Lieber Frankie

Produktionsnotizen

Statement der Regisseurin Erstmals las ich DEAR FRANKIE als Kurzdrehbuch im Jahr 1997. Die Geschichte berührte mich so sehr, dass ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekam. Ich empfand sie als ungemein lebensbejahend. Ich war fasziniert davon, wie weit eine Mutter gehen würde, um ihrem Sohn einen Vater zu geben - jenen Vater, von dem sie glaubt, dass er ihn haben wollte und braucht.

Interessant fand ich auch, wie sie damit herausfindet, was im Kopf ihres Sohns vor sich geht, und wie diese Lüge tatsächlich eine Lücke in ihrem eigenen Leben ausfüllt. Aber Lügen ziehen immer Komplikationen nach sich. Ich wollte diesen komplexen Themen nachgehen und mehr über die dahinterliegenden Gründe erfahren. Dies sind die Beweggründe, die zu meinem leidenschaftlichen Wunsch führten, diese Geschichte auf die Leinwand zu bringen.

Aufgrund der sensiblen Story und der Qualität des Drehbuchs war eine starke Besetzung das A und O für das Gelingen des Films. Ich hatte Glück, den Luxus zu haben, mit solch wunderbaren und einsatzfreudigen Schauspielern arbeiten zu können, deren Talent mir die Möglichkeit gab, meine Vision zu realisieren.

Die visuellen Elemente spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die richtige Stimmung und Atmosphäre zu erzielen. Mit voller Absicht habe ich alles so unkompliziert und natürlich wie möglich belassen. Meine Inspiration für die Farben und das Licht bezog ich von Künstlern aus der Zeit um die Jahrhundertwende: die Glasgow Boys und die etwas weniger bekannten Glasgow Girls.

Mir gefällt an ihren Gemälden, dass sie die besonders harmonischen Schattierungen und das sanfte Licht, wie man sie in Schottland findet, so wunderbar einfangen. Ihre Farbpalette wurde auch die Farbpalette des Films.

Ich war von Anfang an in dieses Projekt verliebt. Die Regiearbeit war für mich eine Reise, die mein Leben verändert hat. Ich hoffe, dass der Film das Publikum berührt, so wie die Geschichte mich berührt hat.

Shona Auerbach


Über die Produktion Drehbuchautorin Andrea Gibb entwickelte die Idee für LIEBER FRANKIE ursprünglich als 15-minütigen Kurzfilm für die Tartan-Kurzfilmserie von Scottish Screen. Als der Stoff abgelehnt wurde, versuchte sie zunächst, ihn zu vergessen. Aber die Idee ließ ihr einfach keine Ruhe. Die Geschichte faszinierte sie mehr und mehr. Womöglich weil sie eigenen Kindheitserlebnissen entsprang: Auch ihr Vater hatte damals längere Zeit fern von Zuhause gearbeitet und konnte seine Familie nur selten sehen.

Gibb erzählt: "Mein Vater arbeitete im Ausland. Er war als Ingenieur in Afrika angestellt. Als ich noch klein war, etwa fünf oder sechs Jahre alt, war er über lange Zeit hinweg nicht bei uns, bis wir tatsächlich nach Nigeria zogen, um bei ihm sein zu können. Um den Kontakt zu ihm nicht zu verlieren, mußste ich damals über Briefe mit ihm kommunizieren. Das war für mich die Ausgangsidee für LIEBER FRANKIE. Ich dachte darüber nach, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn man ein Elternteil hätte, dem man nur schreiben könnte, anstatt mit Eltern zu leben, die täglich für einen da sind."

Der Zufall wollte es, dass "Natural History", das Kurzfilm-Drehbuch, das Gibb als Bewerbung für die Tartan Shorts geschrieben hatte, den Weg als Schreibprobe zu Regisseurin Shona Auerbach fand. Auerbach hatte mit "Seven" selbst einen Studentenkurzfilm geschrieben und hielt Ausschau nach einem neuen Stoff, den sie umsetzen könnte: "Als ich die Geschichte las, bekam ich sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich fand, dass sie regelrecht überschäumte vor Fantasie und wollte unbedingt einen Film daraus machen." Zur gleichen Zeit lernte sie die Produzentin Caroline Wood kennen, der "Seven" sehr gefallen hatte.

