Siegfried

Produktionsnotizen

Vor dem Dreh: Tom Gerhardt erzählt Was einmal in den Kinos unterhaltsam, leicht und locker über die Leinwand flimmern soll, entsteht meist ziemlich unromantisch. Was "Siegfried" angeht, so saß ich vor drei Jahren zusammen mit dem Produzenten Herman Weigel in einem nüchternen Konferenzraum und wir zerbrachen uns den Kopf darüber, was für ein Thema unser nächster Kinofilm haben könnte.

Als er nach zwei Stunden gemeinsamer Ratlosigkeit eher spielerisch die Siegfried-Sage erwähnte, kam mir das abwegig vor: Zwar hatte mich das Nibelungenlied in den Mittelhochdeutsch-Seminaren der Kölner Uni durchaus fasziniert, doch düster, schwerblütig und apokalyptisch, wie die Vorlage nun mal ist, schien das wirklich nicht der ideale Stoff für eine Komödie zu sein.

Besonders die Erinnerung an diese entsetzlich langen Wagner-Werke, bei denen ich damals mit meinem Jugendfreund Konrad buchstäblich auf den Sitzen des Kölner Opernhauses eingeschlafen war, wirkte äußerst abschreckend. So verwarf ich seine Idee erstmal und wir trennten uns an diesem Nachmittag ohne greifbares Ergebnis.

Später aber, ausgerechnet an einem drückend schwülen Nachmittag im Sheraton-Hotel in Rio de Janeiro, bekämpfte ich mein schlechtes Gewissen, wegen fortge-setzter Untätigkeit, an meinem Computer und hieb probeweise 12 Dialogseiten in die Tasten. Und Siegfried schaute mich durchaus heiter an.

Dirk, mein Reisekompagnon, las meine Ergüsse und meinte lakonisch, ich sollte die anderen Film-Ideen in die Tonne kloppen und mit "Siegfried" weitermachen. Ich hatte das Gefühl, etwas geschafft zu haben, und ging mit ihm nach unten zum Kinder-Pool. Dort konnte man sich gemütlich ins Wasser legen und eine Caipirinha trinken, ohne unterzugehen. Dirk giggelte weiter darüber, was er gelesen hatte. Ich sah den Film schon fertig vor mir.

Leider kann man ein Drehbuch dann doch nicht im Pool schreiben. Nein - man findet sich wieder in diesem nüchternen Konferenzraum mit dem treuen, sehr hilfreichen, aber leider auch widerlich arbeitsbewussten Herman. Und der schreiberische Alltag beginnt wieder mit all seiner Grausamkeit, mit einfallslosen Tagen, mit Rücken-schmerzen und der steten Versuchung, vom Computer zum Fernseher überzu-wechseln.

Wie schön, wenn man dann mal einen Tag der Inspiration hat. Und die Dialoge einem nur so zufliegen. Dann fühlt man sich wirklich wie Siegfried, der den Drachen bezwungen hat. Denn ein dicker Stapel von leeren Papierblättern, die sich füllen sollen - so aus dem Nichts - ist mindestens so scheußlich wie ein Drachen.

Das Schlimmste ist, dass du nicht weißt, ob dieser Film je gedreht werden wird. Du schreibst erstmal nur auf Verdacht. Diese ganzen Tage durch, in denen natürlich sofort die Sonne scheint und alle anderen baden gehen. "Der Film Siegfried, so wie wir ihn planen, wäre für deutsche Verhältnisse ein Ozeandampfer", meinte Herman. Sprich: Die Firma wird es sich verdammt gut überlegen, ob sie ihn überhaupt macht. Na prima.

Darum sind für die 120 Seiten der Drehbuch-Endfassung von "Siegfried" bestimmt 1000 Seiten geschrieben worden, die immer wieder geändert und verworfen wurden. Der Mülleimer ist der treueste Kumpel des Drehbuch-Autors.

Wie das Leben des echten Siegfried hing auch das Leben unseres Siegfried-Films manchmal am seidenen Faden. Zu kompliziert, zu aufwändig schien die Produktion zu werden. War das natürliche Risiko des deutschen Films, der sich (wie David gegen Goliath) gegen 80-Millionen-Dollar-schwere US-Produktionen in den Kinos behaupten mußs, hier noch zu kalkulieren?

Unser sprechendes Schwein grunzte laut: "Nein!!!" Denn, um es gut aussehen zu lassen, mußste Carl Lewis Miller, der amerikanische Trainer von Schweinchen "Babe", 17 echte Schweine in die Slowakei bringen und sie dort viele Wochen vor Filmstart trainieren. Australische Fachleute mußsten verschiedene Schweine-Roboter bauen, um das Schwein sprechen zu lassen.

Die Roboter sollten haargenau aussehen wie lebende Schweine: Jedes einzelne Haar mußste per Hand eingesetzt werden, damit unser Schwein immer gleich und perfekt aussah. Es war einfach eine Schweine-Arbeit ... Zum Glück waren alle Verantwortlichen in der Firma von dem Film-Stoff recht angetan. Und so nahmen wir zumindest schon mal Kontakt mit Wunsch-Regisseur Sven Unterwaldt auf. Bernd Eichinger schaltete sich ein und kämpfte sich mit uns noch mal durchs Drehbuch.

