Kinsey

Produktionsnotizen

Die Entstehungsgeschichte von Kinsey Am 5. Januar 1948 veränderte sich die amerikanische Kultur unwiderruflich. An diesem Tag erschien im seriösen medizinischen Verlag von W. B. Saunders Alfred Kinseys Buch "Das sexuelle Verhalten des Mannes" - und in gewisser Weise war dies auch der Tag, an dem Amerika über Sex zu sprechen begann.

Das Buch entwickelte sich nicht nur auf Anhieb zu einem Bestseller und einer Mediensensation, sondern war auch der Funken, der später in den Sixties die sexuelle Revolution auslöste und dafür sorgte, dass sich in den folgenden Jahrzehnten eine immer größere sexuelle Toleranz entwickeln konnte.

Zu dieser Zeit wurde Kinsey "der amerikanische Freud" genannt und mit großen wissenschaftlichen Pionieren wie Galileo oder Darwin verglichen.

Vor der Veröffentlichung von Kinseys Buch wurde einer der wichtigsten Bereiche des menschlichen Verhaltens schlicht und ergreifend nicht seriös studiert und untersucht.

Warum, so fragte er sich, waren die Leute so ignorant und schwiegen zu einen so bedeutenden Aspekt der menschlichen Existenz? Von brennender Neugier und einem tief sitzenden emotionalen Bedürfnis getrieben, öffnete Kinsey eine neue Welt in der Erforschung des Menschen.

Nachdem sein Buch erschienen war, erwachte eine ganze Nation. Heute noch sind die von Kinsey aufgeworfenen Fragen, warum und vor allem wie wir Intimität suchen, genauso kontrovers, faszinierend und relevant, wie sie es immer waren.

Aus diesem Grund nahm Autor und Regisseur Bill Condon die ihm von Produzentin Gail Mutrux übertragene Herausforderung an, die nach dem geeigneten Filmemacher gesucht hatte, um einen Film über das Leben und die Zeit von Alfred C. Kinsey zu entwickeln.

"Kinsey hat die Art und Weise verändert, wie man in Amerika über Sex denkt und wie wir darüber reden, doch als Mann ist er fast völlig in Vergessenheit geraten", erklärt Condon.

"Hinter all den Durchbrüchen und Kontroversen gab es einen grundlegenden Gedanken, von dem ich mir nicht sicher bin, dass er den Menschen damals wirklich bekannt war.

Nachdem Kinsey 20 Jahre damit verbracht hatte, eine Sammlung von über eine Million Gallwespen aufzubauen, entdeckte er, dass keines dieser winzigen Geschöpfe gleich aussah. Dieses biologische Konzept der individuellen Variation übertrug er auf die menschliche Sexualität.

Es war Kinsey, der als Erster feststellte, dass Sexualität bei jedem Menschen unterschiedlich ist, dass sexuelle Veranlagung einzigartig ist und dass damit das Etikett 'normal' nicht relevant ist, wenn es um menschliche Sexualität geht.

Es gibt nur 'üblich' oder 'selten'. Das ist noch heute ein radikaler Gedanke." Je mehr Condon über Kinsey las, desto deutlicher erkannte er, dass Kinseys Antrieb, Sex in einem streng wissenschaftlichen Rahmen zu erforschen, auch eine ausgesprochen persönliche Dimension hatte.

Ganz besonders berührte Condon, wie die beiden Aspekte von Kinseys Psyche untrennbar miteinander verbunden waren. "Wenn man einen biografischen Film dreht, besteht immer potenziell die Gefahr, dass das persönliche Drama des Menschen seine Leistungen überschattet", gibt Condon zu bedenken.

"Betont man die privaten Kämpfe und Krisen, kann damit in den Hintergrund treten, womit sich dieser Mensch an erster Stelle die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verdient hat.

Was mich an Alfred Kinsey faszinierte, war diese intime Verbindung zwischen seinem Privatleben und seinem wissenschaftlichen Projekt."

Es verhält sich ähnlich wie bei James Whale, der Hauptfigur von Condons letztem Film GODS AND MONSTERS ("Gods and Monsters", 1998): "Es gibt keinen Unterschied zwischen der Arbeit und dem Leben Kinseys."

Schon zu seiner Zeit war Kinsey eine extrem kontroverse Figur und ist es bis heute geblieben. Aber die Filmemacher trafen die Entscheidung, dass man sich dieser Geschichte nur mit einer Kinsey-ähnlichen Strategie nähern durfte: völlig offen, neugierig und ohne jede Wertung.

"Meiner Ansicht nach", sagt Condon, "funktioniert dieser Film wie ein Art Lackmustest für die eigenen Vorstellungen zum Thema Sexualität.

Kinsey war eine sehr komplexe Persönlichkeit, in gewisser Weise irreparabel verletzt. Mir war es wichtig, alles zu zeigen, damit sich der Zuschauer eine eigene Meinung dazu bilden konnte."

Über sechs Wochen recherchierte Condon, las Berichte, in denen sich Zeitzeugen erinnerten, außerdem Kinseys eigene Texte, zeitgenössisches Material, das zum Thema gehörte, und schließlich auch vier Biografien, ganz besonders Jonathan Gathorne-Hardys hoch gelobtes Buch "Sex The Measure of All Things: A Life of Alfred C. Kinsey".

"Es gibt eine offizielle, weniger interessante Version von Kinseys Leben", erklärt Condon, "und dann eben diese faszinierende und persönliche Geschichte, die Jonathan aufdecken konnte."

Condon suchte das Kinsey Institute in Indiana auf und unterhielt sich mit vielen Personen, die Kinsey gekannt und mit ihm gearbeitet hatten. "Einer von denen, die ich ansprach, war Clarence Tripp", führt Condon aus.

"Er schloss sich Kinseys Projekt nach der Veröffentlichung des ersten Bands zur männlichen Sexualität an. Tripp war einer von zwei Hauptfotografen, die Kinsey für die Filmteile seiner Untersuchung einsetzte.

Er war Kinseys Protegé und entwickelte sich später selbst zu einem bekannten Autor. Man konnte ihn zu allem befragen - immer hatte er interessante Geschichten zu erzählen."

Von Kinseys drei Team-Mitgliedern, die an der Studie beteiligt waren, sind Clyde Martin (gespielt von Peter Sarsgaard) und Paul Gebhard (verkörpert von Chris O'Donnell) noch am Leben.

"Gebhard ist über achtzig, aber er besitzt immer noch einen messerscharfen Verstand", erzählt Condon. "Eine erstaunliche Persönlichkeit.

Ich mußste ihm Fragen zu einigen delikateren Dingen stellen, wie zum Beispiel zum Thema freier Sex unter den Teammitgliedern, wie sich das abspielte, was die Besonderheiten dabei waren. Und er erzählte mir alles so zwanglos und ungehemmt, als spräche er darüber, was er zu Mittag gegessen hatte."

Kinseys Frau Clara ("Mac") starb 1982, aber Condon hatte die Gelegenheit, mit zwei ihrer Enkelinnen zu reden.

"Sie ähneln ihrer Großmutter so sehr", bemerkt Condon, "dass ich durch sie einen wunderbaren Eindruck von Claras Persönlichkeit bekam. Sie lebt wirklich weiter in den Geschichten, die beide erzählen."

Als Condon begann, das Drehbuch zu schreiben, nahm er all die Fakten und Erinnerungen, die er zusammengetragen hatte, und versuchte, sie so miteinander zu vermischen, dass im Endergebnis mehr herauskommen würde als die Summe dieser Einzelelemente.

Vor allem ging es ihm darum, die üblichen sentimentalen Konventionen filmischer Biografien zu vermeiden und stattdessen etwas Dynamischeres zu erschaffen.

So wie Kinsey seine berühmten Interviews zum Thema Sex als "Prismen" beschrieb, die die Vergangenheit eines Menschen enthüllten, so entwickelte auch Condon seinen Film wie ein Prisma, das die vielen Facetten eines Mannes zeigte, aber auch die sich verändernden Einstellungen einer Gesellschaft zur Sexualität.

