Melinda und Melinda

Produktionsnotizen

Melinda und Melinda und Woody Nach eigener Aussage hat der Autor und Regisseur Woody Allen weit mehr Ideen für Filme im Kopf, als Zeit, sie jemals auf die Leinwand zu bringen. Das Konzept zu Melinda und Melinda war eines von vielen, über die er in den vergangenen Jahren nachgedacht hat - und es war eines der faszinierendsten.

In diesem Film untersucht Allen - seit drei Jahrzehnten einer der international angesehensten Filmemacher - eines seiner liebsten Themen: Persönliche Auseinandersetzungen mit Moral, Identität, Intimität, Eifersucht und den Launen romantischer Liebe. Der "Dreh" in Melinda und Melinda wird in der Anfangssequenz des Films eingeführt, in der vier intellektuelle New Yorker sich bei einem Abendessen vergnügen.

Eine Anekdote löst eine Diskussion zwischen den Theaterautoren Max (Larry Pine) und Sy (Wallace Shawn) über die duale Natur menschlichen Daseins aus - symbolisiert durch die gegensätzlichen Genres Komödie- bzw. Drama, die die beiden Stückeschreiber für ihre jeweilige Arbeit bevorzugen. Schließlich entwickelt sich eine komische Geschichte, die einer eher dramatischen Version ihrer selbst gegenübergestellt wird - und beide drehen sich um eine etwas rätselhafte Frau namens Melinda.

"Das ist etwas, das mir in meinen Filmen häufig begegnet. Sie können komisch oder dramatisch erzählt werden, und meistens entscheide ich mich für die komische Variante", sagt Woody Allen. "Aber dann hatte ich die Idee, dass man mit einer Geschichte auch mit beiden Arten, mit Drama und Komödie, spielen könnte."

In "Melinda und Melinda" kehrt Allen zu seinen Wurzeln zurück und inszenierte ein Ensemble-Stück mit intellektuellen, kreativen und mitunter neurotischen New Yorkern, deren Leben zunehmend komplizierter wird. Dabei hatte Allen das gar nicht geplant. "Für mich ist das ganz einfach Zufall. Die Geschichte fiel mir so ein", sagt er. "Ich habe eine Menge Ideen für Geschichten. Dauernd fällt mir etwas ein."

Der vielleicht faszinierendste Aspekt des Films ist laut Allen, dass keine der beiden ?Melinda'-Geschichten - komisch oder tragisch - real ist. "Es sind beides Erfindungen, die Sy und Max aus der Geschichte im Restaurant entwickeln. Der eine entwickelt sie komisch, der andere tragisch. Manchmal überschneiden sie sich, manchmal nicht."

"Ich stellte mir immer vor, dass die Verhältnisse für beide Melindas gleich wären", erklärt Melinda-Darstellerin Radha Mitchell. "Die eine sieht ihre Lebensumstände sehr dramatisch, die andere steht dem Leben hoffnungsvoll gegenüber."

Das Drehbuch Woody Allen brauchte etwa einen Monat um Melinda und Melinda zu Papier zu bringen. Nur wenige Menschen haben jemals ein ganzes Woody Allen-Drehbuch gelesen. Nach allen Überarbeitungen zeigt Allen das Script nur seinen engsten Mitarbeitern, darunter die langjährige Casting-Chefin Juliet Taylor, Ko-Produzentin Helen Robin, Produktions-Designer Santo Loquasto und Produzentin Aronson. Sogar die meisten der Schauspieler bekommen nur die Auszüge ihrer Rollen - nicht das ganze Drehbuch.

"Ich dachte, es wäre sehr merkwürdig, so zu arbeiten", sagt Chiwetel Ejiofor, der Ellis, den Pianisten mit der samtweichen Stimme spielt, "aber es hat mir gefallen. Du konzentrierst dich ausschließlich auf deine Rolle und deren Entwicklung."

