Creep

Produktionsnotizen

Am Anfang war ... ... die Idee. Die Geschichte zu Creep fiel dem Debütregisseur und - Drehbuchautor Christopher Smith während einer Fahrt mit der Londoner U-Bahn, der legendären ?Tube?, ein, als sein Zug mitten im Tunnel plötzlich stoppte: ?Wir hielten dort für eine Ewigkeit, wie es mir schien.

Da schoss mir die Idee durch Kopf: Was wäre, wenn jemand in diesem unterirdischen Tunnelnetz gefangen wäre ? hilflos, allein und verfolgt von einem Wesen, das in der Finsternis der UBahn haust?

Ich erwähnte meine Idee gegenüber Jason Newmark, einem der Produzenten von Dan Films in London. Er schien von der Story beeindruckt, also begann ich sofort mit dem Schreiben.?<Ü> Newmark ergänzt: ?Meine Geschäftspartnerin Julie Baines und ich arbeiteten damals ohnehin bereits mit Chris an einem anderen Projekt.

Uns war auf Anhieb bewusst, welche brillante Grundidee im Mittelpunkt seiner Story stand: eine schöne junge Frau, allein und verängstigt im Untergrund.

Also baten wir Chris um immer weitere Drehbuchfassungen, bis wir schließlich nicht mehr den geringsten Zweifel hatten, dass wir für sein Script die nötige Finanzierung würden auftreiben können.

Chris ist der totale Horror-Fan. Denn wenn man einen Horrorfilm produziert, mußs man sich darauf verlassen können, dass die Person, welche die Fäden in der Hand hält, das Genre in- und auswändig kennt.

Nur so kann man sicher sein, keinen müden Abklatsch, sondern einen originären Film, der eine eigene Seele besitzt, zu produzieren.

Mit seiner letztendlich gültigen Drehbuchfassung demonstrierte Chris souverän, dass er durchaus seinen Tribut an das Genre zu zahlen bereit ist und gleichzeitig aber auch etwas Neues und vor allem extrem Angsteinflößendes abliefern kann.?

?Ich konzipierte Kate, die Hauptfigur, als eine aktive Heldin, aber auf eine völlig neue Art und Weise?, fährt Regisseur Smith fort, ?am Anfang ist sie diejenige, die alles unter Kontrolle hat.

Sie ist einfach toll, besitzt einen scharfen Verstand und sieht in ihrem Designer-Outfit fabelhaft aus. Doch all diese Dinge, durch die sie sich in ihrem privilegierten Life-Style definiert, erweisen sich als nutzlos.

Ihre Pumps, die einmal 400 britische Pfund gekostet haben, entpuppen sich im Londoner Untergrund als Handicap. Kate mußs lernen sich anzupassen ? zum Beispiel, in dem sie ihre High Heels als Waffe einsetzt.?

Christopher Smith ist zwar ein britischer Regisseur, das Drehbuch zu Creep verfasste er jedoch in New York, wohin er aus privaten Gründen umgezogen war. Dennoch verlegte er die Geschichte nicht in die Subway von Manhattan, sondern blieb bei der Londoner Underground.

?Ich wollte unbedingt das Gothic-Ambiente der Londoner U-Bahn behalten, mit ihren geheimnisvollen vielen Ebenen.

Damit meine Ideen funktionierten, brauchte die Story eine Heldin, die in immer weitere historische ?Schichten? vorstieß, die sie immer tiefer unter die Erde führten.

Sie mußste in lang vergessene viktorianische Geheimräume stolpern, geheimnisvolle Nischen entdecken, die nirgendwo verzeichnet sind, und sich im spinnennetzartig angelegten Gewirr der Londoner U-Bahn verirren.?

?Wir wussten bereits durch seinen Kurzfilm "The Day Grandad went blind" aus dem Jahr 1998, welch einzigartiges und naturgegebenes Talent Chris fürs Filmemachen besitzt?, schaltet sich Produzentin Julie Baines ein.

