The Woodsman

Produktionsnotizen

"Als man mir das Projekt zum ersten Mal angeboten hat, habe ich zunächst spontan abgelehnt" - so beschreibt Produzent Lee Daniels seine erste Reaktion auf die schwierige Thematik von THE WOODSMAN.

"Ich bin Vater von 8-jährigen Zwillingen und war generell der Meinung, dass gewisse Themen Tabu bleiben sollten. Als ich dann aber das Drehbuch las, ging es mir wie damals beim ersten Lesen von MONSTER'S BALL.

Das Skript war direkt und kam ohne Umschweife auf den Punkt. Was ich am fertigen Film mag - und was er hoffentlich vermittelt - ist die Einsicht, dass es keine einfachen Antworten gibt. Jeder von uns hat Fehler - und beide Filme haben mich dazu gebracht, einige meiner eigenen Fehler genauer zu betrachten."

THE WOODSMAN - die Geschichte von Walter, einem verurteilten Sexualtäter, der nach zwölf Jahren im Gefängnis wieder in die Gesellschaft entlassen wird - bringt sein Publikum in eine äußerst schwierige Situation; schließlich sollen wir uns mit einem Charakter identifizieren, über dessen bloße Existenz die meisten von uns noch nicht einmal nachdenken möchten.

Die Aufgabe dieses heikle und verstörende Thema auf die Leinwand zu bringen fiel an Nicole Kassell - die mit dem auf Steven Fechters Theaterstück basierenden Film ihr Regiedebüt gibt - und das mit Kevin Bacon, Kyra Sedgwick, Mos Def, Eve, Benjamin Bratt und David Alan Grier hochkarätig besetzte Schauspielensemble. Der Film wurde in nur 28 Tagen an insgesamt 15 Drehorten in und um Philadelphia gedreht.

Der Pfad zum Woodsman Im März 2000 besuchte Nicole Kassell, damals noch Studentin des angesehenen Graduate Film Programms der New York University, eine öffentliche Lesung des noch nicht uraufgeführten Theaterstücks "The Woodsman".

"Das Stück war einfach unglaublich", erinnert sich Kassell an die von Arthur Miller ("Tod eines Handlungsreisenden") initiierte Lesung, die im legendären Actor's Studio in New York stattfand.

"Es war ein sehr bewegendes Werk - und eine sehr wichtige Geschichte, die einfach erzählt werden mußste". Kassell war so beeindruckt von dem Stück, dass sie im Anschluss an die Aufführung den Autor Steven Fechter auf die Filmrechte ansprach.

Dieser reagierte zurückhaltend, schließlich hatte Kassell ihr Studium damals noch nicht einmal abgeschlossen. Unbezahlt und in ihrer eigenen Freizeit schrieb die junge Regisseurin deshalb eine erste Version des Drehbuchs, die sie dem Autor dann vorlegte.

"Er war beeindruckt und erklärte sich bereit, mir eine Option auf die Filmrechte zu geben und mit mir an weiteren Versionen zu arbeiten", erzählt Kassell, die in Fechter einen idealen Co-Autor fand. "Ich habe neue Versionen geschrieben und ihm vorgelegt.

Zusammen sind wir sie dann durchgegangen und haben sehr detaillierte Notizen erarbeitet. Es war eine ideale Ausgangssituation: ausreichend Freiraum, um mit einem gleichermaßen motivierten Partner zu arbeiten."

Das Drehbuch zu THE WOODSMAN sollte 2001 den Slamdance Drehbuch Wettbewerb gewinnen; in dem selben Jahr, in dem Kassell ihren Abschlussfilm "The Green Hour" in Utah vorstellen durfte. Dieser doppelte Erfolg wurde von der Filmindustrie aufmerksam beobachtet.

"Wir schickten das Drehbuch raus und bekamen von Produzent Lee Daniels die Rückmeldung, dass er seit MONSTER'S BALL kein besseres Skript gelesen hatte", erzählt Kassell, die den potentiellen Verkauf des Drehbuchs daran koppelte, dass sie den Film auch inszenieren würde.

"Zuerst wollte ich nicht schon wieder mit einem Erstlingsregisseur zusammenarbeiten", gesteht Lee Daniels. "Aber Nicole hatte einen so unglaublichen Enthusiasmus für das Projekt. Sie geht sehr methodisch vor und versteht alle Charaktere vollkommen.