Die Reaktion derer, die Gelegenheit hatten, das Drehbuch vom Anfang bis zum Ende zu lesen, war überaus positiv. "Ich fand, das Konzept war einfach eine großartige Idee", erinnert sich Letty Aronson an eine frühe Drehbuchfassung. "Aus der Perspektive einer Person kann eine Geschichte komisch sein, aus der Perspektive einer anderen hingegen traurig. Woody hat eine einzigartige Fähigkeit zu erkennen, wie Menschen denken und handeln. Wir erkennen das vielleicht auch, aber wir betrachten es nicht isoliert, wie er es kann. Er ist sehr empfindsam und kann sich gut in Situationen hineinversetzen."

"Ich war begeistert von der Konstruktion des ganzen Films - diese zwei Parallelgeschichten, die den feinen Unterschied zwischen Komödie und Drama aufzeigen", meint Will Ferrell, einer der wenigen Ensemblemitglieder, die das ganze Drehbuch gelesen haben. "Es war so einfallsreich und originell - und gleichzeitig so typisch für Woody Allen."

Allen arbeitet während der Produktion ständig am Drehbuch, poliert, redigiert und schreibt um. "Wenn er bei den Mustern das Gefühl hat, etwas funktioniert nicht richtig, schreibt er es um und dreht es neu", erzählt Letty Aronson.

Ein Woody-würdiges Ensemble Als Drehbuch und Finanzierung unter Dach und Fach waren, begann Casting-Chefin Juliet Taylor, die mit Allen schon bei mehreren Filmen zusammengearbeitet hatte, darüber nachzudenken, welche Schauspieler den Figuren am glaubhaftesten Leben einhauchen könnten. Bei der näheren Beschäftigung mit den potentiellen Darstellern, achtete Allen darauf, wer vorher eher Komödie und wer Drama gespielt hatte. "Man kann einem komischen Schauspieler eine ernste Rolle geben und er macht seine Sache gut", stellt Allen fest. "Andersherum funktioniert es nicht so gut."

Allen hat ständig ein Auge für Schauspieler, mit denen er gerne einmal arbeiten würde und bei Melinda Und Melinda hatte er das Glück, einige seiner Favoriten besetzen zu können. Die Auswahl der Melinda-Darstellerin war die erste Herausforderung für die Filmemacher. Als klassische Woody Allen-Kreation - eine Frau, die die starke Kombination von Erotik, Verletzlichkeit und Geheimnis ausstrahlt - ist Melinda ein gutes Beispiel für die Leichtigkeit mit der der Autor glaubhafte weibliche Figuren erfinden kann.

"Irgendwie bin ich besser geworden, was das Schreiben von Frauenrollen angeht", gibt Allen zu. "Im Lauf der Jahre gingen bei jedem Film die besten Rollen an Frauen, also arbeitete ich daran. Inzwischen fällt es mir leichter für Frauen zu schreiben. Wenn ich für Männer schreibe, beschreibe ich meistens mich selbst oder Varianten von mir."

Für die Hauptrolle der Melinda fiel die Wahl der Filmemacher auf die in Australien geborene Schauspielerin Radha Mitchell, die durch ihre Rollen in Phone Booth ("Nicht auflegen!", 2002) gegenüber Colin Farrell, in Pitch Black ("Pitch Black - Planet der Finsternis", 2000) mit Vin Diesel und in High Art (1998) aufgefallen war. Kürzlich war Mitchell in Man on Fire ("Mann unter Feuer", 2004) an der Seite Denzel Washingtons zu sehen.

"Sie war eine Entdeckung", sagt Allen. "Ich hatte sie in einem kleinen, ausgefallenen, Schwarz-Weiß-Film mit dem Titel Four Reasons (2002) gesehen, den sie geschrieben und inszeniert hatte und in dem sie auch noch die Hauptrolle spielte. Radha war beeindruckend. Und sie erwies sich zudem als ein reizender und wundervoller Mensch."

"Wir hatten großes Glück mit ihr", ergänzt Letty Aronson. "Sie ist unglaublich schön, eine sehr gute Schauspielerin und geradezu perfekt in der Rolle. Sie brachte die nötige Intensität mit - und noch ein wenig mehr."

