Mondovino - Die Welt des Weines

Ausführlicher Inhalt

In Pernambuco im Norden Brasiliens schüttelt man Kokosnüsse von den Palmen. Daraus kann man keinen Wein machen, nur Saft. Dennoch könnte die Zukunft des Weins in dieser Gegend liegen, nahe am Äquator, wo man zweieinhalb mal pro Jahr Trauben ernten kann. Von diesem zunächst entlegen scheinenden Anbaugebiet, dessen Produkte vorerst für ca. 2 Dollar pro Flasche nur auf dem nationalen Markt verkauft werden, folgt der Film den diversen Vernetzungen heutiger Weinproduktion um den Globus, erhält Zugang zu den Armen und den Reichen, den Außenseitern und den Mächtigen in der Branche. MONDOVINO gibt der globalisierten Weinwirtschaft ein Gesicht bzw. viele Gesichter.

Yvonne Hégoburu in Béarn (Jurançon) in den Pyrenäen hat nach dem Tod ihres Mannes mit dem Weinanbau auf traditionellem Terrain begonnen. Die jetzt 77-Jährige arbeitet im Weinberg nach biodynamischen Prinzipien, sie verfolgt die Entwicklung des Lebens ihrer Weine mit Hingabe.

Auf Sardinien steht der ehemalige Lokalpolitiker Battista Columbu mit seiner Frau in ihrem kleinen Weinberg in Bosa, wo sie den seltenen Malvasia di Bosa kultivieren. Sie sprechen über die Phantome des Fortschritts, die Leiden verursachen und Mensch und Natur zerstören können. Von seinen anderthalb Hektar könnte nicht einmal eine Person leben, doch der Wein aus diesem Boden stellt einen Genuss dar, den man für gute Freunde bereit hält oder für einzigartige Gelegenheiten aufhebt. Columbu kritisiert den Consumismo des globalen Zeitalters, der mit einem Verlust an Würde in seiner Region einhergehe. Wir haben eine Jahrtausende alte Kultur und sollten in Frieden mit dieser Erde leben, lautet sein ethisches Bekenntnis.

In einem Mercedes der S-Klasse lässt sich der weltweit führende Weiningenieur Michel Rolland (Pomerol, Frankreich) zum nächsten seiner über 400 Kunden in der Gegend um Bordeaux fahren. Er ist als Consultant in zwölf Ländern verschiedener Kontinente tätig, er arbeitet für die Größten und natürlich die Besten, wobei er nicht vergisst anzufügen, dass Spitzenqualität nicht zuletzt auch sein Verdienst ist. Rolland, der sich gern als Flying Winemaker, als Arzt des Weins und Psychiater der Winzer, bezeichnet, begleitet seine Elogen auf die Segnungen der Moderne mit ungebändigtem und vitalem Gelächter. Der einflussreiche und hoch dotierte Mann, eine gewinnende Erobererfigur der Branche, gibt offenbar dem globalen Markt, was dieser derzeit braucht. Dazu gehört sein häufiger Rat zur "Mikro-Oxydierung" eines Weins, d.h. zum ?Aufpumpen' der Jungweine in den Fässern, was den Reifungsprozess beschleunigt und den Geschmack schneller rund machen soll.

Rollands direkter Gegenspieler: der Winzer Aimé Guibert. Er ist eine Galionsfigur für die Renaissance der Weine aus dem Languedoc, wo er 1979 in Aniane, nördlich von Montpellier, seine Mas de Daumas-Gassac gegründet hatte. Für ihn ist Wein eine fast religiös zu nennende Beziehung zwischen Mensch und Natur, eine Art spiritueller Kontakt. "Um großen Wein zu machen, braucht es einen Poeten." Guibert ist auch Regionalist und begrüßt es, dass Aniane dem Versuch des US-Großunternehmens Mondavi widerstanden hat, sich hier mit einem Großprojekt einzukaufen, für das man die gesamte Bewaldung zweier Hochplateaus hätte roden, d.h. einen gravierenden Eingriff in das Gesicht und die natürliche Funktionalität der Landschaft hätte vornehmen müssen. Für Michel Rolland indessen war das ein Fehler, und aus der Sicht Michael Mondavis, einem der beiden Söhne des kalifornischen Weinpioniers Robert Mondavi waren nur Engstirnigkeit, Angst, Neid und ein kommunistischer Bürgermeister ausschlaggebend für die Ablehnung in der Languedoc. Das an der Börse notierte Wein-Imperium der Pioniere aus dem Napa-Valley verzeichnete 2002 eine halbe Milliarde Dollar Jahresumsatz. In ihren Statements und ihrer Selbstdarstellung geben sich die kalifornischen Weinmagnaten gern als moderne Dynastien, in denen Familiensinn dominiert. Sie repräsentieren eine bessere Lebensqualität, erklärt Garen Staglin auf seinem sonnigen Anwesen, und exportieren sie mit ihren Produkten in alle Welt.

