Der Kaufmann von Venedig

Produktionsnotizen

Die Charaktere Shylock (Al Pacino) Shylock gehört zu den dramatischsten und tragischsten Figuren Shakespeares, verkörpert als zentrale Figur der Geschichte eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen - er ist als Bösewicht gezeichnet, aber aufgrund seiner Komplexität hat man Mitgefühl mit ihm und empfindet auch Abscheu.

Shylock ist ein Kredithai im Venedig des Jahres 1594 und Vater von Jessica, einer schönen Frau mit starkem Unabhängigkeitswillen. Als Geldverleiher kommt ihm keiner gleich. Kaufmann Antonio spricht ihn an, um für Bassanio um einen Kredit zu bitten. Doch trügt der Schein im Verhältnis zwischen Antonio und Shylock . Antonio hat Shylock und andere Juden öffentlich wegen ihrer Wucherzinsen angeprangert und verdirbt ihnen regelmäßig das Geschäft, indem er Kredite ohne Zinsen anbietet. Diese Vorfälle und die Judenverfolgung in der damaligen Zeit haben bei Shylock tiefen Groll gegenüber Antonio hinterlassen. Deshalb ergreift er sofort die Gelegenheit, um den Kaufmann zu einem seiner Schuldner zu machen.

Lyriker W. H. Auden soll über die Figur des Shylock Folgendes gesagt haben: "Wem Böses angetan wird, wird im Gegenzug auch Böses tun."

Antonio (Jeremy Irons) Antonio ist ein erfolgreicher Kaufmann in Venedig. Ein sehr ehrbarer Mann, der komfortabel ein luxuriöses Leben führt. So großzügig, wie man nur sein kann, verbindet Antonio mit Bassanio eine tiefe Freundschaft. Als Bassanio ihm von seinen Anstrengungen erzählt, auf die er sich der Liebe wegen eingelassen hat, bietet Antonio ihm über Shylock, einen jüdischen Geldverleiher aus Venedig, einen Kredit an.

Antonios Ehre und Großzügigkeit sind unübertroffen. So nimmt er Shylocks Angebot an, keine Zinsen zahlen, aber ein Pfund seines eigenen Fleischs abgeben zu müssen, wenn der Kredit nicht rechtzeitig zurückgezahlt wird.

Bassanio (Joseph Fiennes) Bassanio ist der Inbegriff eines elisabethanischen Liebhabers und Aristokraten, er ist jung, impulsiv und romantisch. Sein verschwenderischer Lebensstil hat ihn in große Schulden gestürzt. Schwer verliebt in die schöne Portia, wendet er sich an seinen engen Freund Antonio, um mit genügend finanziellen Mitteln nach Belmont reisen zu können. Dort will er versuchen, sich Portias würdig zu erweisen, die auf einen Verehrer wartet, der das Eherätsel ihres verstorbenen Vaters lösen kann. Portia (Lynn Collins) Portia zählt zu den intelligentesten und faszinierendsten Heldinnen Shakespeares, ist eine junge reiche Frau, die auf dem elterlichen Besitz in Belmont lebt. Mit seinem Tod hat ihr Vater jedem potenziellen Verehrer eine einzigartige Herausforderung auferlegt. Um die Hand seiner Tochter zu erobern, mußs ein Verehrer aus drei Schatullen die richtige wählen, um sich Portias würdig zu erweisen.

Unter all ihren Bewunderern hat sich Portia bereits in Bassanio verliebt und kann ihre Hoffnungen nicht verbergen, dass er die richtige Schatulle wählt. Seine Entscheidung ist maßgeblich für die gemeinsame Zukunft. Trifft er die falsche, werden sie nie zusammenkommen, wird Antonio seine Schulden nicht begleichen können. Trifft er die richtige, werden sie sich für immer lieben und Antonio wird verschont werden.

Portia ist vor allem eine anmutige und einfallsreiche Frau, deren Charme und Verspieltheit sie großen Erfolg und tiefe Liebe erreichen lässt.

Die Entstehung des Projekts DER KAUFMANN VON VENEDIG ist eines der fesselndsten Shakespeare-Dramen. Doch viele Regisseure und Produzenten zeigten angesichts einer möglichen Leinwandadaption wegen der Komplexität des Stoffs große Zurückhaltung. Tatsächlich hat Regieveteran Orson Welles selbst einmal den Versuch gestartet, war aber schließlich gezwungen, das Projekt aufzugeben, weil sich eine Kinoadaption als zu große Herausforderung erwies.

"Ich traf Michael Radford in Los Angeles", erzählt Produzent Navidi. "Ich wollte schon immer mit ihm zusammenarbeiten und schlug ihm DER KAUFMANN VON VENEDIG vor. Er sagte, ?das klingt interessant, aber Shakespeare habe ich noch nie inszeniert.' Umso besser, antwortete ich ihm." Navidi besprach das Vorhaben schließlich mit Produzent Cary Brokaw, mit dem er gerade ein anderes Projekt vorbereitete.

Brokaw kannte Radford seit Ende der Achtzigerjahre und war schon immer an einer Zusammenarbeit mit ihm interessiert. Als Navidi Radford als möglichen Regiekandidaten erwähnte, war Brokaw von dieser Idee sofort begeistert. Michael Radford erinnert sich: "Barry sprach mich auf einer Dinner-Party an, bot mir die Regie zu DER KAUFMANN VON VENEDIG an und ich sagte ihm, dass ich darüber noch nie nachgedacht hätte. Ich hatte Shakespeare weder auf der Bühne noch im Kino inzeniert, aber das Stück gelesen und wäre durchaus interessiert, wenn wir für die Rolle des Shylock den richtigen Schauspieler finden würden.

