Maria voll der Gnade

Produktionsnotizen

Der Filmemacher Joshua Marston hat mit seinem Debüt MARIA VOLL DER GNADE diverse, langfristige Interessen vereint, unter anderem seine Faszination für fremde Kulturen und Immigranten in den USA. In Marstons Nachbarschaft in Brooklyn leben viele Emigranten aus Kolumbien, und er hat die Politik und inneren Spannungen des Landes sowie ihren lang währenden Bürgerkrieg verfolgt. "Mein Ansatz als Filmemacher ist es, die Fühler auszustrecken, um spannende Menschen, Orte und Geschichten zu finden und dann zuzuhören. Dieser anthropologische Fokus hat mich dazu gebracht, Filme zu machen und Geschichten erzählen zu wollen."

Kolumbianer erzählten Marston von dem Leben, das sie zurückgelassen haben und dem Leben, das sie jetzt führen. An einem Tag sprach er mit einer Frau, die Heroinkapseln geschluckt und in die USA transportiert hat und wenig später verhaftet und eingesperrt wurde. Das Thema Drogenhandel war schon öfters zuvor aufgekommen, aber dies war die Erzählung über eine geheimen Welt aus erster Hand. "Es war eine Geschichte mit der ich mich noch nie auseinander gesetzt hatte, und schon gar nicht aus der Perspektive einer Person, die selbst involviert war. Das war eine der ersten Inspirationen für den Film: die Hintergründe eines Drogenkuriers und dessen persönliche Beweggründe zu beleuchten. Zu verstehen, was jemanden dazu bewegen kann, so etwas zu tun."

Marston nahm die Recherche auf, um Tiefe und Authentizität in Marias Geschichte zu bringen. Er sprach mit inhaftierten Drogenkurieren und traf sich mit Zollbeamten des Kennedy Flughafen, die er dabei beobachtete, wie sie Ankömmlinge aus Kolumbien befragen. Er erfuhr, wie die Drogen in Gummipäckchen versiegelt werden und dass, abhängig von der Größe der Person, ein Kurier etwa ein Kilo Kokain oder Heroin in seinem Körper transportiert. Er interviewte einen Chirurgen, der ihm detailliert schilderte, wie er diversen Drogenkurieren das Leben gerettet hat, indem er die Päckchen chirurgisch entfernte.

Die Drogenrecherche war noch leicht im Vergleich zu der Recherche, die mit den Charakteren verbunden war. Die Geschichte drehte sich nicht um einen Drogenkurier, sondern um eine junge Frau - Maria. "Ich fing an, mich wirklich mit Maria und den Entscheidungen, die sie trifft, auseinander zu setzen. Auf diesem Planeten leben über eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, sie sind nicht alle Drogenkuriere. Also war die Frage: Welche Art von Verzweiflung bringt eine Person dazu, Drogen im eigenen Körper zu schmuggeln? Nun, es gibt genauso viele Antworten auf diese Frage, wie es Menschen gibt, die dies tun."

Marstons Nachforschungen führten ihn zu Orlando Tobón, einem allseits respektierten Wortführer in New Yorks kolumbianischer Gemeinschaft, der sich seit den 1980ern für Drogenkuriere und deren Familien einsetzt. Tobón hatte die Überführung von über 400 Leichen in ihre Heimat veranlasst, die sonst namenlos in New York beerdigt worden wären. Familien, Mediziner und selbst die Polizei wenden sich an Tobón, wenn ein Drogenkurier stirbt. Er hatte mit Kurieren von 17 bis 82 zu tun. Wann immer Marston ihn in seiner Reiseagentur in Queens besuchte, erzählte er ihm ausführlich von seinen Erfahrungen und Beobachtungen. Tobón wurde einer der ersten Befürworter dieses Films und hat ihn im Endeffekt mitproduziert. "Ich fand es eine wundervolle Vorstellung", so Tobón, "Leuten einen authentischen Einblick in die persönlichen Motive eines Drogenkuriers zu geben - ihnen die menschlichen Hintergründe nahe zu bringen."

Marston wurde Zeuge, wie Tobóns Altruismus und Engagement gegenüber New Yorks kolumbianischer Gemeinschaft Tag für Tag zum Tragen kam. Seine Reiseagentur in der Roosevelt Avenue in Jackson Heights in Queens ist zum Treffpunkt für viele Menschen geworden. Wer auch immer Unterstützung braucht - sei es bei der Suche nach einem Job oder einer Wohnung, oder beim Ausfüllen von Einwanderungsformularen - wendet sich an Tobón. Marston fing an, Tobón als zentralen Punkt der Geschichte, die er erzählen wollte, zu sehen und entwickelte die Figur des "Don Fernando", die dann im Film von Tobón selbst gespielt wird.

