Hotel Ruanda

Produktionsnotizen

Statement des Regisseurs Vor drei Jahren saßen Keir Pearson und ich mit Paul Rusesabagina zusammen und hörten uns seine Geschichte an. Während er erzählte, mußste ich zwei widersprüchliche Gefühle unterdrücken: Begeisterung und Angst. Begeisterung, weil sein Bericht einen perfekten Filmstoff abgab - ein erschütterndes Bürgerkriegsdrama, eine zutiefst bewegende Lovestory und vor allem die zeitlose Geschichte eines guten Menschen, der das Böse überwindet. Doch noch übermächtiger packte mich die Angst. Ich hatte Angst zu versagen.

Diese Geschichte entführt die Zuschauer rund um die Welt mitten hinein in ein Geschehen, von dem wir damals - beschämt geben wir das zu - nichts wussten. Sie handelt von einem Mann, der liebt, leidet, seine Angst überwindet und ungeheuren Mut aufbringt: ein Mann wie wir - falls wir jemals einen derartigen Mut aufbringen könnten. Unter Aufbietung all seiner Kräfte rettete er Menschenleben in einer Hölle, die wir uns in unseren schrecklichsten Albträumen nicht vorstellen können.

Diese überlebensgroße Aufgabe hat allen an HOTEL RUANDA Beteiligten Angst gemacht. Aber wir haben uns der Herausforderung gestellt, weil sie uns Kraft gab - den wunderbaren Schauspielern, dem Team und den Statisten, die bei Sonnenaufgang in den Townships Alexandra und Tembisi bei Johannesburg aufbrachen, um mit uns diese gewaltige Geschichte zu erzählen. Ich bin sehr stolz auf alle die an dem Film mitgearbeitet haben. Ich empfinde es als Ehre, die Erlebnisse von Paul, Tatiana, ihrer Familie und den Menschen in Ruanda erzählen zu dürfen. Und ich hoffe, dass ich Pauls Heldentum gerecht werde. Terry George

Völkermord heute Der Bürgerkrieg im Ruanda der 1990er Jahre ist eines der blutigsten Kapitel der jüngeren afrikanischen Geschichte. Der Völkermord erscheint umso tragischer, weil der größte Teil der Welt den Konflikt und das Leid der Menschen in Ruanda einfach ignorierte. Es gab zwar gelegentlich internationale Medienberichte über "Stammesauseinandersetzungen" in Ruanda, doch das Grauen dieses Krieges rief keinerlei internationale Entrüstung hervor - stattdessen wurde es als eines von vielen "Dritte-Welt-Ereignisse" abgeschrieben, die keiner Beachtung wert sind.

Im Lauf von 100 Tagen wurden in Ruanda fast eine Million Menschen umgebracht. Durch die Straßen der Hauptstadt Kigali flossen Ströme von Blut, doch Hilfe war nicht in Sicht. Von außen intervenierte niemand in Ruanda, keine Schutztruppen, keine Koaliton der Helfer. Für Ruanda gab es keine internationale Hilfsaktion. Die ruandischen Hutu-Extremisten schlachteten ihre Tutsi-Nachbarn und alle gemäßigten Hutu ab, die sich ihnen in den Weg stellten. Und die Welt ließ sie gewähren.

"In den zehn folgenden Jahren sind Politiker aus aller Welt nach Ruanda gepilgert - sie baten die Überlebenden um Vergebung. Und wieder einmal versprachen eben diese Politiker: ,Niemals wieder'", sagt Regisseur Terry George. "Doch das Morden geht weiter - im Sudan, im Kongo oder anderen gottverlassenen Landstrichen, wo Menschenleben nichts wert sind. In solchen Situationen beschämen uns Männer und Frauen wie Paul und Tatiana durch ihre Tapferkeit."

Immer schon sind Kriege das Umfeld gewesen, in dem völlig normale Menschen große Heldentaten vollbringen. Ruanda war darin nicht anders. Als grässliche Gewalt und Chaos das Land aus den Angeln hoben, schlug die Stunde von Paul Rusesabagina, einem ganz gewöhnlichen Mann, dessen Liebe und Mitgefühl 1268 Menschen das Leben rettete.