Radford, Brokaw und Navidi waren einer Meinung, wie man das Stück am besten für die Leinwand adaptieren sollte. Ihr Ziel war es, eine dynamische Balance zwischen den tragischen und komischen Elementen des Stücks zu schaffen, das dabei lebendig und zugänglich bleiben sollte. Die vielleicht wichtigste Entscheidung bei der Adaption von DER KAUFMANN VON VENEDIG war die Frage, wer die legendäre und komplexe Rolle des Shylock spielen sollte. Brokaw schlug Al Pacino vor, der für ihn gerade bei der Miniserie "Angels in America" vor der Kamera stand. Wiederum waren Radford und Navidi einer Meinung. "Al und ich hatten uns während der Arbeit an ,Angels in America? angefreundet", erzählt Brokaw. "Eines Tages beim Lunch teilte ich ihm mit, DER KAUFMANN VON VENEDIG verfilmen zu wollen. Al sagte, ?das ist wirklich interessant. Ich habe gerade darüber nachzudenken begonnen, dass ich endlich alt genug bin, Shylock zu spielen.' Al ging es wie mir. Auch er hielt Shylock für eine der besten Rollen aus Shakespeares Gesamtwerk."

Als Pacino starkes Interesse bekundete, arrangierte Brokaw in New York ein Abendessen mit Radford, Pacino und ihm. "Al fühlte sich sofort wohl in der Gesellschaft von Mike und Mikes außergewöhnliche erste Drehbuchfassung gefiel ihm", erinnert sich Brokaw.

Nach seinem Treffen mit Pacino machte sich Radford daran, das Drehbuch noch mehr zu verbessern. "Ich fragte mich, was um Himmels willen ich noch tun könnte. Denn wenn man gebeten wird, ein Skript zu verfassen, erwartet man, dass man Charaktere erschaffen, Dialoge schreiben mußs. Aber hier war alles schon vorhanden, und alles war pures Theater." Auf den Rat eines engen Freundes hin brach Radford seine Zelte in London ab und ging zur Quelle des Stücks - nach Venedig. "Sofort bekam ich ein Gefühl dafür", erzählt Radford, "was ich zu tun hatte. Denn im Grunde ist Venedig noch immer eine Stadt aus dem 16. Jahrhundert." Radford erzählt, "wie er mit seinem Mitarbeiter William Shakespeare das Drehbuch schrieb. Er hat einfach die Dialoge, die Handlung und die Charaktere beigesteuert, den Rest übernahm dann ich."

Als das Drehbuch dank Radford immer mehr seine endgültige Form annahm, holten sich Brokaw und Navidi bei Peter James und James Simpson von Movision sowie bei der Produktionsfirma Spice Factory Hilfe, um die Restfinanzierung des Films zu sichern. Produzent Jason Piette von der Spice Factory erklärt, was er an dem Projekt so anziehend fand: "Shakespeare hat ein Stück geschrieben, das auf Anhieb intelligent und dramatisch ist, und es gibt keinen Grund, warum dieser Film auf breiter Basis nicht genauso populär sein sollte wie ein etwas kommerzielleres Projekt. Und natürlich verkauft sich ein Projekt mit dem Titel DER KAUFMANN VON VENEDIG an sich schon gut, weil es noch keine große Verfilmung von diesem Stoff gibt. Es ist einfach eine großartige Adaption eines großartigen Theaterstücks."

Und Michael Cowan fügt hinzu: "Ich erinnere mich, wie ich Barry mit Cary erstmals in London traf und dann das Skript gelesen habe. Ich mußs zugegeben, dass ich als Teenager nicht zu den Typen gehörte, die Shakespeare liebten. Aber was mich an dem Drehbuch anzog, waren die starken Themen, die es ansprach und die auch in unserer heutigen Zeit noch relevant sind: Eifersucht, Vorurteil und starke Frauen. Ich glaubte, dass es im Markt Crossover-Reaktionen geben könnte, wenn die richtige Besetzung für den Film gefunden werden könnte. Dann traf ich Michael Radford im Mezzo's in der Wardour Street, und nach einem langen Nachmittag verließ ich das Lokal mit der Überzeugung, dass dieser Mann einen großartigen Film abliefern würde, weil er so leidenschaftlich ist."

Die Suche nach den Darstellern Al Pacinos Verpflichtung bewies, dass das Projekt bereits die profilierte Besetzung anzulocken begann, die nötig war, damit diese Produktion nicht nur als weitere Shakespeare-Adaption wahrgenommen werden würde. Um jedoch einen Film in der Qualität zu realisieren, wie es sich die Produzenten vorgenommen hatten, mußste sichergestellt werden, dass sich die anderen Darsteller bei der ganzen Komplexität dieses Textes genauso wohl mit Shakespeares Worten wie mit ihren Charakteren fühlen konnten.

"Einen Film zu besetzen, hat nichts mit Schreiben zu tun", erklärt Michael Radford den kreativen Prozess. "Es hat damit zu tun, dass man sehr ausgiebig nachdenkt und sich dann von der Idealvorstellung löst. Man bemüht sich, einen Schauspieler zu finden, der zur eigenen Idealvorstellung von der Figur passt, und dann mußs man das sofort vergessen, man mußs es einfach, weil man jetzt einen Menschen vor sich hat, den man nicht in eine Zwangsjacke stecken kann. Ich glaube, dass diesen Fehler viele Regisseure begehen. Wenn man die Figur an den Schauspieler anpasst, wird es nie eine Fehlbesetzung geben.

Als Gegengewicht zur Energie von Shylock wurde Jeremy Irons für die komplexe Rolle des Antonio besetzt. "Ich glaube, ich wäre sehr aufgelöst gewesen, wenn er abgelehnt hätte, denn er ist einfach perfekt", führt Radford weiter aus. "Jeremy ist nicht nur ein großartiger Shakespeare-Darsteller, sondern auch ein großartiger Filmschauspieler. Er ist einfach wunderbar, und natürlich hat er einen völlig anderen Ansatz als Al. Al ist sehr präzise, beim Erarbeiten einer Rolle sucht er sich den schweren Weg aus, und Jeremy arbeitet rein über die Technik."