?Doch es war vor allem sein starkes Buch und eben der Plot, der uns überzeugte. Angesichts der Leidenschaft, die Chris für diesen Film ? wie auch für das Horror-Genre im Allgemeinen ? zeigte, hegten wir auch nicht den geringsten Zweifel, dass wir das Projekt ohne Probleme als seinen Einstand als Spielfilm-Regisseur würden verkaufen können.

Die sieben Millionen Pfund Sterling, die wir zur Verwirklichung des Films brauchten, kamen denn auch sehr schnell zusammen.

Denn alles was wir tun mußsten war, Chris zu den so genannten Money-Meetings zu karren und auf seine Energie, sein Selbstvertrauen und seinen Enthusiasmus zu vertrauen. Damit überzeugte er selbst den skeptischsten Finanzier unverzüglich.?

Eine Beobachtung, der Martin Hagemann von der Berliner Ko-Produktionsfirma zero west nur zustimmen kann: ?Chris präsentierte uns den perfekten Pitch. Denn mal ehrlich, wer von uns hat nicht schon mal üble Erfahrungen mit dem öffentlichen Nahverkehr gemacht?

Natürlich nicht so extrem wie Kate in Creep, aber im Prinzip kennen wir die Situation doch alle. Exakt diese Realitätsnähe und die Cleverness, mit der Christopher Smith die Story erzählt, macht Creep so glaubwürdig als einen Kampf auf Leben und Tod.?

Und weiter führt Hagemann aus: ?Wir hatten mit Dan Films zuvor bereits bei "Tje Cat's Meow" zusammengearbeitet und uns geschworen, diese Zusammenarbeit zu wiederholen, da sie fantastisch verlaufen war.

Nachdem mein Partner Kai Künnemann und ich dann Chris Smith zum ersten Mal ? zwischen zwei Flügen auf dem Berliner Flughafen ? persönlich getroffen hatten, war uns sofort klar, dass wir unser ganzes Vertrauen auf sein Können setzen würden. Und wir sind von ihm wahrlich nicht enttäuscht worden.?

?Am Drehbuch gefiel mir am Besten, wie sehr es sich vom gewöhnlichen Horror abhob?, ergänzt Kai Künnemann von zero west, ?es war offensichtlich intelligent und bestach durch ein perfektes Timing, und im Mittelpunkt stand eine scharf umrissene Hauptfigur, um deren Leib und Leben man sich wirklich ängstigt.

Außerdem gefiel mir, dass es sich um eine weibliche Heldin handelt. Für eine deutsche Ko-Produktion ist Creep ein ziemlich ungewöhnlicher Film, Deutschland besitzt nicht die gleiche Horrorfilm-Tradition wie etwa Großbritannien.

Letztendlich war es jedoch genau dieser Faktor des Außergewöhnlichen, dass wir uns entschieden, uns zusammen mit Dan Films auf dieses aufregende Abenteuer einzulassen.?

?Es war von Anfang an meine Absicht, frisches Blut in das Horrorgenre zu pumpen?, führt Regisseur Christopher Smith aus, ?ich wollte seine Standards benutzen, um sie auf eine originelle Art umzusetzen.

Es war von Anfang an klar, dass Creep ein Film ohne Sicherheitsnetz werden würde. Ein Film, der die tiefsten Urängste im Zuschauer berührt: die Angst, auf sich allein gestellt zu sein, die Angst davor, gefangen zu sein, und die Angst vor der Dunkelheit.

Man kann sich an keinem Punkt entspannt zurücklehnen in dem sicheren Wissen, dass man schon damit klarkommen wird, was auf einen zukommt. Mein Ziel war, dass das Publikum sich permanent bewusst ist, dass das Schlimmste noch kommen wird.

Und ihm keine Wahl zu lassen, als zuzusehen, wie dieses nichts Böses erwartende Mädchen eine sinistere, fremde und psychologisch aus den Fugen geratene Welt gerät.?

Die Besetzung Die Hauptrolle der Kate, den Dreh- und Angelpunkt des Films, schneiderte Smith bereits beim Schreiben des Drehbuchs Franka Potente auf den Leib, jener deutschen Schauspielerin, die mit "Lola rennt" schlagartig einem internationalen Publikum bekannt wurde.