Terry George wollte schon lange einmal einen Film an afrikanischen Schauplätzen drehen, doch erst Paul Rusesabaginas ergreifende Geschichte brachte ihn schließlich dazu. "Als mir mein Co-Autor Keir Pearson von den Geschehnissen berichtete, wollte ich sie sofort verfilmen", sagt George. "Ich flog nach Belgien, traf mich mit Paul und hörte mir seine Lebensgeschichte an: wie er Hotelier wurde, wie er in den verschiedenen Sabena-Hotels in der Hierarchie aufstieg und schließlich die Leitung des Hotels Mille Collines in Kigali übernahm."

Die tiefe Menschlichkeit der Geschichte rührte den HOTEL RUANDA-Produzenten Alex Ho besonders: "Die Story liegt mir am Herzen - mich beeindrucken solche Geschichten sehr. Hier geht es um einen ganz normalen Mann, der die Anregungen seiner Frau aufnimmt und seinen Einfluss geltend macht, um anderen zu helfen. Dieser Anstoß ist der Beginn einer Lebensreise, die ihn in einen wahren Helden verwandelt."

Hommage an einen tapferen Mann Im Januar 2003 reiste Terry George nach Ruanda, um die Hintergründe für das Projekt zu recherchieren und das Land kennen zu lernen. "Es gab da noch einige unbeantwortete Fragen", sagt George. "Wie kam es zu dem Völkermord? Warum wurden innerhalb von nur 100 Tagen derart viele Menschen ermordet - im schnellsten Genozid moderner Zeitrechnung? Außerdem wollte ich noch mehr Menschen in Ruanda kennen lernen und ihre Geschichten hören." Auf seiner Reise wurde George von Paul Rusesabagina begleitet, der erstmals seit den grauenhaften Ereignissen nach Ruanda zurückkehrte.

In Ruanda besuchten die beiden die verschiedenen Schauplätze, machten Aufnahmen und trafen viele Menschen, die damals ins Hotel Des Mille Collines flüchteten, zum Beispiel Odette Nyrimilimo, ihren Mann Jean Baptiste Gacacere und etliche von Pauls Verwandten. "Ich erlebte es als besondere Auszeichnung, dass ich Ruanda in Pauls Begleitung erleben durfte", sagt George. "Dadurch begriff ich, wie sehr er geschätzt und bewundert wird. Auf unserem Fußweg ins Hotel trafen wir viele Überlebende, Köche, Putzfrauen, Menschen, die Paul aufgenommen hatte. Ihre Augen leuchteten vor Freude."

George machte in Ruanda überwiegend positive Erfahrungen, und seine vielen neuen Bekanntschaften inspirierten ihn nachhaltig. Doch niemand kann sich auf den Besuch der Stätten vorbereiten, wo die Massaker stattfanden. "Wir besuchten eine ehemalige Berufsschule in Marambi im Süden Ruandas", berichtet George. "Ich ging durch Räume voller mumifizierter Leichen - das waren einige der 40.000 Menschen, die im April 1994 innerhalb von vier Tagen zu Tode gequält wurden - und ich hörte mir an, was der einzige Überlebende jenes Massakers zu berichten hatte."

Während seines Besuchs in Ruanda erlebte George die unglaubliche Schönheit des Landes, und er beschäftigte sich mit den Zielen der extremistischen Hutu-Regierung: Wie ihr Radiosender RTML den Hass gegen die Tutsi schürte und wie Vorurteile und Angst bei der Bevölkerung den Glauben stärkte, sie müssten ihre Nachbarn denunzieren und töten, um ihre eigene Existenz zu sichern. "Wenn man das entscheidende Element herauskristallisieren sollte, das diesen Völkermord auslöste, dann wäre es dieser Radiosender", sagt George.

Bei der Arbeit am Drehbuch achteten George und Pearson darauf, dass der Film nicht wie ein Dokumentarfilm wirkt - vielmehr geht es ihnen um ein gefühlsbetontes Destillat jener Ereignisse, die Pauls Leben bestimmten: Die Zuschauer erleben hautnah mit, was sich damals im Hotel Mille Collines abspielte.

"Für mich steht die Geschichte dieses Mannes im Vordergrund: wie er sich entwickelt, welche Kräfte er gegen alle Widerstände und Rückschläge in sich mobilisiert", sagt George. HOTEL RUANDA ist vor allem die Geschichte eines Mannes, sie konzentriert sich ganz auf ein Gebäude (das Hotel), auf die Menschen, die dort arbeiten, ihre Beziehungen untereinander. Ganz bewusst verzichten die Filmemacher darauf, das unfassbare Grauen des Völkermords selbst in Szene zu setzen.