Irons selbst hatte keine Bedenken, sich dieser Rolle zu stellen. "Ich entschied mich dafür, weil ich mit Mike bereits in der Vergangenheit über verschiedene Projekte gesprochen hatte und schließlich nichts daraus geworden ist. Ich kannte Al, aber gearbeitet mit ihm hatte ich bis dahin nicht. Ich bewundere ihn sehr, und es ist eine schöne Gelegenheit, Shakespeare für den Kinoeinsatz zu spielen. Shakespeare ist der Dramatiker mit der meisten Substanz. Er ist außergewöhnlich in der Beschreibung der menschlichen Natur, deshalb fiel es mir nicht schwer, mich für diesen Film zu entscheiden."

Nach der Verpflichtung dieser schauspielerischen Schwergewichte mußsten noch die anderen entscheidenden Rollen des Drehbuchs besetzt werden. "Sharon Howard-Field hat bei der Besetzung dieses Films Außerordentliches geleistet", erinnert sich Produzent Barry Navidi. "Sie hatte noch nie so viel Zeit, Darsteller für einen Film zu finden und sie ist eine Expertin für diese Art Filme, schließlich war sie 5 Jahre lang Besetzungschefin am National Theatre. Sie hat mit jedem gesprochen, mit all den üblichen Verdächtigen im Vereinigten Königreich. Weil aber Michael nicht gerade begeistert war von einigen englischen Schauspielern, schauten wir uns auch in den USA um. Sharon brachte schließlich Lynn Collins ins Spiel, die jeden mit ihrer Leistung überwältigt hat."

Tatsächlich erwies sich die relativ unbekannte Schauspielerin als Casting-Coup für die Produktion. So schwärmt Michael Radford von ihrer Darstellung: "Meiner Ansicht nach ist Lynn Collins die beste Shakespeare-Darstellerin ihrer Generation. Sie ist einfach außergewöhnlich. Sie sprach für eine kleine Rolle vor, und deshalb ist der Casting-Prozess wichtig, wenn man nämlich jemanden hereinkommen sieht und dann unglaubliche Fähigkeiten entdeckt." Collins, die ihre Karriere mit der Rolle der Ophelia begonnen hatte, fühlte sich geehrt, die Chance zu bekommen, an der Seite von einigen der bedeutendsten Talente unter den Schauspielern eine der interessantesten Heldinnen Shakespeares verkörpern zu können.

Verglichen mit der Herausforderung, Portia zu besetzen, war es geradezu leicht, den richtigen Darsteller für Bassanio zu finden. "Joe Fiennes war von Beginn an unsere erste und einzige Wahl", erinnert sich Brokaw. "Vom ersten Probentag an zeigte seine Darstellung all die Nuancen, die man sich von dieser Figur wünschte."

Von der Bühne auf die Leinwand "DER KAUFMANN VENEDIG ist interessant", bemerkt Produzent Gary Brokaw, "denn es ist das Shakespearestück, das weltweit am meisten gespielt wird. Es hat mich sehr überrascht, als ich das erfahren habe. Es ist ein schwieriges und einschüchterndes Stück, weil es so viele ungleiche Elemente in sich vereint", erinnert sich Brokaw an seine ersten Überlegungen, wie man diesen Text fürs Kino adaptieren könnte. Obwohl das Stück so häufig zur Aufführung kommt, gibt es noch keine Verfilmung davon. Das allein war schon eine Herausforderung für Drehbuchautor und Regisseur Michael Radford.

Radford wollte aus DER KAUFMANN VON VENEDIG richtiges Kino machen, nicht nur eine Bühnenproduktion einfach abfilmen. Film ermöglicht es, näher an die Figuren heranzugehen, die Emotionen im Gesichtsausdruck und in subtilen Gesten intim abzubilden, anstatt sie nur mit Worten zu vermitteln. Radford wusste das und bezog diesen Fakt in seine Überlegungen ein, als er den Text adaptierte. "Das Kino verlangt eine gewisse Geschwindigkeit", erklärt Radford. "Man erreicht schneller, was man ausdrücken will. Die Worte sind auf Film genauso schön, das ist nicht der Grund, aber man sieht viel besser, was die Menschen fühlen. Die Figuren müssen es uns nicht erklären. Ich habe versucht, das Stück in einen Kontext zu bringen, der so realistisch war wie nur irgend möglich, damit auch jede Figur so realistisch wie möglich wirken konnte."

"Niemand spricht heute mehr über die Stücke selbst", fährt Radford fort. "Man spricht darüber, welchen Ansatz man dieses Mal gewählt hat. Ich glaubte, dass es deshalb ein Spaß wäre, diese Adaption als richtigen Kinofilm zu realisieren, der einen emotional berührt, den man fast körperlich spürt. So interessiert man sich für die Figuren, ihre Dilemmas und all diese menschlichen Fehler und Schwächen."

Um Shakespeares DER KAUFMANN VON VENEDIG neues Leben für das moderne Kino einzuhauchen, behielt es sich Radford vor, bestimmte Textpassagen zu kürzen oder zu verändern, um das Stück für das Publikum zugänglicher zu machen. Das Ergebnis beeindruckte Cary Brokaw: "Es ist sehr dicht, er hat praktisch alle großen Dialoge und Momente bewahrt, aber einen Weg gefunden, das Stück so mit Leben zu erfüllen, dass die Figuren realistisch und dynamisch wirken."

Und Produzent Jason Piette fügt hinzu: "Wenn man das Stück eins zu eins auf die Leinwand gebracht hätte, hätte man einen über dreistündigen Film. Deshalb ist die Adaption an sich schon eine Interpretation."

