Die Grauzone

Produktionsnotizen

"Die Grauzone erzählt die Geschichte von Menschen, die verzweifelt versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu geben an einem Ort, der zum Töten gebaut wurde", erklärt Drehbuchautor und Regisseur Tim Blake Nelson. "Jedes Individuum hat seine eigene Vorstellung davon, was ein sinnvolles Leben ist. Und im Gegensatz zu Menschen, die in bestimmten Situationen heroisch handeln, sind die Menschen dieses Films keine Helden."

Der Film handelt von den Sonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz II - Birkenau. "Als ich begann, mich mit ihren Biografien zu beschäftigen", erzählt Tim Blake Nelson, "war ich ein jüdischer, kräftiger Mann Anfang Dreißig. Es hätte also auch mein Leben, mein eigenes Dilemma sein können. Bis heute bin ich nicht in der Lage zu sagen, was ich getan hätte, wenn ich vor dieser unlösbaren Frage gestanden hätte. Das ging mir unter die Haut."

Mitte der 90er Jahre stieß Nelson auf einen Essay in Primo Levis "The Drowned and the Saved", einem Buch über die Sonderkommandos - jüdische Häftlinge, die gezwungen wurden, Teil der Ausrottungsmaschinerie der Nationalsozialisten zu werden. Diejenigen, die sich weigerten, die Befehle auszuführen, wurden auf der Stelle erschossen, und viele zogen Selbstmord einer Exekution vor. Diejenigen, die die Aufgabe akzeptierten, lebten im Höchstfall weitere vier Monate länger, bevor auch sie liquidiert wurden.

Als nächstes las Nelson das Buch "Im Jenseits der Menschlichkeit - Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz", die Aufzeichnungen von Miklos Nyiszli, einem ungarisch-jüdischen Arzt, der dem berüchtigten Dr. Josef Mengele bei einer Reihe fragwürdiger medizinischer Versuche an Auschwitz-Häftlingen assistieren mußste. Nelson sicherte sich persönlich die Film- und Aufführungsrechte an Nyiszlis Buch, und der Arzt wurde eine Figur in der ersten Version von "Die Grauzone", das 1996 am New Yorker Manhattan Class Company als Off-Broadway-Theaterstück inszeniert worden ist. Die Vorstellungen wurden mehrfach verlängert und das Stück bekam am Ende der Spielzeit unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit mehrere Preise verliehen, u.a. den New York Newsday's Oppenheimer Prize sowie vier Obie-Preise.

Während vier der Charaktere im Film auf historischen Figuren beruhen (Miklos Nyiszli, Erich Muhsfeldt, Josef Mengele und das junge Mädchen), stützt Nelson die fiktionalen Charaktere Hoffman, Rosenthal, Schlermer und Abramovics auf fünf Tagebücher, die von Mitgliedern der Sonderkommandos verfasst und später in Birkenau entdeckt wurden. Durch das Lesen dieser Tagebücher und sämtlicher anderen Schriftstücke zu dem Thema, deren er habhaft werden konnte, begriff Nelson, dass diese Männer "weit entfernt von den in vielen Holocaust-Berichten meist weinerlich und zusammengekauert dargestellten Juden waren. Sie waren oft grob und gottlos, und sicherlich schlichen sie sich nicht davon, um heimlich zu beten oder über Gott zu philosophieren. Sie machten einfach alles, um zu überleben."

Auch vor der historischen Wahrheit, dass sich zerstörerischer Hass unter den Juden im Lager verbreitete, machte Nelson nicht halt: "Tatsache ist, dass die Bedingungen im Lager und insbesondere in den Sonderkommandos beschämende Eigenschaften der Männer ans Tageslicht brachten, von denen die mildesten Ausformungen Misstrauen, Geiz, Fremdenfeindlichkeit und Selbsthass waren."

Der zweite große Handlungsstrang des Films befasst sich mit den weiblichen Lagerinsassen, die in der Munitionsfabrik "Union" nahe Birkenau arbeiteten und denen es gelungen ist, Mitgliedern der Sonderkommandos in den Lastern und Leichenwagen heimlich Schießpulver zukommen zu lassen. Nelson greift bei diesen weiblichen Figuren in Umrissen auf vier Frauen zurück - angeführt von der jungen Polin Rosa Robota -, die gnadenlos gefoltert und anschließend öffentlich hingerichtet wurden, den Nationalsozialisten aber nie verraten haben, wofür das gestohlene Schießpulver bestimmt war. Der einzige organisierte Aufstandsversuch eines Sonderkommandos fand am 7. Oktober 1944 statt. Die eingesetzten Waffen waren eher behelfsmäßig: Steine, Äxte, Hämmer, selbst gebastelte Granaten und ein kleines Arsenal an Maschinengewehren und Pistolen, die lokale Partisanen in die Lager geschmuggelt hatten.

