Being Julia

Produktionsnotizen

"Being Julia" ist eine kluge, witzige und oft turbulente Hommage an die Weiblichkeit in all ihrer unendlichen Vielfalt: Die Geschichte einer großen Schauspielerin, die an einem bedeutenden Scheidepunkt ihresLebens steht und sich der Rolle bewusst werden mußs, die sie spielt - auf der Bühne und im wahren Leben.

Die Oscar-nominierte Schauspielerin Annette Bening spielt die Titelrolle der vielschichtigen und charmanten Darstellerin, um die sich hier alles dreht; an ihrer Seite sehen wir Oscar-Preisträger Jeremy Irons, Michael Gambon, Juliet Stevenson, Lucy Punch, Miriam Margolyes, Bruce Greenwood, Maury Chaykin und Newcomer Shaun Evans.

Vom Oscar-preisgekrönten Drehbuchautor Ronald Harwood nach W. Somerset Maughams Roman-Klassiker Theatre adaptiert, führt der international renommierte István Szabó die Regie und kehrt in dieser Verfilmung nach seinem Oscar-preisgekrönten Film "Mephisto" erneut ins Theater-Millieu zurück.

"Being Julia" kombiniert eine üppige historische Atmosphäre mit einer Reihe von zeitlosen Beobachtungen über Männer, Frauen, das Leben und die Kunst.

Die Welt des Theaters wird zu einer Metapher für die Rollen, die wir alle in den intimen Beziehungen, den Komödien, Tragödien und Melodramen des Alltags spielen.

Produzent Robert Lantos, zu dessen Werken u.a. so intensive dramatische Filme wie "Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein", "Das süße Jenseits" und "Black Robe - Am Fluß der Irokesen" gehören, war von Harwoods Drehbuch sofort begeistert.

"Ich dachte, es könnte ein Film voll raffinierter Genüsse werden", erinnert er sich. "Es geht um Liebe, Lust, Triumph, Verrat und Rache. Und es geht um Selbsterforschung und Selbsterkenntnis. Das sind universelle Themen, die Essenz aller guten Filme."

Den Roman Theatre, das Quellenmaterial für "Being Julia", verfasste W. Somerset Maugham im Jahre 1937. Zu jener Zeit in seiner überaus erfolgreichen Karriere war Maugham für seine urbanen, zynischen und hoch kommerziellen Theaterstücke bekannt, von denen mehrere gleichzeitig am Londoner West End aufgeführt wurden.

Seine hellsichtigen Beobachtungen zur Welt der Bühne mit ihren lebenslustigen und launischen Charakteren wurden also von seinem persönlichen Erfahrungsschatz angeregt.

Harwood, dessen Können bei der Adaption von literarischen Werken in seinem meisterhaften und preisgekrönten Drehbuch zu "Der Pianist" offensichtlich wurde, versuchte, die Essenz von Maughams Roman einzufangen; er ist der Meinung, dass "eine Adaption im Detail abweichen kann, manche Szene herausgenommen und andere eingefügt werden können, aber das Herz des Romans ist ausschlaggebend."

Obwohl er einige kleinere Veränderungen bei den Figuren vorgenommen hat - Julias junger Geliebter ist Amerikaner statt Brite -, behielt er Maughams spielerische Karussellfahrt zum Thema Rollenspiel und die sich verwischenden Übergänge zwischen Realität und Fantasie bei.

"Being Julia" nutzt die vorhandene Umgebung, um auf kunstvolle Art und Weise den Unterschied zwischen Fantasie und Realität, Schauspielerei und Verhaltensweisen zu erforschen.

Julia Lambert, ein lebenslustiger Geist, die beruflich weitaus erfolgreicher ist als in ihrem komplizierten Privatleben, schlüpft ständig in andere Rollen - Schauspielerin, Ehefrau, Mutter, Freundin, Geliebte - und findet es teilweise einfacher, diese Rollen zu "spielen" als sie wirklich zu leben.

Sie kann Dialoge vergangener Rollen aufsagen und auf Kommando weinen, Talente, die im wirklichen Leben oft zu Problemen führen. Um ihre Situation noch schwieriger zu machen, befindet sie sich in einem "gewissen Alter" und steuert direkt auf eine midlife crisis zu.