Die Darsteller waren sehr dankbar für die zusätzliche Zeit, die sie für ihre Vorbereitung hatten. Al Pacino ist froh über die Entscheidung des Regisseurs Radford, dass er sich für das gemeinsame Proben entschied: "Wir haben einen Weg gefunden, miteinander zu proben, denn es ist unvorstellbar, ein solches Stück zu spielen, ohne dass man gemeinsam in der Gruppe den Text durchgeht und probt. Wir haben uns in gewisser Weise einander anvertraut, uns besprochen und uns so verhalten, dass wir zu einer Art Theatertruppe wurden. Es gibt keinen anderen Weg. Man mußs eine Truppe, ein Ensemble sein, und ich ziehe meinen Hut vor Michael Radford, dass er dies ermöglicht hat."

Trotz der sonst unüblichen Probenzeit blieb dieses Projekt doch eine Produktion fürs Kino und alle Darsteller waren sich bewusst, dass sie für die große Leinwand spielten. Pacino entdeckte Vor- und Nachteile darin, diese wichtige Figur für eine Kinoversion verkörpern zu können. "Ich bin froh, dass ich Shylock nicht bereits auf der Bühne gespielt habe. Dadurch, so glaube ich, bin ich nicht in bestimmte Angewohnheiten und Mechanismen verfallen, die sich auf der Bühne automatisch einstellen. Im Theater mußs man sich hervorheben, man spielt ganz anders, weil es keine Nahaufnahmen gibt."

"Dennoch wünschte ich mir, ich hätte viel mehr Shakespeare gespielt als ich es getan habe", setzt Pacino seine Überlegungen fort. "Denn mit Shakespearetexten ist es wichtig, wenn man ihn ein- oder zweimal durchgehen kann. Und in einem Stück, selbst wenn man nur einen Speerträger spielt, ist man involviert und engagiert, lernt man das Stück kennen, während man darin mitspielt - auf eine Art und Weise, die man durch reines Lesen nie erreichen kann. Deshalb gewinnt man durch die Erfahrung, es gespielt zu haben, großes Wissen über das Stück. Meine Shylock-Interpretation ist also eine Filmdarstellung, auf der Bühne würde ich ihn wahrscheinlich anders anlegen. So ist das eben mit Shakespeare. Manchmal gibt er einem so viel, weil er für das Theater schrieb. Ich bin mir sicher, lebte er heute und würde für Kinofilme schreiben, sähen diese Dialoge anders aus. Sie würden heruntergekürzt werden oder eine ganz andere Form annehmen."

Auch Joseph Fiennes lobt Radfords Adaption: "Michaels Adaption ist großartig, er hat die richtigen Kürzungen vorgenommen. Sie ist mager, hat kein überflüssiges Fett, trifft den Kern und wirkt wunderbar im Zusammenspiel mit der Kamera. Man kann es sich leisten, viele dieser Dialoge zu kürzen, denn ein Blick kann so vieles über zwei Menschen aussagen, und das bekommt man auf der Bühne nicht."

Michael Radford kürzte den Text der Bühnenvorlage, ersetzte ihn durch ebenso kraftvolle Bilder, fügte aber - was für Kontroversen sorgen könnte - Elemente hinzu, die seiner Ansicht nach im Stück fehlten. Dazu gehörte aber nicht, Shakespeares Originaldialoge zu verändern, wie Radford schnell anmerkt: "Mir fiel auf, dass Shakespeare seine Stücke mitten in der Handlung beginnt. Es gibt keine Vorgeschichte, sie wird durch die Figuren vermittelt, wenn sie die Bühne betreten. Für einen Film eignet sich das nicht. Deshalb entschied ich mich dafür, mit diesem Film früher als Shakespeare einzusetzen, ohne dabei irgendwelche Shakespeare-Dialoge zu schreiben. Die Figuren nennen sich beim Namen. Man schreibt also keinen Shakespeare-Text, sondern lässt nur die Charaktere sich gegenseitig benennen. Es ist kein kompletter Prolog, aber ich konstruierte eine Einführung in den Film, damit man genau weiß, wo man sich befindet, was für Auseinandersetzungen die Figuren hatten oder noch haben, welche Beziehungen sie zueinander haben. Für mich ist das ein entscheidender Faktor, ob dieser Film scheitern oder Erfolg haben wird."

Radford gelang es, seine Protagonisten am Anfang des Stücks mit visuellen Mitteln einzuführen. "Die ersten 20 Seiten von Michaels Drehbuch arbeiten nur mit Bildern", erklärt Barry Navidi. "Jede Figur des Stücks wird eingeführt und im Grunde der Inszenierungstil für den ganzen Film etabliert."

"Als er mir das Drehbuch zeigte", stimmt Al Pacino zu, "die Einleitungen für jede Szene vorstellte, die Bilder, die die Dialogszenen begleiteten und die Bilder innerhalb dieser Dialogszenen, dachte ich, hier bietet sich die Gelegenheit, dass man Shylock auf eine Weise verstehen könne, wie man es auf der Bühne nicht erreichen kann."

Look und Atmosphäre Die Popularität von Shakespeares Stücken führte nicht nur zu zahllosen Bühnenproduktionen, sondern auch zu einer Vielzahl einzigartiger Kinofilme, die vom Publikum ganz unterschiedlich aufgenommen wurden. Es gibt Kenneth Branaghs eher traditionellen Hamlet (Hamlet, 1996), die modernisierte Version von "Romeo und Julia" mit der West Side Story (West Side Story, 1961), Baz Luhrmanns ganz modernes Update Romeo and Juliet (Romeo und Julia, 1996) und 10 Things I Hate About You (10 Dinge, die ich an dir hasse, 1999), die Teenie-Version von "The Taming of the Shrew" ("Der Widerspenstigen Zähmung"). Radford und sein Team wussten jedoch genau, wie DER KAUFMANN VON VENEDIG präsentiert werden sollte.

Produzent Navidi erklärt, dass Michael Radford an einer zeitgenössischen Version von DER KAUFMANN VON VENEDIG nicht interessiert war, dass er sich bei diesen modernen Ansätzen sehr unwohl fühlt. Deshalb wollte er das Stück im Venedig des 16. Jahrhunderts belassen, sollten moderne Aspekte durch die Art und Weise, wie die Dialoge gesprochen werden, eingebracht werden sowie durch das Produktionsdesign und durch die Kostüme.

