Barfuss

Produktionsnotizen

Wer nach den Anfängen von BARFUSS forscht, mußs bis ins Jahr 1998 zurückblicken. So lange ist es bereits her, dass Til Schweiger auf der Suche nach neuen Filmstoffen in den USA auf das Drehbuch von ?Barefoot? stieß, einer verrückten Roadmovie-Geschichte.

Ein junger Halunke zieht sich den Ärger der Unterwelt zu und hofft, seine Schulden begleichen zu können, indem er mit einer neuen Lebensgefährtin bei den reichen Eltern aufkreuzt ? nur dass er das Mädchen aus einer Klinik für psychisch Kranke entführt hat.

Der Stoff hatte die Coolness und die lockeren Sprüche, nach denen Schweiger damals suchte.

Doch es steckte noch mehr darin ? etwas beinahe Märchenhaftes; eine Ehrlichkeit, Zärtlichkeit und Tiefe in der Zeichnung der Beziehung zwischen dem Protagonisten und dem entführten Mädchen, das bevorzugt barfuss durch die Welt geht, als Sinnbild für ihren ungebrochenen Freiheitswillen.

Pläne, den Film in englischer Sprache als amerikanische Produktion zu verwirklichen, ließen sich nicht realisieren. Und so blieb ?Barefoot? zunächst einmal unverfilmt im Besitz von Til Schweiger.

Obwohl der Schauspieler und Filmemacher viel beschäftigt blieb, mit Hauptrollen in Deutschland und dem Bemühen, sich auch in den USA einen Namen zu machen und damit ein zweites Karriere-Standbein zu schaffen, entwickelte sich das unrealisierte Projekt mehr und mehr zum Traumprojekt.

Mittlerweile war es aber längst nicht mehr der Gangster-Plot, der Schweiger ansprach. Die Beziehung zwischen dem verantwortungslosen und doch durchweg sympathischen Hallodri Nick und der verschüchterten, einsamen Leila mit dem reinen Herzen war für ihn mehr und mehr in den Fokus gerückt.

Weshalb Til Schweiger längst begonnen hatte, selbst eine neue Drehbuchfassung zu erarbeiten, die dem neu gelagerten Interesse an ?Barefoot? entsprach. Und Schweiger traf noch eine weitere wichtige Entscheidung.

Der Film sollte in Deutschland in deutscher Sprache als deutsche Produktion entstehen. Aus ?Barefoot? wurde BARFUSS.

Tom Zickler, Produzent und Herstellungsleiter und nach KNOCKIN? ON HEAVEN?S DOOR und DER EISBÄR zum dritten Mal als rechte Hand an einem Film von Til Schweiger beteiligt, erinnert sich: ?Ich habe das Drehbuch erstmals in einem sehr frühen Stadium gelesen.

Es gefiel mir gut, war aber noch nahe dran an den Stoffen, die Til bereits davor gemacht hatte. Als er wieder nach Deutschland zurückkam und es klar war, dass er BARFUSS als deutschen Film realisieren wollte, war ich sofort mit an Bord.?

Mit dem Verlagern des Stoffs nach Deutschland ergaben sich aber automatisch unvorhersehbare neue Probleme, diesmal legaler Natur und von Schweiger in keinster Form steuerbar. Sie waren der Grund, warum es auf einmal so aussah, als könnte BARFUSS nie umgesetzt werden.

Doch der frisch gebackene Drehbuchautor blieb beharrlich dran an der Sache. Als sich die legalen Probleme ausräumen ließen, lag bereits eine völlig neue Fassung des Skripts vor.

Schweiger war klar geworden, dass er BARFUSS gar nicht mehr als Unterweltstoff machen wollte: ?Mit 41 kann man nicht immer noch in irgendwelchen Gangsterkomödien mitspielen.

Später vielleicht wieder, vielleicht als Antagonist. Aber jetzt ist Zeit für etwas anderes. Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Zeit für diese Art von Filmen für mich vorbei ist.?

In Irland sollte sich das Schicksal von BARFUSS schließlich entscheiden. ?Das Beste an meiner Mitwirkung bei KING ARTHUR war, dass ich wochenlang auf dem Land in Irland gefesselt war?, erinnert sich Til Schweiger.

?Weil man nur unregelmäßig ans Set, aber während des gesamten Drehs anwesend sein mußste, habe ich die freie Zeit genutzt und meinen Koautor Jann Preuss eingeflogen.

Während die anderen Schauspieler in Dublin wohnten und jeden Tag eineinhalb Stunden kompliziert und aufwändig ans Set gebracht werden mußsten, hatte ich den Vorteil, mir ein Haus direkt am Set gemietet und entsprechend zeitlichen Spielraum zu haben.