Der schwierigste Teil der Recherche drehte sich um die besonderen Lebensumstände einer jungen Frau in Kolumbien. Marston sprach mit Kolumbianerinnen, die in kleinen Dörfern gewohnt hatten, und erfuhr sehr viel über ihre familiären Strukturen und Freizeitaktivitäten, sowie über die harte Arbeit auf Blumenplantagen. Der Filmemacher konnte auch auf einige seiner persönlichen Erfahrungen zurückgreifen: er war durch Ecuador gereist und hatte dort Plantagen besichtigt, die denen im benachbarten Kolumbien sehr ähnlich sind.

Auf seine Nachforschungen aufbauend, entwickelte Marston ein Manuskript, das sich weniger auf die Drogenszene, als viel mehr auf die menschlichen Hintergründe konzentrierte. Maria wurde zu einer klugen, willensstarken Siebzehnjährigen, die sich mit dem Erwachsenwerden und einer unbekannten Zukunft auseinandersetzen mußs. "Ich denke, es gibt wohl eine Reihe an allgemeingültigen Punkten im Leben eines jeden Siebzehnjährigen, unabhängig von dessen Kultur oder finanziellem Hintergrund", meint Marston. "Das ist einer der Aspekte, der den Film für mich persönlich machte, denn er dreht sich um einen Menschen, der versucht herauszufinden, wer er ist, und wo er hingehört. Es geht um Maria, die mit dem, was sie hat, nicht zufrieden ist. Sie sucht und sehnt sich nach etwas Anderem, auch wenn sie es nicht definieren oder ausdrücken kann. Also entwickelten wir ein Manuskript, das immer weniger von einem Drogenkurier und zunehmend von einer jungen Frau handelte, die versucht auszubrechen und sich gegen eine Welt auflehnt, die sie einengt. Sie will einfach mehr erreichen."

Marston schickte das Drehbuch an den Produzenten Paul Mezey, dessen hochgelobte, auf realen Tatsachen aufbauende, Dramen wie "La Ciudad" und "Our Song" genau den Ansatz verfolgen, den Marston sich für MARIA VOLL DER GNADE vorgestellt hatte. Beide Filme beleuchten die alltäglichen Lebensumstände von Immigranten und Arbeiterklassengemeinschaften und wurden auch innerhalb dieser Gemeinschaften gedreht - hauptsächlich mit nichtprofessionellen Schauspielern.

Mezey las das Manuskript in einem durch. "Die Geschichte packt dich von der ersten Sekunde an", bemerkt der Produzent. "Genau wie Maria auch, weißt du nicht so recht, worauf du dich einlässt. Du wirst einfach mitgerissen. Gleichzeitig war das Manuskript sehr subtil. Es hat sich würdevoll mit der unausweichlichen Tragödie beschäftigt, aber niemals zugelassen, dass die Plots die eigentliche Geschichte dieser jungen Frauen in den Schatten stellen."

Eine Woche, nachdem ihm das Manuskript geschickt wurde, meldete sich Mezey bei Marston. "Wir unterhielten uns 45 Minuten lang über die Geschichte und die Charaktere", sagt Marston. "Danach war mir klar, dass er die Geschichte, die ich erzählen wollte, verstanden hatte und sie wurde unsere Geschichte."

Die Produktionsvorbereitung Ein spanischsprachiger Film, der in einem politisch instabilen Land mit teilweise nichtprofessionellen Schauspielern gedreht werden sollte, war eine echte Herausforderung, das war Mezey sofort klar. Aber ähnlich wie Marston, hatte auch der Produzent eine enge persönliche Bindung zu Kolumbien: sein Vater war dort aufgewachsen. Mezey stand sogar kurz davor, zum ersten Mal dorthin zu reisen, um seinen Vater auf eine Konferenz zu begleiten. "Ich las das Manuskript, als ich mit meinem Vater durch das kolumbianische Land fuhr", erinnert sich Mezey. "Ich konnte spüren, wie die Geschichte in dieser Umgebung lebendig wurde, es war eine irre visuelle Erfahrung. Das war der Moment, in dem ich mir das Hypothetische real vorstellen konnte."