"Wo es Wein gibt, ist Zivilisation. Da ist keine Barbarei." - Hubert de Montille ist mit einem Sohn und zwei Töchtern auf acht Hektar Land in Volnay und Pommard in Burgund als Weinbauer tätig. Er ist vielleicht der eigentliche Philosoph unter all den Protagonisten von MONDOVINO. Seine eigenwilligen, vielleicht etwas kantigen Weine brauchen Reifezeit, dann aber gehen sie in die Tiefe und sind nicht nur breite Wonne-Proppen. Weine der letzteren Art sind für ihn Blender, Bluffer oder gar Huren, die einen verführen und schließlich fallen lassen - aber, so sagt er, "die moderne Welt ist daran gewöhnt. Sie will zum Narren gehalten werden."

Sein Geschmackstalent, so sagt er selbstbewusst, lebt in seiner Tochter Alix weiter, die als Weinmacherin für die Boisset-Gruppe arbeitet. Boisset ist mit 70 Hektar Anbaufläche eine der größten Domänen in Burgund. Alix hat sich diesen Job bei Boisset nicht ganz freiwillig gesucht: der Familienbesitz wirft einfach nicht genügend Ertrag ab, dass zwei Familien davon leben könnten. Nicht mehr lange aber, und sie wird ihre Stellung bei Boisset aufgeben, weil sie in der Orientierung der Firma in Richtung japanischer und nordamerikanischer Supermärkte eine Qualitätsnivellierung sieht. Weine, die man mag bzw. herstellt, sind für sie ein Reflex der eigenen Persönlichkeit - in dieser Haltung trifft sie sich mit ihrem Vater. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Hubert de Montille und seinem Sohn Etienne, für den die Winzerei vor allem schweißtreibende Arbeit gepaart mit geschäftlichem Kalkül darstellt, sind unübersehbar - trotzdem ist Etienne derjenige, an den der Vater den Betrieb übergeben hat. Was die Montille-Familie aber über alle Differenzen hinweg verbindet, ist ihr unbeirrbares Festhalten an der Ansicht, dass das Gefüge der natürlichen Faktoren (Terroir) für einen Wein zehnmal wichtiger ist als der Name auf dem Etikett.

Mit diesem Zauberwort - Terroir - springt MONDOVINO aus Burgund in den Straßenverkehr von Brooklyn - wo Neal Rosenthal, als Importeur europäischer Weine und eloquenter Diplomat dieses Konzept fortspinnt, eine Sequenz, die verdeutlicht, dass Rosenthal als ?typisch' amerikanischer Freak mehr Europa in sich trägt, als der ?typische' Franzose Michel Rolland. Die Fronten in der schönen neuen Weinwelt verlaufen alles als geradlinig.

Für Michel Rolland, den globalen Berater, zählt bei der Weinherstellung vor allem der persönliche Stil-Willen. Die Emanzipation von den Launen der Natur, längst ist sie machbar. So machbar wie der Geschmack - letztlich nur eine Marken-Schöpfung des Önologen. Ein Beispiel für diese Art von Konzept- oder Garagenweinen ist das Château Valandraud in St-Émilion, Frankreich. Jean-Luc Thunevin, ein von Rolland beratener Winzer stieg 1991 zum Star aus dem Nichts auf: Weine zu Höchstpreisen, die in geringen Quantitäten mit raffinierten technischen Modifikationen der biochemischen Prozesse bei der Vergärung und Reifung produziert werden. Die traditionell dem Boden verhafteten Winzer, die die Tendenz zum globalen, geschmacklich vorgegebenen Produkt nicht mitmachen wollen, werden hier als "Terroiristes", die "Ayatollahs von heute" bezeichnet. Die Mondavis sprechen gern von Tradition, die allerdings ergänzt, modernisiert, an den globalen Trend angekoppelt werden müsse. 1979 schloss sich das Château Mouton-Rothschild (Pauillac) mit der Robert Mondavi Winery (Oakville) zusammen, um den ersten kalifornischen Luxuswein unter dem Titel "Opus One" auf den Markt zu bringen.

