Barfuss

Ausführlicher Inhalt

Mit leisen Schritten trippelt Leila (JOHANNA WOKALEK) die Gänge der psychiatrischen Klinik entlang. In ihrem Nachthemd. Und wie immer barfuss. Ihre Füße würden sich eingesperrt fühlen, wenn sie Schuhe tragen müsste.

Leila hasst es, eingesperrt zu sein. Sie mußs es schließlich wissen: Sie ist schon ihr gesamtes Leben eingeschlossen. Seit 19 Jahren.

Zuerst wegen ihrer überprotektiven Mutter, die ihr nie erlaubt hat, die heimische Wohnung zu verlassen und selbst zu erleben, was Freiheit, was Menschen bedeuten.

Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Leila in einer psychiatrischen Klinik. Wieder eingeschlossen. Wieder in Isolation: Sie hat keine Freunde, spricht nicht mit anderen, ist einsam und verlassen.

Wie immer sichtlich zerknautscht kreuzt Nick Keller (TIL SCHWEIGER) auf dem Arbeitsamt auf. Es ist ihm noch nicht richtig bewusst, aber seit Monaten macht er seinem Namen mehr und mehr alle Ehre: Mit ihm geht es auf direktem Wege abwärts.

Er kann sich selten an die Namen der Frauen erinnern, neben denen er am Morgen aufwacht, und seine immer mieseren Jobs ist er schneller wieder los, als er sie antreten kann.

Überhaupt ist er nur noch ein Abbild des stattlichen und hoffnungsfrohen Typen aus gutem Hause, der er vor gar nicht allzu langer Zeit noch war.

Doch seitdem seine Beziehung zu seiner großen Liebe Janine (ALEXANDRA NELDEL) in die Brüche gegangen ist, hat Nick den Boden unter den Füßen und infolgedessen sich selbst verloren.

Kein Wunder, dass sein gestrenger Stiefvater Heinrich (MICHAEL MENDL) und sein opportunistischer und karrierebesessener Bruder Viktor (STEFFEN WINK) das schwarze Schaf der Familie für einen Versager auf ganzer Linie halten, der es im Leben zu nichts bringen wird ? sehr zum Missfallen von Nicks Mutter (NADJA TILLER), die als Letzte zu ihrem Sohn hält und den Glauben an ihn nicht verloren hat.

Genau den würde Nick liebend gerne wieder gewinnen. Den Glauben an sich selbst, an Andere, an die Welt, an die Liebe. Deshalb verhält er sich auf dem Arbeitsamt unterwürfiger, als es seine rebellische Natur eigentlich erlauben würde.

Aber Nick braucht einen Job. Unbedingt. Er nimmt sogar ohne Murren eine Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik an, als man ihm diese anbietet.

Gleich nach den ersten fünf Minuten an seinem neuen Arbeitsplatz stellt Nick jedoch resigniert fest, dass er sich hier seinen besten Anzug hätte sparen können: Er soll nämlich als Putzkraft dafür sorgen, dass die Böden und vor allem die Toiletten in tadellosem Zustand sind.

Eine ziemlich eklige Aufgabe, wie schon die kurze Einführung durch den Hausmeister (JÜRGEN VOGEL) beweist. Entsprechend entmutigt und gelangweilt versucht Nick, den Tag rumzubringen.

Als ihn seine Mutter anruft, der er natürlich vorgaukelt, dass alles prima liefe und es mit seiner Karriere nun steil bergauf ginge, ist er davon so abgelenkt, dass er gar nicht bemerkt, wie ein Insasse der Klinik eine Flasche Reinigungsmittel in einem Zug austrinkt.

Und das, obwohl Nick explizit vor der Möglichkeit derartiger Unfälle gewarnt wurde. Also kann er einen neuen traurigen Rekord vermelden: Schneller wurde selbst er noch nicht gefeuert.

Nick versucht, in der Toilette wieder einen klaren Gedanken zu fassen ? und wird prompt Zeuge von Leilas Versuch, sich zu erhängen. In allerletzter Sekunde kann er sie retten und ins Leben zurückholen.

Es ist das erste Mal, dass jemand Leila berührt. Für sie mußs das ein Zeichen sein: Es kann kein Zufall sein, dass Nick in diesem Moment in ihr Leben tritt. Davon ist sie überzeugt.

Als sich Nick auf den Heimweg macht, folgt sie ihm kurzentschlossen ? unbemerkt an den Wachen vorbei, in eine Welt, die sie nicht kennt. Barfuss.

Leila ist das letzte, was Nick in seiner verzweifelten Situation zum Glück gefehlt hat. Gerade hat er von seiner Mutter erfahren müssen, dass sein Bruder Viktor heiraten wird.

Und zwar ausgerechnet Nicks große Liebe Janine. Natürlich wird Nick zur Hochzeit auf dem Familiensitz erwartet. Und natürlich kann er die Einladung nicht ausschlagen, denn dann würden all seine kleinen Lügen über den Aufbau seiner angeblich erfolgreichen Existenz auffliegen.

