Kinsey

Ausführlicher Inhalt

Als erwachsener Mann wird Alfred C. Kinsey als Befreier gelten, als Kind aber ist er ein Gefangener. Sein dominanter, restriktiver Vater (John Lithgow) fordert absoluten Gehorsam und ein moralisch untadeliges Verhalten.

Immer wieder predigt er fanatisch und mit absurden Theorien gegen die Verdorbenheit der Gesellschaft und die technischen Errungenschaften, die sie gefördert haben - von der Elektrizität bis hin zum Reißverschluss.

In diesem Klima der Furcht wächst Alfred auf. Jahrelang schwächen ihn Krankheiten, doch als der Junge die Natur entdeckt und beginnt, Tiere zu beobachten, verbessert sich seine Gesundheit.

Als Teenager unterdrückt er sexuelle Empfindungen mit Gebeten oder quält sich mit Selbstvorwürfen, wenn er ihnen nachgibt. Wie es sein Vater anordnet, beginnt er ein Ingenieurstudium, bricht es aber ab und überwirft sich mit dem verbitterten Mann.

Mit einem Stipendium studiert Kinsey (Liam Neeson) Biologie und Psychologie, erwirbt den Doktortitel in Harvard und schließt sich dem Lehrkörper der Universität von Indiana an.

Gefördert vom jungen Rektor Herman Wells (Oliver Platt), entwickelt er sich schnell zu einer Koryphäe im Studium der Gallwespe - ein Kleininsekt, das in jedem von ihm gesammelten Exemplar erstaunliche Varianz zeigt.

Bei seinen Studenten ist Kinsey beliebt, gilt aber als weltfremd und schrullig. Nur Clara Bracken McMillen (Laura Linney) empfindet mehr als Sympathie für Kinsey, ist fasziniert von seiner Passion für die Wissenschaft und den Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen zieht.

Als sie ihn auf dem Campus anspricht, entwickelt sich Zuneigung und schließlich hält Kinsey um ihre Hand an. Obwohl sie ihn für zu "kirchlich" hält, willigt sie nach Bedenkzeit in die Ehe ein.

Weil es für beide das erste Mal ist, sie zu eng, er zu stark gebaut ist und beide völlig verunsichert und ahnungslos sind, wird die Hochzeitsnacht eine Katastrophe.

Ein Arztbesuch beseitigt das organische Problem, Übung das andere. Beide erleben die neu entdeckten Gefühle als Befreiung.

Kinseys Vater allerdings zeigt sich bei einem Besuch von ihrem Glück unbeeindruckt, versucht jedes Anzeichen von Zufriedenheit bei seinem Sohn eifersüchtig im Keim zu ersticken: "Zehn Jahre akademische Ausbildung und noch immer sammelt er Käfer."

Jahre vergehen, in denen drei Kinder geboren werden und Kinsey zum weltweiten Experten der Gallwespe aufsteigt. 20 Jahre hat er in das Studium des Insekts bereits investiert, als er unerwartet auf ein neues Forschungsgebiet stößt.

Ein junges Ehepaar mit sexuellen Problemen sucht bei ihm Rat. Nach ihrer bevorzugten sexuellen Stellung befragt, antwortet das Paar mit der Gegenfrage, ob es denn mehr als eine gäbe.

Kinsey erkennt die gewaltigen Defizite nicht nur der Ratsuchenden, sondern auch der Wissenschaft, die einen der wichtigsten Bereiche der menschlichen Natur bisher nicht erforscht hat.

Er schlägt Wells vor, an der Universität eine offene Diskussion über Sexualität in Gang zu bringen und macht sich damit seinen Kollegen Thurman Rice (Tim Curry) zum Feind, der glaubt, das Thema in seiner Veranstaltung angemessen zu behandeln.

Doch als sich Rice als stockkonservativer Puritaner und Rassist enttarnt, erhält Kinsey grünes Licht für seinen Ehekurs.

Hinter dem harmlosen Namen, das merken die Studenten schnell, verbirgt sich eine Veranstaltung, in der ohne Tabus über Sexualität geredet wird. Doch Kinseys Fragebögen überfordern die gehemmten Studenten und bringen nicht die erhofften Ergebnisse.

Clyde Martin (Peter Sarsgaard), der neue Lieblingsstudent des Dozenten, schlägt eine Strategie vor, die den Durchbruch bringt.

Interviews unter vier Augen, in denen das Sexualverhalten einer Person nach einem ausführlichen Fragenkatalog wertfrei und streng wissenschaftlich erfasst wird, ersetzen die selbst ausgefüllten Fragebögen.