In den drei Wochen, in denen ich auf Standby war, habe ich mit Jann die entscheidende Fassung des Buchs geschrieben. Als er sich auf dem Weg zurück nach Berlin befand, setzte ich mich abends hin und las mich noch einmal quer durch das fertige Werk.

Manchmal ist es ja so, dass man ein unglaublich gutes Gefühl hat. Und das stellte sich bei mir sofort ein und war ganz stark und intensiv.

Ich habe Jann sofort angerufen und zu ihm gesagt: Mann, jetzt haben wir das Ding geknackt ? das mußs ein Hit sein. So erleichtert war ich.?

Auch Tom Zickler findet, dass man die Geschichte zu diesem Zeitpunkt geknackt hatte: ?Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich das Drehbuch zu dem, was dann auch gefilmt wurde.

Der entscheidende Einfall war, dass Leila nicht, wie in der US-Fassung angedacht, von Nick ausgenutzt wird, sondern die Reise freiwillig mitmacht. Und damit funktioniert die Geschichte auf einmal perfekt.?

Und er fügt hinzu: ? Wie schon in KNOCKIN? ON HEAVEN?S DOOR wird in BARFUSS im weitesten Sinne ein Märchen erzählt.

Damals war es ja auch so, dass die Behauptung, zwei erwachsene Typen seien in Europa noch nicht am Meer gewesen, eigentlich unglaubwürdig und absolut ungeheuerlich ist.

Aber jeder versteht, was mit dieser Sehnsucht gemeint ist. Das ist der Grund, warum ein solcher Film funktionieren kann.

Dieser Film funktioniert ähnlich: Er findet in einem erfundenen Deutschland statt. Mit Ausnahme einer einzigen Szene lassen wir stets offen, wo genau der Film spielt.

Klar ist, dass es um eine Reise geht und dass auf dieser Reise etwas passiert, das unsere Helden prägt und von Grund auf verändert. Weitere Ortsangaben würden nicht zur Geschichte beitragen.?

Die lange Entwicklungs- und Vorbereitungszeit erwies sich jetzt als vorteilhaft, nachdem sich mit Buena Vista International ein begeisterter Verleih gefunden hatte und auch die Förderer mit an Bord kamen.

Weil er den Film schon all die Jahre mit sich herumgetragen hatte, kannte Til Schweiger nicht nur jede Szene, jede Zeile, jede Figur in- und auswendig.

Er hatte auch ein komplettes Konzept für die Umsetzung ausgearbeitet. Er wusste bis ins letzte Detail, wie der Film geschnitten und ausgeleuchtet werden, wie er aussehen sollte und wie die Musik zu klingen hatte.

Tom Zickler erinnert sich: ?Til hatte ein ganz genaues Farb- und Lichtkonzept ausgearbeitet, lange bevor er mit dem Dreh begonnen hatte. Er wusste ganz genau, was er wollte. Und er bestand natürlich darauf, dass es umgesetzt wird.?

Mit Kameramann Christof Wahl und Produktionsdesigner Jérôme Latour wurde der spezielle, gezielt farbentsättigte Look entwickelt.

Der Dreh wurde ausschließlich mit Kunstlicht geplant, wobei die Kamera nur mit sehr langen und sehr kurzen Brennweiten arbeiten sollte.

Zuständig für das Lichtkonzept war Erik Steingröver, ein Oberbeleuchter aus Berlin, der zuvor auch schon mit dem Kameramann Christof gearbeitet hatte. Gemeinsam wurden anhand von Schweigers Ideen Storyboards von jeder Einstellung angefertigt.

?Wir hatten für jedes Motiv eine technische Zeichnung, die zeigte, wie und welche Lampen zum Einsatz kommen mußsten, wo sie platziert sein sollten und wie man die Kabel zu verlegen hatte?, berichtet Zickler.

?Das war am Ende eine ungeheuer dicke Kladde, weil jede Einstellung mit einem Maximum an Aufwand durchgeführt wurde. Teilweise kamen 30 Zwölf-KW-Lampen zum Einsatz, weil zum Beispiel die zum Teil sehr langen Gänge der Psychiatrie genau ausgeleuchtet werden mußsten.

Allein die Beleuchtung erforderte eine gewaltige Logistik: Zehn Mann für den Vorbau, zehn Beleuchter beim Dreh, zehn Mann für hinterher, um das überhaupt zu schaffen.