Smith hat nie eine andere Darstellerin auch nur in Betracht gezogen. ?Ich brauchte jemanden, der sich von dem sehr englischen Background des Films abhob.

Sie war fantastisch in "The Bourne Identity", indem sie diesem Hollywoodstreifen eine bodenständige europäische Integrität verlieh. Und sie spielte die Hauptrolle in dem deutschen Horror-Erfolg "Anatomie".

Wegen dieses Films fürchtete ich auch ein wenig, sie könnte mein Drehbuch ablehnen, um nicht zur deutschen Jamie Lee Curtis zu avancieren. Doch sie war auf Anhieb begeistert und brachte uns in ihrem Drehplan unter, bevor sie mit den Aufnahmen zu "The Bourne Supremacy" begann.?

Tatsächlich lag es am Blockbuster-Erfolg von "Anatomie", dass Potente sich völlig unbefangen auf das Creep-Drehbuch einließ: ?Ich bin nun wirklich kein Fan von Horrorfilmen, doch "Anatomie" bescherte mir den größten Spaß, den ich beim Drehen eines Films je erlebt hatte.

Wenn man diese albernen Genre-Regeln befolgt und es tatsächlich funktioniert, kann das Endergebnis atemberaubend sein. Creep versprach eine ähnlich coole Atmosphäre, außerdem hatte ich noch nie zuvor in Großbritannien gearbeitet.

Einen Horrorfilm zu drehen ist wie eine Ski-Piste runterzurasen: Man mußs alle Biegungen und Wendungen souverän meistern, sonst schafft man es nicht heil runter. Weil man dem Publikum nicht auch nur für einen Augenblick erlauben darf, sich zu entspannen, mußs man seine Arbeit ganz anders ausrichten, und das kann enorm spannend sein.?

?Außerdem mochte ich Chris vom ersten Moment an, als wir uns begegneten?, fährt Franka Potente fort, ?und es hat mich auch keinen Augenblick beunruhigt, dass dies sein erster Spielfilm war.

Wir quatschten eine Ewigkeit über Filme und stellten fest, dass wir den gleichen Geschmack hatten, so dass ich mich auf mein positives Bauchgefühl bei ihm verließ. Chris besaß eine sehr klare Vorstellung, wie der Film aussehen sollte, und sprühte vor Enthusiasmus.

Er holte weit aus über die Zitate des düsteren Jungfrauen-Mythos, auf die er referieren wollte, und den Einfluss, den der Expressionismus auf seinen Film hatte. Seine Begeisterung ist einfach ansteckend.?

?Kate ist emanzipiert, selbstsicher und glücklich ohne ein wirkliches Privatleben?, umreißt Potente ihre Rolle, ?sie ist schnell und pragmatisch, was ihr in ihrer Zwangslage unter der Erde zustatten kommt.

Sie ist ein kosmopolitisches Girl, das stets die Kontrolle übernimmt, wie sie es bei ihrer Arbeit bei Modemagazinen gelernt hat.

Eine Horrorheldin besteht zu fünfzig Prozent aus Unsicherheit, die sie überwinden mußs, und das Publikum mußs mit ihr fürchten, sonst entsteht keine Spannung. Kate begibt sich auf eine emotionale Reise.

Am Anfang ist sie die unangefochtene Herrscherin über ihre Umgebung, bis nach und nach alles um sie zusammenbricht.

Doch wenn sie durch die U-Bahn-Tunnel rennt und kluge Entscheidungen fällt, entwickelt sie sich vom verängstigten Mädchen zu der Person, die sie tief in ihrem Innern schon stets war.

Ohne die ganzen Oberflächlichkeiten ihres bisherigen Lebens. Ich mag diese starken Momente des Drehbuchs ausgesprochen gern.?

Produzent Jason Newmark unterstreicht, dass sich Franka Potente sehr schnell für das Drehbuch entschied: ?Innerhalb weniger Wochen war sie mit an Bord. Das half unseren deutschen Partnern natürlich enorm bei der Finanzierung.