"Was ich an Kinsey mit am erstaunlichsten finde, ist seine geniale Fähigkeit, die Menschen dazu zu bringen, ganz offen über die intimsten Seiten ihres Lebens zu sprechen", erklärt Condon.

"Deshalb dachte ich mir, es wäre vielleicht interessant, diese Interviewtechnik als Einstieg in Kinseys persönliche Biografie zu nutzen."

Bald wurde KINSEY, so nennt es Condon, "der ultimative Film mit sprechenden Köpfen. Schließlich war das Kinseys große Leistung - ganz allein einem Menschen gegenüberzusitzen und ihn zum Reden zu bringen."

Als Produzentin Gail Mutrux die erste Drehbuchfassung las, war sie begeistert davon, wie Condon aus einem komplexen Leben ein kompaktes und unterhaltsames Erlebnis gemacht hatte.

Weil Mutrux zuvor bereits an zwei Filmen mit biografischem Hintergrund, an QUIZ SHOW ("Quiz Show", 1994) und DONNIE BRASCO ("Donnie Brasco", 1997), mitgearbeitet hatte, verstand sie, welcher nuancierte Ansatz nötig war, um das Leben einer realen Figur für die Leinwand umzusetzen.

"An Bills Skript gefiel mir sehr, dass es einen Mann, der so wichtig für die amerikanische Kultur war, ganz unparteiisch porträtierte", erinnert sich Mutrux.

"Wunderbar an diesem Drehbuch, und das findet man selten, ist eine Story, die am Ende weder Kinsey noch seine Arbeit bewertet, sondern nur sein Leben zeigt und was sich in seinem Umfeld ereignete.

Der Zuschauer kann seine eigenen Gefühle für diesen Mann entwickeln und zu der Wirkung, die er auf die Welt gehabt hat."

Wer war Alfred C. Kinsey? Ein Leitfaden für sein Leben und seine Zeit? Alfred Charles Kinsey, dessen Name ein Synonym für Sexualität war, wurde 1894 inmitten eines viktorianischen Amerika geboren, in dem über den Körper und seine Bedürfnisse nicht gesprochen wurde, oft sogar die Gedanken darüber tabuisiert waren.

Sein Vater, ein strenger Methodist, Lehrer in der Sonntagsschule und Ingenieur, vermittelte dem Sohn, dass eine sexualisierte moderne Gesellschaft unausweichlich den moralischen Niedergang des Menschen nach sich ziehen würde.

Obwohl es sich sein Vater wünschte, dass der Sohn in seine Fußstapfen treten würde, war Kinsey von Beginn an ein Freigeist und Rebell.

Die Anweisungen seines Vaters ignorierend, besuchte er das Bowdoin College, studierte dort Biologie und Psychologie, machte 1916 seinen Abschluss und erwarb schließlich in Harvard einen naturwissenschaftlichen Doktortitel in der Klassifizierungslehre.

Seit August 1920 gehörte er als Dozent in Zoologie dem Lehrkörper der Indiana University an, aber die wenigsten hätten damals die drastische Karrierewende voraussehen können, als er seine Forschungen über "das Tier im Menschen", wie er es nannte, aufnahm.

Kinsey machte sich akademisch schon früh einen Namen durch seine Forschungen in den Bereichen Klassifizierungslehre und Evolution.

Im Laufe der ersten 20 Jahre seiner Karriere entwickelte er sich zum international bedeutendsten Experten der Gallwespe - ein nicht stehendes Insekt von der Größe einer Ameise.

Dabei trug er die weltweit umfangreichste Sammlung dieser Tiere zusammen, die sich noch heute im Besitz des American Museum of Natural History befindet.

Auf der Universität von Indiana lernte er Clara Bracken McMillen kennen, eine aufgeweckte Chemiestudentin, die wie er ein Freigeist war und sich ebenfalls für Insektenevolution interessierte. Beide verliebten sich ineinander und heirateten bald.

1938, als immer mehr Studenten sich einen realistischen Sexualkundekurs wünschten, begann Kinsey mit seinem Eheseminar, das sich ungeachtet des harmlosen Namens im Schwerpunkt couragiert mit den sexuellen Aspekten einer Partnerschaft beschäftigte.

Es fand enormen Zuspruch, und bald begannen die Studenten, Kinsey in sexuellen Dingen um Rat zu fragen.

Auf viele ihrer drängenden Fragen und Sorgen wusste Kinsey, der angesichts seiner eigenen Verwirrung über das Thema Sex selbst noch keine Stabilität gefunden hatte, keine Antwort und erkannte schließlich, wie wenig man von menschlichen sexuellen Verhaltensweisen tatsächlich wusste.

Mit dem gleichen Eifer, mit dem er sich seiner entomologischen Studie der Gallwespe zugewandt hatte, widmete sich Kinsey nun der Erforschung menschlicher Sexualität, was ihn auf diesem Gebiet in Amerika zu einem Pionier machte.

Kinsey stellte ein Team zusammen, das "sexuelle Erfahrungsgeschichten" sammeln und umfangreiche Interviews führen sollte, um herauszufinden, was Menschen in ihren Schlafzimmern machten.

Bis Mitte der Vierzigerjahre hatte er auf dem Gelände der Universität von Indiana das Institute for Sex Research (später umbenannt in Kinsey Institute) eröffnet und begann mit finanzieller Unterstützung der Rockefeller Stiftung Daten für ein Buch zusammenzutragen.

Den Anfang machte Kinsey, indem er seine Studenten zum Thema Sex befragte. Es folgten seine Kollegen und schließlich so viele Personen, wie er nur überzeugen konnte, an seiner Studie teilzunehmen.

Überall sprach er potenzielle Kandidaten an, von Schwulenbars bis hin zu typischen Vorortsiedlungen, um in seiner Studie so repräsentativ wie möglich sein zu können.

Dabei entwickelte er einen einzigartigen Fragebogen und eine außergewöhnliche Interviewtechnik, die mehr als 200 verschiedene Arten sexueller Verhaltensweisen thematisierte.

Seine Mitarbeiter wurden angeleitet, immer freundlich, gelassen und gleichgültig zu bleiben, unabhängig davon, was sie bei den Befragungen hörten oder wie schockierend und überraschend die Antworten waren.

Diese Vorgehensweise erlaubte es den Teilnehmern der Studie, intimste Geheimnisse preiszugeben. Sobald alle Interviews geführt waren, wurden die Daten in ein frühes Computermodell eingegeben und ausgewertet.

1948 wurde Kinseys "Das sexuelle Verhalten des Mannes" veröffentlicht, dessen erste Auflage von 25.000 Exemplaren binnen weniger Tage ausverkauft war.

Innerhalb von Monaten gingen 200.000 Bücher über den Ladentisch - für eine akademische Abhandlung eine scheinbar unglaubliche Bilanz.

Die Studie wurde in acht Sprachen übersetzt - ein Beweis, dass die Welt nach sexueller Information hungerte. Das Buch enthüllte unzählige Fakten.

Laut Kinseys Studie hatten je nach gesellschaftlichem Status zwischen 67 und 98 Prozent aller Männer vorehelichen Sex, 50 Prozent aller verheirateten Männer Affären, gaben 92 Prozent der Männer Selbstbefriedigung zu und hatten 37 Prozent der amerikanischen Männer zumindest eine homosexuelle Erfahrung.

Die Reaktion auf diese Ergebnisse war eine Mischung aus Schock, Frustration und Freude, dass solche lange verborgenen Fakten endlich öffentlich gemacht werden konnten. Kinsey, der stets eine Fliege trug, war schnell überall bekannt und wurde eine Legende.

Auch seine Frau Clara wurde von den Medien vereinnahmt und erzählte in einem denkwürdigen Interview mit dem McCall's Magazine, dass die Arbeit ihres Mannes "ein stimmloses Plädoyer für Toleranz sei".

Fünf Jahre später erschien Kinseys Folgeband "Das sexuelle Verhalten der Frau". Die Ergebnisse waren vergleichbar, die Reaktion darauf aber völlig anders.