"Kurz davor hatte ich den tschechischen Film KOLYA gesehen, der 1997 den Oscar® als ?Bester fremdsprachiger Film' gewann", erinnert sich Wood. "Als ich ihn sah, dachte ich: ,Das ist die Art von Film, die ich machen will. Ich will einen Film machen, in dessen Mittelpunkt ein Kind steht.' Also traf ich mich mit Shona und wir unterhielten uns. Zufälligerweise hatte sie ebenfalls KOLYA gesehen. Ich glaube sogar, dass sie ihn sich zweimal angesehen hatte - jedenfalls war sie völlig begeistert davon. Also machten wir uns daran, gemeinsam einen Stoff zu suchen, in dem ein Kind eine tragende Rolle spielt."

Eine der ersten Fragen, die Wood der Filmemacherin bei besagtem Treffen stellte, war, ob sie in letzter Zeit etwas Gutes gelesen hatte. Zufälligerweise ja, war die Antwort.

"Ich hatte dieses wunderbare Drehbuch für einen Kurzfilm von Andrea gelesen, das dann auch Caroline absolut begeisterte. Caroline gab Andrea daraufhin sofort den Auftrag, die Geschichte als Spielfilm-Drehbuch umzuschreiben. Wir wollten einen Film über die Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind drehen. Und diese Idee war einfach perfekt. Das war vor sechs Jahren. Seither haben wir einen weiten Weg zurückgelegt."

Auerbach liebte diese Geschichte und Gibbs Schreibstil. Wood ging es ebenso: "Ich fand all das ungemein bewegend. Die Art des moralischen Dilemmas, dem sich Lizzie ausgesetzt sieht, fand ich einfach interessant. Eine Mutter, die ihr Kind belügt - das ist natürlich falsch. Aber sie macht es nur deshalb, weil sie ihren Sohn über alles liebt. Das fand ich sehr faszinierend. Gleichzeitig empfand ich die Beziehung zu diesem Mann, der aus einem einzigen Grund da ist, woraus sich aber etwas völlig anderes entwickelt, ziemlich sinnlich, weil zwischen den beiden ja immer das Kind stehen wird. Es wird immer eine gewisse Distanz geben, eine gewisse Barriere in der Beziehung. Ich sah, dass da ein großes Potenzial für einen Filmstoff steckte, der interessant und spannend ist."

Zusätzlich identifizierte sich Auerbach mit den schottischen Wurzeln der Geschichte: "Meine Mutter ist schottischer Abstammung. Als ich zehn Jahre alt war, zog meine Großmutter aus Schottland zu uns, um bei uns zu leben. Als ich aufwuchs, spielten viele schottische Elemente, von denen ich umgeben war, eine große Rolle. Außerdem konnte ich auf die Erfahrung, mit drei Generationen unter einem Dach zu leben, zurückgreifen, als es an die Umsetzung der Geschichte ging."

Gibb arbeitete eng mit Wood und Auerbach zusammen, um aus einem 15-minütigen Kurzfilmstoff einen abendfüllenden Spielfilm zu machen. Gibb erzählt: "Ich versuchte über etwas zu schreiben, das ich kenne. Gleichzeitig gab ich mir Mühe, die Geschichte so zu verfassen, dass Shona als Regisseurin etwas damit anfangen konnte. Shona und Caroline hatten unglaublich viel Einfluss darauf, dass das Drehbuch langsam Gestalt annahm."

Es ist nicht übermäßig überraschend, dass das Drehbuch viele unterschiedliche Phasen und Veränderungen durchlief. Dennoch gibt es einige Szenen, die noch fast genauso sind wie am Anfang. "Das Ende ist fast identisch mit der ersten Fassung", meint sie. "Es gibt einige Elemente in dem Film, die sogar auf das Drehbuch für den Kurzfilm zurückgehen. Die Szene in der Küche, in der der Fremde erstmals auftaucht, ist ein Beispiel dafür. Wir haben ein paar Kleinigkeiten hinzugefügt, aber im Grunde ist es noch dieselbe Szene. Die wichtigen Wendepunkte und bezeichnenden Momente sind allesamt noch vorhanden."

Frankies Welt der Stille Die größte Veränderung bei der Überarbeitung des Kurzfilm-Drehbuchs betraf die Hauptfigur, Frankie. Für Gibb ist einer der wichtigsten Aufhänger des Films, wie viel Frankie tatsächlich weiß.

