Die Perlenstickerinnen

Produktionsnotizen

Eléonore Faucher über 'Die Perlenstickerinnen' Einen Tag, nachdem ich ein Loch in meinem Pullover gestopft hatte, begann ich, DIE PERLENSTICKERINNEN zu schreiben. Die Bewegung meiner Hand mit dem Faden hatte etwas in mir ausgelöst. Ähnlich wie Claire später im Drehbuch, hoffte ich, dass diese Bewegung zu etwas Einzigartigem und Schönem führen würde. Der Pullover hatte eine besondere Bedeutung für mich. Meine Mutter hat ihn vor mehr als 30 Jahren gestrickt und mir geschenkt, als ich schwanger war.

Nachdem der Pullover tapfer das Anschwellen des Bauches meiner Mutter ertragen hatte, würde er mit ein bisschen Glück auch die wachsenden Ausmaße meines Bauches aushalten. Ich habe fast drei Jahre gebraucht, um DIE PERLENSTICKERINNEN zu schreiben. Ich stellte eine erste Version, die ich als lesbar beschreiben würde, dem CNC vor. Von dort erhielt ich Unterstützung und mir wurde Gaëlle Macé vorgestellt, die das Projekt fortan kommentierte und begleitete.

In DIE PERLENSTICKERINNEN habe ich versucht, mich mit dem Geheimnis heimatlicher Erde zu beschäftigen, ohne die keine Pflanze wachsen kann. Es ist dieses Geheimnis, das es Madame Melikian ermöglicht, Claire zum Erblühen zu bringen. Ich hatte die Absicht, die Geschichte der beiden Frauen übergroß auf die Leinwand zu bannen und mittels Regie, Kamera, Ton und Musik die Poesie und manchmal Traumhaftigkeit zu erzeugen, die den Kontrapunkt zu der Ruppigkeit bildet, mit der sich die beiden Frauen schützen.

Was das Schreiben zunächst geleitet hat, war die Beziehung zwischen einer jungen und einer älteren Frau - das, was sie sich ohne die geringste Zuneigung geben können. Die Geschichte von DIE PERLENSTICKERINNEN ähnelt der zwischen mir und meiner Großmutter. Mit der Erarbeitung erlebte ich eine Generationserneuerung. Ein Jahr zuvor war meine Tochter geboren worden und meine Großmutter ging ins Altersheim. Mir wurde bewusst, dass die Gesten meiner Großmutter und anderer Vorfahren irgendwo in mir existieren.

Was die anonyme Entbindung angeht, so war es mein Ziel, das Risiko aufzugreifen, das man eingeht, wenn man ein Kind zeugt - ganz gleich, ob es nun das Alter ist oder die Bedingungen sind, die Fragen aufwerfen. Die Entscheidung ruft Verantwortung hervor und führt zum Verlust der Sorglosigkeit. Diese Besorgnis wollte ich durch das Thema "anonyme Entbindung" verinnerlichen und deshalb habe ich sie in die Rolle der Claire projiziert.

Die Rollen habe ich alle von mir aus geschaffen. Ich kann mich mit jeder von ihnen identifizieren. Ariane Ascaride hatte das Drehbuch bei einer Lesung im Rahmen eines Festivals in Angers vorgelesen - eigentlich hatte ich sie für die Rolle der Mme Melikian nicht in Betracht gezogen, weil sie zu jung war. Aber die Erfahrung ihrer Lesung war umwerfend, weil sie das Drehbuch mochte und weil ich mochte, wie sie es las. Ich wartete zehn Tage, bevor ich ihr die Rolle anbot, um mich nicht allzu sehr von Gefühlen leiten zu lassen.

Madame Melikian ist laut Drehbuch ursprünglich Tschechin. Ariane Ascaride ist in das Leben der armenischen Diaspora in Frankreich eingebunden - entsprechend wurde die Nationalität der Mme Melikian verändert. Lola Naymark kam zu einem klassischen Casting für die Rolle der Claire. Mit ihren flammend roten Haaren und ihrem frechen Wesen entsprach sie genau der Beschreibung der Claire im Drehbuch.

Sticken - das ist Nähen und Erfinden zugleich - Eléonore Faucher über die Rolle der Stickerei Ich wollte über ein Métier sprechen, das im Schatten steht. Die Stickerei ist wirklich eine Metapher des Kinos. Wenn man einen Film sieht, stellt man sich nicht die Arbeit der Techniker vor. Das gleiche gilt für ein Model, das über den Laufsteg defiliert - man stellt sich nicht die stundenlange Arbeit der Hände vor, die dahinter stehen.

Als ich das Atelier von Monsieur Lesage oder das von Nadja Berruyer besuchte, welche die im Film verwendeten Stickarbeiten herstellte, fand ich genau die Atmosphäre, die ich suchte. Ich meine: diese Form eines heimlichen Einverständnisses unter Frauen und dieser körperliche Esprit. Im Film wird die Stickerei wie eine intime Zeichnung dargestellt. Sie drückt das aus, was den Rollen innewohnt.