Während das Buch über die Männer größtenteils gepriesen wurde, wurde die Studie über die Frauen heftig attackiert. Scheinbar war Amerika noch nicht bereit zu akzeptieren, was Kinsey herausgefunden hatte.

dass nämlich 62 Prozent der Frauen masturbierten, fast 50 Prozent der Frauen bereits vor ihrer Ehe Sex hatten und 26 Prozent der verheirateten Frauen Affären zugaben, um nur einige der explosiven Enthüllungen zu nennen.

Hier handelte es sich schließlich um amerikanische Mütter und solche, die es noch werden wollten - und das im Jahre 1953. Als Resultat dieser Reaktion wurde Kinsey ein Paria in Wissenschaft und Kultur.

Reverend Billy Graham führte in seinen Predigten das Wort gegen Kinsey und seine Wirkung auf die moralische Reinheit des Landes.

Ermittlungsbeamte, die im Auftrag des Kongresses tätig waren - es war die Ära von Senator McCarthy - deuteten an, dass Kinsey unter dem Einfluss von Kommunisten stand und Teil eines Komplotts war, das das amerikanische Wertesystem schwächen wollte.

Die Rockefeller-Stiftung unterstützte Kinsey nicht mehr, der nun seine elementar wichtigen Subventionen für seine akademische Forschung verlor. Diese Grabenkämpfe forderten schließlich ihren Tribut. Im August 1956 starb Alfred Kinsey nach einer Herzattacke.

Hätte er überlebt, wäre er ein Jahrzehnt später Zeuge geworden, wie William Masters und Virgina Johnson 1966 ihre eigene bahnbrechende Studie "Die sexuelle Reaktion" veröffentlichten, die die Neubewertung der Sexualität als gesunden Bestandteil eines komplexen menschlichen Individuums weiter voranbrachte.

Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre hatte die sexuelle Revolution Amerika aufgeweckt, besuchten Millionen von Studenten und Schülern den Sexualkunde-Unterricht und entsprechende Kurse, die Pionier Kinsey Jahrzehnte zuvor eingeführt hatte.

Es ist bemerkenswert, dass auch heute noch die Kontroverse über Kinsey und seine Untersuchungen anhalten, dass öffentliche Debatten über wichtige Probleme der amerikanischen Gesellschaft davon mitbeeinflusst werden - von der sexuellen Erziehung bis hin zu den Rechten der Homosexuellen.

In dieser erhitzten Atmosphäre werden Kinseys Studien und auch der Forscher selbst noch immer angegriffen. Einer der umstrittensten Aspekte ist dabei die Anschuldigung, dass Kinsey seine sexuellen Forschungen illegalerweise auch auf Kinder ausgedehnt hätte.

Tatsächlich gibt es dafür nicht den geringsten Beweis. John Bancroft, Leiter des Kinsey Institute, äußerte sich dazu folgendermaßen: "Seit 1995, seit meinem ersten Tag im Amt, wurde ich mit solchen Anschuldigungen und der Notwendigkeit, sie zu entkräften, konfrontiert.

Kinsey hat niemals Experimente zu sexuellen Verhaltensweisen von Kindern durchgeführt und auch niemanden je beauftragt oder ausgebildet, dies an seiner Stelle zu tun."

Wie im Film auch zu sehen ist, hat Kinsey allerdings Pädophile interviewt, um Informationen über einen Aspekt menschlicher Sexualität zu erhalten, der vor ihm völlig ignoriert worden war.

Die offensichtliche Quelle für viele dieser veröffentlichten Daten war ein Mann, der über seine sexuellen Kontakte detaillierte Aufzeichnungen gemacht hatte, darunter auch einige mit Kindern.

Heute wird die Gültigkeit und der wissenschaftliche Wert dieser Informationen bei vielen Wissenschaftlern und Historikern in Zweifel gezogen, aber Kinsey hat nie einen Hehl daraus gemacht, woher diese kontroversen Informationen stammen und warum er sich entschloss, sie auch zu benutzen.

Kinseys Studien und die von ihm angewandten Techniken ziehen immer noch wie ein Blitzableiter stürmische Debatten an.

Eine kleine, aber sehr lautstarke Gruppe von konservativen Aktivisten benutzt Kinsey und sein Vermächtnis als Sündenböcke für ihre Versuche, die Finanzierung von Sexualerziehungsprogrammen und wichtigen Sexualstudien zu stoppen.

Weil Kinsey eine neue Ära des sexuellen Bewusstseins einleitete, repräsentiert er für seine Gegner all das, was in der heutigen Gesellschaft moralisch verdorben ist.

Zuschüsse für akademische Studien, darunter Forschungen mit tief greifenden Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheitspflege, wurden unlängst in Frage gestellt und Kinseys Name dabei als Rechtfertigung für den Widerstand ins Spiel gebracht.

Bis zum heutigen Tag konnte niemand Kinseys außergewöhnliche Untersuchung auf einer solch breiten Basis wiederholen oder aufzeigen, dass seine zentralen Schlüsse falsch seien.

Das Institut, das er auf dem Campus der Indiana University gegründet hat und das in Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction (www.indiana.edu/~kinsey) umbenannt wurde, setzt auch heute noch seine wissenschaftlichen Forschungen auf einem Gebiet fort, das es ohne Kinsey vielleicht nie gegeben hätte.

Die Besetzung Als Bill Condon am Drehbuch über Alfred Kinseys Leben schrieb, kam ihm immer wieder ein Name für die Besetzung der Titelrolle in den Sinn: Liam Neeson, der Oscar-nominierte Schauspieler, den man am besten kennt durch seine Hauptrolle als Oskar Schindler in SCHINDLER'S LIST ("Schindlers Liste", 1993).

"Liam ist eine Naturgewalt, ein geborener Führer", schwärmt Bill Condon. "Aber er ist ein sanfter Riese und besitzt als Schauspieler die außergewöhnliche Fähigkeit, die komplizierten inneren Vorgänge eines Menschen sichtbar zu machen - unabhängig davon, welche Figur er gerade spielt."

Neeson wusste, dass diese Rolle für ihn eine Herausforderung darstellte, fühlte sich aber sofort zu ihr hingezogen.

"Mir gefiel, dass Kinsey eine Einzelperson war, die eine riesige Lücke im menschlichen Wissen erkannte und sich entschloss, sie zu schließen, ungeachtet der möglichen Kontroversen", erzählt Neeson.

"Außerdem lebte er in einer Zeit, in der die Wissenschaft außergewöhnliche Entdeckungen machte und zu neuen Grenzen aufbrach. Im Grunde genommen zeigte er der Welt, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem, was wir annehmen, das die Leute machen, und dem, was sie tatsächlich tun.

Darüber hinaus gefiel Neeson, dass Condons Drehbuch unerschrocken war. "Es machte Kinsey nicht zu einem Heiligen und ganz sicher scheute es auch keine Kontroversen", fasst Neeson zusammen.

"Stattdessen zeigt es uns Kinsey als eine komplexe Persönlichkeit mit einer unglaublichen Willenskraft, einem leidenschaftlichen Arbeitsethos und vor allen Dingen mit einer obsessiven Qualität, die meines Erachtens vielen Menschen eigen ist, die gesellschaftliche Veränderungen bewirken.

Wofür er vor allem eintrat, war Respekt für das Individuum, für dessen Einzigartigkeit zu haben. Ich glaube, dass seine Lebensgeschichte eine sehr wichtige ist."

Sobald Neeson die Rolle angenommen hatte, schickten ihm Condon und Produzentin Mutrux eine große Kiste mit Akten - das Wichtigste und Beste, was Condon in seiner fünfjährigen Recherche über Kinseys Arbeit und Leben zusammengetragen hatte.

"Es war eine enorme Menge an Material, das ich lesen, aufnehmen und verarbeiten mußste", gibt Neeson zu. "Aber es war eine große Hilfe für mich."

Wie Condon traf sich Neeson mit einigen von Kinseys noch lebenden Mitarbeitern, um ein besseres Gefühl für Kinseys Gestik und Manierismen zu bekommen. Aber Äußerlichkeiten waren nur der erste Ansatzpunkt für Neesons Darstellung.