"Wenn die handelnden Personen sich nach draußen in die Stadt Kigali wagen, versuchen wir eine bizarre, surreale Atmosphäre zu schaffen, damit der Zuschauer den Psychoterror des Völkermords spürt, ohne dass wir dem Massaker zu nahe kommen." Und Alex Ho fügt hinzu: "Es geht um ein menschliches Drama, wir drehen hier keinen Horrorfilm."

Die Besetzung In HOTEL RUANDA wirken internationale Stars mit: Den Mittelpunkt bildet das Herz und Talent eines Mannes - des gefeierten Schauspielers Don Cheadle. "Als das Projekt Gestalt annahm, habe ich sofort an Don gedacht", sagt George. "Und als ich das Projekt dann in Hollywood vorstellte, nannte ich immer zuerst seinen Namen. Don Cheadles Filmauftritte sind immer solide und durchdacht. Er zählt zu meinen Lieblingsschauspielern. Er hat die unterschiedlichsten Rollen gemeistert, von wunderbaren Leistungen in DEVIL IN A BLUE DRESS (Teufel in Blau) über BOOGIE NIGHTS bis zu THE RAT PACK (Frankie, Dean und Sammy tun es), in dem er Sammy Davis, Jr. spielt. Einfach ein unglaublicher Schauspieler. Bei HOTEL RUANDA haben wir dann sehr eng zusammengearbeitet, und heute weiß ich, dass ich den Film ohne ihn nie hätte machen können. Er erscheint morgens als Erster am Set und überwindet jede Schwierigkeit mit einem Lächeln."

Die Besetzung der Tatiana erwies sich als sehr schwierig. Doch dann schaute sich George und Alex Ho DIRTY PRETTY THINGS mit Sophie Okonedo an, und sofort hatten sie Sophie als Tatiana vor Augen. "Ich sah mir auch noch andere Filme von ihr an, und mir wurde klar, dass Sophie und Don bestens zusammenpassen - sie überzeugen als Liebespaar Paul und Tatiana", begründet George seine Wahl.

Doch solche Spitzendarsteller in den Hauptrollen erfordern auch entsprechend hochkarätige Darsteller in ihrem Umfeld. "Wir erfuhren, dass Nick Nolte Interesse an der Rolle des Colonel Oliver bekundete", sagt George. "Er zählt zu Hollywoods großen Charakterdarstellern, dominiert die Leinwand in jeder Szene. Wir freuten uns natürlich riesig, als er tatsächlich zu unserem Ensemble stieß."

"Wir haben mit unserer Besetzung großes Glück gehabt", fährt George fort. "Alle, bei denen wir anfragten, waren bereit mitzumachen. Und als wir in Südafrika ankamen, fügten sie sich alle ins Team ein und machten sich an die Arbeit."

Rollen spielen Don Cheadle berichtet, dass er sich von Terry Georges Begeisterung für die Story beeindrucken und anstecken ließ. "Terry engagiert sich leidenschaftlich für HOTEL RUANDA und will eine

Geschichte erzählen, wie es sie seiner Meinung nach noch nicht gegeben hat", sagt Cheadle. "Hier bekommt er die Gelegenheit, Ereignisse ans Tageslicht zu bringen, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden. Und dabei wollte ich unbedingt mitmachen. Terry arbeitet schon jahrelang an diesem Projekt, das ihn bis ins Mark erschüttert hat. Er legt größten Wert darauf, die Story umsichtig und sorgfältig zu erzählen - ihm geht es vor allem um die emotionale Entwicklung der Figuren. Auch für mich ist das eindeutig das wichtigste Element des Films. Ich nenne Terry unseren ,furchtlosen Anführer'. Er ist ein fabelhafter Drehbuchautor - aufgrund der Umstände mußsten wir das Skript vor Ort oft ändern. In solchen Fällen setzten wir uns zusammen, überlegten gemeinsam und schrieben um, was nötig war. Wobei wir auch im Auge behielten, welche Auswirkungen solche Änderungen auf die schon gedrehten und noch kommenden Szenen haben könnten. Man setzt ein Puzzle-Teil an das nächste. Wenn man dabei einen so kompetenten Partner hat, ist das wunderbar."