Claire arbeitet mit verwertbaren Materialien: Hasenfelle, Unterlegscheiben, ganz ohne Technik. Die haptische, fühlbare Seite des Filmes bedeutet mir sehr viel. Wenn man die Arbeit der Madame Melikian von der anderen Seite betrachtet, geht man innerlich auf eine Reise. Die Stoffe sind transparent, so dass man hindurchfilmen kann, man kann die Hände bei der Arbeit und weiter entfernt das Gesicht der Stickerin beobachten.

Für die Geschichte war es notwendig, dass Madame Melikian durch ihre Stickerei großartig wirkte und dass das Baby in Claires Bauch freudig gedeiht. Das Atelier ist in meinen Augen eine Art Höhle, in der sie sich versteckt - wie in einem Bauch.

Die Kunst der Perlenstickerei Glänzende Pailletten, schillernde Perlen und Sonnenstrahlen aus blitzenden Stäbchen auf schimmernder Seide, warmem Samt oder knisterndem Chiffon - Perlenstickereien sind einzigartige textile Schmuckstücke.

Die Verzierung von Stoffen ist eine der frühesten Handwerkskünste der Welt. Nachweise von Stickereien und Applikationen finden sich bereits auf babylonischen und assyrischen Skulpturen. Auch Stofffragmente und bildliche Darstellungen aus dem alten Ägypten überliefern diese frühe Kunst.

Im alten Rom wurden Stickereien in prächtigen Farben, durchsetzt mit Gold- und Silberfäden, aus dem Orient importiert. Solche Zeugnisse textiler Ornamente gibt es jedoch in aller Welt: auch auf chinesischen, indianischen, indischen oder orientalischen Gewändern, Stoffen und Behängen.

In Europa verlor die Gesellschaft nach dem Zerfall des Römischen Reiches die Stickerei aus dem Blick. Stickarbeiten wurden zur Rarität und dienten eher politischen und religiösen Zwecken. Die Klosterschulen pflegten die Stickkunst und verewigten biblische Motive, mythologische Darstellungen und christliche Symbole auf Wandbehängen und Paramenten.

Im Mittelalter entdeckten die Herrschenden die Stickkunst neu. Die Kunst der textilen Schmuckstickerei erlebte an den Höfen eine Renaissance. Die Perlenstickerei - eine Technik, bei der wertvolle Materialien wie Jade, Perlen, Elfenbein oder Edelsteine in kunstvollen Mustern auf den Stoff genäht werden - war bald eine beliebte Ziertechnik für die Bekleidung von Adligen und Edelleuten.

Zudem kam Leibwäsche aus feinem Batist in Mode, die mit zarten Stickereien verfeinert wurde. Diese so genannte Weißstickerei wurde bald auch für Tischwäsche, Bettwäsche, Taschentücher und Behänge verwendet. Im Laufe der Zeit entstanden eine große Anzahl unterschiedlicher Sticharten, die mit eigens zum Sticken angefertigten Fäden vielfältige neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffneten. Zu Beginn der Neuzeit begannen auch besser gestellte Familien, die Kunst der Stoffverzierung zu pflegen. In Bürger- und Bauernhäusern gehörte die Stickerei bald zur "guten Erziehung" der Töchter.

Mit der Erfindung der Stickmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts wurde für breite Kreise die mühevolle Handarbeit durch maschinell gefertigte Stickereien ersetzt.

Der Luxus manuell gefertigter Stickereien hat bis heute nichts von seinem Reiz eingebüßt. Auch in der aktuellen Haute Couture unterstreicht die Stickkunst die Schönheit und Sinnlichkeit edler Stoffe. Perlenstickerei verbindet Kunst, Handwerk und professionelles Geschick. Die aufwändigen Verzierungen zeugen von Reichtum und Opulenz, von fingerfertiger Geschicklichkeit und künstlerischem Blick.

"Sticken - das ist zunächst ein Traum? Ob einfaches Leinen oder üppige Seide, der Stoff enthält bereits eine Vision, ein noch unbekanntes Muster. Während die Stickerei Form annimmt, enthüllt sie das Wesen unserer Natur, sie erschafft es aus den ersten, flüchtigen Augenblicken einer Sehnsucht. Mit Nadel, Faden und anderen Materialien wird aus dem Traum kreative Wirklichkeit, wobei jeder mit Bedacht gesetzte Stich zu ihrer Gestalt, ihrer Stimmung, der Erinnerung und dem Wunsch nach Erkenntnis beiträgt." Mit diesen Worten beschreibt François Lesage, französischer Meistersticker, die sinnliche Arbeit, die jeder Perlenstickerei innewohnt.

Lesage ist einer der wichtigsten Vertreter moderner Haute Couture Stickerei, er arbeitet für Häuser wie Givenchy, Yves Saint Laurent, Christian Dior, Chanel und Valentino. In seiner Pariser "Manufacture de Broderie" fertigt er opulente Stickereien, in seiner 1992 gegründeten "École de Broderie d'Art Lesage" bildet er moderne Stickmeister und Stickmeisterinnen aus.

Der Film DIE PERLENSTICKERINNEN zeugt von der Leidenschaft, die in dieser künstlerischen Ausdrucksform zu spüren ist, von der tiefen Zufriedenheit, die die langsam wachsende Gestaltung des Kunstwerkes ins eigene Leben überträgt. Und so sind Schönheit, Zartheit und Ausdruckskraft die Kräfte, die Claire und Madame Melikian verbinden und ihnen das Leben neu erschließen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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