"Wir haben versucht, seine berühmte Frisur nachzuahmen", erklärt Neeson. "Er hatte diese außergewöhnlichen Haare, die wie ein Weizenfeld nach oben ragten. Über diese Frisur erfuhr ich auch etwas über den Mann.

Man kann das schwer erklären, aber ich erkannte dadurch etwas Künstlerisches an ihm. Überdies hatte er als Kind Knochenweiche, die zu einer Rückgratverkümmerung führen kann. Deshalb nahm ich eine gebückte Haltung an."

Als es aber darum ging, Kinseys legendär exzentrische, charismatische, manchmal aber auch kantige Persönlichkeit wieder zum Leben zu erwecken, mußste er in seiner Vorstellungskraft einen Sprung nach vorne machen.

"Diese Rolle forderte jeden künstlerischen Muskel in meiner Seele und meinem Körper", führt Neeson aus. "Man mußste sich wirklich tief in der eigenen Psyche vergraben, um ein komplettes Bild dieser Persönlichkeit vermitteln zu können. Es war harte Arbeit, aber mir macht das nichts aus. Ich liebe das."

Neeson entdeckte im Drehbuch auch eine unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen Kinsey und seiner Frau, mit der er 35 Jahre in einer allerdings ungewöhnlichen Ehe verheiratet war.

"Trotz der Kontroversen, die sie umgaben, war Kinsey seiner Frau liebevoll ergeben und sie auch ihm. Sie hatten diese außergewöhnliche Partnerschaft, die sehr stabil war und auf gegenseitigem Respekt basierte.

Über die gemeinsame Arbeit hinaus zogen sie auch mit Erfolg drei wunderbare Kinder groß. Ich denke, man erkennt im Film dieses wirklich starke Band zwischen den beiden und wie wichtig es für sie war."

KINSEY markiert das dritte gemeinsame Projekt von Neeson und Laura Linney. Sie spielt seine Frau Clara, zuvor trat sie mit ihm am Broadway in der hoch gelobten Wiederaufführung von Arthur Millers Klassiker "Hexenjagd" auf und war kürzlich mit ihm auch in der romantischen Komödie LOVE ACTUALLY ("Tatsächlich ... Liebe", 2003) zu sehen.

Die Ungezwungenheit, die sie in der Arbeit miteinander zeigen, förderte die Dynamik, die Condon suchte, um die unberechenbare, aber sehr enge Beziehung zwischen Kinsey und Clara zu demonstrieren.

"Laura ist jemand, dessen Charakterstärke gerade auf der Leinwand erkennbar wird", erklärt Condon. "Für diese Figur war das besonders wichtig, denn durch Clara sehen und verstehen wir Kinsey.

Und natürlich hat auch diese Figur ihre eigenen sehr komplizierten Wünsche und Sehnsüchte, die Laura einfach perfekt zum Ausdruck bringt."

Linney faszinierte das Thema des Films. "Alfred Kinsey und seine Arbeit waren einfach faszinierend, und seine Studien hatten so große Bedeutung", schwärmt Linney.

"Meiner Ansicht nach haben wir die Auswirkungen seiner Arbeit, wie sie unsere Kultur beeinflusste, als zu selbstverständlich betrachtet, unabhängig davon, welche Einstellung man zu ihr hat."

Die Figur der Clara zog Linney auch an, weil sie eine unabhängige Frau war, die einen eigenen Kopf hatte und ihrer Zeit weit voraus war. "Sie war außergewöhnlich", begeistert sich die Schauspielerin.

"Beide waren bemerkenswerte Menschen, einzigartig, fürsorglich, brillant und auch sehr menschlich." Doch im Gegensatz zu Alfred Kinsey gibt es nur wenig Literatur über Clara.

Für Linney bot sich damit die Gelegenheit, die Rolle wirklich aus ihrem Herzen heraus zu entwickeln. "Das Wesentliche, was ich aus dem gelernt habe, das über sie geschrieben wurde, ist, dass sie ein großes Herz besaß und ihn sehr liebte", bemerkt Linney.

"Aber mir wurde klar, dass das, was Clara in die Beziehung zu Kinsey einbrachte, ihr Interesse am Thema Liebe und auch am Sex war. Sie ist diejenige, die fragt, wie Liebe sich in all das einfügt?

Wie trennt man Liebe von Sex - oder kann man das überhaupt? Auf dieser biografischen Reise spielt sie eine sehr wichtige Rolle - sowohl als Wissenschaftlerin wie auch als Mensch."

Aber trotz Claras Kampf, mit der Arbeitswut ihres Mannes und seinen nie verheimlichten Affären zurechtzukommen, glaubt Linney, dass die Kinseys Pioniere in einer sehr modernen Eheführung waren. "Prok und Mac verändern sich und wachsen gemeinsam.

Für mich ist das mehr als alles andere der Schlüssel zu einer guten Ehe", sagt Linney. "Beide liebten und respektierten sich so sehr, dass sie menschlich in einem Maß wachsen und reifen konnten, das sie selbst schockierte und überraschte. Das glaube ich."

Nachdem die Rollen von Kinsey und Clara besetzt waren, wandten sich die Filmemacher dem Kreis der Forscher zu, mit denen das Paar, und das kann man wörtlich nehmen, hautnah zu tun hatte.

Als Kinseys Mitarbeiter besetzten Condon und Mutrux drei hoch gelobte Darsteller: Chris O'Donnell, Peter Sarsgaard und Timothy Hutton. Jeder von ihnen, so glaubte Condon, besitzt Qualitäten, die denen ihrer Figuren ähnlich waren.

"Als ich mir Interviews mit Pomeroy, Martin und Gebhard anhörte, fiel mir ihr breiter Mittelwesten-Akzent auf", erzählt Condon. "Das erinnert einen daran, wie außergewöhnlich es war, dass all das im Herzen unseres Landes und während eines Krieges passierte."

"Tim schuf mit seiner Figur so eine Art Lebemann aus dem Mittelwesten", fährt Condon fort. "Kultivierter, besser erzogen und ausgebildet als die beiden anderen, aber auch etwas zügelloser, was mir sehr gefiel.

Chris war immer dieser adrette Junge von nebenan, aber er kann auch eine sehr komplizierte Figur spielen, wie er hier unter Beweis stellt. Und Peter ist ein echtes Original.

Es gibt eine interessante Spannung zwischen der von ihm gespielten Figur, die arglos und offen so in ihre Zeit passt, und Peter selbst, der all das auch, aber auf eine sehr moderne Art und Weise ist.

Ich liebe es einfach, wie diese drei Darsteller so unterschiedliche Charaktere erschaffen haben. Und alle haben sie die unglaublichsten blauen Augen."

Peter Sarsgaard, der Clyde Martin spielt, wurde von dem Projekt aus den verschiedensten Gründen angezogen. "Ich fand das Drehbuch herausragend, und das Thema interessierte mich sehr.

Außerdem hatte ich mit Liam bereits bei K-19: THE WIDOWMAKER ("K-19: Showdown in der Tiefe", 2002) zusammengearbeitet, was ich sehr genossen habe.

Es deutete alles so offensichtlich darauf hin, dass dies ein Projekt für mich war. Es gab 20 verschiedene Gründe, diesen Film zu machen, und jeder für sich reichte aus, dass ich zusagte."

Als Vorbereitung für seine Rolle wurde Sarsgaard in die Geschichte von Kinseys Team eingeführt, mit der Methodik der bohrenden Fragen und dem Netz von persönlichen Beziehungen, das das Team umgab, vertraut gemacht.

"Etwa drei Tage nachdem Bill mir die Rolle angeboten hatte, bekam ich per Fedex von ihm diese Kiste mit dem ganzen Material über Kinsey.

Darunter Audio- und Videokassetten, private Filme, eine Dokumentation und das Buch "Taking a Sex History", an dem Pomeroy mitgearbeitet hatte. Es war eine Flut von Informationen und ein großartiger Ausgangspunkt für meine Darstellung."