Drehbuchautor Ronald Harwood erklärt: "Julia ist eine sehr schöne Frau und berühmt für ihr gutes Aussehen, doch sie fürchtet, ihre Schönheit bald einbüßen zu müssen. Das mußs ein schreckliches Gefühl sein, und sie beginnt zu verzweifeln.

Es ist eigentlich eine universelle Geschichte. Viele Frauen in den Vierzigern haben dieses Gefühl, und werden nervös und ängstlich. Sie sind vielleicht keine Berühmtheiten wie Julia, und deshalb hört man nichts über sie. Aber es ist ein weitverbreitetes Phänomen."

István Szabó, zu dessen Filme als Regisseur neben "Mephisto" u.a. auch "Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein", "Zauber der Venus" und "Oberst Redl" gehören, sieht "Being Julia" auch als Geschichte mit universeller Gültigkeit, da es um zutiefst menschliche Themen geht, und setzt diesen Film in Bezug zu seinen anderen Werken.

"Obwohl es hier keine politischen Intrigen und Strategien oder historische Repression gibt, ist das Thema denen all meiner anderen Filme doch sehr ähnlich. Es geht um Menschen, die feststellen, dass sie eine Maske tragen müssen, weil die Gesellschaft und die ganze Welt es von ihnen verlangen.

Sie müssen eine Rolle spielen, mit der sie manchmal nicht glücklich sind, und die sie manchmal gar nicht wieder abstreifen können. Eigentlich ist die Geschichte von Julia Lambert der von "Mephisto" in mancher Hinsicht ganz ähnlich."

Verwandt mit "Mephisto", doch im fast genau gegensätzlichen Ton gehalten, ist "Being Julia" sehr witzig und manchmal wie eine klassische Farce gestaltet, während der Film uns gleichzeitig einen aufschlussreichen und emotional aufgeladenen Einblick in die bittersüßen Erkenntnisse einer reifen Frau bietet.

Als Lantos mit dem Drehbuch an Szabó herantrat, hoffte er, der Regisseur würde die Gelegenheit willkommen heißen, in einem leichteren Genre zu arbeiten. "Istváns Werke haben sich immer mit historisch bedeutsamen Themen befasst - Krieg, Revolution, Kommunismus, Nazis, Faschisten.

Ich dachte, es sei an der Zeit, ihm ein Zuckerl zu gönnen", sagt Lantos. "Ich sagte, er habe die Last der politischen Geschichte Mitteleuropas lange genug geschultert und sich das Recht verdient, nun auch etwas Spaß zu haben."

Den Filmemachern war klar, dass die Besetzung der Titelrolle mit der richtigen Schauspielerin der Schlüssel für diesen Film war. Julia Lambert ist natürlich das Herz und die Seele von "Being Julia".

Sie ist liebreizend, klug, talentiert, schillernd und eine einzigartige Kombination aus Kraft und Verletzlichkeit; wenn sie eingeführt wird, steht sie augenblicklich im Mittelpunkt und erobert die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuschauers bis zu ihrem letzten Satz.

"Wir hatten die üblichen Diskussionen über die Besetzung, während wir am Drehbuch arbeiteten - wer wird diese höchst anspruchsvolle und köstlich-saftige Hauptrolle übernehmen?", erinnert sich Lantos.

Er und Szabó kamen zu dem Schluss, dass Annette Bening, für ihre mutige und unvergessliche Darstellung in "American Beauty" für einen Oscar nominiert, die perfekte Besetzung ist.

Julia ist eine anspruchsvolle Rolle, denn das Drehbuch verlangt nach dramatischem und komödiantischem Talent: Eine Szene kann ausgelassen und witzig sein, während die nächste wieder ernsthaft oder aufschlussreich ist.

Bening erstrahlt in dieser Rolle und spielt die Julia mit Eleganz, Kunstfertigkeit, Witz, Intelligenz und großem Humor. Es ist schon eine Ironie, dass Julia befürchtet, sie büße ihren Charme ein - denn Benings beflügelte Darstellung, die in jeder Szene genau die richtige Nuance trifft, macht sie unwiderstehlich.

Und Bening ist in der Welt des britischen Theaters des Jahres 1938 vollständig zuhause. Sie trägt ihre Kostüme nicht nur, sondern lebt in ihnen.