Eingebaute Kontrollfragen sollen zeigen, ob wirklich ehrlich oder sozial erwünscht geantwortet wird. Inspiriert von den Möglichkeiten des neuen empirischen Instruments, sucht Kinsey ständig nach Interviewkandidaten, die alle Bereiche der Gesellschaft und der Sexualität repräsentieren.

Längst hat das Thema auch in seiner Familie Einzug gehalten, in der er und seine Töchter zum Entsetzen seines Sohnes über Intimstes so offen reden wie andere über Arbeits- oder Schulalltag.

Mit Clyde Martin zieht Kinsey durch Schwulenbars, um auch hier Kandidaten für seine Interviews zu finden. Es bleibt nicht bei theoretischen Erörterungen.

Kinsey und Martin beginnen eine kurze Affäre, die der Sexualforscher seiner Frau nicht verheimlicht. Doch der Mann, der sich als Experte der menschlichen Natur sieht, versteht tatsächlich immer noch zu wenig davon.

Er interpretiert Claras Tränen als Ausdruck gesellschaftlich bedingter Hemmungen, nicht als Zeichen emotionaler Verletzung. Naiv ermuntert er sie, es ihm gleichzutun.

"Was wäre, wenn es mir nichts ausmachen würde", fragt er seine aufgelöste Frau. "Dann würde mich auch das verletzen", antwortet sie. Monate später überprüft sie seine Theorie in der Praxis.

Als Martin sie in Kinseys Gegenwart fragt, ob sie mit ihm schlafen wolle, antwortet sie: "Ich glaube, das könnte mir gefallen" - und behält schließlich auch Recht.

Kinseys akademische Karriere steuert nun ihrem Höhepunkt entgegen. Alan Gregg (Dylan Baker) von der Rockefeller-Stiftung stellt finanzielle Unterstützung für Kinseys erstes Buch über die Sexualität des Mannes in Aussicht, sofern das Abnormale nicht Gegenstand der Untersuchung wird.

Kinsey erklärt sich dazu bereit und holt sich neben Clyde Martin auch Wardell Pomeroy (Chris O'Donnell) und Paul Gebhard (Timothy Hutton) in sein Team. Das Quartett bereist ganz Amerika und kann schließlich über 18.000 Interviews vorweisen.

Sogar seinen Vater bringt Kinsey zum Sprechen. Für einen kurzen Moment sind sich beide Männer näher als je zuvor, doch dann schließt sich diese Tür wieder.

Knapp ein Jahr nach Kinsey Berufung zum Direktor des Instituts für Sexualforschung erscheint sein Report "Das sexuelle Verhalten des Mannes". Das Buch wird ein überwältigender Erfolg und macht Kinsey weltberühmt.

Davon ermutigt beginnt Kinsey die Arbeit an einem Folgeband zur weiblichen Sexualität, während er parallel dazu versucht, das erste Buch zu aktualisieren und zu erweitern. Besessen von seiner Forschung geht er im Namen der Wissenschaft dabei weiter als je zuvor.

Er verschreckt Alan Gregg, als er zugibt, erregte Frauen zu filmen, und überschreitet sogar den Toleranzbereich von Pomeroy, als er einen bekennenden Pädophilen in seine Untersuchung einbezieht.

Kinseys Karriere zeigt erste Brüche, als der Zoll verdächtige Sexmaterialien beschlagnahmt und damit einen Rechtsstreit auslöst, der Kinsey über die Jahre fast völlig ruiniert.

Auch privat gerät das Leben aus den Fugen und Kinsey erfährt die Grenzen, die menschliche Emotionen seinem Plädoyer für freien Umgang mit Sexualität setzen.

Offen beginnt Gebhard eine Affäre mit Martins Frau, die für alle Beteiligten schmerzlich und für die beiden Männer in einer Prügelei endet. Alles, wofür Kinsey gestritten und gearbeitet hat, scheint außer Kontrolle zu geraten.

Kinseys Report über die weibliche Sexualität erregt nach seiner Veröffentlichung den Zorn der Nation, denn kein amerikanischer Mann will sich Töchter, Mütter und Großmütter als sexuelle Wesen vorstellen.

Als die Rockefeller-Stiftung schließlich ihre Unterstützung zurückzieht und Kinsey zermürbt vom Kampf einen Herzanfall erleidet, glaubt er sich am Ende. Er hat das Gefühl, nichts bewirkt zu haben. Bis ihm eine unbekannte Frau mit einem berührenden Geständnis die Augen öffnet ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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