Aber Sarsgaard, der in einer Reihe denkwürdiger Filme, darunter BOYS DON'T CRY ("Boys Don't Cry", 1999) und SHATTERED GLASS (2003), Menschen verkörpert hatte, die tatsächlich gelebt hatten oder noch leben, wusste, dass schon ein einziges Detail über eine Person ihre komplette Wiedererweckung auslösen kann.

"Im Falle von KINSEY war das eine Fotografie", führt Sarsgaard weiter aus. "Auf ihr sah man Clyde mit langen Unterhosen bis zum Bauchnabel und nacktem Oberkörper, daneben stand Kinsey in seinem Slip.

Ich kann nicht sagen, was im Besonderen ich daraus ableitete, aber insgesamt fand ich damit einfach einen Zugang zu ihrer Beziehung. Kleinigkeiten wie diese können wirklich inspirierend sein."

Eine andere Inspiration war die Zusammenarbeit mit Neeson. "Er besitzt so große moralische Integrität und Überzeugungskraft", schwärmt Sarsgaard. "Er mußs sich nicht um Größe und Würde bemühen, er hat sie einfach. Für den Film ist das perfekt."

Als Chris O'Donnell gefragt wurde, ob er Pomeroy spielen möchte, kannte er Kinsey nicht. Was er über ihn und seine Arbeit danach aber erfuhr, beeindruckte ihn.

"Es ist erstaunlich, dass dieser Typ einige Jahre lang zu den bekanntesten Personen auf dieser Welt gezählt, ich aber noch nie von ihm gehört hatte", wundert sich O'Donnell. "Deshalb waren das Drehbuch und meine eigene Recherche wie Geschichtsunterricht für mich.

Ich fand es wirklich interessant, dass zu dem Zeitpunkt, an dem Kinsey seine Arbeit aufnahm, wir das Paarungsverhalten von jedem Tier studiert hatten, aber niemand dies je beim Menschen versucht hatte. Einfach erstaunlich, wie lange es dauerte, bis es dazu kam."

Je mehr O'Donnell las, desto besser verstand er, wie jemand wie Pomeroy seine eigene Karriere aufs Spiel setzte, nur um mit Kinsey zusammenarbeiten zu können.

"Kinsey war ein sehr leidenschaftlicher Mensch", erzählt O'Donnell, "und diese Leidenschaft war ansteckend. Ich habe gelesen, dass Pomeroy eine Vorlesung Kinseys hörte und verblüfft von dem war, was Kinsey zu sagen hatte und wie er sich als Persönlichkeit präsentierte.

Er mußste einfach ein Teil dieses Projekts werden. Die Beziehungen zwischen Kinsey und seinen Assistenten war sehr ungewöhnlich", betont O'Donnell.

"Das ging weit über eine Arbeitsbeziehung hinaus, hatte auch Einfluss auf den privaten Bereich, was die Dinge auf einer Gefühlsebene wohl sehr kompliziert gemacht haben mußs."

Timothy Hutton kannte Kinsey und seine Arbeit, noch bevor er angesprochen wurde, Gebhard zu spielen. Seiner Ansicht nach hätte das Timing nicht besser sein können, um Kinseys Geschichte zu erzählen.

"Es geht in diesem Drehbuch um so viele Dinge", erklärt Hutton. "Es ist eine Biografie von Alfred Kinsey mit zahllosen Liebesgeschichten. Aber es ist auch ein Porträt der Zeit, des Landes, der Kultur.

All das behandelt das Drehbuch auf wunderbare Weise. Ich glaube, dass so wie Kinseys Werk nach der Veröffentlichung Auswirkungen hatte, auch dieser Film Auswirkungen haben wird." Auch Hutton erhielt eine von Condons und Mutrux' Recherchekisten, auf die er sich mit großer Neugier stürzte.

Eine seiner Schlussfolgerungen lautet, dass Kinsey ziemlich smart war, Pomeroy, Martin und Gebhard auszuwählen, denn er erkannte, dass jeder von ihnen eine spezifische Stärke besaß, die der Untersuchung nur helfen würde.

Einer von ihnen konnte wahrscheinlich besonders gut die sexuellen Biografien aufnehmen, die Menschen über ganz intime Dinge zum Reden bringen.

Der Zweite hatte vielleicht seine Stärken in Verwaltungsaufganen und der Dritte als Sozialwissenschaftler. Es ist sehr hart, so ein Team zusammenzustellen, wenn man eine solche Studie in Angriff nimmt."

Die Besetzung vervollständigen in kleineren, aber wichtigen Rollen John Lithgow, Tim Curry und Oliver Platt. Lithgow stützte sich in der Vorbereitung auf die Rolle von Alfred Sequine Kinsey und dessen Beziehung zu seinem Sohn weitgehend auf Condons Drehbuch, las aber auch Auszüge aus der Biografie Kinseys.

"Kinseys Vater hatte so großen Einfluss, war so sehr ein Teil vom Leben des jungen Alfred und ein extrem tyrannischer und repressiver Mann", erzählt Lithgow.

"Er war die Ursache dafür, dass sein Sohn rebellisch, strategisch und verschlossen wurde. Für Alfred war das der einzige Weg, seine Flucht zu planen."

Für Lithgow gehört die Szene, in der Liam Neeson in späteren Jahren seinen Vater konfrontiert, zu den berührendsten des Films. "Wirklich ergreifend und wahrhaftig an dieser Szene ist, dass Kinsey nach Tausenden von Sexbiografien, die er aufnahm, nun die seines Vaters erstellte.

Und sein Vater nun Dinge laut ausspricht, über die er sein ganzes Leben geschwiegen hat. Endlich, im Alter von 81 Jahren, gibt er gewisse Dinge zu. Es ist eine sehr berührende Szene, die mich wirklich überzeugt hat, diese Rolle anzunehmen.

Ich denke, hier erkennt man das Thema des Films besser als in jeder anderen Szene: Die Wahrheit wird dich befreien. In meinen Augen besteht darin Alfred Kinseys große Leistung.

Er brachte die Menschen dazu, Dinge laut auszusprechen, auch wirklich erschreckende Wahrheiten, die sich dann als gar nicht so furchteinflößend herausstellten."

Oliver Platt ist in der Rolle von Herman Wells zu sehen. Er war Präsident der Universität von Indiana und maßgeblich verantwortlich dafür, dass Kinsey seine bahnbrechende Arbeit überhaupt in Angriff nehmen konnte.

An dieser Figur interessierte Platt am meisten, dass Wells "ein phänomenaler Macher war. Er war ein wirklich sehr geschickter Manager, Diplomat und stand an der Spitze in der Förderung der akademischen Freiheit - und das in dieser Zeit.

Er versteckte sich hinter seiner Fliege, seinem volkstümlichen Kleidungsstil und seinen gepflegten, stets frisierten Haaren", erzählt Platt, "wusste aber ganz genau, was tatsächlich in den Eheberatungsveranstaltungen ablief.

Er erkannte, dass Kinseys Arbeit von historischer Bedeutung war, und setzte viel aufs Spiel, als er Kinsey erlaubte, seine Untersuchung fortzusetzen. Ohne die Hilfe von Wells hätte Kinsey seine Arbeit wohl nicht durchführen können."

Als Platt Recherchen zu seiner Figur anstellte, entdeckte er, dass hinter Wells weit mehr steckte als seine Verbindung zu Kinsey. "In Indiana galt er als großer Held.

Er war der jüngste Präsident in der Geschichte der Universität von Indiana, wurde Diplomat und Botschafter. Ich glaube", so Platt abschließend, "dass es etwas an Kinseys exzentrischem Wesen und seiner Antriebskraft gab, mit dem sich Wells wirklich identifizieren konnte."

Mit dabei in KINSEY, in der winzigen, aber entscheidenden Rolle einer Frau, deren Leben sich durch Kinseys Untersuchung veränderte, ist Lynn Redgrave, die bereits zweimal für einen Oscar nominiert und mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

Redgrave erhielt großes Kritikerlob (und ihren Golden Globe) für ihre Darstellung in Bill Condons GODS AND MONSTERS ("Gods And Monsters", 1998) und war begeistert davon, wieder mit Condon arbeiten zu können - und sei es auch nur für einen hoch emotionalen Drehtag.