Wir nahmen sechs Generatoren in Anspruch, die wir sogar durchnummeriert haben. In ganz Köln gab es keinen Strom und kein Licht mehr.

Das haben alles wir eingesackt und eingesetzt. Wir mußsten sogar Leute in einem regelrechten Shuttle-Service zur Tankstelle schicken, um neuen Dieseltreibstoff für die Geräte zu besorgen.?

Als besonders aufwändig erwies sich auch der Dreh auf der Oberkasslerbrücke in Düsseldorf. Dort mußsten sämtliche Lampen ausgetauscht werden, weil sie dem Lichtkonzept nicht entsprachen und das falsche Licht warfen. Aber es gab noch weitere Vorgaben, wie Tom Zickler bestätigt.

?Til wollte beispielsweise kein Grün, was gar nicht so leicht ist, wenn man einen Film im Sommer dreht. Wir haben einen Riesenaufwand betrieben, um Tils Vorstellungen so exakt wie nur möglich umzusetzen.

Es war daher auch wirklich lohnend, schon fünf Wochen vor Drehstart einen Beleuchter zur Stelle zu haben, mit dem man den ganzen Film durchgehen und planen konnte.

Wenn man weiß, wo die Dinge stehen müssen, mußs man es zwar immer noch organisieren und bewerkstelligen, aber man arbeitet präziser und gewinnt dadurch natürlich auch viel Zeit.

Wenn Drehstart für 9 Uhr festgelegt war, dann konnte man davon ausgehen, dass wir eine Minute nach Neun mit dem Dreh begonnen haben. Alles stand da, wo es hingehörte. Fest steht, dass sich der Einsatz ausgezahlt hat: Der Film sieht einfach umwerfend aus.? Auch akustisch hatte Schweiger mit seinem Perfektionismus vorgesorgt. ?Der Film stand vor meinem geistigen Auge ganz einfach schon?, erinnert sich der Regisseur.

?Ich hatte neben dem Licht und den Einstellungen beim Schreiben sogar die Musik im Kopf. Der Stil ist mir seit eineinhalb Jahren total klar.

Lange vor Beginn des Drehs habe ich mich mit Dirk Reichardt, unserem Komponisten, getroffen. Als die Kameras dann liefen, hatte ich bereits erste Musik-Layouts, teilweise komplette Themen. Normalerweise greift man beim Schnitt auf fremde Filmmusiken zurück.

Ich konnte BARFUSS bereits am Set zur richtigen Musik mit der richtigen Stimmung schneiden.? Und er erzählt weiter: ?Auch die Fremdtitel, die im Film vorkommen werden, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits angefragt.

Da ist ein Dido-Titel auf ihrem letzten Album, den ich gehört habe, als die Platte rauskam ? da war mir sofort klar, dass das die Musik sein mußste, die man im Film hört, wenn Leila Nick durch die Stadt hinterherläuft.

Toll, dass wir den Song, der mittlerweile als Single ausgekoppelt ist, kriegen konnten.? Als größtes Problem im Vorfeld erwiesen sich nicht die technischen Angelegenheiten, sondern die Besetzung der neben Nick wichtigsten Figur des Films: Leila.

Bis kurz vor Drehstart war nicht klar, wer sie spielen sollte. ?Wir hatten viele Schauspielerinnen gesehen, konnten uns aber nicht so recht entscheiden?, erzählt Tom Zickler.

?Johanna Wokalek war für die Rolle wirklich die allerletzte Kandidatin, die wir uns ansahen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch kein Budget zur Verfügung hatten, flogen wir sie auf unsere Kosten ein, weil sie sonst wegen ihrer Anstellung und Proben am Burgtheater Wien nicht hätte kommen können.

Wir haben das lange überlegt, weil wir nur ein paar Szenen aus HIERANKL und einige Fotos kannten. Aber das war schon sehr beeindruckend.?

Er fährt fort: ?Dann war sie da, auf den allerletzten Drücker ? und Til jagte Johanna von einer Szene zur nächsten, anstatt Anmerkungen zu machen oder sie das eine oder andere noch einmal machen zu lassen.

Nächste Szene, schnipp, nächste Szene, schnipp, nächste Szene, schnipp. Ich dachte mir: Oh Gott, jetzt hat er nach all dem Stress und Aufwand null Bock. Und er meinte dann nur, ganz bestimmt: Das ist sie.

Abends gingen wir noch einmal alle Bänder durch, aber Til hatte natürlich recht: Nur Johanna kam für die Rolle der Leila in Frage.?