Den meisten Überlieferungen zufolge war der Aufstand von Mitgliedern des Krematoriumskommandos Nummer Drei initiiert worden, die damit gegen ihre eigene voraussehbare Liquidation angingen. Dennoch entschied sich Nelson dafür, seine Version auf einen ihm zur Verfügung stehenden Bericht zu stützen, wonach der Aufstand begann, als "ein verrückt gewordener Ungar seine Matratze in Brand steckte." Nelson erklärt seine Entscheidung, den Aufstand willkürlich beginnen zu lassen, damit, dass dieser Ansatz besser in sein Konzept gepasst habe, die Rebellion als Verzweiflungs- und nicht als Heldentat darzustellen. Nelson weiter: "Ich wollte den Zuschauern klarmachen, dass der Aufstand von Anfang an zum Scheitern verurteilt war und dass es keine Massentötungen von Deutschen mit anschließend heroischer Flucht hatte geben können. Vermutlich war der Aufstand unbeholfen und schlecht organisiert."

Während sich das Bühnenstück reiner Ton- und Lichteffekte bediente, um den Schrecken der Krematorien anzudeuten, mußste Nelson den Stoff für den Film umschreiben, um die Trostlosigkeit und den Horror der Umgebung visuell in Szene zu setzen. "Als ich begann, mir die Sache als Film vorzustellen, schien es, als hätte ich das Theaterstück nie geschrieben, und der Prozess der Bearbeitung dieses unbeschreiblich schwierigen Materials begann von Neuem."

Die Gebäude wurden aus nachgebildeten Ziegelsteinen und Nutzholz auf den Feldern von Bauern akribisch genau nach Bauplänen, die die Nationalsozialisten für das Lager in Polen verwendet hatten, errichtet. Nachdem alle Aufnahmen fertiggestellt waren, wurden die Gebäude sofort wieder abgerissen. Eines enthielt eine nahezu exakte, maßstabgetreue Replik des Brennraums im Krematorium Nummer Eins in Auschwitz-Birkenau, ausgestattet mit fünf massiven Schmelzöfen, den Schienenwagen, die dazu benutzt wurden, um die Leichen in die Öfen zu schieben, sowie einem Wasserkanal aus Zement, in dem die toten Körper zu den Aufzügen in den darüber liegenden Brennraum transportiert wurden. Für die Frauenszenen wurden Baracken errichtet, die an den Krematoriumskomplex angrenzten. In den Boyana Studios, den ehemals staatlichen Filmstudios Bulgariens, baute man die Umkleidekammer, eine Gaskammer, Waschräume für die Sonderkommandos sowie das Büro und das Labor, in dem Doktor Nyiszli seine Arbeit bei Josef Mengele verrichtete, für den Film nach.

Nelson arbeitete eng mit dem Kameramann Russell Lee Fine zusammen, um den Eindruck "eines harten, rauen Realismus entstehen zu lassen" und um ein Gefühl, das "schnell und kalt, nicht wehleidig und sentimental" ist, zu erzeugen. Indem er oft mit einer Handkamera drehte, wollte er den Zuschauern den Eindruck vermitteln, selbst Teil des Geschehens zu sein. "Es war mir wichtig, dass diese Vorgänge nicht bloß betrachtet, sondern erlebt werden. Durch das Schauspiel und die visuelle Sprache haben wir versucht, den Zuschauern zu zeigen, dass sie an einem Ort sind, wo Brutalität eine allgegenwärtige, ja, sogar essentielle Norm ist." Diesen Ansatz reflektiert das folgende Zitat aus einem der Sonderkommando-Tagebücher, die in Birkenau gefunden wurden: "Die einzige Möglichkeit zu überleben war, das Menschsein aufzugeben. Wir hatten ein Stadium erreicht, wo wir neben den Leichen essen und trinken konnten, absolut gleichgültig, völlig ohne Emotionen."