Regisseur Radford wusste genau, wie sein Venedig auf der Leinwand aussehen sollte. "Ich habe versucht, es schmutzig und muffig wirken zu lassen. Ich mag es nicht, wenn Figuren in gepflegten, unberührt wirkenden Kostümen auftreten. Die Menschen haben sich in dieser Zeit nicht oft gewaschen, alles war muffig und dreckig. Ich habe versucht, das Wetter als Faktor einzubringen, wollte zeigen, dass die Menschen ständig auf dem Wasser unterwegs waren."

Einer der wichtigsten Mitarbeiter, um das Venedig des 16. Jahrhunderts im Kino wiederauferstehen zu lassen, war Kameramann Benoit Delhomme. Cary Brokaw beschreibt, wie man sich den Film visuell vorstellte: "Wir unterhielten uns über den Look, den der Film unbedingt brauchte. Und Benoit hat unsere Vorstellungen exakt umgesetzt. Alles sieht sehr authentisch aus, reich an visuellen Eindrücken, wie ein Gemälde. Jedes Bild hat erstaunliche Tiefe, und das Licht ist immer sehr interessant eingesetzt. Ein beträchtlicher Teil des Films wurde mit der Handkamera gedreht, dadurch wirkt alles lebendiger und direkter. Kostümfilme werden häufig so gedreht, dass alles sehr einstudiert und formell wirkt. Mike und Benoit entschieden, dass sie mit diesem Film einen anderen Weg gehen wollten."

Auch Produzent Jason Piette lobt Delhommes Arbeit: "Wenn man Bilder aus dem Film ausdrucken würde, würde man sie für ein Gemälde halten. Es ist außergewöhnlich, nicht nur, weil die Studioaufnahmen und die Aufnahmen in Venedig so harmonieren. Es ist mehr als das, es wurde ein Schauplatz erschaffen, durch den man laufen kann, bei dem man das Gefühl hat, wirklich vor Ort zu sein. Es wirkt düster und nebelig, es gibt heimliche Sehnsüchte an diesem Ort, und das ist wirklich die von uns gewünschte Atmosphäre. Aber es kann auch üppig und prachtvoll aussehen. Es gibt diesen goldenen Touch, aber er ist eingebettet in diese düstere, sehr ernste Welt."

Auch Al Pacino war verblüfft von der Kameraarbeit: "Was ich wirklich an Benoit bewundere, ist, dass man sich bei Ansehen des Films tatsächlich im Jahr 1596 befindet. Man fragt sich, wie das möglich ist, aber so kommt es einem vor. Die Art und Weise, wie er diese Bilder erzeugt hat, sorgt dafür, dass wir hineingezogen werden. Es ist einfach fesselnd."

"Benoit hat eine sehr geheimnisvolle, düstere Atmosphäre kreiert", fügt Joseph Fiennes hinzu. "Es ist ein schäbiges, aber auch sexy Venedig. Nicht strahlend und schön, sondern düster, feucht und dreckig. Und sexy ist es auch."

Zum meisterlichen Filmemachen, das 16. Jahrhundert wiederaufleben zu lassen, gehörten auch die Kostüme der hoch talentierten Designerin Sammy Sheldon, die bereits an einer Reihe von Period Pictures mitgearbeitet hat, darunter Gladiator (Gladiator, 2000), die Miniserie "The Canterbury Tales" und Plunkett & Macleane (Plunkett & Macleane - Gegen Tod und Teufel, 1999). In diesem Fall aber wollte Radford keine exakten Nachbildungen der damals getragenen Kostüme, sondern strebte insgesamt einen eher stilisierten Look an. "Die englischen Kostüme aus dieser Zeit waren sehr schwer, groß und mit dreieckigen Röcken dekoriert", erklärt Sheldon. "In Venedig aber, und das gilt für das ganze Jahrhundert, war alles viel sinnlicher und weicher. Es war der echte Renaissance-Stil. Gemälde gehörten zu den wichtigsten Inspirationen für den Film. Mike mochte die Bilder von Sargeant, die Atmosphäre, die Struktur und das Licht. Diese Bilder wurden als Referenz für die Farbgestaltung herangezogen."

Den endgültigen Look, wie er an Radfords Vision für den Film anknüpfte, beschreibt Sheldon wie folgt: "Es sollte sehr organisch, sehr behaglich aussehen, gleichzeitig sollte es aber aber auch schmuddelig und heruntergekommen sein, dreckiger Realismus also."

Realismus ist auch der Schlüsselbegriff in Radfords Vision für den Film, dehnt sich über die visuellen Aspekte hinaus auch auf die Figuren selbst aus. Radford kürzte das Drehbuch nicht nur auf die wesentlichen Bestandteile des Stücks, sondern stellte auch sicher, dass jede Dialogzeile von den Darstellern ganz natürlich und authentisch gesprochen wurde. Es sollte Konversation sein, nicht Shakespeare-Rhetorik. "Ich mag es nicht, wenn Menschen Vorträge halten", betont Radford. "Das Wort, was bei diesem Film tabu war, war Shakespeare-artig. Ich sagte zu meinen Schauspielern, ?Ich möchte, dass ihr die Dialoge wie in einer normalen Unterhaltung sprecht'. Ich habe versucht, dass jeder so authentisch wie möglich wirkt."

"Das Ergebnis waren reale Menschen, die sich unterhielten", stellt Hauptdarstellerin Lynn Collins fest. "Es hat uns alle an diesem Film überrascht, wie leicht das zu bewerkstelligen ist. Ganz plötzlich klingt es nicht mehr nach gesprochenen Versen. Das ist Magie."

"Dieser Film versucht etwas, was auf seine Art schon sehr ambitioniert ist", gibt Pacino zu bedenken. "Er bleibt nahe am Text und an der Zeit, bedient sich aber gleichzeitig eines wunderbaren und modernen Ansatzes bei der Sprache."