"Wie viel von der Wahrheit ist Frankie bewusst? Wie viel nimmt er seiner Mutter ab? Beim Nachdenken war mir auf einmal klar, dass er all das weiß, ohne es jemals gehört zu haben. Niemand hat ihm gesagt, dass sich sein Vater auf diesem Schiff befindet - aber tief in seinem Inneren weiß der Junge Bescheid - der Junge weiß bereits, was wir schließlich am Ende herausfinden. Da stellte ich mir die entscheidende Frage: Wie wäre es, wenn die Kommunikation zwischen Mutter und Sohn irgendwie eingeschränkt wäre?"

Gibb fährt fort: "Da hatte ich auf einmal die Idee, dass Frankie taub sein müsste. Und damit hatte ich etwas ganz Neues gefunden, einen neuen Aspekt in der Beziehung zwischen Sohn und Mutter, den man vertiefen konnte. Das fand ich sehr spannend."

Gibb verrät, dass sie es als Autorin schätzt, gewisse Aspekte aus ihrem eigenen Leben in ihre fiktiven Stoffe einzuarbeiten. Die Figur des Frankie macht da keine Ausnahme: "Ich habe einen tauben und stummen Cousin, mit dem ich groß geworden bin. Ich mußste unentwegt an ihn denken, als ich die Szenen mit Frankie schrieb. Erinnerungen an ihn, wie wir als Kinder spielten, all solche Sachen. Fast alles, was ich schreibe, hängt immer sehr direkt mit Menschen zusammen, die ich kenne oder die ich liebe oder die mir nahe stehen. Irgendwie tauchen sie immer wieder in den Stoffen auf, die ich schreibe. Ich hoffe nur, dass ich ihnen dabei gerecht werde."

Auerbach erläutert: "Ich kann mich noch erinnern, wie Andrea bei der Arbeit am Drehbuch vorschlug, dass Frankie taub sein könnte. Das empfand ich als sehr mutig, und ich war richtig aufgeregt. Vor einer Weile hatte ich ein Jahr lang die Zeichensprache tauber Menschen gelernt. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, dass unser kleiner Held taub sein sollte."

Gibb stellte für die Drehbucharbeit intensive Recherchen an und suchte immer wieder Rat bei einem Lehrer tauber Kinder. Auerbach wollte sicher gehen, dass ihre jungen Schauspieler ihrerseits Interesse daran hatten, mehr über Taubheit zu erfahren.

"Es war mir sehr wichtig, dass nicht nur Jack, der den Frankie spielt, sondern einfach alle Kinder mit Rollen in dem Film so viel wie möglich über gehörlose Menschen wussten. Bei den Proben unterhielten wir uns darüber, wie es sich wohl anfühlt, wenn man nicht hören kann. Darüber hatte davor noch keiner von ihnen einen Gedanken verschwendet. Ich ließ sie beim Spielen einen nach dem anderen überlegen, wie sie sich verhalten würden, wenn sie taub wären. Das war interessant, weil sie sich voll und ganz auf ihre Vorstellungskraft verlassen mußsten. Dann verbrachten wir einige Zeit in einem Club für gehörlose Jugendliche. Das hat mehr gebracht als alles andere, was wir gemacht haben. Dort spielten Jack ,Jayd' Johnson und Sean Brown Basketball mit den Kindern. Ungeheuer schnell lernten sie zu adaptieren und gezielt Augenkontakt zu suchen und mit ihren Teammitgliedern mit Hilfe von Handzeichen zu kommunizieren."

Als die Dreharbeiten begannen, wurden zwei taube Berater, Lucy Warnes und Derek Todd, angestellt, um den Schauspielern Unterricht in Zeichensprache zu geben. Frankie-Darsteller Jack McElhone arbeitete vor allem mit Lucy Warnes.

"Man gab mir dieses Video", erzählt er. "Ein paar Wochen vor Drehstart mußste ich erstmals Zeichensprache einsetzen, also sah ich es mir am Abend vorher immer und immer wieder an. Lucy bat mich manchmal direkt vor den Szenen, mit ihr in Zeichensprache zu reden. Das dauerte manchmal nur fünf Minuten, weil ich mir alles sehr gut merken konnte."

Als Frankies Mutter Lizzie mußste Emily Mortimer ebenfalls in der Lage sein, in Zeichensprache zu kommunizieren. Zu dieser Zeit befand sie sich in Amerika und ließ sich von einer Freundin unterrichten, die einen dreijährigen Sohn hat, der gehörlos ist.