Tim Blake Nelson begann mit dem Schreiben von Theaterstücken während seines Schauspielstudiums an der New Yorker Juilliard School, und obgleich er nicht an die Filmhochschule ging, lernte er Filmregie, indem er Regisseuren, mit denen er als Schauspieler zusammenarbeitete, über die Schultern schaute, wie zum Beispiel Terrence Malick ("The Thin Red Line") und Joel Coen ("O Brother, Where Art Thou?"). Während einer Nebenrolle in Malicks "The Thin Red Line", hatte Nelson Zeit, den Regisseur bei seinen Dreharbeiten zu beobachten und das Drehbuch zu studieren (ebenfalls eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg), und sich dabei selbst schlüssig zu werden, wie er "Die Grauzone" für die Leinwand bearbeiten könnte. Als das Drehbuch fertiggestellt war, wandte sich Nelson an die New Yorker Produzentinnen Pamela Koffler und Christine Vachon, deren Produktionsfirma Killer Films Nelson aufgrund der Kooperation mit Autorenfilmern und aufgrund zahlreicher, Aufsehen erregender Projekte, jenseits des Mainstream, er für bewunderungswürdig hielt. Killer Film verfügt über ein herausragendes Profil, das sich durch den Erfolg vieler kassenträchtiger Produktionen und deren Präsenz auf hochkarätigen internationalen Filmfestivals auszeichnet. Die Filmographie von Killer Films umfasst international angesehene Filmautoren wie Todd Haynes, Todd Solondz, Mary Harron und auch John Cameron Mitchell, ("Hedwig and the Angry Inch").

Bei dem Film "Die Grauzone" wurde Pamela Koffler zur treibenden Kraft, wohlwissend, dass die Finanzierung dieses Projekts schwierig werden würde. Koffler dazu: " Ich war beeindruckt von dem Stück, ich habe es verschlungen, erkannte aber auch, dass das Thema schwer zu verkaufen sein würde. Die Reaktionen waren überall dieselben: ?Das ist fabelhaft, aber denkt nicht, dass ihr jemals Geld dafür bekommen werdet'." Parallel dazu hatte Nelsons Agent das Drehbuch einem seiner Klienten gezeigt, dem Schauspieler Harvey Keitel, der so beeindruckt war, dass er Nelson zu einem Treffen mit ihm und seiner Produktionspartnerin Peggy Gormley einlud. Keitel - bekannt für seine Unterstützung von Erstlingsregisseuren (u. a. Quentin Tarantino, Tony Bui, Paul Schrader, Ridley Scott und Nicolas Roeg) - machte den Vorschlag, seine Firma, The Goatsingers, als ausführende Produktionsfirma einzusetzen, während er selbst eine Rolle in dem Film übernehmen könne.

Nelson bot ihm die Rolle des deutschen Oberscharführers Erich Muhsfeldt an, der für das Krematorium Nummer Eins zuständig war, in dem ein großer Teil der Handlung des Films spielt. Keitel erklärt: "Tims Drehbuch ist hervorragend, es trifft unser kollektives Bewusstsein in sehr tiefgründiger Art und Weise. Er stellt Fragen zu unserer menschlichen Natur, die es zu untersuchen gilt. Das schulden wir unseren Kindern."

Tim Blake Nelsons Drehbuch und die Beteiligung von Killer Films und Harvey Keitel waren die Gründe für die hochrangige Besetzung mit David Arquette, Steve Buscemi, Allan Corduner, Mira Sorvino und Natasha Lyonne sowie David Chandler, der bereits in der ursprünglichen Bühnenfassung mitgespielt hatte. Nelson schätzt die Vielfalt der Stile und Erfahrungen, die seine Darsteller in die verschiedenen Rollen einbringen. Da er wusste, wie schwierig jede Rolle zu spielen sein würde - emotional und auch physisch -, nutzte er Vorsprechproben, um mehr über seine potentiellen Schauspieler als Individuen und Darsteller zu erfahren. Dadurch war es ihm möglich, langsam und systematisch ein Ensemble aufzubauen, das gemeinsam die extremen Anforderungen des Filmstoffs erfüllen würde. Umgekehrt loben ihn seine Darsteller für seine Sensibilität und Hartnäckigkeit. Dazu Mira Sorvino: "Er hat ganz klar strukturierte Vorstellungen, was er von jeder einzelnen Szene erwartet; gleichzeitig lässt er den Schauspielern genügend kreativen Freiraum. Für einen Schauspieler ist er ein Traumregisseur."