Sie hat eine leise, sehr eindringliche Stimme. Ich hätte auf den ersten Blick nicht gedacht, dass jemand wie sie sich wissentlich in die Mitte eines so dunklen Sturms der Gefühle begeben will."

"Ich habe die Zusammenarbeit mit ihr geliebt", berichtet Kevin Bacon. "Nicole ist hochintelligent und glaubt an das, was sie sagt. Sie ist ein guter, sanfter, mitfühlender Mensch, dem sowohl das Filmemachen als auch die reale Welt wirklich am Herzen liegt."

Kyra Sedgwick charakterisiert die Regisseurin so: "Nicole ist für mich 'die Maus, die brüllte'. Sie redet sehr leise, aber auch sehr eindringlich.

Sie hat eine ruhige, unscheinbare Kraft in sich. Obwohl sowohl Zeit als auch Geld knapp waren, hat sie immer bekommen, was sie wollte. THE WOODSMAN ist der beste Beweis, dass wir es hier mit einer formidablen Künstlerin zu tun haben."

Von der Bühne auf die Leinwand In seinem Essay "Über ein Buch mit dem Titel 'Lolita'" erzählt Vladimir Nabokov, dass ihm die Inspiration zu seinem berühmten Roman eigentlich beim Lesen eines Zeitungsartikels über einen Affen kam, der nach monatelangem Training die erste "von einem Tier angefertigte Kohlezeichnung gemacht hatte".

Das Bild zeigte die Stäbe seines Käfigs. Während psychische Gefangenschaft sicherlich eine durchaus passende Metapher für die in THE WOODSMAN beschriebenen Zwänge hergegeben hätte, mußste Kassell mit ihrer Leinwandadaption die Barrieren der eher statischen Bühne durchbrechen und visuelle Entsprechungen für die Geografie des menschlichen Innenlebens finden.

"Das Theaterstück war sehr minimalistisch. Walter war die gesamte Zeit auf der Bühne, während die anderen Charaktere auf- und abtraten", sagt Kassell.

"Wir mußsten Walters Welt vergrößern und Walter für die Welt um ihn herum öffnen", erklärt sie die Entscheidung, ihn bei seiner Arbeit im Sägewerk zu zeigen.

Eine andere prominente Änderung war der Charakter von Mary-Kay (gespielt von Hip-Hop Star Eve), der im Stück nicht vorkommt und wichtig für den Subplot ist, der zu Walters Ächtung am Arbeitsplatz führt.

Walter ist kein sehr gesprächiger Charakter - ein Aspekt, den Kassell und Bacon dadurch stärkten, dass sie unwichtige oder zu deutliche Dialoge während der Proben radikal kürzten.

"Ich halte persönlich sehr viel davon", erklärt Bacon. "Ich finde es einfach viel interessanter zu sehen, wie ein Charakter nonverbal auf die Welt um ihn herum reagiert.

Das ist einer der schönsten Aspekte des Kinos - und wenn ein Schauspieler oder Regisseur damit umgehen kann, können sehr kraftvolle Momente entstehen.

Ich mag diese großen Szenen in Filmen nicht, in denen jemand plötzlich erklärt, warum er so ist, wie er ist. Bei diesem Charakter waren wir uns einig, dass er so wenig wie möglich sagen sollte."

Passend zu dem sparsamen Umgang mit Worten, stattete Kassell die Welt von THE WOODSMAN mit schnörkellosem, bescheidenem visuellen Realismus aus.

"Ich habe mir Einflüsse aus den Filmen der frühen Siebziger gesucht", erklärt sie und nennt Meisterwerke wie EINER FLOG ÜBER'S KUCKUCKSNEST (1975) und EIN MANN SUCHT SICH SELBST (1970) als konkrete Beispiele.

"Das Filmmaterial in den Siebzigern war etwas grobkörniger. Was ich daran mag ist, dass man einen Superstar - in diesen Fällen Jack Nicholson - mit einer Welt umgeben konnte, die sehr realistisch, sehr wahr wirkte."