"Ich nahm Kontakt zu ihr auf, und sie nahm mich ein paar Tage mit zu einer Schule für Gehörlose, wo ich mich mit ihr und ihrem Sohn ein bisschen aufhalten konnte. Ich habe meine Zeit einfach damit verbracht, ihren Umgang miteinander zu studieren. Es ist eine sehr enge Beziehung, weil er völlig von ihr abhängt. Sicher sind Mutter-Kind-Beziehungen immer sehr eng, aber wenn ein Kind eine Behinderung oder einen körperlichen Defekt hat, dann ist es in den meisten Fällen die Mutter, dem sich das Kind in besondere Weise zuwendet. Das fand ich sehr interessant."

Sie berichtet weiter: "Shona beschloss - und sie lag damit richtig -, dass Lizzie die Gebärdensprache nicht perfekt beherrschen sollte. Ein paar Sachen hat sie einfach im Alltag gelernt, oder vielleicht hat sie ein bisschen aus Büchern abgeschaut. Sie und Frankie haben eine ganz eigene Form der Kommunikation mit ganz eigenen Zeichen entwickelt."

Die Figuren Lizzie Emily Mortimer war von Anfang an Woods erste Wahl für die Rolle der Lizzie. Sie bewundert die Schauspielerin, seitdem sie sie zum ersten Mal in ELIZABETH ("Elizabeth", 1998) sah. "Ich finde, sie hat ein wunderbares Wesen", meint Wood. "Das gefällt mir ganz besonders. Ich wollte auf keinen Fall jemanden in der Rolle besetzen, der zu bedeutungsschwanger oder depressiv ist. Es fiele ziemlich leicht, Lizzie als unsympathische Figur darzustellen. Als wir das Drehbuch bei einer Lesung in Edinburgh Zeile für Zeile durchgingen, wurde uns diese Gefahr ganz deutlich vor Augen geführt."

"Wir wollten dem entgegen wirken, indem wir die Rolle mit einer Schauspielerin besetzten, die ausdrucksstark und subtil ist, aber niemals mitleidig wirkt. Wir wollten eine intelligente Schauspielerin, die die Komplexität dieser Figur begreifen und diese Intelligenz auch rüberbringen mußste. Emily hat die Aufgabe mit Bravour gemeistert."

Obwohl sie vorab keine feste Meinung hatte, wer die einzelnen Figuren spielen sollte, war Shona Auerbach schon nach wenigen Minuten restlos von Emily Mortimer überzeugt.

"Ich liebe Emily Mortimer", gibt sie zu Protokoll. "Ich liebe all diese kleinen Dinge an ihr: ihre Eigenheiten, ihre Augen, ihre Intensität. Bevor wir Emily besetzten, war ich mir nicht sicher, ob sie den schottischen Akzent hinkriegen würde. Ich wusste, dass mir meine Mutter niemals verziehen hätte, wenn das nicht authentisch gewesen wäre. Dann sah ich sie in YOUNG ADAM ("Young Adam", 2003) - und ihr Akzent war makellos."

Von unschätzbarem Wert waren auch die Anmerkungen, die Drehbuchautorin Andrea Gibb zur Besetzung machte. Keiner kannte die Figuren besser, hatte mehr Zeit mit ihnen verbracht.

"In meinem Kopf war Lizzie immer schon ein dunkler Typ gewesen und hatte Emily ähnlich gesehen", gesteht sie. "Dabei hatte ich nicht im geringsten an sie gedacht, als ich das Drehbuch schrieb. Aber sie sieht genauso aus, wie ich mir Lizzie vorgestellt hatte. Das ist erstaunlich."

Für Mortimer war Lizzie die bislang größte Leinwandrolle. Und das brachte ganz eigene Verantwortungen mit sich. "Im Fernsehen habe ich bereits große Rollen gespielt", berichtet sie. "Aber in einem Film war noch keine so groß wie diese. Das kann einen durchaus einschüchtern, wenn man darüber nachdenkt, welche Verantwortung einem da bei der Erzählung der Geschichte zukommt."

Mortimer erzählt, dass sie sich vor allem deshalb von der Rolle der Lizzie angesprochen fühlte, weil sie eine vergleichbare Figur noch nie gespielt hatte. "Sie ist eine zurückhaltende Person, was zum einen beim Spielen viel Freude bereitet, andererseits eine enorme Herausforderung ist", überlegt sie. "Es ist interessant: Man übernimmt die Persönlichkeit, die man zu spielen hat. Ich stellte manchmal fest, dass ich am Ende eines Drehtags nach Hause kam und das unbedingte Bedürfnis hatte, laut zu brüllen oder in meinem Wohnzimmer herumzutanzen, weil ich den ganzen Tag eine so verschlossene, in sich gekehrte Figur gespielt hatte."