Bei den Zuschauern durch seine Rollen in der "Scream-Serie"" bekannt, ergriff David Arquette die Gelegenheit, eine Rolle zu übernehmen, die ihm in dieser Form vorher noch niemand angetragen hatte. "Hollywood packt Dich schnell in eine Schublade, geschäftlich gesprochen", so Arquette, "ich aber suchte die Herausforderung, einmal eine dunklere, dramatischere Rolle zu spielen. Ich wusste, dass es mir einige Schwierigkeiten bereiten würde, Tim davon zu überzeugen, mich mit in die Besetzung aufzunehmen, da es vielen Leuten schwer fallen würde, mich in einer solchen Rolle zu sehen. Dennoch ging ich hin, fest entschlossen und gut vorbereitet, und am Ende bekam ich die Rolle." Dazu kommentiert Tim Blake Nelson: "Es mag den Anschein haben, als sei dieser Stoff nichts für David, aber ich hatte immer das Gefühl, dass sein Humor auf Scham basiert. Die komische Spannung in Davids Arbeiten wird durch seine Figuren produziert, die versuchen, Menschen zu sein, die sie nicht sind, so dass sie am Ende darüber beschämt sind, wer sie wirklich sind. Hoffman ist eine Figur voller Schuldgefühle. Es war aufregend, einen für seinen Humor bekannten Schauspieler zu beobachten, der all das, worauf er sich sonst stützt, Schritt für Schritt hinter sich lässt und für seine Arbeit andere Ausdrucksmittel sucht." Arquette fügt hinzu: "Viele Szenen in dem Film kamen für mich einer Offenbarung gleich, so etwas kannte ich aus früheren Rollen nicht."

Während sich Killer Films auf die stets mühsame Suche nach Finanzierungsgeldern machte, sprach Nelson mit der Firma Nu Image/Millennium über ein Projekt, für das er als Drehbuchautor und Regisseur vorgesehen war. Anstatt aber diesen Auftrag anzunehmen, zeigte er ihnen sein Drehbuch für "Die Grauzone" und kurz darauf saßen er, Koffler und Vachon mit den Nu Image Partnern Avi und Danny Lerner beim Mittagessen in Los Angeles. Die beiden boten ihm an, den Film vollständig zu finanzieren.

Avi Lerner erklärt, warum sich sein Unternehmen für "Die Grauzone" engagiert hat: "Die meisten Filme über den Holocaust beleuchten nicht diesen besonderen Aspekt des Grauens, das in den Lagern durchlebt wurde. Diesen Teils der Geschichte zu thematisieren, wird Diskussionen und Kontroversen hervorrufen, besonders in der jüdischen Gemeinde. Aber es ist ein wichtiger und sehr menschlicher Teil unserer Geschichte. Dieser Film ist eine realistische Sicht auf das tägliche Lagerleben. Er beschreibt nicht nur die physischen, sondern auch die psychischen Gräueltaten." Für Lerner geht "Die Grauzone" der ungeklärten Frage nach, wie der Zuschauer selbst sich verhalten hätte, hätte er vor der unlösbaren Sonderkommando-Entscheidung gestanden. "Wenn man nach dem Krieg in Israel aufgewachsen ist, erlebte man dort viele Überlebende des Holocausts. Ich habe nie verstanden, warum die Juden nichts getan haben, um die Nazis zu bekämpfen. Warum gab es keinen Widerstand? Wie hätte ich mich verhalten?", fragt Lerner. Es bereitete Lerner große Schwierigkeiten, sich die täglichen Muster anzuschauen. "Ich hoffe inständig, dass die Menschen den Mut haben, sich diesen Film anzuschauen," fügt er hinzu.

Vor Produktionsbeginn schickte Tim Blake Nelson dem gesamten Filmteam eine ausführliche Notiz, in der er ihnen detailliert die Bewandtnisse der Welt, die sie schaffen würden, erklärte. Ferner umriss er darin seine Absichten in Bezug darauf, wie "Die Grauzone" gespielt und gefilmt werden sollte. Am Schluss schrieb er: "Wir haben die Chance, einen Film zu drehen, der seinesgleichen sucht; einen Film, der uns und das Publikum zwingen wird, Fragen zu stellen, die nach Meinung der meisten lieber nicht ausgesprochen werden sollten. Ich aber finde, dass man diese Fragen stellen mußs, und wenn wir mit unserer Arbeit Erfolg haben, dann wird der Film genau dafür ein Beweis sein."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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