Nicht nur die grobkörnige visuelle Textur des Films erinnert an die Glanzzeit des amerikanischen Kinos der Siebziger - auch die schauspielerische Leistung von Kevin Bacon kann es in ihrer Wagemutigkeit, ihrem Engagement und durch das vollkommene Fehlen von Eitelkeit von Seiten des Stars mit den großen Antihelden des Kinos der siebziger Jahre aufnehmen: Robert DeNiros Travis Bickle in TAXI DRIVER, Jack Nicholson in DAS LETZTE KOMMANDO und Al Pacinos Sonny in HUNDSTAGE.

Beim Drehort entschied man sich schon sehr früh für Philadelphia, die Stadt in der Kevin Bacon, Eve, Kameramann Xavier Perez Grobet und Produzent Lee Daniels aufgewachsen waren.

"Ich liebe Philadelphia", sagt Daniels über die ?Stadt der brüderlichen Liebe' (so die Übersetzung des griechischen Namens). "Es ist ein fantastischer Ort zum Drehen - in diesem Sinne auch noch weitgehend unbenutzt. Viele unserer Investoren, Darsteller und Crew kommen aus Philadelphia, was dem Dreh eine sehr angenehme Stimmung gab."

Kassell, die dort Verwandte hat, lobt besonders das "ungemein hilfreiche" Filmbüro der Stadt, während Sedgwick besonders das markante Erscheinungsbild Philadelphias hervorhebt: "Ich liebe es, von alter Architektur umgeben zu sein. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich so sehr wohl und sicher."

Abgesichert durch den verbalen Naturalismus des Drehbuchs und den visuellen Realismus der Stadt Philadelphia, erlaubten sich Kassell und ihre mehrfach ausgezeichneten Cutter Lisa Fruchtman und Brian A. Kates den Einsatz einiger gewagter und expressionistischer Montageelemente.

Sprunghafte Schnitte, Standbilder und Zeitsprünge finden sich in mehreren Schlüsselsequenzen, einschließlich des Titelvorspanns, Walter und Vickies erster Sexszene und einer Sequenz, in der Walter von seiner Wohnung aus zusieht, wie der von ihm ?Candy' getaufte Mann einen kleinen Jungen von einem Spielplatz fortlockt. Letztere Szene ist die verstörende Parodie einer Sportübertragung, komplett mit eingesprochenem Kommentar.

Wahrheitsbarometer "Kevins Zusage war für mich wie ein wahr gewordener Traum," sagt Kassell über den Schauspieler, den sie als "riesiges Wahrheitsbarometer" bezeichnet.

Bacon, der seit seinem Debüt in ICH GLAUB' MICH TRITT EIN PFERD (1979) eine feste Größe im amerikanischen Kino darstellt (und dessen Karriere kürzlich mit einer Gala der Film Society of Lincoln Center gefeiert wurde), ist einer der wenigen Schauspieler, die scheinbar mühelos zwischen Hauptrollen und Charakterrollen wechseln.

"Er ist ein Schauspieler, den das Publikum bewundert und mag - dennoch verwandelt er sich mit jeder seiner Rollen", sagt Kassell. "Er konzentriert sich auf jedes Detail seines Charakters: wie er geht, spricht, sich kleidet."

Produzent Lee Daniels sagt über Bacon: "Kevin ist ein toller Typ und irgendwie dachte ich, dass er verrückt ist, diese Rolle anzunehmen - ich bin aber sehr froh, dass er es getan hat.

Er stattet Walter mit einem inneren Tumult aus, den wir normalerweise nicht sehen können, und auch mit einer erschreckenden Konzentration. Aber irgendwie war ich nach Abschluss der Dreharbeiten auch froh, als er Walter ablegte und wieder zu Kevin wurde."

Kurz nachdem er die Rolle angenommen hatte, entschloss sich Bacon, auch die Verantwortung eines Produzenten wahrzunehmen. "THE WOODSMAN ist ein so risikoreiches Projekt, dass ich es für wichtig hielt, noch involvierter zu sein als ich es sonst bin", erklärt Bacon. "Ich dachte mir, dass es helfen würde, wenn ich auch mit der Besetzung und anderen Aspekten zu tun habe."

Bacon schlug seine Frau Kyra Sedgwick - dem Publikum bekannt aus Oliver Stones GEBOREN AM VIERTEN JULI, Cameron Crowes SINGLES und Jon Turteltaubs PHENOMENON - für die Rolle der Vickie vor.

