich davon zu distanzieren und einen Liebesfilm zu drehen.

In jenen Tagen stieß ich auf ein Buch, einen Erinnerungsroman, der mich sehr beeindruckte. Er erzählt eine authentische Geschichte, die sich in den 1930er Jahren in Anatolien zutrug. Es ist eine Geschichte, die von der Institution der "Pseudo-Braut?, eines Standes, von dem ich bis dahin nie etwas gehört hatte, handelt und von einer Heidin, einer Pseudo-Braut, die die Regeln ihres Standes bewusst verletzt und mit ihrem Schüler eine Liebesbeziehung eingeht.

Der Held im Roman war der Onkel des Schriftstellers. Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass diese Tradition eine Überlieferung aus der Zeit des Osmanischen Reiches war und selbst nach Gründung der Republik bis in die Mitte der 1930er Jahre weiter existierte. Doch im Zuge der Annäherung des neuen türkischen Staates an den Westen verschwand diese Institution allmählich und geriet später vollends in Vergessenheit.

Der für mich eigentlich spannende Aspekt dieser Geschichte ist, abgesehen davon, dass es ich um eine verbotene Liebe handelt, die Tatsache, dass die sexuelle Erziehung, die gegenwärtig selbst in den als am entwickeltsten geltenden Ländern keine grundsätzliche Lösung erfahren hat, damals in einem Land als freie und angesehene Institution praktiziert wurde - in einer Zeit, in der die Gesellschaft von strikten Regeln des Islam geprägt war.

Zudem spielt die Geschichte in einer sehr interessanten Epoche: Die junge türkische Republik trennt sich in einem rasanten Tempo von überholten, veralteten Denk- und Handlungsweisen des Osmanischen Reiches und übernimmt die Institutionen der westlichen Zivilisation und zwingt sie dem Volk auf. Ein sehr wichtiges Beispiel für diese kulturelle Umwälzung ist die Übernahme der lateinischen Schrift 1928, eine grundlegende Reform, bei der das arabische Alphabet aufgegeben wurde. Ich glaube, es ist so gut wie ausgeschlossen, dass eine Liebesgeschichte, die in einer Atmosphäre dieser Zerrissenheit (Schizophrenie) spielt, einen Filmemacher nicht beeindrucken würde.

Ausgehend von diesen Fakten dauerte es genau zwei Jahre bis wir unserer Geschichte ein Gerüst gegeben hatten, auf dem wir das Drehbuch fertig stellten. Die Suche nach ?Locations?, die wir parallel zur Stoffentwicklung durchführten, zeigte uns, wie schwer und kostspielig es ist einen Epochenfilm in der Türkei zu realisieren, wo der Umgang mit der lokalen historischen Bausubstanz alles andere als sorgfältig ist.

Als wir mit der Arbeit begannen, stellten wir fest, dass wir einen Großteil der Drehorte, an denen die Geschichte spielen würde, entweder von Grund auf neu bauen oder aufwendige Umbauten an ihnen vornehmen müssten.

Ein weiterer beeindruckender Aspekt unseres Filmes "Pseudo-Braut" ist die Tatsache, dass dem Projekt ein Potential innewohnt, das kulturelle Mosaik des Weltkulturerbes mit Hilfe der vorhandenen einmaligen architektonischen Substanz, der Handwerkskünste, der Musik und Schauspielkünste zu bereichen.

Was bedeutet die Institution der "Pseudo-Braut?? Die "Pseudo-Braut" war eine soziale Institution, die zur Zeit des Osmanischen Reiches in bestimmten Regionen Anatoliens entstand und auch nach der Gründung der türkischen Republik (1923) bis Mitte der 1930er Jahre weiter existierte.

Die "Ersatzbräute", Mitglieder eines von der Gemeinschaft anerkannten und respektierten sozialen Standes, hatten im Rahmen eines im Laufe der Zeit entstandenen Regelwerks die erzieherische Aufgabe, 15 bis 17-jährige heranwachsende junge Männer auf die Ehe vorzubereiten.

Die Grundlagen ihrer erzieherischen Funktion umfassten die schriftlichen Verse im Koran, die mündlichen Überlieferungen der Aussprüche und Taten des Propheten Mohammed sowie die später modifizierten Interpretationen dieser religiösen Traditionen im Hinblick auf die Ehe, die Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie die Sexualität.

Viele Quellen weisen darauf hin, dass sich diese Erziehung nicht nur auf theoretisches Wissen beschränkte, sondern auch in der Praxis angewandt wurde.

Interessant ist in diesem Zusammenhang sicherlich die Tatsache, dass die sexuelle Erziehung, die heute selbst in den westlichen Gesellschaften keine grundsätzliche Lösung erfahren hat, damals in einer vom Islam geprägten Gesellschaft freizügig gelehrt und auch praktisch umgesetzt wurde.

Unser Film erzählt die Geschichte einer "Pseudo-Braut", die aufgrund ihrer persönlichen widersprüchlichen Gefühlswelt mit der Institution ihres sozialen Standes in Konflikt gerät ...

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Dirk Jasper FilmLexikon

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