Abgesehen davon, dass sie die richtige Besetzung im richtigen Konzept war, war sie ausschlaggebend für das Gewicht von Creep.? ?'Lola rennt' auf der dunklen Seite ihres Lebens ? perfekt!?, scherzt Martin Hagemann.

?Franka ist der einzige Box-Office-Star in Deutschland, der allein einen Film trägt, außerdem besitzt sie eine große weibliche Anhängerschaft. Damit eröffneten sich für diesen Film extrem spannende Cross-Over- Möglichkeiten.

Klar, Creep ist ein kompromissloser, furchteinflößender und gruseliger Film, aber mit Franka wird er auch für ein breiteres Publikum interessant werden.?

Nachdem Franka besetzt war, ergab sich der Rest des Cast fast wie von allein, erklärt Newmark: ?Chris schwebte eine Art Über-Realismus vor, und er suchte nach einer Besetzung, die Creep fast eine Art semi-dokumentarische Atmosphäre verleihen könnte.

Er wollte, dass die Zuschauer den Horror hautnah erleben, als würden sie ihn am eigenen Körper erleiden, und damit eine hyperrealistische Intimität schaffen. Wahrhaftigkeit war für die Wahl der Besetzung also ausschlaggebend.?

Paul Rattray, der in Creep den obdachlosen Jimmy verkörpert, gab der Film die Gelegenheit, näher in eine Welt einzutauchen, die ihn schon lange faszinierte: ?Ich wollte schon immer Einblick in das Leben Obdachloser bekommen.

Wie es sein mußs, wenn man den ganzen Tag auf dem kalten Bürgersteig sitzt, nachts kaum zum Schlafen kommt und desinteressierte Passanten um Kleingeld anbettelt. Chris formte Jimmy und Mandy nach einem realen obdachlosen Pärchen, das er in Soho kennen gelernt hatte.

Ich habe mich ebenfalls mit ihnen unterhalten und erkannt, dass man für dieses Leben nicht nur einen eisernen Durchhaltewillen und eine dicke Haut, sondern auch jede Menge Humor braucht.

Außerdem habe ich viel Fachliteratur über soziale Probleme gelesen, darunter George Orwells ?Down and Out in Paris and London?, und mich auch zum Thema Drogensucht informiert.

Natürlich ist Creep kein Ken-Loach-Film, aber ich wollte der Figur Jimmy den Respekt und die Aufrichtigkeit geben, die man im Genre gemeinhin nicht findet.?

Jeremy Sheffield bemühte sich um den Part des Guy nicht zuletzt, weil er noch nie zuvor einen Bösewicht spielen durfte. Das britische Fernsehpublikum kennt Sheffield vor allem als Doktor Alex Adams aus der Erfolgsserie "Holby City".

?Guy arbeitet in derselben Modelagentur wie Kate, findet sich selbst unwiderstehlich und dass er die Babes magnetisch anzieht. Selbsttäuschung nennt man so was wohl.

Innerhalb von 15 Minuten verwandle ich mich vom arroganten Partytypen zum verwundeten Krüppel auf einem Trip ohne Wiederkehr ? wenn das kein dramaturgischer Bogen ist, nach dem man sich als Schauspieler die Finger leckt!?

?Ich mußs mich wirklich bei Jeremy bedanken?, ergänzt Franka Potente: ?Die Szene der versuchten Vergewaltigung in der U-Bahn war nicht leicht zu drehen.

Früher war es so, dass es mich eine Ewigkeit kostete, mich für eine solche Szene in die richtige emotionale Verfassung zu versetzen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es am Besten ist, man bringt es einfach hinter sich, und fertig.

Nachdem ich die Szene mit Jeremy besprochen und die Sicherheit hatte, dass er mich nicht verletzen würde, fühlte ich mich vollkommen sicher, und wir nahmen die Szene gemeinsam in Angriff, was der Wucht und der Schockwirkung, die diese Szene besitzt, zugute kam.?

Gleich in der Nerven aufreibenden Eingangssequenz begegnen wir George, einem ehemaligen Strafgefangenen, der im Kanalsystem unter der Erde gemeinnützige Arbeit als Teil seines Bewährungsprogramms versieht. Gespielt wird er von Vas Blackwood.