Cheadle las das Drehbuch über Paul Rusesabagina und akzeptierte die Rolle sofort: "Paul hat sich nicht nur seinen Glauben bewahrt, sondern auch einen klaren Kopf behalten. So gelang es ihm, das Überleben aller Hilfesuchenden im Hotel Mille Collines zu sichern. Eine erstaunliche Entwicklung: Anfangs hat er nur Angst um seine Familie, schließlich will er auch allen anderen helfen."

Bei seinen Recherchen überraschten Cheadle die Artikel, die er las. "Es geht darin um tragische, grauenhafte Ereignisse", sagt er. "Doch immer wieder wird von Hoffnung berichtet, von Menschen, die sich inmitten von Gewalt und Chaos bewähren. Ich frage mich, was ich in einer solchen Situation tun würde: Könnte ich das Unfassbare ertragen, um zu überleben? Man kann sich einfach nicht vorstellen, was diese Menschen durchgemacht haben."

Der Film erzählt tatsächliche Ereignisse, und Cheadle konzentrierte sich darauf, dem Geist des Drehbuchs in jeder Phase gerecht zu werden, denn er wusste, mit welcher Sorgfalt, mit welchem Engagement es geschrieben wurde. "Wir wollten die Story von Anfang an so bewegend und logisch wie nur möglich erzählen", sagt er. "Die Handlung entwickelt sehr überzeugende Spannungsbögen für die einzelnen Figuren; dadurch ergibt sich ein sehr dynamischer Rhythmus. Das behielten wir immer im Auge. Wir lassen uns auf eine mitreißende, tragische Geschichte ein - es ist eine Schande, dass sie sich in dieser Weise in unserer Welt zutragen konnte."

"Mich hat das Skript beim ersten Lesen überwältigt", sagt Sophie Okonedo, die die Rolle der Tatiana spielt. "Es geht um Menschlichkeit, um das Ertragen traumatischer Erlebnisse, um Liebe. Zwischen Tatiana und ihrem Mann Paul besteht eine sehr enge Bindung, die ihnen ermöglicht, den verzweifelten Kampf für ihre Familie trotz des eskalierenden Horrors zu bestehen."

Als wir Tatiana und Paul im Film kennen lernen, leben sie zufrieden und glücklich - endlich zahlt sich aus, wofür sie so lange gearbeitet haben. Die ehemalige Krankenschwester Tatiana kümmert sich inzwischen nur noch um ihre Kinder, und Paul genießt Ansehen als Hotelmanager. "Tatiana ist sehr stolz auf Paul", sagt Okonedo. "Er zählt zu den Stützen der Gesellschaft - wenn die Menschen einen Rat brauchen, kommen sie zu ihm. Offenbar haben Paul und Tatiana ihr Leben ideal eingerichtet. Als dann der Völkermord beginnt, mobilisiert Tatiana ihre inneren Ressourcen. Hätte man sie anfangs gefragt, ob sie die kommenden Ereignisse bewältigen könnte, hätte sie verneint. Aber als es dann hart auf hart kommt, zeigt sie unglaubliches Stehvermögen und Mitgefühl."

Bei der Vorbereitung sah Okonedo ihre wichtigste Aufgabe darin, mehr über die normalen Menschen und ihre Bewältigung des Völkermords zu erfahren. "Ich habe sehr viel darüber gelesen - alles, was ich über Ruanda finden konnte", sagt sie. "Doch je mehr ich über den Genozid erfuhr, desto deutlicher spürte ich, dass ich wissen mußste, wie eine normale Frau in Ruanda jeden Tag für ihre Kinder sorgte und wie sie auf dieses Grauen reagierte. In Belgien habe ich Tatiana kennen gelernt, aber ich wollte ihr all diese Fragen gar nicht stellen, sondern ganz allgemein einen Eindruck von ihr bekommen." Auch im Berliner Holocaust-Museum hat Okonedo recherchiert.

Obwohl sie sich so eingehend auf ihre Rolle vorbereitet hatte, änderte sie zu Beginn der Dreharbeiten wesentliche Teile ihres Rollenkonzepts: "Ich entschied mich, dem Drehbuch oberste Priorität einzuräumen, und ich merkte bald, dass ich instinktiv darauf reagierte. Ich machte mir gar nicht richtig bewusst, was ich tat, aber wenn ich später mal auf diese Arbeit zurückblicke, werde ich wohl trotzdem sagen: ,Das habe ich so entschieden.'"