Wenig später reisten Mezey und Marston gemeinsam nach Kolumbien, um die Einzelheiten der Geschichte herauszuarbeiten und sich nach möglichen Locations umzusehen. Marston begann zu verstehen, was es bedeutet, in Kolumbien zu leben und verbrachte etliche Wochen dort. Er lebte in kleinen Dörfern und besuchte zahlreiche Plantagen, wo er sowohl mit den Managern als auch mit den Arbeitern sprach. In einem Zentrum für schwangere Teenager erzählten ihm die jungen Frauen von ihren persönlichen Umständen und den Hintergründen ihrer Schwangerschaft. Er fuhr zu Gefängnissen, um mit Drogenkurieren zu sprechen und begegnete einem Mann, der die Drogenpäckchen jahrelang für die Schlucker vorbereitet hatte. Der Mann führte ihm vor, wie die Finger von Gummihandschuhen abgeschnitten, die Drogen penibel abgewogen, eingefüllt und dann mechanisch zu kleinen Kugeln gepresst werden, bevor sie unter bis zu sechs Schichten Latex versiegelt und mit Zahnseide verschnürt werden.

Nachdem Mezey die Arbeit an dem Projekt aufgenommen hatte, wurde er an Jaime Osorio Gómez verwiesen, eine leitende Persönlichkeit der kolumbianischen Filmgemeinschaft. Gómez hatte Film- und Fernsehgesellschaften quer durch Südamerika gegründet und kürzlich Barbet Schroeders OUR LADY OF THE ASSASSINS produziert. Gómez war von der Authentizität des Drehbuchs begeistert. "Es las sich, als ob es von einem Kolumbianer geschrieben wäre. Es hat die Details in Marias Leben perfekt eingefangen - ihre Arbeit, ihr Zuhause, ihre Familie, die finanziellen Probleme, mit denen sie sich täglich auseinandersetzen mußs." Indem die Geschichte sich mit den persönlichen Beweggründen und Motiven hinter Marias Entscheidung Drogen zu schmuggeln beschäftigt, verleiht sie einem bekannten Thema eine nie erlebte menschliche Seite. "Jeden Tag in den Nachrichten hört man etwas über Drogenkuriere, die auf Flügen in Kolumbien und in den USA gefangen wurden, oder die bei dem Versuch, Drogen in die USA, nach Europa oder Asien zu transportieren, sterben. Man hört die Geschichten von Freunden, Nachbarn oder Fremden. Man sieht von der Regierung gesponserte Werbung gegen Drogenhandel im kolumbianischen Fernsehen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht."

Das CAsting Gómez stieg als Co-Produzent ein und übernahm die schwierige Aufgabe der Besetzung. Er stellte zwei Castingteams in Kolumbien auf. Das eine kümmerte sich um professionelle Schauspieler; das andere, eine Gruppe von vier jungen Filmemachern bekannt als "El Barco", konzentrierte sich darauf, nichtprofessionelle Talente ausfindig zu machen. "El Barco" verteilte Flyer vor den Toren von Rosenplantagen, fuhr mit dem Megaphon auf dem Dach ihres Autos durch kleine Dörfer und sprach mit lokalen Radiosendern, um öffentliche Castingaufrufe durchzugeben. Zur gleichen Zeit luden die New Yorker Castingchefs, Ellyn Marshall und Maria Nelson in Queens, New Jersey, Long Island und Miami - wo auch immer es starke kolumbianische Gemeinschaften gab - zu offenen Vorsprechterminen ein. In Quito, der Hauptstadt von Ecuador, ließ ein weiteres Castingteam Mitglieder der kolumbianischen Gemeinschaft vorsprechen.

Ob professionell oder nichtprofessionell - die Schauspielerin, die die Rolle der Maria spielen sollte, mußste in der Lage sein, den Film zu tragen. Es mußste ihr möglich sein, die Widersprüche, die Maria erst glaubhaft machen, zu verstehen und sie sich einzuverleiben. "Maria hat gegensätzliche Charakterzüge", sagt Mezey. "Sie ist oft impulsiv und trifft nicht immer die richtige Entscheidung. Sie ist ein komplexer Charakter und dadurch eine echte Herausforderung für jeden Schauspieler, ob erfahren oder nicht."