?Ken Campbell und ich absolvieren die ersten Szenen des Films, und als ich beim Lesen des Drehbuchs merkte, dass die ersten Seiten ganz allein uns beiden gehören, unterschrieb ich sofort meinen Vertrag?, scherzt der Star aus Guy Ritchies "Bube, Dame, König, Gras".

?Dann verschwindet George für eine Weile aus der Story, nur um umso eindrucksvoller zurückzukehren. Da ist an ihm nichts mehr vom früheren Scherzbold zu spüren, und gemeinsam mit Kate macht er sich auf den Weg zurück an die Oberfläche.

Genau wie meine Schauspielkollegen genoss ich es sehr, dass Chris uns erlaubte, im Dialog zu improvisieren.

Wenn ihm nicht gefiel, was wir taten, besaß er nicht die geringste Scheu, uns das auch mitzuteilen, doch dass er Wert auf unsere Ideen legte, machte Creep zu einer ausgesprochen interessanten Erfahrung.?

Am schwierigsten zu besetzen war die immens wichtige Rolle des rätselhaften Creep. Julie Baines verrät, dass sie anfangs darüber nachdachten, einen Pantomimen zu engagieren, ?denn am signifikantesten sind Creeps bzw. Craigs Art sich zu bewegen und seine Körpergesten.?

Am Ende aber lief alles doch wieder auf die gute alte Leinwandpräsenz und Charisma hinaus. ?Sobald das erste Mal Sean Harris? Name fiel, waren wir uns alle einig, dass er für die Rolle perfekt sein würde.

Er war großartig in "24 Hour Party People" von Michael Winterbottom, wo er den Leadsänger Ian Curtis von Joy Division verkörperte. Wir waren auf der Suche nach exakt dieser Art tragischer und verstörender Präzision.

Auch mit seinem körperlichen Erscheinungsbild traf Sean unsere Vorstellungen. Als er und Chris sich getroffen und sich dabei die gleiche starke Hingabe offenbart hatten, war klar, dass sie sich perfekt ergänzen würden.

Die anderen Schauspieler sahen Sean erst wieder, als er bereits voll geschminkt und wie in eine zweite Haut in die Rolle des Creep geschlüpft war ? das war Seans Idee, damit seine Kollegen ebenso auf ihn reagierten wie es das Publikum tun würde.?

?Sean ist ein absoluter Method Actor?, ergänzt Jason Newmark, ?wenn er in seiner Rolle agierte, hatte man Angst in seiner Gegenwart.

Man könnte wirklich sagen, dass seine Schauspielkollegen nicht mit Sean, sondern mit dem Creep vor der Kamera standen. Etwas, das Sean ihnen stets bewusst machte.?

Für Newcomerin Kelly Scott ist Creep der erste Film. Ihre bedeutendste Szene spielt sie mit Sean Harris.

?Ich hatte eben erst die Schauspielschule absolviert, und nun stand ich da und drehe völlig durch, als Craig mich zu Tode foltert?, erinnert sich Scott, die die Nichte von BAFTA- und Golden Globe-Gewinnerin Branda Blethyn ist.

?Sean hat während der gesamten Dreharbeiten nie seine Rolle abgelegt, weil er wollte, dass wir alle permanent Angst vor ihm hatten und uns in seiner Gegenwart gruselten.?

?Ich hatte nicht die geringste Idee, was Sean als Creep mit mir tun würde, als ich in dem gynäkologischen Stuhl angeschnallt bin?, fährt sie fort.

?Wir hatten keine Proben gehabt, was keine Rolle mehr spielte von dem Moment an, in dem Chris ?Action!? rief. Außerdem könnte ich mir keinen besseren Schauspielpartner als Paul Rattray vorstellen.

So wie er sich rührend um Mandy kümmert, nahm er auch mich als die neue, naive Jungschauspielerin unter seine Fittiche. Paul geht Rollen ganz ähnlich wie Sean an.

