Comandante

Ausführlicher Inhalt

Für Oliver Stone mußs es ein Traum gewesen sein, ein Traum der nach Jahren des Experimentierens mit ähnlichen Versatzstücken zur Wirklichkeit wird: Stone, der am liebsten in amerikanischen Mythen badet.

Stone, der immer wieder die skandalträchtige politische Prominenz analysieren will, indem er ihr Filme widmet, die seine berühmte Mischung aus Dokumentarmaterial, Verschwörungstheorien und persönlicher Sympathie nutzen.

Und natürlich Stone, der im Kino bereits Mitte der Achtziger Jahre nordamerikanische Ignoranz gegen lateinamerikanische Tragödie ausgespielt hat.

Dieser Oliver Stone bekommt den Auftrag, einen Film über Fidel Castro zu machen, besser noch, eine Dokumentation.

Eine Dokumentation, die eine mehrtägige, möglichst intime Zusammenkunft mit dem Lieblingsfeind der Vereinigten Staaten zum Inhalt hat, mit einem Mann, der Geschichte gemacht hat, und der selbst darüber zum Mythos geworden ist.

Oliver Stone hat also endlich nicht nur die Möglichkeit der fiktiven Interpretation, sondern er hat diesmal einen Gesprächspartner, der mitten hinein fällt in seine Interessengebiete und der, ganz real, all jene Fragen beantworten kann, die ein Oliver Stone so mit sich herumträgt.

Darüber hinaus hat Castro als Gesprächspartner noch ein paar andere Qualitäten, die für radikale politische Figuren aus dem 20. Jahrhundert nicht selbstverständlich sind: Er ist am Leben.

Er hat eine Revolution mitgemacht und er hat sie gewonnen. Er sitzt seit über 40 Jahren vor der amerikanischen Küste ohne sich dort vertreiben zu lassen. Und er hat bei all dem gute Manieren.

Das wiederum kann man von Oliver Stone nicht ohne Weiteres behaupten. Der Mann ist eitel, er spielt sich gern in den Vordergrund, das war zu vermuten.

Aber er stellt dabei auch Fragen, die nicht nur die Augenbrauen Castros irritiert in Falten legen, sondern auch die des Zuschauers.

Hätte man noch nie etwas von Fidel Castro gehört, ginge man ganz ohne Vorwissen in diesen Film, man würde zum Sympathisanten Castros, allein wegen des Frage? und Antwortspiels.

Denn der alte Mann hat gelernt, auch Unverschämtheiten zu beantworten, durchaus höflich, durchaus klug, oder ihnen notfalls selbstkritisch auszuweichen.

Vielleicht geht es ja auch genau darum, jedenfalls über eine erste Strecke des Films: Oliver Stone versucht zu provozieren, Fidel Castro versucht, nicht darauf hereinzufallen.

Die beiden Männer benehmen sich wie schlaue alte Füchse. Jeder von ihnen weiß, dass es sich um Öffentlichkeitsarbeit handelt, jeder will folgerichtig das Gespräch für seine Zwecke nutzen, jedenfalls ein bisschen.

Und so kann man ein kleines Tauziehen beobachten, einen Wettbewerb im geschickten Dialog, der beide Seiten dazu führt, sich nach und nach gegenseitig Respekt zu zollen.

Der Umgangston wird leichter, das Gespräch spontaner, und gelegentlich schleicht sich ein Lächeln ein.

So nähert Oliver Stone sich allmählich der Grundvoraussetzung für diesen Film, der Intimität. Ein Vertrauen zwischen zwei Fremden soll hier erreicht werden, die mehr voneinander trennt als nur ihre Herkunft.

Ein politischer Widerspruch zwischen dem Fragenden und dem Befragten gehört mit in die Planung, schließlich arbeitet Stone im Auftrag des amerikanischen Senders HBO.

Aber selbst wenn das Misstrauen recht schnell in den Hintergrund tritt, die geforderte Intimität stellt sich erst ein über die Banalitäten des Alltags.

Vom Rasieren redet man, vom Sport, und immer wieder wird der Tod thematisiert, er spukt stetig durch die Gedanken beider Männer.

Das lässt auf ihr Alter schließen, und auf ihre Sehnsucht, man könne einfach ein bisschen so sein wie andere Männer. Sie gehen spazieren und führen Männergespräche, und was Castro dabei denkt, erfährt man nicht.

Stone allerdings legt sein ganzes Gewicht in diese Intimität, denn der Wunsch dahinter ist deutlich: Es ist der Treibstoff für jedes Interview, die Hoffnung auf Antworten, die nie gehört, auf Geheimnisse, die nie enthüllt wurden.