Joaquin Phoenix spielt den Kameramann Jack - und auch er empfand es als Auszeichnung, an diesem Film mitzuwirken. "Die Geschichte erzählt von schrecklichen Ereignissen in der Geschichte Ruandas, aber dennoch mußs sie erzählt werden", sagt Phoenix. "Leider haben viele Menschen - auch ich - das wirkliche Ausmaß der Situation damals nicht begriffen."

Bei der Vorbereitung auf seine Rolle nahm Phoenix Kontakt zu Journalisten und Kameraleuten auf, um sich von ihren Erfahrungen vor Ort erzählen zu lassen. "Ich habe drei Leute getroffen und eine Menge von ihnen erfahren", berichtet Phoenix. "Anfangs fiel es mir sehr schwer, ihnen zuzuhören - ebenso wie es ihnen schwer wurde, darüber zu sprechen. Aber uns haben ihre Erlebnisse erheblich weitergeholfen. Diese Kameraleute hatten bereits von 30 Kriegen berichtet, aber einen Völkermord wie in Ruanda hatten sie noch nicht erlebt. Der eine berichtete, dass mehrere seiner Kollegen anschließend Nervenzusammenbrüche erlitten, und er brach mehrfach in Tränen aus, während er mir erzählte, was er in Ruanda erlebt hat. Natürlich half uns das sehr - wir spürten, welche unbeschreiblichen Grausamkeiten sich damals zugetragen haben."

Phoenix bewundert die Kriegsberichterstatter sehr, kann sich aber kaum vorstellen, diesen Beruf selbst auszuüben: "Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand mit heiler Haut davon gekommen ist", sagt er. "Ich bin jedenfalls überzeugt, dass niemand solche Erlebnisse ohne Nachwirkungen verarbeiten kann. Ein Kameramann sagte mir: ,Was ich dort gesehen habe, werde ich nie vergessen.' Eine unauslöschliche Erfahrung."

Nick Nolte interessierte zunächst die Möglichkeit, mit George zu arbeiten. "Terrys origineller Einfall war es, die Geschichte aus der Sicht von Hotelmanager Paul und seiner Familie zu erzählen", sagt Nolte, der die Rolle des Colonel Oliver übernimmt. "In meiner Rolle werden mehrere kanadische Offiziere zusammengefasst, die die UN-Friedensmission in Ruanda leiteten. Genau wie diese Offiziere begreift auch Colonel Oliver sehr schnell, wie sehr ihm die Hände durch wenig mitfühlende Bürokraten bei der UN und sonst wo in der Welt gebunden sind. Für Paul übernimmt Oliver die Funktion, Nachrichten weiterzugeben. Er berichtet, was im Lande passiert, weil die Welt anscheinend nichts davon wissen will."

Nolte recherchierte an der Princeton University in New Jersey: "In Princeton trieben wir etliche Videos auf, die von den Ereignissen des Völkermords berichten, außergewöhnliche Dokumentationen für ,Frontline' auf Channel 13, für ,Panorama' auf BBC und für die kanadische CBC. Besonders bewegt und schockiert haben mich die Videos mit General Dellaire, dem kanadischen Kommandeur der UN-Truppen in Ruanda. Er sprach vor Militärpersonal und Studenten über den Völkermord und demonstrierte mit Machete und Wassermelone, wie bestialisch während des Genozids gemordet wurde."

Ruanda - Ein historischer Abriss Ruanda blickt auf eine lange und komplexe Geschichte zurück, doch Aufzeichnungen gibt es davon wie in vielen afrikanischen Ländern kaum. Als feste Einheit gibt es Ruanda erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Vorher waren auf dem Gebiet zwei wesentliche Völkergruppen lose zusammengewürfelt: die Hutu und die Tutsi.

Das Tutsi-Volk bestand aus wohlhabenden Land- und Viehbesitzern, die das als Ruanda bekannte Gebiet im 14. oder 15. Jahrhundert besiedelten. Damals lebte das Hutu-Volk bereits dort. Zahlenmäßig war es den Tutsi sogar überlegen, doch im Lauf der Zeit gelang es der Tutsi-Minderheit, die Hutu zu unterwerfen und eine feudale Monarchie durchzusetzen. Diese ethnischen Unterschiede führten mehrere Jahrhunderte lang kaum zu Spannungen.