"Meiner Ansicht nach besteht die Herausforderung darin, Klarheit und Deutlichkeit zu schaffen", bemerkt Joseph Fiennes. "Das Publikum interessiert sich nicht dafür, dass ein Schauspieler schön oder im Stil von Shakespeare spricht. Es will die Motive der Figuren verstehen, die Antriebskräfte, Sehnsüchte, sozusagen auch ihre Erlösung. Das Publikum sucht nicht nach einem Schauspieler, der wunderbar klingt, wenn er jambische Pentameter spricht. Die Entdeckung besteht darin, das Stück ins Jahr 2005 zu bringen, es relevant für das heutige Publikum und das der nächsten 10 bis 20 Jahre zu machen."

"Milchmädchen und die glorreiche Zeit der jungen Queen Elizabeth wird es in diesem Film nicht geben", lacht John Sessions. "Es gibt einige richtig schlechte Renaissance-Klischees, in die man sehr leicht hineingeraten kann. Ich glaube, dass Mike sich sehr damit befasste, den Film realistisch zu machen. Man mußs das Kostüm aus den Kostümen, den Vers aus den Versen nehmen, während man natürlich verstehen mußs, was man sagt."

Gemeinsam erschuf das Team ein Venedig, das real, lebhaft, dynamisch und für ein Publikum des 21. Jahrhunderts zugänglicher und verständlicher ist, während man gleichzeitig dem Geist des Shakespearetextes treu blieb. "Es ist großartig, dass wir das Stück authentisch in der Zeit spielen können", erzählt Schauspieler Mackenzie Crook. "Es ist fantastisch, es auf eine Art und Weise auf die Leinwand bringen zu können, wie es sich Shakespeare wahrscheinlich auch vorgestellt hätte. Meiner Ansicht nach dreht Mike den Film so, wie Shakespeare das auch gemacht hätte."

Der Kaufmann von Venedig und seine Themen "Es ist eine Liebesgeschichte, eine Romanze und auch humorvoll, aber es ist auch eine tiefgründige, tragische, intensive und kraftvolle Geschichte über Diskriminierung, Vorurteil und Rache", erklärt Cary Brokaw. "Es ist eine Herausforderung, diese unvereinbaren Stimmungen in ein Gleichgewicht zu bringen."

Wie bei den meisten seiner Stücke verwebt Shakespeare eine Vielfalt von Themen miteinander. Deshalb mußs sich jede Produktion einer großen Herausforderung bei einem so komplexen Text stellen. Pacino selbst ging ursprünglich sehr auf Distanz zu den Hauptstreitpunkten, die mit diesem Stück in Verbindung gebracht werden. "Ich habe bei diesem Stück immer einen anti-semitischen Stachel gespürt und ich glaube, dass es auch heute so interpretiert wird. Ich hatte das Gefühl, dass es ein dominantes Element in diesem Stück ist, deshalb wahrte ich selbst Distanz, war aber gleichzeitig der Ansicht, dass das Stück aufgeführt werden müsse. Als ich mich dann intensiver mit dem Text befasste, erkannte ich seine Bedeutung für die heutige Zeit. Im Mittelpunkt steht dieser Mann, der verfolgt wurde und auf diese Verfolgung überreagiert hat. Das könnte jedem von uns passieren."

"Es ist ein Stück über Anti-Semitismus", stimmt Brokaw zu, "und über Diskriminierung und Vorurteil, aber anti-semitisch ist es nicht. Shylock ist eine Figur, für die man Mitgefühl empfinden kann. Man versteht seinen Schmerz, den Tribut, den er für die lebenslange Diskriminierung zahlen mußste. Man versteht, warum er sich auf eine Art und Weise verhält, die als extrem rachsüchtig empfunden wird."

Michael Radford glaubt, dass die Kontroverse in der Rezeption des Stücks entstand, weil Shakespeare diese Unterscheidung von Christen und Juden machte. Doch nach Radfords Meinung geht es in diesem Stück nicht um religiöse Unterschiede, sondern um fehlerhafte menschliche Wesen. Produzent Jason Piette deutet das Stück sehr einfach: "Im Wesentlichen interessiert sich das Stück mehr für das Konzept der Vergebung als für die Frage, ob Shylock ein Jude ist. Wir leben heute in einer von Rassismus zerrissenen Gesellschaft, deshalb kommt natürlich dieser Aspekt des Stückes unter ein riesiges Vergrößerungsglas. Meiner Ansicht nach ist das aber keine Streitfrage. Es ist so offenkundig, dass Shakespeare über Rassismus schreibt, aber er ist kein Rassist und sein Stück nicht rassistisch. Es ist eine wahrhaftige Darstellung einer Kultur in einer bestimmten geschichtlichen Periode."

Auch Allan Corduner erkannte diese Aspekte im Stück: "Es dreht sich um Intoleranz, Eifersucht und um Menschen, die zu weit gehen."

Lynn Collins gibt zu bedenken, dass man die dramatische Tiefe von Shakespeares Stück nicht allein unter dem Deckmantel der Rassismusdiskussion trivialisieren kann. "Ich möchte, dass man am Ende den Eindruck mitnimmt, dass es um Vergebung unter den Menschen geht und darum, wie wir uns über die Normen, Vorurteile und Unterschiede hinwegsetzen können. Es geht nicht um Christen gegen Juden, es ist ein menschliches und persönliches Stück." Und Piette fügt hinzu: "Die Kernaussage des Stücks ist schlicht die, dass Vergebung für das Funktionieren einer Gesellschaft unerlässlich ist. Unerlässlich für das Zusammenwirken der einzelnen Individuen, für deren Liebesleben und Alltag. Ohne Vergebung wird jede Gesellschaft mörderisch."