"Für Bill Condon würde ich mit dem Kopf nach unten auf einem Kerzenleuchter schaukeln", gibt Redgrave zu. "Er ist der seltene Fall eines Regisseurs, der dich glauben lässt, dass die Schauspielerei leicht ist.

Er ist so konzentriert und ihm entgeht nichts. Er weiß, wie er ein Drama entwickeln mußs und macht die Arbeit immer zu einem wunderbaren, kreativen Prozess."

Condon sprach Redgrave wegen der Rolle an, als die Schauspielerin noch ein anderes Engagement hatte und in der Hauptrolle des Stücks "Talking Heads" auf der Bühne stand. Nach einem gemeinsamen Abendessen gab er ihr das Drehbuch.

"Es war ein extrem gut geschriebenes Drehbuch, aber ich mußs zugeben, dass ich mich ständig fragte, wo denn bitte hier meine Rolle zu finden war.

Als ich dann endlich auf die Szene stieß, fand ich sie ganz wunderbar: ein kompletter Dreiakter, der sich auf eineinhalb Seiten erstreckt.

In dieser Szene, in wenigen kurzen Augenblicken, gelang es irgendwie, eine ganze Welt, das ganze Leben eines Menschen zu erschaffen."

Angeregt dazu, mehr über Kinsey zu erfahren und über die befreiende Kraft, die seine Untersuchung auf so viele, bisher an den Rand gedrängte Menschen haben würde, begann Redgrave eigene Recherchen. "Ich wollte die Kinsey-Reports selbst lesen", erzählt sie.

"Ich ging zu meinem Secondhand-Buchladen in Connecticut, wo ich wohne. Und wie es das Glück wollte, hatten sie in der vorherigen Woche gerade zwei Bände des Kinsey-Reports hereinbekommen. Das war schon ein glücklicher Zufall."

Schwerpunktmäßig las Redgrave Kinseys zweiten Band über die weibliche Sexualität. "Während ich las, erkannte ich, wie durch Kinseys Arbeit vielleicht viele Leben gerettet werden konnten.

Die von mir gespielte Frau hätte in dieser Zeit nicht davon träumen können, über solche Dinge zu sprechen", führt Redgrave weiter aus. "Sie hätte geglaubt, dass sie ganz alleine und irgendwie von der Gesellschaft losgelöst wäre.

Aber Kinsey enthüllte, dass es so etwas wie 'normal' nicht gibt. Und das sollte, dieser Meinung bin ich, für uns alle ein sehr tröstlicher Gedanke sein. Im heutigen sozialen und politischen Klima ist es die richtige Zeit, jeden daran zu erinnern."

Obwohl es nur eine sehr kleine Rolle ist, brachte sich Redgrave mit großer Hingabe ein, ging sogar zu einem Perückengeschäft, um einen Look zu finden, der sie näher an die Figur heranführte.

"Meine Figur soll im Typ eine Art Vorstadt-Fußball-Mutter sein, und ich dachte, das sei die Art von Frau, die ihre Frisur vielleicht seit Jahren nicht geändert hat, von der Farbe einmal abgesehen.

Ich zeigte die Perücke Bill und er war einverstanden, allerdings wurde später eine etwas professioneller gemachte Perücke verwendet. Bill und ich trafen auch die Entscheidung, dass diese Frau kein Make-up tragen sollte.

Ich hielt mich daran, und das ist ein weiteres Element, das die Nacktheit dieses Moments unterstützt." Vor Beginn der Dreharbeiten hatte Redgrave eine kleine Probe mit Liam Neeson und kam dann später für einen Drehtag an den Set.

"Es war ein sehr fröhlicher, ganz besonderer Tag", fasst sie zusammen. "Natürlich war es wunderbar, mit Bill zusammenzuarbeiten und auch mit Liam, der diese Rolle so mit Leben erfüllt. Als wir fertig waren, wünschte ich mir wirklich, ich hätte länger an diesem Film drehen können."

Tim Curry spielt einen ganz anderen Kollegen Kinseys, seinen Gegner und Kritiker Thurman Rice. Er fasst zusammen, was alle Darsteller an diesem Projekt so faszinierend fanden: "Wir leben in einer Welt von aufwändigen Eventfilmen.

So etwas zu drehen, kann Spaß machen. Aber es ist ein besonderes Vergnügen, in einem Film mitwirken zu können, der erwachsen ist und etwas zu sagen hat. Denn in KINSEY geht es darum, wie tatsächlich das Gedankengut dieser Welt verändert wird."

Das Design von Kinsey als Spiegel der Jahrzehnte Eine der größten Herausforderungen, der sich Bill Condon in KINSEY stellen mußste, war es, einen visuell dynamischen Weg zu finden, ein episches Leben mit den Beschränkungen eines 10-Millionen-Dollar-Budgets zu erzählen.

Condon strebte für seinen Film einen Stil an, der die wissenschaftlichen und die erwachenden sinnlichen Seiten Kinseys verband, der eine der dramatischsten Perioden in der Veränderung der amerikanischen Kultur einfangen konnte und dabei eine Reise unternahm vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Mitte der Fünfzigerjahre.

Es schien eine riesige Herausforderung zu sein, aber Inspiration fand Condon schon früh in einer Fotografie aus dem Kinsey-Archiv. "Es gab da diese unglaubliche Aufnahme, irgendwie witzig, aber auch berührend", erzählt Condon.

"Zu sehen war ein nackter Mann, der vor einem Hintergrund aus Millimeterpapier stand - ein entblößtes menschliches Geschöpf, das zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand geworden war. Für mich fasste das zusammen, was Kinsey versucht hatte."

Als Condon die Aufnahme Produktionsdesigner Richard Sherman zeigte, schlug der vor, sie als visuelles Motiv für den Film zu verwenden.

Wenn also Kinseys Projekt in Gang kommt, findet sich das Rastermuster im Design wieder, dominiert manchmal ein ganzes Set (wie in dem "Laborraum" für die Interviews) oder zeigt sich in anderen Szenen auf Hintergrundobjekten wie etwa Lampen oder Raumteilern.

"Wenn das Projekt sich dann aufzulösen beginnt", erklärt Condon, "verschwindet allmählich auch das Rastermuster, bis Kinsey seinen Tiefpunkt erreicht und in einer großen kreisförmigen Bibliothek zusammenbricht." Condon und Sherman einigten sich auch auf eine einzigartige Methode, die Vergangenheit wiederzuerwecken.

"Zu Anfang des Films gibt es viele Details aus der Zeit zu sehen, aber wenn wir uns den Jahren von Kinseys Untersuchung zuwenden (die Vierziger- und Fünfzigerjahre), halten wir uns ein bisschen zurück", erklärt Sherman.

"Wenn man die zeitgeschichtlichen Details überbetont, kann das manchmal wirken, als läge der Film unter einer Art Schleier", fügt Condon hinzu.

"Weil die Forschungsbereiche, die Kinsey untersuchte, immer noch von so großer Bedeutung sind, haben wir uns zum Ende des Films hin um eine fast zeitlose Qualität bemüht, um zu vermitteln, dass sich in mancher Hinsicht die Dinge überhaupt nicht geändert haben."

Aus dem gleichen Grund entschied sich Condon auch dafür, keine Titelkarten zu verwenden oder Zeiten einzublenden.

"Es gibt schon gelegentliche zeitliche Hinweise - ein Mann in Uniform während der Vierzigerjahre oder die McCarthy-Anhörungen der Fünfzigerjahre -, aber meistens haben wir versucht, ein Gefühl von Unmittelbarkeit aufrechtzuerhalten."

Schon früh wurde entschieden, den Film in New York und New Jersey zu drehen und nicht in Indiana, wo sich ein Großteil der Geschichte abspielt. Der Hauptgrund dafür war, auf das Reservoir an außergewöhnlichen Schauspielern in New York zurückgreifen zu können.