So hatte er vor Drehstart zwei Nächte hintereinander nicht geschlafen, um sich ebenso durch die Mangel gedreht zu fühlen wie Jimmy unter den gleichen Umständen.?

Auch Franka Potente teilt die Anerkennung für ihren Ko-Star Sean Harris: ?Er verbrachte sieben Stunden in der Maske, und mit jeder angelegten Prothese verwandelte er sich mehr in Craig.

Er sprach plötzlich anders, benahm sich anders. Ich bewundere eine solche Hingabe, zumal er seine Rolle auch nicht für einen Moment verließ. Nicht jeder kann diese Arbeitsmethode nachvollziehen, aber Sean war cool und mutig genug, sich daran nicht zu stören.

Wenn man solch ein Monster verkörpert, kann jede falsche Bewegung das Ganze ins Lächerliche ziehen ? etwas, das Sean klug vermied.

Ich erlebte ihn zum ersten Mal in der Szene, in der er George (Vas Blackwood) aufspießt, und die starke Energie, die er dabei ausstrahlte, hat auch meine eigene Herangehensweise geschärft.

Er wollte, dass ich so viel Nutzen wie möglich aus unserer ersten Begegnung zog, und das ist mir gelungen.

Wir haben außerhalb des Sets keine Zeit privat miteinander verbracht, und erst letztens wurde mir bewusst, dass ich ihn ohne Kostüm und Maske wahrscheinlich gar nicht erkennen würde!?

Die Produktion Die erste Klappe der insgesamt sieben Wochen dauernden Dreharbeiten zu Creep fiel am 20. Oktober 2003 in einer der tiefsten und dunkelsten unterirdischen Stationen der Londoner U-Bahn.

Der Haltepunkt Strand in Aldwych ? auf der blauen Piccadilly Line ? ist seit 1994 außer Betrieb, ein Bahnsteig ist sogar seit 1971 nicht mehr benutzt worden.

Der ideale Ort für Chris Smith, um seine Mischung aus ?Psycho-Triller und irrem Monsterfilm? zu beginnen. Ab und zu verirrt sich ein Filmteam hier hin, so entstand hier zum Beispiel das Video zu ?Black Jesus?.

Auch ein paar Raves nutzten die ausgefallene Location bereits. Doch reguläre Fahrgäste warten in dem Sackbahnhof schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf Züge.

An den Bahnsteigwänden werben immer noch psychedelisch angehauchte Plakate für den Besuch des Wachsfigurenkabinetts von Madame Tussaud und ein Rolling Stones-Konzert ? im Jahr 1971!

?Unser Produzent Barry Hanson ("The long good Friday") von Dan Films stellte das Drehbuch den Verantwortlichen der Londoner U-Bahn vor. Es war immens wichtig, dass sie erkannten, dass dies ein Fantasy-Horror und keine Anleitung für Stalker war.

Verständlicherweise reagieren sie sehr sensibel darauf, in welchem Licht man ihre Locations präsentiert, und wir wollten sie nicht unnötig beunruhigen.

Tatsächlich wurden lediglich der Anfang und das Ende des Films in der Londoner Underground gedreht, weil die U-Bahn-Stationen bloß die Eingangstore zu der unheimlichen unterirdischen Welt, in der der Film sich abspielt, sind.?

Nachdem alle Szenen in der Londoner U-Bahn abgedreht waren, zog der gesamte Tross nach Köln um, wo Szenenbildner John Frankish die Locations zu Craigs zwielichtigem und entartetem Universum zusammensetzte.

Teil des Abkommens zwischen Dan Films und zero west war, dass die katakombengleichen Interieurs in Köln, das immer mehr zur deutschen Medien-Metropole avanciert, gebaut wurden.

?Und zwar in einer stillgelegten Zuckerfabrik?, wie Frankish, der auch das Szenenbild zu "Thunderbirds" und "Gosford Park" schuf, verrät: Das Gebäude besaß die industrielle, alte und verrostete Struktur, die wir brauchten, und man konnte ganze Wände benutzen, ohne viel an ihnen verändern zu müssen.