1884 kamen die ersten Menschen aus dem Westen nach Ruanda, und 1899 machte Deutschland ohne Widerstand der eingeborenen Bevölkerung Ruanda zum Protektorat im Rahmen von Deutsch-Ostafrika. Im Ersten Weltkrieg übernahm die belgische Armee vom benachbarten Zaire (der heutigen Demokratischen Republik Kongo) aus die Kontrolle über Ruanda. Die belgische Übernahme wurde nach dem Krieg vom Völkerbund abgesegnet - das gemeinsame territoriale Mandat umfasste nun das heutige Ruanda und Burundi unter dem Namen "Ruanda-Burundi".

Die belgischen Behörden bedienten sich der vorhandenen Tutsi-Monarchie zu ihrem Vorteil, um die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Doch dadurch verschärften sich die lange existierenden Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen erheblich. Durch die belgische Herrschaft und die extreme Bevorzugung der Tutsi - die die Hutu meist an den Rand der Gesellschaft drängte - eskalierten die Unruhen, die nach dem Zweiten Weltkrieg offen ausbrachen. In den 1950er Jahren führten die Belgier Reformen durch und etablierten eine demokratische Regierung, doch die alteingesessenen Tutsi leisteten Widerstand. Daraufhin wandten sich die Belgier von ihren bisherigen Verbündeten ab und unterstützten den Hutu-Aufstand von 1959, durch den die Tutsi ihre Macht verloren. Wahlen wurden abgehalten, die Hutu übernahmen die Regierung. 1962 wurde das Land von Belgien unabhängig.

Nach der Unabhängigkeit litt das Land unter Korruption und ineffektiver Wirtschaft. 1973 putschte der Hutu-General Juvenal Habyarimana, übernahm als Diktator die Macht und verbot alle Parteien außer seiner eigenen. Habyarimana regierte mit eiserner Faust, bis er sich dem Druck der UN beugte und 1990 in Ruanda Reformen durchführte. Zur selben Zeit gründeten vor allem ruandische Tutsi-Exilanten die Ruandan Patriotic Front (RPF), fielen von Uganda aus in Ruanda ein - der Bürgerkrieg begann. Friedengespräche führten 1994 zum Arusha-Abkommen, in dem demokratische Reformen beschlossen wurden.

Auf dem Rückweg von der Unterzeichnung des Abkommens fielen Generalmajor Habyarimana und der Präsident von Burundi am 6. April 1994 einem Attentat zum Opfer, als Mitglieder ihrer eigenen Parteien ihr Flugzeug abstürzen ließen. Anschließend gaben sie den Tutsi die Schuld. In derselben Nacht begannen die von langer Hand geplanten Hinrichtungen hochrangiger Tutsi-Beamten und gemäßigter Hutu. Im Lauf der nächsten drei Tage wurden praktisch alle Tutsi, die irgendeine Stellung bekleideten, und alle einflussreichen gemäßigten Hutu systematisch umgebracht.

Doch das Schlachten hörte damit nicht auf. Banden einer organisierten Hutu-Miliz namens Interahamwe streiften durchs Land - die Zahl der Morde stieg in den nächsten drei Monaten exponentiell an - niemand gebot den Mördern Einhalt. Während das Rote Kreuz Meldungen veröffentlichte, nach denen Hunderttausende meist mit Macheten ermordet wurden, reduzierten die Vereinten Nationen ihre Friedenstruppen von 2500 auf 270 Soldaten. Schließlich startete die RPF eine neue Invasion von Uganda aus, siegte und beendete den Völkermord im Juli 1994. Die meisten Hutu-Extremisten flohen nach Zaire.

Bei diesem Genozid wurden fast eine Million Menschen getötet - mehr als drei Millionen flohen ins Ausland, was zur schlimmsten Flüchtlingskrise aller Zeiten führte. Erst in diesem Augenblick reagierte der Westen und startete die bis dahin größte Hilfsaktion in der Geschichte der Menschheit. Sie wurde zwei Jahre später, im März 1996, abgeschlossen. Bald darauf brachen Kriege in mehreren Nachbarländern aus, die bis 1997 fast alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren ließen.