Ganz besonders gilt das für Dutzende New Yorker Darsteller, die Kinseys unzählige Untersuchungs-Probanden spielen. "Uns standen nur 34 Tage zur Verfügung, um eine eigentlich epische Geschichte zu drehen", erklärt der Regisseur.

"In den Vierzigerjahren maßen Kinsey und sein Team die sexuelle Temperatur Amerikas, indem sie jede Landesregion und das oft mehrmals bereisten.

Weil wir für solche Trips weder Geld noch Zeit hatten, verließen wir uns auf die Gesichter der Schauspieler, um den Umfang und die Vielfalt dieser Untersuchung anzudeuten." Zu Condons Parade von überqualifizierten "Tagesakteuren" zählten viele Theaterstars.

Dazu gehörten John McMartin ("Into the Woods", "Follies"), Kathleen Chalfant ("Wit", "Angels in America"), Jefferson Mays (zuletzt mit dem Tony ausgezeichnet für "I Am My Own Wife"), John Epperson (auch als Lypsinka bekannt), Reno, Katherine Houghton, Kate Reinders ("Gypsy"), David Harbour (spielt mit in der Broadway-Wiederaufführung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?") sowie Laura Linneys Vater, der renommierte Bühnenautor Romulus Linney, der als B. Carroll Reece, Mitglied des House of Representatives, zu sehen ist.

Zu den Schlüsseldrehorten in New York zählten auch drei Universitäten: aufgrund der Architektur, die der Universität von Indiana ähnelt, wurde die Fordham University ausgewählt.

Im Bronx Community College wurde die zuvor erwähnte Szene mit der klassischen Marmor-Rotunde gedreht, und der historische Havemeyer-Hörsaal der Columbia University wurde zum Schauplatz für Kinseys Eheberatungskurse.

Zu den anderen wichtigen Drehorten gehörte auch ein Haus in Plainfield, New Jersey aus dem 19.Jahrhundert, das Kinseys Haus sein sollte, sowie ein Gebäude im Letchworth Village in Stony Point. Hier entstand Kinseys Labor und Büro, wo er und sein Team ihre Interviews führten.

Nachdem die Drehorte feststanden, arbeitete Condon eng mit einem Team von Künstlern zusammen, die sich schon immer einem innovativen Stil verpflichtet hatten.

Dazu zählte auch Kameramann Frederick Elmes, der schon das Licht für ganz unterschiedliche, aber visuell aufregende Filme gesetzt hatte, darunter BLUE VELVET ("Blue Velvet", 1986), THE ICE STORM ("Der Eissturm", 1997) und HULK ("Hulk", 2003).

Außerdem gehörten zu diesem Team Produktionsdesigner Richard Sherman sowie Kostümdesigner Bruce Finlayson, mit dem Condon bereits bei GODS AND MONSTERS zusammengearbeitet hatte.

Als Elmes das Drehbuch zu KINSEY gelesen hatte, hatte er das Gefühl, dass dies ein Projekt genau nach seinem Geschmack war. "Für mich war dieser Stoff fruchtbarer Boden, um einen einzigartigen visuellen Stil zu kreieren", erklärt der Kameramann.

"Bill und ich starteten unsere Zusammenarbeit mit Gesprächen, wir tranken viel Kaffee und Wein, gingen gemeinsam zum Abendessen und begannen, uns auf die wichtigen Elemente zu konzentrieren."

Von Anfang an war sich Elmes einer der größten Herausforderungen bewusst, nämlich jeder unterschiedlichen Zeitperiode im Film einen eigenen detaillierten Look, eine eigene Atmosphäre zuzuweisen.

"Wir versuchten ganz akkurat, Dinge aus diesen ganz unterschiedlichen Zeitperioden zu übernehmen, aber es war nicht einfach, mit den gleichen Akteuren und Schauplätzen den Schritt von den Zwanziger- zu den Fünfzigerjahren, eine Zeit großen kulturellen Umbruchs, zu machen", gibt Elmes zu.

Um ein Gefühl für Geschichte im Wandel zu erzeugen, arbeitete Elmes auch eng mit Produktionsdesigner Richard Sherman und Kostümdesigner Bruce Finlayson zusammen, die für das Design des Films intensive Recherchen über die Geschichte Amerikas im 20. Jahrhundert betrieben.

"Richard und Bruce haben so vieles in den Film eingebracht", sagt Elmes. "Richard schuf für jede einzelne Periode einen bestimmten Look, der nicht nur einige nostalgische historische Details einbaute, sondern auch wirklich ein Gefühl über das damalige Leben vermittelte", erklärt Elmes.

"Und die Kostüme von Bruce führten uns durch die Jahre, in nahtlosen Übergängen, die zeigten, dass Zeit vergangen war." Was die Lichtgestaltung anbetrifft, hatte Elmes eigene Ansichten darüber, wie sich das Gestern vom Heute unterscheidet.

"Ich hatte schon immer den Eindruck, dass es früher viel weniger Licht als heute gab. Deshalb entschied ich, mich mehr auf natürliches Licht zu verlassen, ganz besonders am Anfang des Films.

Ich habe mehr die Fenster eingesetzt, das in den Raum einfallende Licht manipuliert und damit Atmosphäre hergestellt", erklärt Elmes.

Aber die größte Herausforderung waren die Szene mit den Sex-Interviews, die Elmes "das Rückgrat des Films" nennt. Sie wurden erst in der letzten Woche gedreht, damit das ganze Team genug Zeit zur Vorbereitung hatte.

"Ich wusste, dass für Bill diese Interviews von zentraler Bedeutung waren, dass es dabei wirklich um die Erfassung von Gesichtern und um darstellerische Nuancen von Sekundenbruchteilen ging", erklärt Elmes.

"Eine andere Idee war es, diese Interviews, die repräsentativ sind für Kinseys Stil und Technik in der Erstellung seiner sexuellen Biografien, so wirken zu lassen, als gehörten sie irgendwie in eine andere Zeit, und sie dafür vom Kern des Films abzutrennen.

Das würde es Bill erlauben, zu verschiedenen Punkten der Handlung auf sie zurückzukommen - und immer würden dabei Unterschiede erkennbar sein. So entschieden wir uns unter anderem dafür, einige der frühen Interviews unseres Farbfilms in Schwarzweiß zu drehen."

Für Condon, Elmes und Richard Sherman waren die Interviews auch Teil eines Kontinuums von sich verändernden Farben. "Der Film beginnt mit relativ wenig Farbe", kommentiert Elmes, "aber mit den Jahrzehnten, die vorüberziehen, fügen wir Farbe hinzu - an den Wänden, Schaufenstern, Möbeln und Kostümen.

Zu Beginn trägt Kinsey meist dunkle graue Anzüge, aber plötzlich sieht man Haut und er trägt Shorts ohne Hemd, dann schließlich befindet man sich plötzlich in einem Garten mit den schönsten Farben.

Diese Steigerung hilft ein bisschen dabei, den Wandel der Zeit zu zeigen, vermittelt uns aber auch ein Gefühl für das wachsende Selbstbewusstsein Kinseys und für sein berufliches Aufblühen.

Die Idee stammt von Richard Sherman, und wir alle haben daran gearbeitet, sie umzusetzen. So tritt also nach den Schwarzweißpassagen Farbe in den Film, sobald wir uns in die Vierzigerjahre begeben und uns dem Höhepunkt seiner Karriere nähern."

Und Bill Condon fügt hinzu: "Weil Kinsey von der viktorianischen Kultur, mit der er aufwuchs, so unterdrückt wurde, sollten die Szenen aus seinem frühen Leben ein Gefühl vermitteln, als wäre alles um ihn herum bedrückend, sollte alles in puncto Farbe und Lichtsetzung düster und dunkel wirken.

Wenn er dann die Wissenschaft entdeckt und sich von allem befreit, wird der Film heiterer und heller, ist dann nicht mehr so klaustrophobisch. Die Räume werden größer, die Farben leuchtender."

So wie sich die Schauplätze verändern, schreitet für die Figuren auch die Zeit voran. Das erforderte ein kompliziertes Make-up. Nicht nur die Gesichter der Schauspieler müssen altern, sondern auch ihre Körper und ihre Körperhaltung mußste verändert werden.