Radha Mitchell wurde von Woody Allen persönlich angerufen, der ihr eine Rolle in seinem Film anbot. "Natürlich war ich sehr aufgeregt", erinnert sie sich. "Er schickte mir eine Kopie des Drehbuches und ich sagte ?Ja, sicher!'"

"Ich war sehr gespannt auf seine Art zu arbeiten", fährt sie fort. "Seine Filme schaffen es immer innovativ, bewegend, surreal und real gleichzeitig zu sein. Und Woody Allen-Dialoge sind eine Klasse für sich. Es ist eine ganz spezifische Art zu sprechen, die man nur in Filmen findet, die er gemacht hat."

Amanda Peet und Will Ferrell wurden als Susan und Hobie besetzt, die komödiantische Version des Schauspieler/Regisseurin-Ehepaars, dem Melinda sich auf etwas peinliche Weise vorstellt. Ferrell, bekannt für seine Persiflagen bei 'Saturday Night Live' und seine Auftritte in Komödien wie Old School ("Old School - Wir lassen absolut nichts anbrennen", 2003), Elf ("Buddy, der Weihnachtself", 2003) oder Anchorman: The Legend of Ron Burgundy (2004) war eine ungewöhnliche Besetzung für den verknallten, gutmütigen Schauspieler Hobie. "Meine Filme neigen dazu, etwas intellektueller daherzukommen, als die Filme für die Will bekannt ist", meint Allen. "Aber er hat seine Sache sehr gut gemacht."

"Als wir Will Ferrell verpflichteten, hatte er außer 'Saturday Night Live' nicht viel gemacht", sagt Aronson. "Er bewies sich jedoch als sehr wandelbarer Schauspieler. Er hat das Talent eine reale, anspruchsvolle Hauptrolle in einer romantischen Komödie zu spielen. Es war sehr interessant, das zu beobachten."

"Mein Agent setzte sich mit mir in Verbindung und das Drehbuch wurde mir zugeschickt", erinnert sich Ferrell. "Erstmal mußste ich mich mit der Tatsache ?Ich bin in einem Woody Allen-Film' auseinandersetzen, was wohl generell für jeden Schauspieler, ganz besonders ist, aber für einen Komödiendarsteller ganz oben auf der Liste der großen Momente in der Karriere steht."

Die eher nuancierte Rolle des Hobie war eine willkommene Abwechslung für Ferrell, der für gröbere komödiantische Porträts bekannt ist. "Es ist offensichtlich eine komische Figur, aber es war die realistischste Rolle, die ich bis jetzt spielen durfte", sagt Ferrell. "Es war eine sehr schöne Arbeit, weil man sich auf die Dialoge zwischen Menschen verlassen konnte, anstatt auf lustige Kostüme, und es gab nicht so sehr diesen Druck, komisch sein zu müssen. Der Humor ist bereits im Kontext der Geschichte angelegt."

Amanda Peet, deren Karriere in den letzten Jahren mit Rollen in Filmen wie Something's Gotta Give ("Was das Herz begehrt", 2003), Identity ("Identität - Identity", 2003) und the whole nine yards ("Keine halben Sachen", 2000) aus den Startlöchern gekommen ist, spielt Hobies Frau, die umtriebige Indie-Regisseurin Susan.

"Ich hätte in diesem Film auch mitgespielt, wenn ich nur zwei Sätze gehabt hätte", sagt Peet, um ihre Reaktion zu beschreiben, als sie gefragt wurde, ob sie dabei sein wollte. "Ich fühlte mich so geehrt durch die Tatsache, dass Woody mich überhaupt gefragt hat. Ich würde meinen rechten Arm geben, um noch mal mit ihm zu arbeiten."