"Ich habe beim Lesen gedacht, dass es nicht viele Schauspielerinnen gibt, die schön und sexy sein können und denen man dennoch abnimmt, dass sie in einem Sägewerk arbeiten", sagt Bacon.

"Es gab anfangs eine gewisse Unsicherheit, ob unsere Beziehung im wirklichen Leben das Publikum vielleicht ablenken könnte - aber sie war einfach die richtige Schauspielerin für die Rolle."

Das Angebot kam für Sedgwick etwas überraschend: "Ich habe das Drehbuch gelesen, weil Kevin den Film vielleicht machen wollte und habe deshalb überhaupt nicht an eine Rolle für mich gedacht.

Als ich es beendet hatte, habe ich ihm gesagt: ?Du mußst es machen', wohl wissend, dass dies kein einfacher oder fröhlicher Dreh werden würde."

Als man ihr dann auch eine Rolle anbot, zögerte Sedgwick erst: "Ich will nicht bestreiten, dass wir uns Sorgen machten - aber hauptsächlich darüber, ob ich für Walter und den Film die richtige Schauspielerin wäre.

Damals stand in allen Zeitungen dass Schauspielerpaare nicht zusammen Filme machen sollten, dass dies ein Kassengift sei, und wir alle haben uns Sorgen gemacht, dass es dem Film schaden könnte.

Aber Kevin und Nicole waren sich sehr sicher - und nachdem die Dreharbeiten erst einmal begonnen hatten, wusste ich, dass unsere Entscheidung richtig war."

In einer frühen Szene von THE WOODSMAN, bietet Vickie Walter eine Mitfahrgelegenheit von der Arbeit nach Hause an, um ihn dann ungeniert zu verführen.

Die meisterhaft gefilmt und geschnittene Szene zeigt die Nervosität, Angespanntheit und Aufgeregtheit von zwei fremden Menschen, die zum ersten Mal miteinander intim sind.

Gefragt, wie schwer es ist, eine solche Szene mit einer Frau zu spielen, mit der er seit fünfzehn Jahren verheiratet ist, antwortet Bacon: "Es ist wie jede schauspielerische Herausforderung.

Schauspieler sind professionelle Lügner und dies war nicht schwieriger, als so zu tun, als wäre man mit einem vollkommen Fremden, den man an diesem Tag zum ersten Mal getroffen hat, schon 15 Jahre lang verheiratet." Dazu Sedgwick: "Du spielst es einfach und hoffst, dass es funktioniert."

Kassell erinnert sich an eine Anekdote vom Dreh, die unterstreicht, wie sehr beide Darsteller in ihren Charakteren versanken: "Eines Tages haben wir uns die Muster der Sexszene angesehen und kurz nachdem ich ?Schnitt' rief, kam er aus seinem Charakter hervor und gab ihr einen vertrauten Kuss - und ich dachte nur: da ist Kevin.

Während die Kamera lief habe ich das aber sonst nie gesehen. Die beiden waren so auf ihre Charaktere fokussiert - wenn mal etwas nicht ganz stimmte, hatte es nie damit zu tun, dass sie zu vertraut miteinander umgegangen sind."

Scherben zusammenkleben Für Sedgwick ist THE WOODSMAN ebenso eine Liebesgeschichte - wenn auch eine angeschlagene und unkonventionelle - wie auch das Portrait eines schrecklichen und größtenteils totgeschwiegenen Gesellschaftsproblems.

"Vickie verliebt sich in Walter. Sie sieht etwas in ihm, was niemand sonst sehen kann - noch nicht einmal er selbst", sagt Sedgwick.

"Und ich denke, das ist wovon dieser Film handelt: dass man sich nicht in jemanden verliebt, der von außen betrachtet perfekt scheint; oft verliebt man sich in jemanden, weil die eigenen beschädigten Stücke perfekt zu denen des anderen passen."

Auf die Frage, wie sie Vickie beschreiben würde, antwortet Sedgwick: "Sie bewältigt ihre Vergangenheit. Sie ist jemand, der sehr viel Schmerz erleiden mußste und viele Leute würden sie sicherlich als angeschlagen bezeichnen, aber ich fühlte mich nicht so ... Vickie ist smart und intuitiv, aber ich glaube, dass sie viel von ihrer Energie dafür aufbringt, ihre Vergangenheit zu bewältigen."