Nach dem Völkermord wurde eine Einheitsregierung eingesetzt. 2000 wurde Paul Kagame, der ehemalige Führer der RPF, zum Übergangspräsidenten gewählt. 2003 wurde Kagame dann in der ersten freien Wahl für eine reguläre Amtszeit gewählt. Die Vereinten Nationen etablierten in Ruanda das Internationale Kriminalitätstribunal, vor dem sich hochrangige Hutu-Beamten für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssen. Und die Bezirksregierungen führten Stammesratsversammlungen namens Gacaca ein, um die etwa 80.000 Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, die an dem Genozid beteiligt waren.

Bis 2003 führte man Reformen und Bildungsprogramme durch, die Einstufung nach ethnischer Zugehörigkeit wurde abgeschafft. Die Begriffe Hutu und Tutsi dürfen nicht mehr verwendet werden, verboten sind auch jegliche "trennenden Aktivitäten". In den von der Regierung aufgelegten Fonds zur Unterstützung der Überlebenden fließen fünf Prozent des Staatshaushalts - so wird den unzähligen Witwen und Waisen geholfen.

Das Land erholt sich schnell, aber die Wunden sind noch nicht geheilt. Die Bevölkerung hat noch nicht wieder die Zahl von 1994 erreicht, und das Land wird weiter von Problemen gebeutelt: Korruption, Konflikte mit den Nachbarstaaten (darunter ein langjähriger Krieg mit der Demokratischen Republik Kongo), und die Armutsziffer zählt zu den höchsten in der Region südlich der Sahara.