Amanda Peet ist mit Allen-Filmen aufgewachsen und kann Dialoge aus ihren Favoriten wie Annie Hall ("Der Stadtneurotiker", 1977), Play it Again, Sam, ("Mach's noch einmal, Sam", 1972), Manhattan ("Manhattan", 1979), Crimes and Misdemeanors ("Verbrechen und andere Kleinigkeiten", 1990) oder Hannah and her Sisters ("Hannah und ihre Schwestern", 1986) auswendig. "Ich bin in Manhattan aufgewachsen, ich habe an der Columbia-University studiert und meine Mutter ist Psychologin", fährt sie fort. "Woody Allen ist mein Held."

Jonny Lee Miller und die im Jahr 2000 als Beste Nebendarstellerin für den Oscar® nominierte Chloë Sevigny wurden für die Rollen Lee und Laurel besetzt, die dramatische Version des mit Melinda befreundeten Ehepaars. "Ich war schon lange ein Fan von Chloë und wollte mit ihr arbeiten", sagt Allen über die Schauspielerin, die weiter an ihrem Ruf arbeitet, eine der talentiertesten und faszinierendsten Darstellerinnen des Independent-Films zu sein, was sie in jüngster Zeit mit Rollen in Shattered Glass (2003), Party Monster (2003) und in Lars von Triers' Dogville ("Dogville", 2003) unter Beweis gestellt hat.

Laut Produzentin Aronson hat die in Connecticut geborene Chloë Sevigny die "perfekte Haltung" für die Rolle der Laurel, Lees in der Upper East Side aufgewachsene, musikalische Ehefrau. "Ich hatte Woody wegen zweier früherer Filme getroffen", erinnert sich Sevigny. "Als ich ihn für diesen Film besuchte, mußs ich ein sehr 'Laurel'-gemäßes Outfit getragen haben, denn der Mann am Empfang meinte, ich sähe perfekt aus für die Rolle."

"Als New Yorker Schauspielerin ist es dein Traum mit Woody Allen zu arbeiten", fährt sie fort. "Er macht so kluge Komödien. Um mit ihm zu arbeiten, würde ich jede Rolle spielen."

Obwohl ihr der Ruf einer Bilderstürmerin in Hollywood vorauseilt, war Sevigny nicht überrascht, dass Allen sie als die ausgeglichene, perlentragende Laurel besetzte. "Ich erinnerte mich, gehört zu haben, dass ihm THE LAST DAYS OF DISCO (1998) sehr gut gefallen hatte", sagt Sevigny. "Ich denke, er sah mich in dem Film und stellte fest, dass ich diese Art von Mädchen spielen kann. Laurel kommt aus dieser gediegenen Familie und kann sich einfach nicht vorstellen, dass etwas in ihrem Leben schief geht."

Jonny Lee Miller, der demnächst in Renny Harlins Mindhunters (2004) an der Seite von Val Kilmer zu sehen sein wird, flog aus seiner Heimat England ein, um für die Rolle des Lee - trinkender Schauspieler und untreuer Ehemann Laurels - vorzusprechen.

"Ich hatte Jonny auf dem Filmfestival in Cannes kennen gelernt, als TRAINSPOTTING ("Trainspotting - Neue Helden", 1996) herauskam", erinnert sich Sevigny. "Ich war froh, Jonny bereits zu kennen, als ich zum Set kam, um eine Szene mit ?meinem Ehemann' zu drehen."

Chiwetel Ejiofor wurde als Ellis besetzt. "Ich sah Chiwetel in Dirty Pretty Things ("Kleine schmutzige Geschäfte", 2002), dem Film, in dem ihn jeder gesehen hat", sagt Allen. "Ich war beeindruckt."

Der in London geborene Ejiofor, der in Filmen wie Amistad ("Amistad -Das Sklavenschiff", 1997), Love Actually ("Tatsächlich ... Liebe", 2003) und dem demnächst startenden Serenity (2005) von Joss Whedon zu sehen ist, erwarb sich breite Anerkennung für seine Rolle des Okwe, eines gutherzigen, nigerianische Arztes, der in Stephen Frears' Dirty Pretty Things die Schattenseiten des Lebens in London kennenlernt. Der Film wurde im letzten Jahr mit Auszeichnungen förmlich überschüttet, darunter eine Oscar® -Nominierung. "Er ist ein hervorragender Schauspieler", sagt Produzentin Aronson.