Während Kassell und Bacon sich über Sexualstraftäter und Pädophilie informierten, arbeiteten Sedgwick und die Regisseurin an einer ausführlichen Hintergrundgeschichte für Vickie. Später im Film finden wir heraus, dass Vickie als Kind von ihren drei Brüdern sexuell missbraucht wurde.

Auf diese Thematik angesprochen entgegnet Sedgwick: "Vickie ist generell sehr vorsichtig - sie ist aber auch eine leidenschaftlich liebende und loyale Person. Sie steht zu ihren Brüdern und liebt sie trotz dem, was sie ihr angetan haben - und ich finde ihre Loyalität beeindruckend."

Dennoch gibt Sedgwick zu, dass die Traurigkeit ihres Charakters sie durchaus sehr betroffen hat: "Ich versuche meine Charaktere von meinem Privatleben zu trennen, aber es ist manchmal nicht leicht, diese Trennung auch wirklich zu vollziehen.

Ich tue es sicherlich nicht aus Absicht, aber es gab während des Drehs einen versteckten Grad von Verzweifelung, den ich mit mir herumtrug. Dies sind zutiefst verwundete Menschen. Es war ein unangenehmer Ort, an den ich mich begab und es war unangenehm, Kevin so zu sehen."

Kassell berichtet, dass ihre beiden Hauptdarsteller enorm großzügig waren, wenn es um Proben ging. Während der Vorproduktion trafen sie sich oft - ob nun allein oder zusammen - um ihre Charaktere zu diskutieren und das Drehbuch durchzugehen.

Kassell und Bacon setzten außerdem viel Zeit für Proben mit Hannah Pikes an - einer außergewöhnlichen jungen Schauspielerin, die Robin - ein junges Mädchen, das Walter in einem nahe gelegenen Park trifft - spielt.

Die Szenen zwischen Robin und Walter, brillant in ihrem Aufbau und ihrer Zurückhaltung, gehören zu den verstörendsten Momenten von THE WOODSMAN.

"Ich wollte natürlich, dass sie sich beim Dreh sicher fühlt und weiß, dass ich ein Vater, ein Ehemann und ein Schauspieler bin - eben genau nicht der Charakter, den ich spiele", sagt Bacon.

"Wenn du mit Kindern arbeitest ist das aber immer so. Du tust, was du tun mußst, damit sie sich wohl fühlen. Wir haben die Szene während der ersten Aufstellproben und des Drehs kontinuierlich verändert - Robin hat sehr gute schauspielerische Instinkte."

Good Cop, Bad Cop Unter den Hauptcharakteren von THE WOODSMAN ist Sergeant Lucas, ein Polizeibeamter, der regelmäßig bei Walter vorbeischaut, um den verurteilten Straftäter, der versucht seinen Weg in die Gesellschaft zurück zu finden, einzuschüchtern und aufzustacheln.

Sergeant Lucas wird - in einem subtilen, wenn auch unerwarteten Besetzungscoup - von Rapper und Schauspieler Mos Def gespielt.

"Auf dem Papier war Sergeant Lucas ein Charakter, bei dem ich Angst hatte, er könne zum Klischee verkommen", gibt Kassell zu. "Aber Mos' Performance war das schönste Geschenk, das er mir und dem Film machen konnte."

Produzent Lee Daniels und Mos Def hatten schon bei MONSTER'S BALL zusammengearbeitet, während Kassell ihn am Broadway neben Steven Wright in Suzan Lori Parks' Pulitzerpreisgewinner "Topdog/Underdog" gesehen hatte. Kassell wollte Mos Def unbedingt besetzen - obwohl dies bedeutete, dass sie und der Schauspieler vor dem Dreh keine Zeit für individuelle Proben haben würden.

Während die Treffen zwischen Walter und Sergeant Lucas auf dem Papier noch die gewöhnlichsten Szenen von THE WOODSMAN darstellten, hat Mos Defs Charakter im Film eine einzigartige, trauernde Qualität, die Sergeant Lucas zu einem bewegenden Portrait im Pantheon der Leinwandpolizisten macht.

"Mos war einfach fantastisch", lobt Bacon seinen Co-Star. "Wir hatten keine Idee, wie wir die Szene angehen sollten, weil uns keine Zeit für Proben zur Verfügung stand - und er kam einfach dazu und gab seinem Charakter eine ganz andere, von uns nicht bedachte Richtung."