Sven, ein fantastischer und erstaunlich belastbarer Comedy-Regisseur, befeuerte uns mit Ideen. Und dann - nach immer neuen Besprechungen, Abwägungen und Ratschlüssen, eine Ewigkeit nach dem Cocktail im Kinderpool in Rio - kam endlich, endlich, endlich, für mich schon kaum noch erwartet, das "Go" für den Film.

Der Dreh: Tom Gerhardt erzählt Ich stellte mir den Dreh grausam vor. Denn Herman Weigel, Co-Autor und Constantin-Produzent, hatte mir die Schwierigkeiten, die wahren Abenteuer Siegfrieds zu verfilmen, eindrucksvoll geschildert: "Unser Nibelungen-Schwein wird bestimmt nicht immer tun, was wir wollen. Also wirst du vielleicht neben einem Schwein laufen, das gar nicht neben dir läuft.

Du wirst ganz bestimmt mit einem Schwein sprechen, das nicht mit dir spricht. Später, auf der Leinwand, wird das Schwein da sein. Aber beim Dreh solltest du dein Timing besser gut im Kopf haben. Und dich nicht verquatschen, wenn das Schwein wirklich mal macht, was wir wollen. Denn das war vielleicht das letzte Mal am ganzen Dreh-Tag."

O. k. - Es gab ja noch genug andere Dialoge als die mit dem Schwein. Aber die Vorstellung, mit einigen unkonzentrierten Versprechern jede Menge Drehzeit zu vermasseln, ist sehr beunruhigend. Denn unsere Drehtage waren voll gepackt wie sonst noch was und im Gegensatz zu den großen amerikanischen Filmen können wir es uns hierzulande einfach nicht leisten, eine kleine Szene x-mal zu drehen.

Die Zeit ist zu teuer und am nächsten Drehtag mußs man woanders hinziehen, koste es, was es wolle. Dann bleibt nur noch die Möglichkeit, alles simpler und unperfekter zu machen. Oder es gleich ganz sein zu lassen. Zum Glück hatten wir den Tiertrainer Carl Lewis Miller, der durch den Dreh mit Schweinchen "Babe" auf die Vierhufer hervorragend eingestellt war - sie machten einfach alles, was wir von ihnen wollten - und bisweilen sogar mehr.

Wer hätte gedacht, dass man ein Schwein dazu bringen kann, im vollen Lauf auf einer Marke zu stoppen und sich dann umzudrehen? Wer hätte gedacht, dass ein Schwein voller Begeisterung Brustschwimmen übt und eine Hauswand hochklettern will? Regisseur Sven Unterwaldt freute sich - und arbeitete seinerseits offenbar an einem Preis für Hochgeschwindigkeits-Präzisionsfilme.

Nach ein paar Tagen Dreh war ich wirklich erleichtert: Die Dinge liefen prima. Die Sonne schien, die Schauspieler waren bestens drauf und überall sah ich nur fröhliche Gesichter. Ja, die Sonne schien. Aber würde das so bleiben? Wir hatten ja fast nur Außendrehtage. Was würde passieren, wenn uns eine Woche Regen hineinplatzte?

Ganz zu schweigen von zwei oder drei ? Ganz schnell hätten wir die wenigen Innendrehtage verblasen und dann würde ein Riesen-Team einfach nur noch dastehen und warten und alle Kosten würden unbarmherzig weiterlaufen. Der Film war eigentlich eine Harakiri-Aktion. Bully wurde beim Dreh von "Der Schuh des Manitu" - auch versehen mit reichlichen Außendrehtagen - so böse vom Regenwetter überrascht, dass er angeblich ernsthaft an den eigenen Ruin und ein Leben von der Sozialhilfe dachte.

Er wurde dafür reichlich entlohnt. Aber die Variante, dass du doppelt bestraft wirst, steht ja leider auch noch im Raum. Nein, man darf an so etwas erst gar nicht denken. Doch die Sonne schien den Nibelungen. Sie wollte einfach, dass die Wahrheit über unsere alte Sage ans gleißende Licht kommt. Jeden Tag rieben wir uns die Augen bei der Wettervorhersage: Bei uns, in der Slowakei, waren es 35 Grad.

Ein äußerst stabiles Hoch. Ein dunkelroter Fleck auf der Wetterkarte - mitten über der Slowakei. Dahinter konnte einfach nur unser Glücksschwein stecken. Wenn es regnete, dann ganz artig am drehfreien Sonntag. Kamen wir am Montag zum Set, konnten wir uns schon früh morgens vor unseren Wohnwagen wärmen.

Dann aber kam unser Turnier im Burghof. Und schon bald wussten wir, was ein Nibelungen-Grill ist. Denn der Sonnengott zeigte sich plötzlich nicht mehr von seiner freundlichen Seite, sondern wurde zum strafenden, vernichtenden, zornigen Gott, der seine glühenden Strahlen unbarmherzig in den von Mauern umrahmten Kessel sandte.