Im Laufe der nächsten Monate sprachen über 800 junge Frauen für die Rolle vor - ohne Erfolg. Man hatte gerade beschlossen, den Produktionsstart zu verschieben, als dem entmutigten Marston ein Videoband aus Kolumbien geschickt wurde. "Ich habe kaum auf den Fernseher geschaut, als ich die 'Play'-Taste des Videoapparats drückte", erinnert er sich. "Catalina war die erste auf dem Band, und innerhalb von 30 Sekunden wusste ich es. Sie war einnehmend. Und sie war Maria: Sie sah aus wie die Figur, die ich entwickelt hatte, sie bewegte sich wie sie und sie hatte diese erstaunliche Frische, bei allem, was sie tat. Wann immer sie etwas improvisierte, war es interessant - und jedes Mal anders."

Die Studentin Catalina Sandino Moreno hatte über einen Freund von dem Casting gehört. Moreno hat Theater studiert und bereits für ein paar Werbeclips vorgesprochen, ist aber nie gebucht worden. Sie erinnert sich, wie sie zögerte, zum ersten Mal für eine Rolle in einem Film vorzusprechen. "Ich dachte, wenn sie mich bis jetzt noch nie gebucht haben, warum sollten sie mich auf einmal für einen Film haben wollen? Und mein Freund sagte: 'Versuchs halt einfach.'. Und meine Mutter sagte: 'Ja, das mußst du machen, das mußst du.'".

Zur gleichen Zeit war das "El Barco" Castingteam in einer Schule in Süd-Bogotá. Der Unterricht war gerade zu Ende und die Schüler wollten nach Hause, doch sie konnten 35 von ihnen überreden, noch ein bisschen länger zu bleiben. Einer nach dem anderen stellte sich vor die Kamera, gab seinen Namen an und erzählte etwas über sich. Das Team konnte sich Yenny Paola Vega sofort als Blanca vorstellen. "Dieses Mädchen hatte noch nie in seinem Leben geschauspielert, noch nicht einmal daran gedacht, in einer Schulaufführung mitzumachen und hätte sich nicht in einer Million Jahre den Stress gemacht, für irgendein Casting mit einem Bus nach Nord-Bogotá zu fahren", erzählt Marston. Vega sprach bei ihm vor und beeindruckte den Regisseur mit ein paar Improvisationen. "Yenny hat diese beeindruckende, natürliche Begabung zu improvisieren und sich in verschiedene Situationen und Charaktere zu versetzen."

Die Location Im Herbst 2001 spitzte sich die politische Instabilität und Gewalt in Kolumbien zu. Die Filmemacher fürchteten zunehmend, das die Dreharbeiten dort nicht möglich sein würden. Sie fingen an, Alternativen in Erwägung zu ziehen, unter anderem Ecuador, das an Kolumbien grenzt und über eine ähnliche Topografie verfügt. Durch die geografische Nähe könnte die kolumbianische Crew leicht nach Ecuador gebracht werden. Ein anderer Vorteil waren die vielen ecuadorschen Blumenplantagen, von denen manche sogar ausgebürgerten Kolumbianern gehörten.

Bei der Umdisponierung der Produktion von Kolumbien nach Ecuador wurden die Filmemacher mit ungeheueren Hindernissen konfrontiert. Das Hauptaugenmerk lag darin, die visuelle Integrität des kolumbianischen Rahmens beizubehalten - ein Thema, das neben der Landschaft auch die Schauspieler und diverse andere Extras betraf. Um zu gewährleisten, dass sowohl externe als auch interne Locations den originalen Schauplätzen bis ins kleinste Detail entsprachen, bemühte sich Gómez darum, eine erfahrene Crew in Kolumbien anzuheuern, unter anderem Monica Marulanda, die schon für das Produktionsdesign für OUR LADY OF THE ASSASSINS zuständig war. Gómez bezog auch erfahrene kolumbianische Filmleute, die er aus der ecuadorschen Film- und Fernsehbranche kannte, mit ein. Das Produktionsteam wurde so um "Altercine", eine Produktionsservicegesellschaft mit Sitz in Quito, erweitert, die von dem Produzenten Gigia Jaramillo und dem Dokumentarfilmer Pocho Alvarez geleitet wird.

Die Locationsuche startete aufs Neue und schließlich stand Amaguaña, ein kleines Dorf südlich von Quito, als Double für Marias kolumbianischen Heimatort fest. Die Crew hatte viel damit zu tun, die Fassaden der Häuser und öffentlichen Gebäude in den strahlenden Farben anzumalen, die in Kolumbien vorherrschen, in Amaguaña aber fehlen. Das Produktionsteam besorgte originale Möbel aus Kolumbien und ließ sogar Straßenschilder im typisch kolumbianischen Stil anfertigen.