Das Set war riesig, und es bescherte dem Film eine epische Weite. Wir wollten vermeiden, dass die Zuschauer permanent Franka dabei zusehen, wie sie durch eine Röhre rennt.

So aber konnten wir den Film durch Craigs höhlenartiges Keller-Versteck und das moderige Laboratorium aufbrechen und dem Film eine Atmosphäre unterirdischen Raumes geben.?

?Wir holten immens viel aus unserem Budget heraus, weil die Basis schon gegeben war und wir nicht in einem Studio bei Null anfangen mußsten zu bauen.

Alle Maschinen sind schon vor Jahren abgebaut worden, so dass lediglich ein riesiger rechteckiger Raum blieb, den wir mit viktorianischer Architektur füllten und mit Relikten aus Kriegszeiten dekorierten.

Der Raum mit den Überwachungsmonitoren und der versteckte Alkoven von Jimmy und Mandy entstanden ebenfalls in Köln.? ?In meinen Entwürfen findet sich so gut wie keine Farbe?, ergänzt Frankish.

?Dagegen habe ich der Charing Cross-Station großzügig einen glänzenden Flughafen-Look verpasst, der nach und nach in Grün, erdige Töne und schemenhaftes Ocker übergeht, wenn Kate immer tiefer in die gruseligen Bereiche absteigt.

Dann haben wir dem Look viele Staubschichten und Dreck hinzugefügt, bis Kate durch ein Kanalrohr in eine noch fremdere Welt gespült wird, bis sie ganz unten im überfluteten Keller angekommen ist und unter Wasser in einem Käfig gefangengehalten wird, ganz ähnlich wie in "The Deer Hunter".?

?Einer der wenigen Sets, die wir in Köln tatsächlich von Grund auf bauen mußsten, ist ein Korridor voller Metallschränke, so dass es für Craig hunderte verschiedener Wege gibt, plötzlich aufzutauchen.

Chris war es wichtig, dass es in jeder Einstellung stets Raum in Hintergrund oder Türen und Gänge hinter den Personen gibt, so dass es zu jedem Zeitpunkt möglich sein könnte, dass plötzlich jemand von hinten auftaucht und das Publikum so erschrecken könnte, dass es von seinen Stühlen aufschreckt.

Manchmal hat Chris diese Möglichkeit nur angedeutet, manchmal ist wirklich etwas passiert. So hat er die Genreregeln variiert und die Zuschauer stets wachsam gehalten.?

Die Darsteller finden es ungewöhnlich, in den Londoner Untergrundbahn- Tunneln, aber auch auf den Kölner Sets zu arbeiten, weil beides ihren Darstellungen unschätzbare Vielfältigkeit verlieh.

Selbst wenn das im Winter bedeutet, dass es gnadenlos kalt beim Dreh war. Franka Potente bringt es für alle auf den Punkt: ?Ich hasse die Kälte, und Schmutz sollte niemals so schmutzig sein, selbst im Film nicht.

Es fiel uns schwer, unsere Energie stets aufrecht zu erhalten, denn sie schien sich in den Tunneln einfach zu verflüchtigen. Dann habe ich immer zu Chris rübergeschaut, der noch nicht einmal eine Jacke trug!

Er war so aufgeladen mit Enthusiasmus und Energie, dass er uns alle motivierte, selbst wenn es oft körperlich weh tat.

Drei Tage im Wassertank zu verbringen, war beileibe auch kein Spaß, obwohl ich unter meinem dünnen Kleidchen einen Taucheranzug trug! Andererseits: Ausgelaugt, müde und angespannt zu sein traf exakt meine Rolle.?

?Chris befahl uns vor jeder Szene sogar, die Rolltreppen rauf und runter zu rennen, damit es realistisch wirkte, wie sehr wir außer Atem waren.

Ich fühlte mich manchmal viel zu erschöpft dafür, aber er hatte Recht damit, denn es verlieh unserer Arbeit eine unglaubliche Authentizität.

Ich denke, niemand der uns von außen beobachtete, hätte vermutet, dass Chris in Wirklichkeit seinen ersten langen Film drehte. Denn ihn zeichnet eine wichtige Eigenschaft für einen Anführer aus: Er hört einem zu.?