Dazu Kassell: "Als ich anfing, Sympathie für Lucas zu empfinden, wusste ich, dass sich hier etwas ganz besonderes vor meiner Kamera abspielte."

Eine stillgeschwiegene Krankheit "Als ich mich dazu entschied, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, habe ich mir vorgenommen, dies weder halbherzig noch naiv zu tun", erzählt Kassell, die einen großen Teil der Vorproduktion damit verbrachte, Opfer, deren Familien und Therapeuten für Sexualstraftäter zu befragen.

Sie war außerdem eingeladen, bei Treffen von Therapiegruppen teilzunehmen, eine Erfahrung, die sie als unersetzlich beschreibt. "Der Film ist Fiktion, aber dennoch mußs man versuchen, allen diesen realen Menschen und Geschichten gerecht zu werden", erklärt sie.

Fast alle Charaktere von THE WOODSMAN - Walter, Vickie, Robin - haben mit sexueller Belästigung zu tun gehabt - eine statistisch durchaus akkurate Verbreitung, wie Kassell im Laufe ihrer Recherchen herausfinden mußste: man schätzt dass einer von vier Amerikanern während seiner Kindheit missbraucht wurde und es oft Opfer sind, die diesen Kreislauf des Missbrauchs am Leben erhalten.

"Ich hoffe, dass THE WOODSMAN eine Diskussion über ein Thema in Gang bringen kann, das traditionell als Tabu gilt", sagt Daniels. "Seit ich an diesem Projekt arbeite, hat mir ein nahes Familienmitglied gestanden, dass sie als Kind missbraucht wurde - etwas, was ich niemals auch nur geahnt hätte.

Wir haben außerdem schon eine Flut von Emails bekommen, bevor der Film überhaupt seine Premiere hatte. Ich hoffe durchaus, dass THE WOODSMAN dazu führt, dass man über dieses Thema redet."

"Dieses Thema wird in Filmen normalerweise nicht behandelt", sagt Bacon. "Charaktere wie Walter werden normalerweise als Monster dargestellt.

Das Erschreckende ist, dass sie keine Monster sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, Familienangehörige, Gemeindemitglieder, Gruppenleiter im Ferienlager. Das macht mir am meisten Angst.

Dies ist ein tief verwurzeltes Problem - und THE WOODSMAN präsentiert es auf eine erschreckend realistische Art. Das ist keine Hollywood-Version der Problembewältigung - der Film gibt nur wenige Antworten, er präsentiert einen solchen Charakter einfach nur sehr realistisch."

Als Walter Robin kennen lernt, werden wir Zeuge des Beginns einer zarten Freundschaft zwischen dem erwachsenen Mann und dem Mädchen, das im Park Vögel beobachtet. Die Frage, ob Walter in alte Verhaltensmuster zurückfallen wird, schwebt von diesem Moment an über dem Film.

Auf die Frage, wie sie THE WOODSMAN mit dieser Grundspannung versehen konnte, ohne dass der Film in den Bereich der Exploitation abrutscht, antwortet Kassell entschieden: "Für mich war es wichtig, diese Frage - ob Walter seinen verwirrten Impulsen folgen wird oder nicht - auf keinen Fall zu beantworten.

Im wirklichen Leben gibt es keine Antwort und auch keine Heilmethode. Wie bei Alkoholismus oder Drogensucht handelt es sich hier um eine Krankheit, gegen die man jeden Tag für den Rest seines Lebens ankämpfen mußs.

Ich wollte einen Charakter zeigen, der dies wirklich versucht und die Frage stellen, ob wir den Menschen, die dazu bereit sind, diesen Kampf gegen sich selbst aufzunehmen, eine zweite Chance einräumen wollen."

"Ich hoffe, dass der Film trotz seines schwierigen Themas in der Lage ist, Menschen zu berühren und zu bewegen", sagt Sedgwick auf die Frage, wie die Zuschauer hoffentlich das Kino verlassen werden.

"Das großartige an Filmen ist, dass sie es dem Publikum erlauben Mitgefühl zu haben und für eine Zeit in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen. Wenn ein Film dies tut, hat er für mich seine Daseinsberechtigung auf dieser Welt."

Szenenfoto
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