Bis die Schauspieler in Amaguaña eintrafen, hatte das Dorf eine Verwandlung durchlebt. "Die Kirche, das Krankenhaus, die Apotheke und die Bar - diese vier Plätze sahen genauso aus, wie in einem kolumbianischen Dorf", sagt Moreno. "Die Farben waren die gleichen. Marias Haus war ein kolumbianisches. Es kam mir so vor, als wäre ich in meinem Land."

Als die Dreharbeiten anfingen, war es von ungeheurer Wichtigkeit, eng mit den lokalen Behörden und Einwohnern in Amaguaña zusammenzuarbeiten. Das Verhältnis war von der ersten Sekunde an gut und die Filmemacher bemühten sich, soviel Produktionsgeld wie möglich in die lokale Wirtschaft zu pumpen - sei es durch die Anmietung eines Restaurants fürs Catering, oder das Ausleihen von Requisiten von den Einheimischen. Als es soweit war, die Partyszene auf der Plaza zu drehen, wurde jeder eingeladen. In New York galten die selben Maßstäbe, und durch die Anwesenheit des Mitproduzenten Orlando Tobón war gewährleistet, dass die gesamte kolumbianische Gemeinschaft dem Projekt wohl gesonnen war. Die Einwohner in Jackson Heights hießen die Produktion in ihrer Nachbarschaft willkommen. "Es war das erste Mal, dass sich hier etwas Derartiges abspielte", sagt Tobón. "Niemand hatte zuvor einen Film gemacht über die Erfahrungen von Kolumbianern innerhalb der kolumbianischen Gemeinschaft von Queens."

Der Look Mit viel Gespür für Spontaneität und Natürlichkeit wurde das visuelle Konzept des Filmes entwickelt. Marston und der Kameramann Jim Denault haben sich dafür entschieden, mit Steady-Cams zu arbeiten, um die Intimität zu erzielen, die Marias Geschichte verlangt. "Da Maria die treibende Kraft in dem Film ist, ist sie auch die treibende Kraft für alles, was wir sehen", erzählt Marston. "Wenn sie sich also bewegt, bewegen wir uns auch, um an ihr dran zu bleiben. Jim Denault war wirklich maßgeblich daran beteiligt, mit filmischen Mitteln einen Look und eine Atmosphäre zu entwickeln, die zu Maria und ihrer Geschichte passt." Die Dreharbeiten Marston hat drei Wochen lang mit den Schauspielern, die in dem kolumbianischen Teil der Geschichte spielen, geprobt und hatte dabei eine bestimmte Methode: Die Darsteller bekamen eine spanische Version der ersten Hälfte des Drehbuchs (bis zu dem Punkt, wenn Maria in den Flieger steigt), die sie nach einem Tag zurückgeben mußsten. Als sie Wochen später in Ecuador ankamen, erarbeiteten sie die Charaktere und die Hintergrundgeschichte mit Improvisationsübungen. Letztendlich fingen sie dann an, bestimmte Szenen basierend auf ihrer groben Erinnerung an das Drehbuch zu improvisieren. Nach einigen Versuchen setzte sich Marston mit den Schauspielern zusammen, um die originalen Szenen im Einklang mit den Improvisationen umzuschreiben. "Das Ergebnis", erklärt Marston, "war, dass die Darsteller anfingen zu fühlen, wie ihre Charaktere sprechen. Sie lebten derartig in ihren Rollen auf, dass es ihre Geschichte, ihre Szenen, ihre Charaktere und vor allem ihre Dialoge wurden."

Die Proben haben den Schauspielern auch dabei geholfen, eine Verbindung und Vertrautheit aufzubauen, die nötig war, um ihre Beziehungen vor der Kamera glaubhaft transportieren zu können. Das war vor allem bei Moreno und Vega wichtig, die den Großteil des Filmes als Maria und Blanca miteinander verbringen. "Von der ersten Sekunde an gab es eine starke Verbindung zwischen Yenny und mir", erinnert sich Moreno. "Nach den Proben haben wir über unser Privatleben gesprochen. Und wir unterhielten uns darüber, wie unsere Charaktere sich entwickeln würden und was wir uns von bestimmten Szenen erwarteten. Ich liebe es wirklich, wie Maria und Blanca während ihrer Reise aufeinander angewiesen sind. Und am Ende haben sie viel zusammen durch gestanden und stellen fest, dass jede von ihnen auf eigenen Füßen stehen kann. Es geht um Freundschaft und um Unabhängigkeit."