"Juliet Taylor rief mich an", erinnert sich Ejiofor. "Ich war in Toronto und sie luden mich ein, für einen Tag nach New York zu fliegen. Ich traf Woody etwa fünf Minuten und hatte die Rolle."

"Ellis ist eine sehr interessante Figur in dem Film", beschreibt Ejiofor seine Rolle als Mann, der erst um Melindas und dann um Laurels Gunst wirbt. "Die Szene der Klassik-Liebhaber in New York ist sehr interessant und Ellis hat diesen offenen und entwaffnenden Charme."

In der Rolle des Sy, eines der Autoren in diesem Kampf der Komödie gegen das Drama (und umgekehrt), rundet Wallace Shawn das Ensemble ab. Der erfolgreiche Theaterautor Wally Shawn war in letzter Zeit als Darsteller in den Filmkomödien The Haunted Mansion ("Die Geistervilla", 2003) und Duplex ("Der Appartement-Schreck", 2003) zu sehen.

In Nebenrollen sind Josh Brolin als Melindas Blind-Date-Zahnarzt Greg, Vinessa Shaw als Stacey, die beinahe eine wilde Nacht mit Hobie verlebt, Brooke Smith als Melindas and Laurels College-Freundin Cassie, Zak Orth als deren Ehemann sowie Larry Pine als Max zu sehen.

Die Dreharbeiten in New York City Die Dreharbeiten zu Melinda und Melinda begannen im September 2003 in New York City und dauerten 7 Wochen. Zu den Drehorten gehörten die Woody Allen-Lieblingsorte SoHo, Greenwich Village, die Upper East Side und der Central Park sowie der Belmont Racetrack und die Hamptons. Allen versammelte ein kreatives Team um sich-mit einigen Mitarbeitern arbeitete er zum ersten Mal zusammen, andere kannte er schon von früheren Filmen. "Es ist wie bei jedem anderen Job auch", sagt er. "Wenn man die Leute kennt und die gleiche Sprache spricht, geht alles glatt."

Produktions-Designer Santo Loquasto, der zuvor mit Allen bei dessen New York-Film ANYTHING ELSE ("Anything Else", 2003) zusammengearbeitet hatte, spielte eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Drehorte. Das Restaurant in der Anfangssequenz des Films, in der vier intellektuelle New Yorker sich in einer regnerischen Nacht zu gutem Essen und guten Gesprächen treffen, ist Keith McNally's Pastis, ein trendiges französisches Bistro in der Schlachthofgegend.

Il Buco, ein italienisch-mediterranes Restaurant in Greenwich Village, mit einem rustikalen, mit einer Menge Weinflaschen dekorierten Veranstaltungsraum im Keller, diente als Drehort für Hobies beabsichtigte Liebeserklärung an Melinda und für ein Abendessen von Ellis, Melinda und Laurel. Ellis' lichtdurchflutetes Loft - von dem aus Melinda in selbstmörderischer Absicht in die Tiefe zu springen droht-gehörte einem Illustrator und einem Modedesigner, mit denen Loquasto befreundet ist. "Ihr Loft war auf dem Titel eines Buches über New York", sagt Loquasto. "Ein unglaublicher Schatz an der Ecke der 29sten Straße und Broadway."

Wie in vielen anderen Gebäuden in Manhattan gab es dort einen etwas unzuverlässigen, antiken Aufzug. Als der klaustrophobische Allen die Drehorte im August besichtigte, mußste er die 13 Stockwerke zum Loft zu Fuß gehen, während Loquasto und seine Kollegen beschlossen, die Fahrt mit dem altertümlichen Lift zu wagen. "Als wir wieder hinunter fuhren, sprachen alle darüber, wie furchtbar es wäre, in dem Gefährt stecken zu bleiben", erinnert sich Loquasto. "Kaum waren wir zurück im Produktionsbüro, brach die Stromversorgung zusammen - der große Ostküsten-Blackout im August 2003. Wir konnten es nicht fassen!"