Bening erfasste die Figur auf Anhieb und verstand auch die Psychologie, die dahinter steckt: "Meiner Meinung nach ist dies die Geschichte einer Frau, die - wie viele andere Frauen - in ihrem Leben gerade an einem Punkt angekommen ist, an dem sie neu bewerten mußs, wer sie ist und sich selbst neu entdecken mußs.

Genau das manifestiert sich in ihrer Arbeit und ihren Beziehungen", sagt die Schauspielerin. Regisseur István Szabó war ihrer Meinung nach auch dafür verantwortlich, dass sich die Schauspieler sowohl kreativ entfalten als auch sicher fühlen konnten. "István ist unglaublich freundlich und liebt die Schauspieler", erläutert Bening.

"Bei modernen Dreharbeiten befinden sich die Regisseure doch meist in einem ganz anderen Raum, bei ihrem Monitor, vor dem sie sitzen und beobachten können, was die Kamera sieht - und die Schauspieler sind sich selbst überlassen. István aber sitzt bei dir, gleich neben der Kamera, und man fühlt sich mit ihm verbunden."

Jeremy Irons spielt Julias Ehemann Michael und ist für den Regisseur ebenfalls voll des Lobes. Genau wie Bening wusste auch Irons dessen Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu schätzen.

"Der Drehort fühlte sich die gesamte Zeit über sehr gut an, und es war eine schöne Art zu arbeiten, denn als Schauspieler kann man sich so entspannen und der eigenen Vorstellungskraft freien Lauf lassen. Man schlägt etwas vor, und der Regisseur sagt: Ja, gute Idee, mach das. So arbeite ich am liebsten."

Irons ist überzeugt, dass die Zuschauer vom Innenleben der Schauspieler fasziniert sind und es genießen, Geschichten zu sehen, die in einer anderen Zeit spielen: "Die 30er Jahre sind Geschichte, und die Menschen hatten damals einen anderen Lebensstil", sagt er.

"Das bildet einen Kontrast zum modernen Leben. Und es sieht natürlich sehr elegant und schön aus; es ist nichts Falsches daran, sich schöne Bilder anzuschauen - so lange in diesem exquisiten Rahmen interessante Dinge geschehen."

Mit der hochkarätigen Besetzung, dem eloquenten Drehbuch und der fantasievollen Regie ist "Being Julia " ein auf allen Ebenen herausragender Film, doch besonders bemerkenswert ist die Produktion selbst.

Opulent in Szene gesetzt von Kameramann Lajos Koltai, ist dieser Spielfilm die zwölfte Zusammenarbeit von Regisseur Szabó mit diesem Kameramann von Weltformat, der für seine Arbeit an "Sunshine - Ein Hauch von Sonnenschein" mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und für "Malena" für einen Oscar nominiert wurde.

Die 30er Jahre wurden auch von Produktionsdesignerin Luciana Arrighi zum Leben erweckt, die für "Wiedersehen in Howards End" mit einem Oscar ausgezeichnet, für "Was vom Tage übrig blieb" und "Anna und der König" jeweils für einen Oscar nominiert wurde.

"Ich habe mich schon oft mit dieser Epoche beschäftigt. Die 30er Jahre sind sowohl in der Architektur als auch in der Kunstgeschichte meine Lieblingsära", meint die Produktionsdesignerin.

Arrighi stand in "Being Julia" vor einer interessanten Herausforderung: Den Glamour und die Fantasie der Welt des Theaters heraufzubeschwören und gleichzeitig die Wirklichkeit im Vorkriegs-England nachzubilden.

"Wir mußsten das Jahr 1938 so erschaffen wie eine Traumwelt, die dem Mann und der Frau auf der Straße attraktiv erscheint, und die ihren harten, eintönigen Alltag vergessen und gerne gegen das glamouröse Leben von Julia, ihren Freunden und ihrer Familie eintauschen würden", erklärt sie.

"Aber wir sorgten auch dafür, dass oft aktuelle Zeitungen aus jener Zeit herumliegen, um zu zeigen, was sich damals im wahren Leben abspielte."

Der Symbolismus spielt in diesem Film ebenfalls eine große Rolle. Im Gespräch über die Story betont Ronald Harwood, dass Julia ständig von Spiegeln umgeben ist, denn sie ist sich zu jeder Zeit ihres Aussehens bewusst und überprüft andauernd, ob sie noch schön und sexy ist.