Und jetzt hat Nick auch noch Leila dabei, die ihm nicht mehr von der Seite weichen will ? ein total verschüchtertes Mädchen, das kaum spricht und sich ausgerechnet ihn ? IHN! ? als Leitfigur ausgesucht hat.

Doch nicht einmal mit ein paar Tricks lässt sich Leila in die Klinik zurückbringen oder abschütteln. Anfassen lässt sie sich schon gar nicht mehr: selbst bei den zaghaftesten zufälligen Berührungen beginnt sie zu schreien, sodass Nick das Unterfangen schließlich aufgibt.

Zu allem Überfluss gibt auch noch Nicks schicker, aber heruntergekommener Oldtimer den Geist auf und er mußs mit Leila Bus fahren. Ausgerechnet. Geduldig erklärt er ihr, was denn ein Bus überhaupt ist, warum man ein Ticket lösen mußs.

Er will es sich nicht so recht eingestehen, aber irgendwie gefällt Nick die Situation ? der unverdorbenen, kindlichen und schonungslos ehrlichen Art von Leila mag er sich gar nicht so recht entziehen.

In einem schwachen Moment erklärt er sich bereit, Leila auf seiner Reise zu seiner Familie mitzunehmen.

Nachdem ihm auch noch die EC-Karte eingezogen wurde, macht sich das ungleiche Paar ohne einen Eurocent in der Tasche auf den Weg. Geschickt versteckt sich Nick mit Leila in einem Schlafwagen und hofft, unentdeckt bis ans Ziel der Reise zu kommen.

Der erste ruhige Moment, den die beiden miteinander verbringen, wird jäh vom Schaffner unterbrochen, der sie bei der nächsten Gelegenheit an die frische Luft setzt.

Doch dieser Moment hat Leila ausgereicht, um Nick für sich zu gewinnen: Sie ist der erste Mensch, der ihm voll und ganz vertraut, der keine Anforderungen an ihn stellt ? außer in seiner Nähe zu sein. Das imponiert ihm.

Nick macht sich auf die Suche nach einem Auto, das er knacken könnte, während Leila von einem Penner (ARMIN ROHDE) von einer Parkbank verscheucht wird, wo sie eigentlich auf Nick warten soll.

Ahnungslos stolpert sie am Straßenstrich vorbei und wird prompt von einem Freier angemacht. Nick kann gerade noch rechtzeitig einschreiten ? und kommt mit seiner Rettungsaktion zufällig an ein Auto, das er dem verschreckten Freier abnimmt. Damit geht das Abenteuer von Nick und Leila aber erst richtig los.

Sie ruinieren das Auto bei dem Versuch, es dem Autohaus der Brüder Huhn (MARKUS MARIA PROFITLICH und AXEL STEIN) zu verkaufen, werden das Wrack dann bei einem etwas fragwürdigen Autohändler (MARK KELLER) dank Leilas unerschütterlicher Ehrlichkeit für deutlich weniger Geld los als erhofft, setzen die Reise zu Fuß fort, durchkreuzen Weizenfelder und landen in einer Kleinstadt-Pension, vor der eine Kirmes ihre Zelte aufgeschlagen hat.

Mit jeder neuen Episode sind sie sich näher gekommen, haben mehr Vertrauen füreinander gewonnen. An diesem Abend kuschelt sich Leila erstmals an den leicht verlegenen Nick. Für ein paar Stunden sind die Beiden glücklich. Der nächste Tag ist der große Tag. Auf alle Fälle will Nick seiner Familie beweisen, dass er kein Verlierer und Sprücheklopfer ist.

Leise macht er sich Hoffnungen, dass er wohl doch in das Geschäft seines Stiefvaters einsteigen kann. Leila soll ihm dabei helfen. Deshalb gibt er sie als seine Freundin aus und trichtert ihr genau ein, was sie zu sagen hat. Aber als sie ankommen, bleibt die Stimmung nur kurze Zeit gut.

Nick legt sich mit seinem Bruder an, blamiert sich beim großen Dinner vor allen Gästen und kann sich nur in letzter Sekunde vor den Avancen der kessen Sarah (JANINE KUNZE) retten, die nicht nur die Geschäftspartnerin seines Stiefvaters ist, sondern schon lange ein Auge auf ihn geworfen hat.

Und der Stiefvater putzt ihn vor allen Leuten lautstark herunter. Als bereits alles verloren scheint, macht sich auch noch Viktor an Leila ran, die daraufhin durchdreht. Resigniert verlässt Nick mit Leila die Party. Hier hat er nichts mehr verloren.

Er ahnt nicht, dass ihm das Schicksal in Kürze noch viel übler mitspielen wird. Und dass er kämpfen wird, zum ersten Mal in seinem Leben.

Um das, was ihm am wichtigsten ist auf dieser Welt ... um Leila! Koste es, was es wolle ... auch wenn es heißt, dass auch er auf einmal vor allem eines ist: barfuss ...

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Dirk Jasper FilmLexikon

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