Der Drehort für Hobies und Susans Wohnung war ein Stadthaus an der Upper East Side und die Szenen in Lees und Laurels Heim wurden in einem Loft an der Prince Street in SoHo gedreht. "Lees und Laurels Loft ist der erste Ort, an dem wir Melinda sehen", sagt Loquasto. "Besonders wichtig war der Eingangsbereich, denn dort hat Melinda ihre etwas in die Länge gezogene Ankunftsszene. Wir wollten, dass sie einen Weg zurücklegen mußs, um an die Klingel zu kommen. Dadurch sollte sie mutiger wirken."

Das Haus in den Hamptons, das Melindas Blind-Date Greg (Josh Brolin) gehört, "war schon ziemlich beeindruckend", erinnert sich Loquasto, "aber wir bauten noch das Trampolin und die Tierköpfe hinein."

Loquasto versucht so wenig wie möglich am Drehort zu stören. "Wenn du das richtige Objekt gefunden hast, sagt die Location viel über die Figuren aus", meint der Designer. "Da kann etwas 'rüberkommen, wonach man gar nicht gesucht hat."

Einer der Newcomer im Allen-Team war der in Ungarn geborene Chefkameramann Vilmos Zsigmond, ein Meister im Gestalten der optischen Stimmung und Atmosphäre einer Geschichte.

"Viele Leute möchten gerne mit Woody arbeiten. Er ist so etwas wie ein Regisseur europäischen Stils in New York", sagt Zsigmond, der mit Academy Award®- Nominierungen für The River ("Menschen am Fluss", 1984) und The Deer Hunter ("Die durch die Hölle gehen - The Deer Hunter", 1978) geehrt wurde und 1978 den Oscar® für Close Encounters of the Third Kind ("Unheimliche Begegnung der dritten Art", 1977) gewann.

Wie Zsigmond arbeitete auch die Kostüm-Designerin Judy Ruskin Howell bei MELINDA UND MELINDA zum ersten Mal mit Allen zusammen.

Gute Bekannte im Allen-Team waren die Cutterin Alisa Lepselter und Ko-Produzentin Helen Robin, die mit dem beliebten Regisseur bereits bei CURSE OF THE JADE SCORPION ("Im Bann des Jade Skorpions", 2001), HOLLYWOOD ENDING ("Hollywood Ending", 2002) und ANYTHING ELSE ("Anything Else", 2003) zusammen gearbeitet hatten.

Inzwischen präparierten sich die Schauspieler für ihre erste Arbeit in einem Woody Allen-Film. Amanda Peet bereitete sich auf die Produktion vor, indem sie sich Rat bei einer Kollegin holte. Sie hatte gemeinsam mit Diane Keaton in Something's Gotta Give ("Was das Herz begehrt", 2003) vor der Kamera gestanden und bat die erfahrene Schauspielerin, die in fünf Allen-Filmen Hauptrollen gespielt und 1978 den Academy-Award für ihre Arbeit in Allens Annie Hall ("Der Stadtneurotiker", 1977) gewonnen hatte, um Ratschläge. "Ich war glücklich, diese Chance zu haben", sagt Peet. "Sie sagte mir, 'Reg' dich nicht auf. Und komm bloß nicht mit Hintergrundgeschichten und Notizen zu deiner Rolle an den Set.'"

"Ich war etwas eingeschüchtert", sagt Radha Mitchell, die THE PURPLE ROSE OF CAIRO ("Purple Rose of Cairo", 1985), ANNIE HALL ("Der Stadtneurotiker", 1977) und BULLETS OVER BROADWAY ("Bullets over Broadway", 1994) als ihre Allen-Favoriten anführt. "Wir waren alle eingeschüchtert. Aber wir sprachen auch darüber, was für eine außergewöhnliche Erfahrung wir hier machen durften."