Sie erklärt: "Wegen der Szenen, die ich zu spielen hatte, kann man unmöglich laut und gut gelaunt und überschäumend sein, weil das nicht der Stimmung entspricht, in die man sich für den Tag versetzen mußs. Da ist etwas sehr Zurückhaltendes und Repressives an dieser Figur, was ich für sehr interessant halte. Das bedeutet nämlich, dass die Momente, in denen es aus ihr heraus bricht, in denen sie die Deckung sinken lässt, umso aufregender sind."

Der Fremde Alle Beteiligten wussten von Anfang an, dass für die Schlüsselrolle des Fremden, der sich bereit erklärt, sich als Vater von Frankie auszugeben, eine sorgfältige und sehr exakte Besetzung unerlässlich sein würde. Wood und Auerbach testeten viele Schauspieler, nicht alle von ihnen Briten, bevor sie auf Gerard Butler stießen.

Wood erinnert sich: "Gerry Butler betrat unser Büro und wir spürten sofort: Das ist er! Er drehte gerade TOMB RAIDER 2 und hatte sich gerade seine Haare abgeschnitten und wird dachten: Das ist er, der Fremde - wir müssen ihn haben. Er ist kein Bubi, sondern ein richtiger gestandener Mann. Er ist knapp ein Meter neunzig groß und ist absolut glaubwürdig als Seemann. Er hat ausreichend Kanten und Charakter in seinem Gesicht." Wood war sofort klar, dass Butler das Zeug zum großen Star hat.

Wie Wood war auch Auerbach "binnen fünf Sekunden" klar, dass Butler perfekt war. Niemand war glücklicher als sie, dass man endlich den Richtigen gefunden hatte: "Obwohl wir viele Schauspieler gesehen hatten und jeder von ihnen etwas hatte, was den Fremden ausmacht, war Gerry der einzige, der alles hatte, was die Figur braucht."

Für Butler sind es Projekte wie LIEBER FRANKIE, die ihn daran erinnern, warum er ursprünglich einmal Schauspieler werden wollte. "Es macht einen Riesenspaß, Filme wie TOMB RAIDER 2 zu drehen - wie könnte man sich jemals darüber beschweren, wenn man nach Hongkong, Griechenland und Kenia geflogen wird und all diese verrückten Dinge machen darf. Aber manchmal ist es auch ziemlich unbequem und man vergisst, dass man zehn Tage mit Warten im Wohnwagen verbracht hat, um es zu machen. Bei LIEBER FRANKIE hat man es mit einer Crew von 20 oder 40 Leuten zu tun - und nicht mit 500, wie bei den großen Produktionen. Diese Actionfilme sind wie eine eigene Kleinstadt. Hier geht es nur um die Darstellung, wie es sein sollte. Man redet tatsächlich über Dinge, die man versteht, anstatt dass man irgendwelchen chinesischen Gaunern, die sich auf einem Hügel verstecken, irgendwelchen Quatsch entgegen brüllt. Das ist lustig, aber es ist toll, etwas machen zu können, das einem selbst etwas bedeutet, dass eine gewisse Wucht hat. Das ist es doch, was am Schauspiel so aufregend ist."

Frankie Der zehnjährige Jack McElhone gab sein Spielfilmdebüt in YOUNG ADAM ("Young Adam", 2003) als Sohn der von Peter Mullan und Tilda Swinton gespielten Figuren. LIEBER FRANKIE ist sein zweiter Film. Auf das Schauspiel war er ganz spontan gestoßen. Sein natürliches Talent und Gespür sorgten dafür, dass er schon bald in der erfolgreichen Channel-4-Komödie "The Book Group" besetzt wurde. Der Mann, der ihm die Rolle beschafft hatte, war LIEBER FRANKIE-Casting-Director Des Hamilton, also war es fast unausweichlich, dass Jack die Titelrolle bekam.