Deshalb mußsten die Darsteller mit Bodysuits, die sie dicker erscheinen ließen, und langen Sitzungen im Make-up-Stuhl rechnen.

"Es ist ein komplizierter und schwieriger Prozess", beschreibt Laura Linney das Altern auf der Leinwand. "Aber Mindy Hall, die für mein Make-up verantwortlich war, und Todd Kleitsch, der Experte für die prothetischen Auflagen, waren beide bemerkenswert.

Sie haben wirklich einen kompletten Look erschaffen. Ich hatte drei verschiedene Bodysuits, die Gewichtszunahme simulierten, und zwei verschiedene Sätze mit falschen Brüsten.

Die prothetischen Auflagen für den Alterungsprozess, darunter ein Nackenstück und Tränensäcke, waren wirklich etwas ganz Besonderes. Es gab Tage, an denen ich vier Stunden brauchte, um drehbereit zu sein.

Das forderte mich sehr, aber die Ergebnisse waren großartig, und ich hatte wirklich meinen Spaß dabei. Für so etwas und das in diesem Ausmaß bot mir noch kein Film zuvor eine Gelegenheit."

John Lithgow, der in seinen letzten Szenen als Achtzigjähriger auftreten mußs, war sehr erstaunt über seine eigene Veränderung. "Ich habe sicher nie gedacht, dass ich jemals Liam Neesons Vater spielen würde", bemerkt Lithgow.

"Für meine Darstellung war deshalb Make-up außerordentlich wichtig. Glücklicherweise haben sich die Techniken sehr verändert, seit ich das letzte Mal einen alten Mann spielen mußste.

Ganz besonders bemerkenswert fand ich es, diese außergewöhnlichen Kontaktlinsen zu tragen. Sie vernebeln die Sicht so sehr, dass man sich wirklich alt fühlt."

Auch Carter Burwells intime Filmmusik trägt zur Atmosphäre von KINSEY bei. Burwell, den man vielleicht am besten durch seine evokativen Soundtracks zu Filmen der Coen-Brüder kennt, hat mit Bill Condon bereits bei GODS AND MONSTERS zusammengearbeitet.

Noch während der Komponist mit einem anderen Film beschäftigt war, bekam er von Condon das Skript zu KINSEY zugeschickt. "Mir fiel sofort auf, wie ungewöhnlich dieses Drehbuch war und wie schwer es sein würde, dies für die Leinwand umzusetzen", erinnert sich Burwell.

"Vergleichbares hatte ich noch nicht gelesen. Was mir außerdem auffiel, war, dass ich zwar von Kinsey schon gehört hatte, immer aber annahm, dass er in den Sechzigerjahren tätig war, denn schließlich nahm in dieser Dekade die ganze sexuelle Befreiungsbewegung ihren Anfang.

Ich war erstaunt, als ich herausfand, dass seine Untersuchungen aus den Vierzigerjahren stammten. Das hat mich wirklich fasziniert, denn damit stand er außerhalb seiner Zeit."

Je mehr Burwell über Kinsey erfuhr, desto mehr wollte er einen der primären Einflüsse des Wissenschaftlers auch in der Musik zum Tragen lassen kommen: die Natur.

"Eine der interessantesten Ideen in diesem Film ist für mich, dass durch die Liebe zur Natur Kinsey tatsächlich zu seinen Forschungen über die Sexualität kam.

Es gibt so große Vielfalt in der Natur und er erkannte, dass sich diese Vielfalt auch bei den Menschen zeigte. Deshalb sollte die Musik die Grandiosität der Natur, die für Kinsey so inspirierend war, widerspiegeln.

Gleichzeitig sollte sie aber auch große Wärme und Menschlichkeit ausstrahlen, um sich der Vorstellung zu widersetzen, dass Wissenschaftler immer trocken und analytisch sein müssen. Denn Kinsey hatte ganz sicher seine eigenen Kämpfe mit typisch menschlichen Problemen auszutragen."

"Ich komponierte ein musikalisches Thema", fährt Burwell fort, "das erstmals früh im Film zu hören ist, als Kinsey Tiere skizziert. Wann immer er dann Kontakt mit der Natur hat, wird dieses Thema angespielt - bis hin zum Ende seines Lebens."

Während Burwell an seinem Soundtrack arbeitete, erkannte er, dass diese Musik zu den traditionellsten Kompositionen gehörte, die er je für einen Film geschrieben hatte. Aber all das machte Sinn.

Burwell, den es schon immer zu Kontrapunkt und Gegenspiel hinzog, erforschte musikalisch Kinseys eigene Widersprüche. "Kinsey erscheint uns so unkonventionell, aber sein biografischer Hintergrund ist sehr traditionell und beeinflusste ihn maßgeblich.

Er war sich bewusst, dass er während einer sehr konventionellen Zeit und an einem sehr konventionellen Ort etwas Revolutionäres versuchte", erklärte Burwell.

"Bill und ich waren uns nach gemeinsamen Gesprächen einig, dass die Musik diesen Umstand reflektieren sollte, dass sie ein ruhiges, aber starkes persönliches Gefühl vermitteln sollte, dessen Wurzeln im Traditionellen lagen."

Mag die Musik auch das traditionelle Fundament widerspiegeln, war die Zusammenarbeit von Burwell und Condon doch sehr von der Moderne geprägt. Burwell komponierte in New York, schickte Condon per Internet musikalische Auszüge.

So entwickelte sich ein reger Gedankenaustausch, bis schließlich der Soundtrack verfeinert und vollendet war. Als Burwell schließlich soweit war, ins Studio zu gehen, seine Musik aufnehmen zu lassen, erfuhr er, dass das Budget des Films fast völlig aufgebraucht war.

Doch er nahm die Herausforderung an, dennoch seinen Soundtrack einzuspielen. Er zog sein Vorhaben mit einem kleinen Ensemble von nur 11 Musikern durch, was der Musik eine noch stärkere Atmosphäre von intimer Nähe verlieh.

"Tatsächlich war es musikalisch weitaus interessanter, mit einer so kleinen Gruppe zu arbeiten", gibt der Komponist zu. "Es war eine sehr stimulierende Herausforderung, weil man viel konzentrierter über den Einsatz jedes einzelnen Instruments nachdenken mußs.

Die Musiker waren großartig. In einem Ensemble wie diesem spielt jeder Musiker etwas völlig anderes, wird jede einzelne Note für den Gesamteindruck viel wichtiger."

Condon konzentrierte sich in seiner filmischen Strategie darauf, aus der vielschichtigen Persönlichkeit Kinseys so etwas wie menschliche Authentizität herauszuarbeiten - ob das nun die Falten eines Schauspielers, ein Möbelstück oder den grundlegenden Ton des Films betraf.

"In gewisser Weise war Bill eine Art Mini-Kinsey", fasst Liam Neeson zusammen. "Bill hat die vom Film angesprochenen Themen geliebt - und das war sichtbar bei jedem einzelnen Aspekt dieser Produktion."

Das alles wurde sehr bedeutsam, berührte Neeson, seine Kollegen und die Crew auch persönlich, als Kinseys Enkelin das Set besuchte. "Sie war sehr bewegt von dieser Erfahrung", erinnert sich Neeson.

"Sie betrat das Haus, das wir zu diesem Zeitpunkt als Drehort benutzten, mit all den Möbeln aus der Zeit und den Requisiten, und begann zu weinen. Sie sagte: 'Das ist es.'

Natürlich hatten wir nicht die echten Einrichtungsgegenstände aus dem Kinsey-Haus zur Verfügung, aber sie spürte die Schwingungen, das Gefühl, die von diesem Haus ausgingen. Sie sagte, dass es scheinbar nicht nur zum Ausdruck brachte, wo sie, sondern auch, wie sie gelebt hatten.

Das war für uns eine große Befriedigung, denn sie erkannte, dass wir versuchten, diese Geschichte mit der Aufrichtigkeit zu erzählen, die Kinsey immer angestrebt hatte."

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