Die Schauspielerinnen hatten eigentlich keinen Grund, aufgeregt zu sein. "Er ist sehr entspannt und zwanglos am Set", beschreibt Letty Aronson den Regisseur. "Es ist nicht ungewöhnlich, Woody sagen zu hören: ?Ich habe es so geschrieben, aber nimm dir die Freiheit, es mit deinen Worten zu sagen.' Er möchte, dass sich die Schauspieler normal bewegen und nicht von einer Markierung zur nächsten gehen."

"Zu den Dingen, die er von Anfang an klargestellt hat, gehört, dass jeder sagen sollte, was er sagen möchte", ergänzt Will Ferrell. "Er sagte uns, ?Das ist die Szene, so habe ich sie geschrieben, aber wenn ihr Probleme mit der Sprache habt, macht sie zu eurer eigenen.'" Tatsächlich ist Allens Präsenz am Set so besonders wie seine Filme. Es gibt keine festgesetzte Probenzeit vor dem Dreh. "Vielleicht mal direkt vor einer Szene ... aber Woody glaubt, dass die Spontaneität verloren geht, wenn man probt", erzählt Aronson.

Allen, der mehr als 40 Filme gedreht hat, erzählt nur halb im Scherz, dass er keine Geduld für eine langwierige Probenphase hat. "Es war wundervoll, ohne lange Proben zu drehen", sagt auch Amanda Peet, die demnächst mit George Clooney und Matt Damon in Syriana (2005) zu sehen sein wird. "Ich war begeistert, wie schnell Woody gearbeitet hat."

"In Proben versuchst du, die Leidenschaften des Regisseurs zu erkunden. Aber wie andere Leute auch, die mit seinen Filmen aufgewachsen sind, fühlte ich schon lange bevor ich mit ihm gearbeitet habe so etwas wie eine Verbundenheit mit Woody als Autor und Regisseur,", sagt Ejiofor, der Crimes and Misdemeanors ("Verbrechen und andere Kleinigkeiten", 1990), Annie Hall ("Der Stadtneurotiker", 1977), Celebrity ("Celebrity - schön, reich, berühmt", 1998) und Sweet and Lowdown ("Sweet and Lowdown", 1999) zu seinen liebsten Allen-Filmen zählt. "Bei diesem Film wusste man, dass eine ziemliche Arbeit auf einen wartete, aber man hatte das Gefühl, die Sprache bereits zu kennen. Es war eine grundlegend andere Erfahrung, als bei allen anderen Produktionen, in denen ich mitgearbeitet habe."

"Wahrscheinlich war mir diese Arbeitsweise so vertraut, weil wir bei 'Saturday Night Live' auch nicht geprobt haben. Meine ausgeprägte Abneigung gegen das Probieren wurde hier sehr unterstützt", sagt Ferrell. "Viele Leute beängstigt das, aber ich finde es großartig. Ich habe mir nicht viel Gedanken darüber gemacht. Es schreckt einen zuerst, aber letztlich belebt es einen."

Wie für Ferrell waren auch für Sevigny die Produktionsbedingungen nicht ungewöhnlich. "Bei den meisten Filmen, an denen ich mitgearbeitet habe, gab es kaum Zeit für Proben, da es Indie-Produktionen waren", stellt sie fest. "Das erhält die Arbeit frisch und aufregend."

Und Radha Mitchell ergänzt: "Üblicherweise bemühst du dich um gute Zusammenarbeit und willst alles diskutieren, aber die meisten der Schauspieler hatten nicht das komplette Drehbuch gelesen. Sie kannten nicht den Kontext ihrer jeweiligen Szenen und das brachte letztlich eine schöne Energie mit sich." Aufgrund dieser Situation "erlaubte uns Woody, Ideen mit an den Set zu bringen und sie auszuspielen."

Und obwohl Allens etwas legerer Arbeitsstil viel Raum für Improvisation ließ, meint Sevigny "weiß er ganz genau, was er will."

"Er hat ein sehr ausgeprägtes Vorstellungsvermögen", sagt auch Radha Mitchell. "Du hast nicht die geringste Ahnung, was er denkt, und das hält die Schauspieler in Dauerspannung. Aber man vertraut ihm vollkommen. Er erscheint sehr entspannt."