"Als wir mit den Vorsprechterminen begannen, hatten wir beinahe 100 Jungs, die sich für die Rollen von Frankie und Ricky bewarben", erinnert sich Wood. "Aus dieser Gruppe sortierten wir einige aus und schickten die Verbliebenen in Workshops. Dabei blieben wieder einige auf der Strecke, die Anderen nahmen wir auf Film auf. Der eine Junge, der immer wieder hervorstach, war Jack. Es mußs an seinem Gesicht liegen - die Kamera liebt es. Er hat eine unglaubliche Präsenz auf der Leinwand. Vor allem aber war er als Frankie absolut glaubwürdig."

"Jack war der eine Junge, über den ich die ganze Zeit nachdenken mußste, der mir nicht aus dem Kopf ging", sagt Auerbach. "Er ist ganz besonders und er ist obendrein ganz schön clever. Ich wurde damals gefragt, warum ich keinen tatsächlich gehörlosen Jungen in der Rolle besetzt habe. Es war nicht so, dass ich ein Problem mit dieser Idee gehabt hätte. Tatsächlich habe ich mir ein paar taube Kinder angesehen. Aber schließlich und letztendlich war Jack der beste Schauspieler für den Part. Er mußste sich also einfach der Rolle anpassen, wie jeder andere Schauspieler auch. Ich mußs aber auch betonen, dass meine gehörlosen Berater während der gesamten Produktion an meiner Seite waren, weil ich unbedingt wollte, dass jedes Detail stimmt und stimmig ist."

Gibb war erstaunt, wie selbstsicher und locker Jack McElhone während der gesamten Produktion war. "Sein Selbstbewusstsein ist ganz verblüffend ausgeprägt", meint sie. "Er hat eine fantastische Beziehung zu seinen Eltern, vor allem zu seiner Mutter, was man jeden Tag am Set miterleben konnte, wenn man sie zusammen sah. Er ist sich einfach vollkommen sicher, wer er ist, und vertraut voll und ganz darauf, dass er geliebt wird. Und das bringt er auch als Frankie überzeugend rüber. Die Liebe zwischen Frankie und seiner Mutter kann man förmlich spüren."

Jack entwickelte eine ganz entspannte Arbeitsbeziehung zu Gerard Butler und Emily Mortimer. Butler, sagt er, habe ihn zum Lachen gebracht und Emily hätte ihm ganz viele Geschenke gemacht, als er während des Drehs seinen Geburtstag feierte: "Emily und Gerry haben mir beide viel beigebracht. Wenn wir vor der Kamera erschöpft wirken sollten, sind wir einfach vor der ersten Klappe zehnmal in die Luft gesprungen. Ich fand ja, dass das doof aussah, aber ich habe trotzdem mitgemacht und es hat funktioniert. Von anderen Schauspielern lernen, das ist wirklich am Allerbesten."

Marie Obwohl die Rolle der Marie, die zu Lizzies bester Freundin wird und ihr den Fremden vorstellt, nicht der größte Part des Films ist, ist sie doch eine sehr wichtige Figur.

Als Sharon Small von dem Drehbuch erfuhr, steckte sie gerade mitten in den Dreharbeiten zu ihrer erfolgreichen Fernsehserie "The Inspector Linley Mysteries". Sie wusste sofort, dass sie entweder Lizzie oder Marie spielen wollte.

"Ich habe das Drehbuch einfach geliebt", erklärt sie. "Ich fand beide Rollen wunderbar und wollte unbedingt mit dabei sein. Ich glaube nicht, dass sie sich wirklich sicher waren, ob sie mir die Rolle geben wollten, haben sich dann aber für mich entschieden."

Wood und Auerbach kannten Small aus der BBC-Serie "Glasgow Kiss" und beschlossen, die Schauspielerin zu einem Vorsprechtermin einzuladen.

Auerbach erzählt: "Sharon war die erste Schauspielerin, mit der ich einen Vorsprech-Test gemacht habe. Ich glaubte nicht, dass wir unsere Marie so schnell finden würden. Ich suchte in meiner Marie Stärke, ein Gefühl dafür, dass sie so etwas wie der Grundpfeiler der Gemeinde ist, ein Mensch, den wirklich jeder liebt. Mir gefiel ihre Beziehung zu Ally, und ich wollte ihre sexy Seite zum Vorschein bringen. Ich ließ sie auch mit einem leichten Country-and-Western-Einschlag reden, ganz subtil. Ich fand, dass das ihre Unabhängigkeit, ihr Sexappeal ihre Lebensfreude unterstreicht."