MONDOVINO zeigt die Weingärten von Opus One, auf denen mexikanische Landarbeiter tätig sind. Auch hier bekundet die Unternehmensleitung viel Respekt vor der mexikanischen Tradition, mußs auf Nachfrage jedoch einräumen, dass es im gesamten Napa Valley kein einziges Weingut gäbe, das im Besitz von Mexikanern sei.

Monkton, Maryland. Hier ist Robert Parker zuhause. Seit zwanzig Jahren ist er der einflussreichste Weinkritiker der Welt. Seine persönlichen Benotungen sind eine veritable Marktmacht, von Melbourne bis Buenos Aires, von Los Angeles bis Bordeaux. Parkers kometenhafter Aufstieg begann, als er den Bordeaux Jahrgang von 1982 mit seiner enthusiastischen Wertschätzung überschüttete, weil er außergewöhnlich reif, ja kalifornisch anmutete. Dieses Urteil und die Begründung hatten ihn erst zum Maverick, doch zum internationalen Geschmacks-Trendsetter in Sachen Wein gemacht - bei den Produzenten ebenso wie bei den Verbrauchern. Michel Rolland sieht darin eine veritable Revolution.

Im Pariser Finanzministerium allerdings sitzt ein Beamter, der in Parkers Werteskalen eine Verleitung zum Betrug sieht: selbst in Burgund, der Heimat der kapriziösen und weniger farbkräftigen Pinot Noir-Traube, gingen manche Weinbauern inzwischen daran, Färbung und Wucht der Weine zu beeinflussen, um den Gefallen des großen Weinverkosters zu finden. Weine, die Parkers Segen haben, sind auf der Höhe des Global Taste.

Im Handelshaus Schröder & Schyler in Bordeaux: Die Familie besteht aus den Nachfahren hanseatischer Einwanderer aus dem 18. Jahrhundert. Schröder & Schyler ist Eigentümer verschiedener Güter in Bordeaux, darunter das als 3ème Cru klassifizierte Château Kirwan (Margaux). Sie konnten, nachdem Kirwan lange Zeit eher gering geschätzt wurde, ihre Preise um ein Mehrfaches erhöhen, nachdem sie mit Hilfe von Michel Rollands Beratertätigkeit den Parker-Taste getroffen hatten. Winzer wie Hubert de Montille sehen in Robert Parker lediglich einen Vertreter der US-Interessen, der weltweit den in Kalifornien favorisierten Vanillegeschmack durch den Ausbau in neuer Eiche durchzusetzen versucht. Für Rolland dagegen bedeuten Parkers Punktvergaben für Weine eine demokratisierende Umwälzung eines ehemals elitären, reaktionären Kastensystems. Parker habe von einem demokratischen Standpunkt aus "das Spielfeld geebnet". Aimé Guibert aus Aniane spricht indes von einem durch Parker geförderten "Faschismus der Monopoldistribution" des Weins - das Übel läge darin, dass man Nachfrage für zwei Millionen Flaschen erzeuge, und der Handel so den Winzer bedränge, zwei Millionen Flaschen zu liefern und zwar sofort und auf jeden Fall alle gleich, damit sie sich als Marke etabliert.

Aniane, ein gallisches Widerstandsnest: Der Marktriese Mondavi zog aus dem Widerstand der Region die Konsequenz, sich auf jene Gebiete der Welt zu konzentrieren, wo man willkommen sei - also in Argentinien und Chile zu expandieren, aber auch in der Toskana, wo die ältesten Wein-Aristokratien herkommen. Während in Florenz ein Kongress der Globalisierungsgegner vorbereitet wird und Ladenbesitzer gegen befürchtete Straßenkämpfe ihre Schaufenster sichern, ist man im Haus der Familie Frescobaldis mit anderen Sorgen beschäftigt: ein Besuch von Prince Charles steht an. Die Bankgeschäfte der Dynastie gehen bis ins elfte Jahrhundert zurück und seit 700 Jahren bauen sie in der Toskana Wein an. Frescobaldi ist das zweitgrößte Weinunternehmen der Toskana. Das Familienunternehmen ist in verschiedenen Joint Ventures mit den Mondavis verbunden.