Ruanda - Zahlen, Fakten, Geografie
  • Ruanda ist etwa so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Es grenzt im Osten an Tansania, im Süden an Burundi, im Westen an die Demokratische Republik Kongo und im Norden an Uganda.
  • Ruandas wichtigste Bodenschätze sind Gold, Zinnerz, Wolfram, Methan, Wasserkraft und landwirtschaftliche Flächen.
  • Das Land hat keine Meeresküste und besteht vor allem aus Gras-Savannen.
  • Bevölkerung
    • Im Juli 2004 betrug die Bevölkerung von Ruanda 7.954.013 Einwohner. Es ist das am dichtesten besiedelte Land Afrikas.
    • Die Lebenserwartung beträgt 39,18 Jahre (für 2004 erwartet).
    • Für 2003 wird angenommen, dass 51 Prozent der Ruander HIV-infiziert waren; 250.000 Menschen leben mit AIDS.
    • 84 Prozent der Bevölkerung wird den Hutu zugerechnet, 15 Prozent den Tutsi, das restliche eine Prozent sind Twa/Pygmäen.
    • Die wichtigsten Religionen in Ruanda: Römisch-katholisch (56%), Protestanten (26%), Adventisten (11,1%), Muslime (4,6%), Eingeborenenreligionen (0,1%), ohne Bekenntnis (1,7%). (Hochrechnung von 2001)
    • 70,4 Prozent der Bevölkerung können lesen und schreiben (Hochrechnung von 2003).
  • Staatssystem: Die Staatsform wird als Republik mit einem Präsidenten als Staatschef und Mehrparteiensystem angesehen. Die Gesetzgebung orientiert sich am deutschen und belgischen Zivil- und Gewohnheitsrecht.
  • Wirtschaft: 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (Hochrechnung von 2001). Die arbeitende Bevölkerung beträgt 4,6 Millionen, 90 Prozent der Werktätigen arbeiten in der Landwirtschaft (Hochrechnung von 2000). Exportiert werden vor allem Kaffee, Tee, Felle und Zinnerz.
Alle Zahlen stammen aus "The World Factbook 2004" der CIA. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/rw.html. Chronik: Die Ruanda-Krise
  • 1918: Ruanda-Burundi wird Völkerbundsprotektorat, die Regierung stellt Belgien. Die Minderheit des Tutsi-Volks wird der Mehrheit der Hutu vorgezogen und genießt Privilegien wie z. B. eine westliche Schulbildung.
  • 1926: Die Belgier führen ethnische Kennkarten ein, um die Hutu von den Tutsi zu trennen.
  • 1961 - 1962: Die Belgier ziehen sich zurück, Ruanda und Burundi werden getrennt und unabhängig. Während einer Hutu-Revolution in Ruanda fliehen Tausende von Tutsi.
  • 1963: Ein Massaker an ruandischen Tutsi ist die Antwort auf Angriffe von Tutsi-Exilanten in Burundi. Die Flüchtlingszahl steigt, man nimmt an, dass jetzt die Hälfte der Tutsi-Bevölkerung außerhalb Ruandas lebt.
  • 1973: Die Tutsi müssen die Universitäten verlassen, wieder kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen. Der Stabschef der Armee übernimmt die Macht, und den Tutsi stehen nur noch neun Prozent der Arbeitsplätze zur Verfügung.
  • Oktober 1990: Guerillas der Ruandan Patriotic Front (RPF) fallen von Uganda aus in Ruanda ein; die RPF besteht vorwiegend aus Tutsi. Ein Waffenstillstand wird am 29. März 1991 unterzeichnet.
  • 1990 - 1991: Tausende von Tutsi sterben bei verschiedenen Massakern überall im Land. Die ruandische Armee bildet die von den Hutu geführten Interahamwe-Milizen ("Die Zusammenhalten") aus.
  • November 1992: Dr. Leon Mugusera, ein Hutu-Extremist, fordert die Hutu auf, die Tutsi "zurück nach Äthiopien" zu schicken.
  • August 1993: Der ruandische Präsident Habyarimana (ein Hutu) und die RPF unterschreiben ein Friedensabkommen, und 2.500 UN-Soldaten werden eingeflogen, um es durchzusetzen. Einen Monat später hat der Präsident die Bestimmungen des Abkommens immer noch nicht umgesetzt.
  • 6. April 1994: Präsident Habyarimana und der Präsident von Burundi sterben bei einem Flugzeugabsturz, den Hutu-Extremisten verantworten, weil sie die Umsetzung des Friedensabkommens verhindern wollen. In derselben Nacht beginnt die generalstabsmäßig geplante Ermordung aller Tutsi-Beamten und gemäßigten Hutu.
  • 7. April 1994: Tausende von Tutsi sind bereits tot, aber die Friedenstruppe der UN (UNAMIR) "steht auf Abruf bereit", um ihr "Beobachtungsmandat" nicht zu verletzen.
  • 9. April 1994: Die Regierungen anderer Länder schicken Truppen, um ihre Bürger aus Ruanda zu evakuieren. Ruandische Bürger werden nicht gerettet.
  • 11. April 1994: Das Rote Kreuz nimmt an, dass in den ersten Tagen des Konflikts bereits Zehntausende Ruander ermordet wurden.
  • 21. April 1994: Der UN-Sicherheitsrat beschließt einstimmig, die meisten UNAMIR-Truppen abzuziehen.
  • 28. April 1994: Christin Shelley, Sprecherin des US-Außenministeriums, weist anlässlich der Fragen zu den Angriffen den Begriff "Genozid" zurück.
  • 30. April 1994: Zehntausende fliehen aus Ruanda nach Tansania, Burundi und Zaire.
  • 3. Mai 1994: Präsident Bill Clinton unterschreibt eine Direktive, die die Beteiligung us-amerikanischer Truppen bei internationalen Friedensmissionen beschränkt.
  • 11. Mai 1994: Mike McCurry sagt, dass das Außenministerium juristisch noch nicht festgelegt hat, ob die Ereignisse in Ruanda als Genozid bezeichnet werden können.
  • 13. Mai 1994: Der UN-Sicherheitsrat bereitet eine Abstimmung über die Wiedereinsetzung der UNAMIR-Kräfte in Ruanda vor; Madeleine Albright verhindert die Abstimmung vier Tage lang.
  • 17. Mai 1994: Die Resolution des UN-Sicherheitsrats bestimmt, dass 5.500 Soldaten eingesetzt werden, und gibt zu, dass "Genozid-Handlungen begangen wurden."
  • Mitte Mai 1994: Das Internationale Rote Kreuz nimmt an, dass 500.000 Ruander getötet worden sind.
  • 22. Juni 1994: Noch immer sind keine UN-Truppen nach Ruanda entsandt worden. Deswegen verfügt der Sicherheitsrat, dass französische Truppen eingesetzt werden, um eine "Sicherheitszone" zu schaffen. Dennoch gehen die Massaker an den Tutsi weiter.
  • Mitte Juli 1994: Die Truppen der Tutsi-RPF nehmen Kigali ein und beenden den Völkermord. Innerhalb von 100 Tagen wurden fast eine Million Ruander ermordet.
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