38 Drehtage in erster Linie in und um Köln standen auf dem Drehplan. ?Am Ende waren es 40 Tage?, sagt Tom Zickler. ?Aber das Wetter machte uns einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Man sieht es dem Film nicht an, aber die Wahrheit will, dass wir während des gesamten Drehs lediglich einen Sonnentag hatten ? und sonst immer mit schlechtem Wetter kämpfen mußsten. Aber ich kann sagen: Diesen einen Sonnentag, den haben wir ausgenutzt.?

Überhaupt sind die Macher von BARFUSS stolz auf das Verhältnis gedrehter und schließlich verwendeter Szenen im Film. ?Es gab noch ein paar Szenen mehr, die wir gedreht haben und die eigentlich wunderschön sind?, berichtet der Herstellungsleiter.

?Da gibt es eine Szene, in der Nadja Tiller bei der Hochzeit Janine Kunze im Schrank entdeckt, in den Til sie gesperrt hat.

Eine sehr lustige Szene, ein guter Lacher, aber im Schnitt stellten wir fest, dass man sich in dem Moment emotional ausschließlich bei Nick und Leila befindet. Deshalb haben wir das rausgeschnitten, weil das den Film nur aufhält.

Grundsätzlich lässt sich sagen: Sehr viel mehr als im Film wurde auch nicht auf Film gebannt. Der Rohschnitt war etwa zwei Stunden 15 Minuten lang.

Der fertige Film wird 110 Minuten lang sein, wobei wir auch die einzelnen Szenen jeweils noch prägnanter und mehr auf den Punkt geschnitten haben.?

Besonders wichtig war Til Schweiger, dass die Atmosphäre am Set stimmte. Alle Beteiligten waren eingeladen, sich kreativ und mit eigenen Ideen an der Herstellung von BARFUSS zu beteiligen.

?Man darf nicht vergessen: Ich hatte ein Wahnsinnsteam, das über sich selbst hinausgewachsen ist?, lässt Til Schweiger die Dreherfahrung Revue passieren. ?Klar, das sagen Regisseure immer.

Aber das Team war so kreativ, so harmonisch ? und ich habe alle immer aufgefordert, mit Vorschlägen nicht hinterm Berg zu halten.

Gerade weil ich BARFUSS ganz genau im Kopf hatte, konnte ich immer blitzschnell entscheiden, ob der jeweilige Vorschlag den Film verbessern würde. Dabei konnte echt nur etwas Gutes herauskommen.?

Zur richtigen familiären Atmosphäre trug eine weitere Maßnahme nicht unerheblich bei, wie Tom Zickler meint: ?Eine große Sache für uns war, dass Tils Kinder und mein Sohn am Set waren und einen eigenen Wohnwagen für sich hatten, der mit Spielsachen vollgestellt war.

Tagsüber konnten sie spielen, und abends, nach Drehschluss, haben wir immer Lagerfeuer mit ihnen gemacht und konnten dann am Set mit ihnen übernachten. Das war großes Abenteuer ? und für uns natürlich toll.?

Abschließend sagt er: ?Keine Frage: Man gibt sich bei jedem Film Mühe. Aber hier stellte sich schnell heraus, dass BARFUSS etwas ganz Besonderes war, für alle Beteiligten.

Um das Team zu motivieren, schnitt Til die Muster meistens nachts nach Drehschluss noch zusammen, um sie dem Team zu präsentieren. Wenn man dann sah, wie toll und gut alles aussah, gab man erst recht richtig Gas. Das war teilweise unglaublich bewegend. Das ging allen so.?

Rückblickend räumt Til Schweiger ein, dass BARFUSS ein großes Wagnis für ihn darstellte. ?Ich mußs aber gestehen: Schiss hatte ich trotz allem?, sinniert er.

?Wenn man zu viel Zeit hat nachzudenken, kommen einem auch Zweifel. Sowas kann ja auch in die Hose gehen. Aber dann habe ich zufälligerweise DER EISBÄR gesehen ? zum ersten Mal seit fünf Jahren!

An vielem hatte ich etwas auszusetzen und dachte mir, das hätte man aber besser machen müssen. Aber dann sind da auch Passagen, die mich berührt haben, die ich auch heute nicht anders machen würde und könnte, weil ich sie einfach gut finde.

Und das gab mir das Vertrauen zurück, weil mir diese Passagen gesagt haben: Du kannst das, du kriegst das hin.?

Und hat er es hingekriegt ? ist er stolz auf das Endergebnis? ?Ja, sehr?, sagt er nach kurzem Überlegen. Er sagt es leise und mit leuchtenden Augen. ?Das ist mein Gesellenstück, sage ich. Das ist mein bester Film.?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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