"Sharons Energie ist fantastisch", merkt Woods an. "Sie hat eine andere innere Energie als Emily oder Gerry - und damit gibt sie dem Film die nötige Wärme und Sexappeal, einen Hauch von Spaß und Humor. Das ist als Kontrast zu Lizzies Stille sehr wichtig. Sharon ist hinreißend."

Small sagt, dass ihr vor allem Maries Offenheit und ihr großzügiges Wesen gefielen: "Sie erkennt, dass da jemand in Not ist und sagt ganz unaufdringlich: ,Ich kann dir helfen, wenn du willst, es ist möglich.' Als sie Lizzie einen Job anbietet und feststellt, dass sie einen gehörlosen Sohn hat, denkt sie: ,In diesem Mädchen steckt etwas.' Das spricht mich an. Marie hat es nicht einfach gehabt, aber sie ist glücklich und hat eine gute Einstellung. Dafür hat sie hart gearbeitet. Als sie vor einiger Zeit zu der Gemeinde stieß, ist es ihr wohl ähnlich gegangen wie Lizzie. Ich glaube, dass sie in ihr eine verwandte Seele erkennt. Marie kann Dinge hinbiegen, und sie lässt sich dieses Märchenszenario einfallen und hilft mit, dass man es umsetzen kann. Mir gefällt das."

Nell Zur Besetzung stößt mit Mary Riggins eine der beliebtesten schottischen Fernsehschauspielerinnen. Mit ihrer Rolle als Lizzies Großmutter Nell gibt sie ihr Filmdebüt. Mary glaubt, dass Nell ganz eigene Gründe dafür hat, dass sie will, dass Frankie die Wahrheit erfährt: "Sie will, dass der Junge erfährt, dass er einen gewalttätigen Vater hatte. Sie will ihm einfach die ganze Wahrheit sagen, weil sie der Ansicht ist, dass es für den Jungen verwirrend ist, dass die Familie ständig von Wohnung zu Wohnung weiterzieht. Außerdem findet sie, dass ihre Tochter eine Lüge lebt - und damit dafür sorgt, dass ihr Junge das Gleiche tut. Nell ist überzeugt, dass es immer schwerer werden wird, dem Jungen die Wahrheit zu sagen, je länger Lizzie sich damit Zeit lässt."

Auerbach war es sehr wichtig, dass Nell glaubwürdig gezeichnet wird: "Ich habe mir viel Mühe gegeben, sie nicht als stereotypische, alte Kratzbürste zu zeichnen. Ich will, dass das Publikum Nell mag. Gleichzeitig mußs sie auch als Gewissen von Lizzie funktionieren. Ich bin mit drei Generationen bei mir zu Hause aufgewachsen. Also konnte ich viel von meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einbringen, die ich als Kind von meiner Mutter und meiner Großmutter gemacht habe."

Die Drehorte Wie die meisten Autoren schreibt Andrea Gibb über das, was sie selbst am besten kennt. Im Fall von LIEBER FRANKIE heißt das, dass sie die Stadt Greenock an der schottischen Clyde Coast kennt, weil sie dort aufgewachsen ist.

"Es ist schon komisch: Je mehr ich den Eindruck gewinne, nicht über Greenock zu schreiben, desto mehr mache ich es tatsächlich", überlegt Gibb. "Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich weiß auch nicht, warum mich diese Stadt nicht loslässt oder was es ist, dass ich nicht von ihr wegkomme, aber sie findet sich in all meinen Arbeiten. Selbst wenn ich den Orten nicht den Namen Greenock gebe - es ist immer noch unzweifelhaft Greenock."

"All meine Onkels und Großväter arbeiteten in den Werften", berichtet sie weiter. "Das Hafenareal hat also eine große Bedeutung in meinem Leben. Man sieht den Hügel hinauf und sieht die ganze Industrie, dann dreht man sich um und blickt auf einmal nur noch auf Wasser und die umliegende Hügelgegend. Der krasse Gegensatz zwischen diesen beiden Bildern könnte nirgendwo auf der Welt größer sein."

Als es darum ging, die Drehorte zu finden, erhielt Location-Manager Beverly Syme die simple Anweisung, dass sie "nostalgisch, aber zeitgemäß" sein sollten. Diese Beschreibung trifft im Grunde auf ganz Greenock zu, in dem die altmodischen Schiffsbau-Werften auf die moderne High-Tech-Computer-Industrie treffen.