Und in genau dieser Situation befindet sich Shylock, der die Gelegenheit bekommt, zu vergeben, sich von Hass zu befreien, aber nicht in der Lage ist, Gnade zu zeigen. Und so vergiftet ihn dieser Hass schließlich, nimmt ihm alles weg, was ihm im Leben noch Wertvolles geblieben ist. Aber diese extreme Gerichtsszene bleibt mehrdeutig, weil weder die christliche noch die jüdische Gemeinschaft einen Sieg davonträgt. Shylock mag seine Schlacht ganz offensichtlich verloren haben, aber wie gerecht war die Strafe, die er erhielt -, ein Mann, der schon so schikaniert worden war? "Shakespeare war ein Skeptiker", führt Schauspieler John Sessions aus. "Er war ein Mann, der immer wieder jede moralischen Sicherheiten, jede moralischen Gemeinplätze in Frage stellte. Er war der Erste, der sich die vermeintliche Integrität der christlichen Moral ansah und erkannte die Bruchstellen."

Ein weiterer Aspekt, den Michael Radford bei DER KAUFMANN VON VENEDIG zeigen, aber nicht zu drastisch hervorheben wollte, war die Beziehung von Bassanio und Antonio. "Wir unterhielten uns lange über den homo-erotischen Aspekt im Verhältnis zwischen Antonio und Bassanio", erklärt Radford. "Ich weiß nicht, ob sie jemals miteinander Sex hatten, wohl aber, dass Antonio das Gefühl hat, einen Messerstich ins Herz versetzt zu bekommen, als Bassanio ihm erzählt, dass er heiraten wolle. Es ist, als wäre die ganze Freude aus seinem Leben gewichen." Die Vieldeutigkeit in Shakespeares Text erlaubte es, dass man diese Szene auf viele verschiedene Arten interpretieren konnte, was sich auch in den Debatten der Schauspieler darüber zeigte.

"Für mich ist das nicht nur ein Unterton", sagt Fiennes. "Meiner Ansicht nach ist es sehr offensichtlich. Außerdem glaube ich, dass sich Sexualität in der Elisabethanischen Zeit sehr von unserer heutigen Sichtweise unterscheidet. Im Kern ist der Film eine Lovestory, aber der Film selbst nagelt uns nicht fest, eine homosexuelle Story oder Vater-Sohn-Geschichte darin zu sehen. Der Film ist das, was das Publikum selbst daraus macht, wann es wo zwischen den Zeilen liest. Meiner Ansicht nach sind wir heutzutage so besessen von Sexualität."

"Ich glaube, dass unser Verständnis von Sexualität heute furchtbar zweidimensional ist", pflichtet Jeremy Irons bei. "Freundschaft unter Männern galt im Elisabethanischen Zeitalter als die höchste Form von Freundschaft. Deshalb gibt es diese irgendwie merkwürdige Vater-Sohn-Beziehung, bei der ein älterer Mann sich mit einem jungen Mann anfreundet und sich vielleicht, so wie ich glaube, auf platonische Art, in ihn verliebt. Ihm dann Geld leiht, wenn er es braucht, ihn unterstützt und irgendwie den Tag fürchtet, wenn dieser junge Mann sich selbst verliebt und seine eigenen Wege geht. In gewisser Weise verhalten sich Eltern mit ihren Söhnen nicht anders."

Kris Marshall fasst die Komplexität des Stücks in seiner Gänze zusammen: "Auf eine bestimmte Art und Weise ist das Stück ein Paradoxon. Es ist eine Tragödie, und doch eine Komödie. Es ist eine Liebesgeschichte und eine Geschichte über Hass. Das Stück deckt das ganze Spektrum menschlicher Emotionen ab: Neid, Eifersucht, Vertrauen, Liebe, Geld, Rassismus und Schönheit. Es spricht so viele unterschiedliche Dinge an und verwebt sie scheinbar mühelos miteinander. Und Antonio ist als DER KAUFMANN VON VENEDIG irgendwie das Zentrum, das all diese Geschichten miteinander verbindet. Ich denke, er ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Stücks."

Allgemeine Produktionsinformationen Unerwartet für einen Film, der auf den ersten Blick so viele Facetten hat und so kompliziert ist, verliefen die Dreharbeiten erstaunlich glatt und ruhig. Aufgrund der von Budget und Zeit diktierten Beschränkungen drehte man in einem Studio in Luxemburg und, höchst ungewöhnlich, auch in Venedig. dass die Produktion Zugang zu einigen der größten Attraktionen Venedigs erhielt, schreibt Produzent Barry Navidi der Popularität von Al Pacino zu. "Er ist eine Art Gott in Italien", lacht Navidi. "Der Bürgermeister sagte, ?Ihr wollt, dass die Rialto-Brücke gesperrt wird? Wir erledigen das für euch, wir sperren sie für sechs oder sieben Stunden. Das gab es noch nie. Ihr wollt im Dogen-Palast drehen? Wir geben euch einen Teil davon. Auch das gab es noch nie. Wir werden sogar ab und zu den Canale Grande sperren.'" Navidi ist begeistert davon, wie kooperativ und hilfsbereit die Venezianer bei den Dreharbeiten waren und sagt abschließend bewundernd: "Wir mußsten in Italien vier Mal umziehen, hatten wenig Zeit und Geld und trotzdem hielten wir unseren Produktionsplan und unser Budget ein."

Für die Darsteller waren die Dreharbeiten in Venedig ein einmaliges Privileg. Sie konnten die exakten Schauplätze sehen, in denen ihre Figuren vielleicht umhergelaufen sind, denn in Venedig hat sich seit dieser Zeit relativ wenig verändert. "Es war einfach toll, auf dem Balkon des Dogenpalastes zu filmen", gibt Schauspieler Allan Corduner mit einem Lächeln zu. "Wir mußsten einmal unterbrechen, als die Sonne herauskam und diese Lichtstrahlen zu sehen waren. Es ist schon irgendwie ironisch, wenn man in Venedig ist und unterbrechen mußs, weil sich plötzlich die Sonne zeigt."