Eine weitere Allen-Eigenart: Er dreht überwiegend lange Mastershots, und Großaufnahmen nur, wenn die Szene es unbedingt verlangt. Bei Melinda und Melinda arbeitete Allen sehr zügig an so wenig Einstellungen wie möglich.

"Woody arbeitet gerne schnell und das gefällt mir", ergänzt Zsigmond. "Er möchte vermeiden, dass sein Team oder seine Schauspieler müde werden."

Allen und sein künstlerisches Team diskutierten ausführlich darüber, wie stark die dramatische und die komödiantische Geschichte sich optisch unterscheiden sollten. "Woody war gegen einen deutlichen visuellen Unterschied zwischen der komischen und dramatischen Erzählebene", sagt Vilmos Zsigmond.

Produktions-Designer Santo Loquasto, nach 24 Allen-Filmen ein 'alter Hase' im Woody-Clan, nutzte einige Design-Elemente, um die beiden sich entfaltenden Geschichten zu kontrastieren, aber "sehr subtil", sagt Loquasto. "Das war eine Entscheidung, mit der Woody sich besser fühlte."

Zsigmond machte einige feine Unterschiede beim Drehen der zwei Erzählstränge, aber auch hier wurden die Mittel vorsichtig eingesetzt. "In den dramatischen Sequenzen habe ich die Kamera weniger bewegt und die Winkel waren niedriger angesetzt", erklärt er. "Und es gab auch mehr Schatten. Während der Komödien-Sequenzen war die Kamera auf Augenhöhe und bewegte sich mehr. Dadurch wirken diese Szenen freier und leichter."

Loquasto legte Wert auf warme, herbstliche Farben und Erdtöne. "Woodys Filme sind wie Liebeslieder für New York", sagt Loquasto. "Er ist immer darauf bedacht, Dingen einen gewissen Glanz zu verleihen. Er hat seinen ganz eigenen Stil, Bilder zu malen."

"Woody liebt warme Farben", sagt auch Vilmos Zsigmond. "Er liebt orangene Töne, wie das Licht des späten Nachmittags. Ich tendiere in meinen Filmen auch in diese Richtung."

Den unverwechselbar letzten Schliff erhalten alle Woody Allen-Filme durch die Musik. In Melinda Und Melinda meint Allen, "wurde Musik von Anfang an eingesetzt, um die Stimmung festzulegen und die Geschichten zu unterscheiden. Für schwerere Momente entschied ich mich für Stravinsky und für leichtere Szenen für Duke Ellington. Aber wenn mir danach war, drehte ich es auch um." Wenn die Musik auch ausgetauscht wurde, die Schauspieler wurden es nicht. Die Einzige, die die Grenze zwischen Komödie und Drama im Film überschreitet, ist Radha Mitchell. Das schuf eine ungewöhnliche Situation am Set.

"Es war fast so, als würden wir zwei verschiedene Filme drehen", meint Chloë Sevigny. Und Will Ferrell ergänzt: "Wir flüsterten mit den Schauspielern der anderen Erzählebene und fragten sie 'Hey, was macht ihr denn so?'"

"Wenn Leute den Film nicht mögen, verlassen sie das Kino und gehen etwas essen", scherzt Allen. "Aber ich hoffe, dass die Leute, wenn sie nach diesem Film aus dem Kino kommen, ein paar Minuten darüber sprechen, ob sie das Leben aus einer komischen oder einer tragischen Grundstimmung betrachten."

Vielleicht trifft Radha Mitchell den Nagel auf den Kopf: "Es ist ein klassischer Woody Allen-Film. Er hat Humor. Er ist ein intelligenter Film für Erwachsene, der sich damit auseinandersetzt, wie zu leben wir uns entscheiden. Die Diskussion, die der Film provoziert, dreht sich um die Frage? ?erschaffen wir das Drama in unserem Leben selbst oder geschieht es uns schicksalhaft?'", erklärt sie. "Dieser Film ist wie das Leben - kurz, und plötzlich ist es einfach vorbei. Also sollte man es wohl besser genießen."

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