Gibbs Input und Kenntnis der Örtlichkeiten erwiesen sich als unbezahlbar für Syme. "Wir haben viele Außenaufnahmen in Greenock geplant, weil sich die Gegend regelrecht dafür anbot: die Hügel, die Docks, das Meer", erzählt. Syme. "Es wäre töricht gewesen, das in Glasgow zu drehen, wo man diese hinreißende Ausdehnung nicht hat. Wegen der wunderbaren Kulisse fiel die Wahl auf Greenock."

"Ich glaube, dass das Drehbuch großteils mit Blick auf die Docks im Hinterkopf geschrieben wurde", vermutet Syme. "Ich fragte bei Andrea nach, ob es da einen speziellen Ort gäbe, von dem aus man diese Ansicht hat. Und sie erzählte mir von einem ganz besonderen Hügel, an den sie beim Schreiben denken mußste."

Niemand war mit den endgültigen Entscheidungen glücklicher als Gibb. Alles sah so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. "Jede einzelne Location", sagt sie. "Ich schrieb, dass das Fußballspiel im Battery Park spielen sollte. Es wurde im Battery Park gedreht. Ich schrieb, dass das Treffen zwischen Lizzie und dem Fremden im Corinthian in Glasgow stattfinden sollte. Im Corinthian wurde es gedreht. Für einen Autor ist das pure Magie."

Weiter erzählt sie: "Caroline, Shona und ich hegen eine große Leidenschaft für das Projekt. Und unsere Art der Zusammenarbeit war absolut umwerfend. Sie sind wirklich an all die Orte gegangen, die ich erwähne, und haben dort gedreht. Einfach weil sie so wahnsinnig tolle Leute sind. Das unterscheidet sie von anderen Filmemachern."

Mehrere Wochen suchte Auerbach mit Syme nach den richtigen Drehorten: "Ich versuchte, so viele der von Andrea im Drehbuch genau angegebenen Locations zu verwenden, wie ich konnte. Die Voraussetzung war natürlich, dass sie auch visuell interessant sein mußsten. Ich komme von der Fotografie. Da ist es ganz klar, dass die Drehorte für mich eine entscheidende Bedeutung beim Erzählen meiner Geschichte haben. Beverly und ich kletterten auf viele Hügel und wanderten an vielen Stränden, um Orte aufzustöbern, die visuell funktionierten. Sie war unglaublich geduldig mit mir. Wir probierten jede noch so kleine Gasse aus. Und so stießen wir auf den richtigen Hügel, auf den sich Frankie zurückzieht. Es mußste ein Ort sein, der einerseits spektakulär, andererseits aber auch abgeschieden sein mußste. Beverly folgte meinen Instinkten und Bedürfnissen bereitwillig, bis wir den perfekten Platz gefunden hatten. Der Pier am Ende des Films war eine Location, über die wir bei einem unserer Spaziergänge ganz zufällig stießen. Ich stellte mir sofort vor, dass das eine großartige Schlusseinstellung ergeben würde. Mir schien es einfach so, dass das ein Ort wäre, an den sich Frankie zurückzieht. Mir gefiel die Idee, dass Lizzie sich dort zu ihm gesellt. Ich wollte ein starkes Bild, mit dem die Zuschauer das Kino verlassen."

Für Gibb gab es bei den Drehorten einen weiteren kleinen Hauch Magie: "Als ich klein war, segelte ich auf einem Boot nach Nigeria. Als ich mir einen Namen für das Schiff im Film ausdenken mußste, überlegte ich mir, auf den Namen genau dieses Boots zurückzugreifen. Es hieß ,Accra'. Zurück reiste ich auf der ,Appapa'. Aber dann ließ ich die Idee fallen und nannte das Schiff einfach ,The Empress of Scotland'. Dann erhielt ich einen Anruf von Shona, wir könnten diesen Namen nicht verwenden. Wir könnten nur die Namen von Schiffen verwenden, die tatsächlich während der Dreharbeiten in Greenock anlegten, weil wir ja vor Ort drehen wollten. Es gab nur zwei passende Schiffe, die während dieser Zeit nach Grrenock kamen - und sie hießen ,Accra' und ,Appapa'. Irgendwie wertete ich das als gutes Omen. Es waren tatsächlich die Boote, auf denen ich als Kind gereist war. dass Frankie nun ausgerechnet dieses Schiff beim Einlaufen in den Hafen beobachtet, bedeutet mir sehr, sehr viel."

Regisseurin Shona Auerbach
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Dirk Jasper FilmLexikon

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