Manches aus der Geschichte Venedigs hing eng mit dem Film zusammen, und dies wurde für die Darsteller auf verschiedenste Art und Weise zum Leben erweckt. Allan Corduner erklärt die Hintergründe: "Die Juden waren in Wirklichkeit nicht die Kaufleute in Venedig, weil sie das gar nicht sein durften. Die Juden waren im Grunde Geldverleiher. Ohne einen roten Hut auf dem Kopf durften die Juden das Ghetto nicht verlassen - das war der gelbe Davidstern des 16. und 17. Jahrhunderts. Diese ganze Idee eines Ghetto stammt aus Venedig, hier entstand überhaupt dieser Begriff, dieses Wort."

Radford vertieft den Ausflug in die Geschichte noch: "In diesem Bezirk wurde das geschmolzene Metall gehärtet, diesen Prozess nennt man ?jetare'. Hier stellten sie Bleikugeln für Kanonen und Musketen her. Sie sperrten dieses Areal ab und schlossen die Juden zu ihrer eigenen Sicherheit dort ein. Es lebten viel zu viele Menschen auf engstem Raum und vieles passierte dort. Es gab nicht nur fromm aussehende Menschen, sondern es gab jede Menge Prostitution, Diebstahl und Betrug."

Kostümdesignerin Sammy Sheldon stellte sicher, dass ihre Kostüme mit den Gesetzen und Gepflogenheiten der Zeit übereinstimmten, was auch die roten Hüte für die Juden einschloss. Aber es gab noch andere überraschende gesetzliche Vorschriften, wie Sheldon erzählt: "Prostituierte und Kurtisanen durften keine Perlen tragen. Ihre Brüste mußsten unverhüllt bleiben, damit sie beweisen konnten, dass sie Frauen und Kurtisanen waren. Oft verkleidete man sich damals auch als Mann, was auch in diesem Film angesprochen wird. Hier verkleiden sich alle Frauen als Männer."

Sheldon recherchierte auch die Bedeutung von Masken im venezianischen Leben, da einige der Figuren, ganz besonders, wenn die jungen Aristokraten zechen gingen oder Jessica holen kommen, ihre Gesichter hinter Masken verstecken. Sie fand heraus, dass man in Venedig immer dann Masken trug, wenn man etwas tat, was man nicht hätte tun sollen - etwas, bei dem man nicht erkannt werden wollte. "Wenn man ein Mann war und draußen eine Maske trug, konnte man Dinge tun, die man ohne diese Maske nie getan hätte", berichtet Sheldon. "Man konnte herumlaufen und betteln oder zu einer Prostituierten gehen. Es gab bestimmte Zeiten, in denen man eine Maske tragen konnte oder eben auch nicht. Es gab festgesetzte Zeitabschnitte, und man trug sie sicher nicht nur zum Karneval."

Während Sheldon alle Anstrengungen unternahm, um die Authentizität der Kostüme sicherzustellen und Michael Radfords Vision für den Film dabei im Auge zu behalten, entdeckte sie, dass die Statistenanzahl und die Veränderungen durch unterschiedliche Drehorte für sie die größten Herausforderungen darstellten. "Diese ganze Logistik, wenn man in Luxemburg auf dem Venedigset dreht. Das Wissen, dass Budget und Material eingeschränkt sind. Und dann kommt man nach Venedig und man weiß, dass die Hälfte des Stoffs für die Statisten ausreichen mußs. Es ist eine Art Puzzle", erzählt Sheldon mit einem Lächeln. "Die Aussicht, bei einem Shakespeare-Projekt mitarbeiten zu können, auf das sich jeder stürzen würde, und die Tatsache, dass es das 16. Jahrhundert war, und dass man in Venedig drehen würde, mit Al Pacino. Das waren alles Gründe genug, dass ich diesen Film unbedingt machen wollte."

Auch wenn sie an ihr erstes Treffen mit Pacino denkt, als sie nach New York flog, um mit ihm seine Kostüme zu besprechen, lächelt Sheldon: "Das Erste, was er sagte, als er meine Entwürfe sah, war: ?Ich trage ein Kleid?' Und ich antwortete: ?Nein, nein, es ist eine Tunika."

Um der Authentizität willen versicherte sich die Produktion nicht nur, dass die Kostüme wirklich zum Venedig des 16. Jahrhunderts passten. Für die große Bankettszene nach der Heirat von Portia und Bassanio wurde ein Spezialist engagiert, um das perfekte venezianische Hochzeitsfest zu arrangieren. "In Europa gab es Gemüse wie Knoblauch, Auberginen, dicke Bohnen, Rüben, Lauch, Zwiebeln, Pastinaken und dann auch Obst", erzählt Sheldon. "Mit Hilfe eines italienischen Kochs bereiteten sie einen authentischen Keilerkopf zu, dazu gekochte Kaninchen, garniert mit den verschiedensten Kräutern, um den visuellen Eindruck noch zu verbessern. Aber es gibt Kleinigkeiten, an die man nicht denkt, wenn man ein Essen zubereitet. Man mußs sich bewusst sein, dass Menschen Lebensmittelallergien haben. Da man diese nicht bei jedem einzelnen Schauspieler kennen kann, mußs man sich auf Grundsätzliches konzentrieren. Man sollte wissen, dass es gewisse Dinge gibt, die man nicht essen oder trinken sollte. Aber viel von dem, was angerichtet wurde, war nur ein Arrangement für die Kamera."

Regisseur Michael Radford zieht ein abschließendes Produktionsfazit: "Es war ein so schwieriges Projekt, dass alle das Gefühl hatten, sich zusammenreißen zu müssen. Viele spürten die Intensität, äußerten sich zu dieser authentischen Intensität, die man nicht oft auf dem Set einer Filmproduktion findet. Alle konzentrierten sich wirklich, und das lag zu einem großen Teil auch an Al. Er gab die Richtung und den Ton vor, und keiner hätte sich wohl gefühlt, wenn er nicht auch diese Intensität erreicht hätte."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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