"Julias Schlafzimmer, das eigentlich auf der Arbeit von Syrie Maugham basiert, der Ehefrau von W. Somerset Maugham und berühmten Innendekorateurin der 30er Jahre, war für einen Produktionsdesigner ein wahrer Albtraum!", erinnert sich Arrighi.

"Es befinden sich 60 Spiegel dort! Das ist schon ein Extremfall, aber die Spiegel sind einfach überall, um Julias Selbstbezogenheit und Sorge um ihr Image zu betonen. Und jedes Mal, wenn sie an einem Spiegel vorbeigeht, betrachtet sie ihr Spiegelbild."

Weite Teile des Films wurden in Ungarn gedreht, wo das Produktionsteam nach Drehorten suchte, die eine Art altertümliche Üppigkeit aufwiesen, wie z.B. holzgetäfelte Innenräume, große Kamine und Fenster, weitläufige Zimmer und prächtige Lüster.

Diese Stilelemente sind sowohl für London als auch für Budapest ganz typisch. Gebäude wie das Hotel Astoria und das Moulin Rouge bilden den atemberaubenden Hintergrund für die von Arrighi gestalteten Sets.

Einige Gegenstände mußsten aus England importiert werden, um dem ganzen Look eine britische Ästhetik zu verleihen: "Türgriffe, Lichtschalter, Besteck - Alltagsgegenstände, ganz kleine Details, die aber bemerkt werden und einen großen Unterschied ausmachen", sagt Arrighi.

Der Überwurf für Julias Bett z.B. mußste in England gekauft werden, denn solches Bettzeug existiert in Ungarn nicht. Die Kostüme für "Being Julia" waren genauso ausgefeilt wie die Ausstattung der Drehorte.

Der mit dem BAFTA ausgezeichnete Kostümdesigner John Bloomfield ist überzeugt, dass "die Kleidung einer Figur ganz grundlegend wichtig ist. Ein Film, bei dem die Kleidung nicht stimmt, kann einfach nicht funktionieren.

Ironischerweise wird man die Kleidung aber gar nicht wirklich wahrnehmen, wenn alles stimmt. Die Formen, die Farben, die dramatischen Auswirkungen der Bekleidung in einer bestimmten Szene - das sind alles sehr wichtige Erwägungen."

Julias Garderobe spiegelt den Glamour der 30er Jahre wider, die Bloomfield als "high fashion period" beschreibt. Er betont jedoch, dass ein Unterschied darin bestand, was die Models trugen und was der Durchschnittsbürger anzog.

Er erklärt, dass "es in einem Film für einen Kostümdesigner wichtig ist, all diese Elemente zu berücksichtigen, um den "echten" Look dieser Zeitspanne zusammenzusetzen."

Er verwendete einige Original-Stücke von Sammlern und Ausstattungshäusern, andere wiederum entwarf und fertigte er selbst. Im Verlauf des Films hat Annette Bening 39 verschiedene Outfits; zehn davon waren Originale aus den 30ern, die umgearbeitet wurden.

Ein bestimmtes Kostüm spielt in "Being Julia" tatsächlich eine größere Rolle. Während der Proben zu ihrem neuen Stück scheint Julia zugunsten ihrer jüngeren Kollegin zurückzustecken - der Frau, die nun statt Julia in den Armen des jungen Liebhabers liegt -, indem sie zustimmt, ein schlichtes Outfit zu tragen, das sie praktisch unsichtbar machen wird.

Doch am Premierenabend tritt Julia in der gleichen Szene mit einem spektakulären Umhang auf, der sofort ihre Bedeutung und Dominanz verdeutlicht.

Eine einzige Veränderung des Outfits verändert alles: Nach monatelangen Selbstzweifeln gewinnt Julia erneut an Selbstvertrauen und ist wieder ganz oben.

"Being Julia" feiert eine außergewöhnliche Geschichte des Reifens einer Frau, indem die etablierte Schauspielerin beweist, dass sie klug, talentiert und unverwüstlich ist. Jeder Schritt auf ihrem Weg, auf ihrer Reise ist angefüllt von Komödie und Drama.

Von István Szabó fantasievoll und intelligent in Szene gesetzt ist "Being Julia" eine unterhaltsame und aufschlussreiche Erforschung der menschlichen Natur in der Kunst des Rollenspiels, einem Bestandteil jeder Beziehung - und letztendlich auch jeder Geschichte.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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