Die Familie Antinori, die traditionellen Kontrahenten der Frescobaldis, sind seit über 800 Jahren prominent in der florentinischen Geschichte aktiv. Für das Unternehmen befasst sich Marchese Piero Antinori mit dem erfolgreichen Imagewechsel italienischen Weins im Ausland. Sein Bruder Lodovico, der zu Beginn der 90er Jahre mit Hilfe von Michel Rolland den Super-Tuscan namens Ornellaia geschaffen hatte, öffnete seine Ländereien hingegen für Investoren, holte Mondavi ins Boot und verkaufte schließlich sein Gut Ornellaia an den amerikanischen Partner. Der ging aber kurz darauf eine Liaison mit der Gegendynastie der Frescobaldi ein, wodurch diese über Umwege in den Besitz einer ?Perle' des toskanischen Weinbaus gelangten und darüber hinaus auch ihren größten Konkurrenten, die Antinoris demütigten. Das neue Geld setzt sich über die Traditionen des alten Geldes lächelnd hinweg. Bei einem großen Weinempfang in Amerika stellt Tim Mondavi Ornellaia als neues Mitglied der Mondavi-Familie vor, und er schreibt den Premieren-Gästen seine Philosophie in kulinarische Bücher: Celebrate Life!

Ein Journalist der amerikanischen Zeitschrift Wine Spectator, James Sucklin, der die besten Weine der Toskana küren soll, betont, dass der Life Style des US-Konsumenten ohnehin von Armani, Prada, Ferragamo etc. geprägt sei und man mit Vorliebe nach Florenz, Rom und Venedig reise. Der junge Weinkritiker ist mit einem Vertreter des Unternehmens Ferragamo, das auch die Wein-Marke Il Borro kreiert hat, unterwegs. Es ist nicht auszuschließen, dass die privilegierten Bedingungen des Kritikers als Gast Auswirkungen auf seine Punktvergabe haben könnten. In Volterra betritt das Filmteam den Laden eines jungen Händlers, der ohne Umschweife erklärt, dass die vor über einem Jahrzehnt vom Wine Spectator erfundenen Super-Toskaner eine absolute Finte der internationalen Wein-Schickeria seien. Der Ornellaia zum Beispiel habe einen Geschmack, der um nichts in der Welt mit den in der Toskana gegebenen Bedingungen im Weinberg wachse, sondern allein technisch hergestellt werden könne. Hinzu kommt: als Ornellaia Mondavi-Eigentum wurde, stieg der Wein augenblicklich im Ranking und verdreifachte seinen Preis.

"Ohne Kunst und Kultur ist kein Wein zu machen!" Das Credo des globalen Weinexperten Michel Rolland wird auch von seinem Kunden Arnaldo Etchart geteilt, dessen baskische Vorfahren Mitte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien emigriert waren und in Cafayate im Nordwesten des Landes Weinbau betrieben, wo bereits die Jesuiten in der Folge der spanischen Eroberungen Wein anbauten. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verkauften sie das Gebiet einschließlich ihres Familiennamens an den französischen Multi Pernod-Ricard. Inzwischen hat die Familie mit dem französischen Berater als Partner ein neues Anbaugebiet erschlossen. "Kunst" und "Kultur" des Weins bezeichnen für die Etcharts allerdings eine deutlich rassistische Demarkationslinie gegenüber der Urbevölkerung, die durch Antriebslosigkeit und mangelnden Erwerbssinn gekennzeichnet seien. Der Patriarch spricht über die Epoche Perrons und die positiven Einflüsse, die mußsolini und Hitler auf Argentinien ausgeübt hatten.

Fünf Kilometer entfernt, in Tolombón, lebt Antonio Cabezas, ein kleiner Weinbauer indigener Abstammung. Er besitzt einen Hektar Land, das mit weißen und roten Sorten bepflanzt ist. Die sechzig Dollar, die er monatlich mit dem Verkauf seines Weins (ca. 1,50 Dollar pro Flasche) erzielt, reichen zum Leben nicht aus, so dass er gezwungen ist, auf dem Land anderer Weinbauern zu arbeiten. Der Boden sei unprofitabel, aber wenn man hier geboren ist, fühle man sich dem Land zugehörig. Hier schließt sich der Kreis mit der integren Persönlichkeit des Sarden Battista Columbu und seiner 1,5 Hektar kleinen Domäne, aus der er kein Geschäft geschlagen hat.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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