?Franka wusste, an welchen Stellen mein Buch wahrhaftig und gut war, aber sie erkannte auch, wo es das nicht war, und hatte keine Angst davor, es mir zu sagen.

Sie bot mir zehn verschiedene Variationen eines Gefühlsausdrucks an, und jede einzelne davon funktionierte! In diesem Sinne ist sie gleichzeitig Schauspielerin, Regisseurin und Continuity Girl, alles in einer Person.

Ihre Professionalität hat mich schwer beeindruckt. Natürlich war ich nervös, weil dies mein Spielfilmdebüt war, aber Franka hat meinem Selbstvertrauen einen enormen Schub gegeben, indem sie fest an das Material glaubte. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein.?

Smith drehte Creep in Absprache mit Kameramann Danny Cohen ("Dead Man's Shoes", "Only Human") im Widescreen-Format, und zwar meist mit der Handkamera und nur wenig zusätzlicher Beleuchtung, ?um den hektischen und energiegeladenen Eindruck zu verstärken?.

?Diese künstlerische Entscheidung gefiel mir am Besten?, gesteht Martin Hagemann, ?denn sie erlaubte, viel Material zu drehen ohne das Budget zu überziehen.

Es war toll, dass der Kameramann bei den Aufnahmen in den überfluteten Käfigen einen Gummianzug wie die Schauspieler trug und genau wie Franka und Vas im Wasser stand, was durch seine unmittelbare Nähe zum Geschehen und zu den Gefühlen den harschen Realismus unterstreicht.?

Es war Aufgabe von den Maskenbildnern Make Bates und Mike Stringer, Sean Harris in das schattenhafte, verstörende Monster namens Craig zu verwandeln.

Die beiden besitzen zusammen eine eigene Firma mit Namen Hybrid Enterprises, die auch für die Maske von John Rhys-Davis in der "Der Herr der Ringe"-Trilogie verantwortlich war.

?Über die letzten drei Jahre haben wir eine neue Art von Silikon entwickelt, die biegsamer ist, mehr Bewegungsfreiheit einräumt und auf der Leinwand realistischer wirkt?, erklärt Bates.

?Das Silikon basiert auf Platin und erfüllt Standards, wie man sie in der Medizin anlegt; tatsächlich ist es ein Abfallprodukt der Prothesen-Industrie. Silikon haftet normalerweise nicht an der Haut, doch dieses tut es.?

?Ich denke, wir wurden für Creep beauftragt, weil wir sehr in die Details gehen und vor allem, da wir das Silikon farbig exakt an den Hautton des Schauspielers abstimmen können.

Neben 20 kleineren Prothesen schufen wir drei große für Sean und insgesamt 17 Ersatzteile. Er trägt keinen Silikonanzug im gewöhnlichen Sinne, eher etwas, das sich ganz dem Verlauf seiner Knochen- und Muskelstruktur angepasst mit ihm bewegt.

Zudem kreierten wir für ihn eine 5 Millimeter starke schiefe Wirbelsäule. Wir mußsten mit seiner Maske manchmal um 1 Uhr nachts beginnen, um für den Drehbeginn um 8 Uhr morgens fertig zu sein.

Allein das Kopfstück anzubringen dauerte vier Stunden.? ?Nachdem Sean sogar mich erschreckte, als ich ihn das erste Mal in voller Maske erlebte, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie sich das Publikum vor ihm fürchten mußs?, überlegt Christopher Smith.

?Er hat eine so abgedrehte, kraftvolle und psychologisch mutige Darstellung abgeliefert. Es war stets mein Anliegen, unsere kollektiven Ängste auf die tiefgehendste Art und Weise zu erforschen.

Creep ist die Reise auf einem Geisterzug durch eine höllenartige Unterwelt und der nervenzermürbende Kampf einer Frau, vom Rand dieses verrückten Irrsinns zu entfliehen.

Kate steht im Laufe des Films permanent davor, den Verstand zu verlieren ? und ich will, dass das Publikum mit ihr um sein Leben schreit.?

Szenenfoto
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