Moreno bereitete sich auf ihre Rolle der Maria vor, in dem sie sich einen Job auf einer Rosenplantage besorgte und dort zusammen mit den anderen Arbeitern lebte. Niemand wusste, dass sie nur für einen Film recherchierte. "Ich lebte da etwa fünf Tage lang, bis ich aufflog", erinnert sich die Schauspielerin. "Und ich habe viel gelernt. Ich habe gelernt, wie man die Blumen schneidet, wie man sie misst und das war das Einzige, was ich tat. Aber ich habe die Geschichten der Leute gehört, wie hart die Arbeit ist, was für gesundheitliche Probleme sie haben: Ihre Gelenke tun ihnen zum Beispiel sehr weh. Es ist ein sehr harter Job, von morgens um sechs bis die letzte Blume vermessen ist und in der Box liegt."

Marston war sofort klar, dass er mit Moreno eine Schauspielerin gefunden hatte, die perfekt mit der Kamera spielen konnte. "Catalina hat nicht nur all ihre Frische und Kreativität, die wir erst beim Vorsprechen und dann während der Proben gesehen haben, eingebracht. Sobald die Dreharbeiten anfingen, wusste sie instinktiv, wie man mit der Kamera arbeitet."

Die Schauspielerin ist Marston unendlich dankbar für seinen Zuspruch und seine Hilfe beim Feinschliff ihres Charakters. "Josh hat mich wunderbar unterstützt, er gab mir durchgehend Kraft." Natürlicherweise war Moreno besorgt gewesen, zum ersten Mal in einem Film zu spielen, in dem sie auch noch in jeder Szene auftaucht. "Aber weil ich mit Josh und Paul arbeitete, wusste ich, dass jeder Tag gut laufen würde.".

Vor allem während der Dreharbeiten in Queens waren die Übergänge zwischen Fiktion und Wirklichkeit fließend, nicht zuletzt, weil Tobón, Mitproduzent und Wortführer der kolumbianischen Gemeinschaft sich mehr oder weniger selbst spielt. In seinem Schauspieldebüt in der Rolle des "Don Fernando" nimmt er sich Marias sofort an und arrangiert die Überführung ihrer toten Freundin Lucy. "Während der Dreharbeiten kam ich mir wie in einer realen Situation vor - einfach, weil ich diese Art von Geschichte schon öfters erlebt habe. Als ich Catalina als Maria sah, erinnerte ich mich an andere Menschen mit dem selben Problem. Dieser Film ist sehr, sehr authentisch."

Die Erfahrungen kolumbianischer Immigranten werden durch die Geschichte von Lucy's Schwester Carla (Patricia Rae), die Maria in ihrer Wohnung aufnimmt, zum Leben erweckt. Wie Carla es Maria erklärt, ist das Leben in New York nicht einfach und mit vielen Opfern verbunden. Über dieses Thema hatte Marston schon oft mit Immigranten gesprochen, unabhängig davon, wo sie herkamen. "Wo auch immer man hinsieht, gibt es Menschen, die von irgendwoher kommen, um hier etwas Neues, einen neuen Horizont zu finden", erinnert sich der Filmemacher. "Mir war in diesem Film besonders wichtig, die Geschichte von Immigranten, die in dieses Land kommen, zu erzählen: diese gegensätzlichen Gefühle zu beleuchten, die damit verbunden sind, die Entscheidung zu fällen sein Zuhause zu verlassen und in einem anderen Land zu leben - und sich immer zwischen diesen beiden Orten hin- und hergerissen zu fühlen."

Am Ende entscheidet sich Maria dafür, Teil der Immigranten-Geschichte zu werden. Mit dieser Entscheidung drückt sich Marias Reife und ihr Verständnis dafür, wie ihr Leben aussehen könnte, aus. "Sie ist ein starkes Mädchen", sagt Moreno. "Ich bewundere sie dafür, wie sie für ihr Baby kämpft. Sie liebt ihren Freund nicht, aber sie liebt ihr ungeborenes Kind. Und sie will nicht, dass es das selbe durchmachen mußs wie sie."

Maria hat gelernt, ihr Leben selbst zu gestalten. "Sie wächst im Laufe des Filmes über sich hinaus. Während sie am Anfang nur negative Entscheidungen trifft, steht am Ende eine positive Entscheidung. Es geht nicht mehr nur darum, was sie nicht will, sondern darum, was sie will.", erzählt Marston. Dieses Streben wird im Filmtitel reflektiert. "Maria hat ihre ganz eigene Würde und damit das Potenzial, mehr für sich zu erreichen, als in ihrer Ausgangssituation möglich erscheint."

Szenenfoto
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