Aber Castro liefert keine Enthüllungsberichte, er bleibt auf dem Boden seiner siebzigjährigen Erfahrung. Dafür sieht man ihn neben Oliver Stone herschlendern, und schon die Haltung des Kubaners verrät etwas über das Altern eines energischen Mannes.

Der Guerillakämpfer ist dem Präsidenten nicht ganz verloren gegangen. Er ist schmal und groß und sehr gerade, der Schwung lässt sich noch ahnen, der früher hinter den Bewegungen steckte, und unwillkürlich denkt man an seinen Titel, "Comandante?.

Die Erinnerungen an die Vergangenheit sind präsent, Castro und den Kubanern, Stone und dem Zuschauer, denn sie werden unterstützt durch eine Flut von historischen Bildern, die zwischen den gemächlich redenden Männern wogt.

In bester Oliver-Stone-Manier wird man mit Dokumentarmaterial konfrontiert, das wild und zuckend über die Leinwand flimmert, scheinbar konzeptlos zusammengeschüttelt, aber trotzdem auf jedes Stichwort mit einem zugehörigen Bild zur Stelle.

Diese Verbindung ist zwar simpel, hat aber den Vorteil, dass man tatsächlich sieht wovon gesprochen wird, und für eine assoziative Fortsetzung hat Stone immer noch Bilder genug.

Natürlich werden die bekannten Themen irgendwann berührt, und natürlich beharrt Castro auf seiner Sicht der Dinge, was sonst sollte er tun.

Aber man findet bei dieser Gelegenheit Bilder wieder, die Mythos waren und Mythen ins Leben riefen, und die nicht dem Vergessen preisgegeben werden sollten. Das ist Stones Verdienst bei diesem Film, mehr vielleicht als sein dreitägiges Gespräch mit Fidel Castro.

Mittelstreckenraketen, Chruschtschow, Kennedy und Guevara, glückliche Guerilleros und ein paar berühmte, traurige Tode.

Der ganze Stoff, um den sich sentimental die Legenden ranken ist da, in körnigem Schwarzweiss, mit der ganzen Sprengkraft, die den zufälligen Bildern immer innewohnt, sobald sich herausstellt, dass sie die einzigen sind, die es gibt.

Und Castros Kommentar dazu ist melancholisch, aber treffend. Er spricht über die Jugend, die eigene und die der Revolution, und wenn er erzählt, dass er 1962 schlicht noch nicht in der Lage war, zu begreifen, dass die USA verrückt genug sein könnten, einen Atomkrieg wegen eines Inselchens wie Kuba heraufzubeschwören, dann ist das vielleicht Legendenbildung, aber auf alle Fälle amüsant.

Im Schnelllauf wird so die Geschichte aufgekocht, die kubanische und die amerikanische, schön durchsetzt mit ein bisschen Emotion und persönlichen Erinnerungen.

Hemingway, immer wieder Che Guevara, die Frauen, der Ehrgeiz, die Langeweile, alles wird abgefragt, was übrigbleibt am Ende eines ungewöhnlichen Lebens.

Immer noch macht Stone Fidel Castro zum Schauspieler mit seinen allzu persönlichen Übergriffen, aber die Intimität ist jetzt erreicht, keine Frage.

"Mine has been a life with love", kann Castro zum Glück von sich sagen, und man glaubt es ihm, weil man ihm wünscht, dass es in seinem Leben Erfolg und Liebe gab.

Denn man hat sich mittlerweile verliebt in den alten Mann mit der grünen Uniform, genau wie Oliver Stone.

Am Ende hat man den Anführer der kubanischen Revolution gesehen, man hat die Insel Kuba gesehen, viel Vergangenheit und manches aus der Gegenwart, und alles wirkt ein bisschen anders als vorher.

Einmal gibt es eine Einstellung von der Uferpromenade Havannas, vor der ein riesiges Schiff liegt. Vom Meer aus sieht man die Stadt dahinter, plötzlich klein und unbedeutend neben dem bunten Dampfer.

Die Perspektive wird verändert, vielleicht neu definiert, ganz so wie es Oliver Stone erging in den drei Tagen seines Gesprächs mit dem Staatsfeind Fidel Castro.

Stone zitiert Benjamin Franklin zum Schluss, um den Respekt auszudrücken, den ihn der Comandante während dieser Begegnung gelehrt hat.

Kein Wunder, dass HBO den Film weit von sich wies, wegen mangelnder kritischer Distanz.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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