Wie froh war ich da, als "Siggi" nur mit einem Leibchen bekleidet zu sein. Und wie sehr verfluchte Volker Büdts, der meinen Widersacher Hagen von Tronje spielt, seine martialische Ritterrüstung. Und seinen eng anliegenden Helm, der sich wohl auf weit über 50 Grad aufheizte. Volker, sonst stets gut gelaunt und voller Späße, taumelte uns mehrfach beinahe ohnmächtig in die Arme. Er verlor an drei Drehtagen sieben Kilo.

Dorkas Kiefer, unserer Lieblings-Kriemhild, wurde ihr enges Korsett zur teuflischen Qual. Umso überzeugender gab sie uns die bösartige Zicke. Sie konnte sich wenigstens ab und zu in den Schatten retten. Aber was war mit unseren armen slowakischen Komparsen in ihren dicken Gewändern?

Sie standen den ganzen Drehtag geduldig in den "Zuschauerrängen", beschwerten sich nicht einmal, wischten sich nur ständig den Schweiß von der Stirn. Und lächelten uns dabei noch liebenswert an. Kein Dreh ohne Pannen: Während unsere Haupt-Risikofaktoren, die Schweinchen, sich selbst übertrafen, einschließlich des australischen Schweine-Roboters, lauerte die Gefahr dort, wo man sie nie und nimmer vermutet hätte. Beim Bäcker.

Wir waren auf einer so schönen wie abgelegenen Burg. Wir drehten eine Szene, in der die reizende Küchenmagd Anita (im Nibelungenlied auch unterschlagen) mir eine dicke Stulle Brot überreicht. Die Stulle Brot war extra groß, dick mit Butter bestrichen und sehr weich, weil die Butter in der Hitze rasch geschmolzen war. Darum zerbrach die Stulle auch dreimal hintereinander bei der Übergabe. O. k. - dann eben ein viertes Mal. "Bread please!", rief Sven. Aber es kam kein Brot. Denn es war kein Brot mehr da.

Wie, kein Brot mehr da? - Nein, kein Brot mehr da. Und auf der ganzen Burg kein Brot. Und keiner der Komparsen hatte zufällig ein Butterbrot dabei. Und die Fahrt zum Bäcker hin und zurück hätte eine Stunde gedauert. Wir hatten aber draußen vor der Burg gedreht. Und dort hätten wir nach einer Stunde Schatten gehabt.

Und das Brot war in seiner bestehenden Form auch schon in der vorherigen Einstellung zu sehen gewesen. Bei Sonne, wohl gemerkt. Der Slowake, der für das Brot zuständig war, stand kurz vor den Tränen. Die zerbrochenen Stullen brachen bei dem Versuch, sie zu kitten, noch mehr auseinander. Sven saß auf der Burgtreppe, die Krümel in den Händen, und ballte die Fäuste. Kann man ein blöderes Problem haben?

Doch dann klappte es doch noch. Die Brotfetzen der letzten Stulle wurden kunstreich von beiden Seiten auf eine Pappe geklebt. Und ich war froh, dass ich in dieser Szene nicht hineinbeißen mußste. Da traf es mich weit mehr (im wahrsten Sinne des Wortes), als ich mich auf Bootsfahrt zu weit überlehnte und ins Wasser fiel. Und das Schwein, das auch im Boot war, verlor ebenfalls die Balance und klatschte voll auf mich drauf.

Und da ich mir nicht sicher war, wie weit es nun gelernt hatte zu schwimmen, erinnerte ich mich an den guten alten DLRG-Rettungsgriff. Das Schwein protestierte heftig, aber ließ sich am Ufer durch Leckerli rasch wieder versöhnen. Es war die zweite September-Hälfte und die Sonne schien immer noch. Aber nicht mehr für Sven.

Die Heizung in unserem Hotel funktionierte flächendeckend überhaupt nicht und er zog sich eine üble Grippe zu. In der Nacht wurde es nämlich schon recht kalt. Ausgerechnet jetzt drehten wir tagelang in staubigen Keller-Gewölben. Svens Verfassung verschlechterte sich zunehmend, er hustete sich zu Tode. Er hustete nachts durchs ganze Hotel und kam morgens, ohne geschlafen zu haben, wieder zum Set.

Und drehte 14 Stunden durch. Und das mehrere Tage. Er tat mir schrecklich leid. Gleichzeitig war er mir leuchtendes Vorbild, denn ich wusste genau: So etwas kann nur ein Nichtraucher überstehen. Wenigstens die letzte Woche war er wieder fit und wir saßen abends alle zusammen in der schön restaurierten Altstadt Bratislavas, direkt an der Donau, und einige der Schauspieler behaupteten steif und fest, es wäre ihr bester Dreh überhaupt gewesen.

Bei den schönen Drehorten in Wäldern, Tälern und Naturschutzgebieten, bei dem herrlichen Wetter und bei der anhaltenden Party-Stimmung trotz reichlich Arbeit will ich ihnen mal glauben, auch wenn man Schauspielern eigentlich gar nichts und nach ein paar Glas Wein schon mal sowieso überhaupt nichts glauben darf.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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