Meeresfrüchte

Produktionsnotizen

Olivier Ducastel & Jacques Martineau inszenieren mit MEERESFRÜCHTE einen turbulenten Beziehungsreigen, in dem beinahe alle Aspekte der menschlichen Liebe thematisiert werden: Der Vater trifft seine erste Liebe wieder, die Mutter versucht den Forderungen ihres Geliebten und gleichzeitig ihrer Familie gerecht zu werden, der Sohn ist damit beschäftigt, sich über seine sexuelle Identität endgültig Klarheit zu verschaffen, während sein bester Freund ihn ohne Hoffnung und still vor sich hin leidend liebt ...

"Diese Geschichte eines Familienurlaubs würde sich geradezu als Stoff für ein Psychodrama anbieten," bemerkt Olivier Ducastel, der sich aber mit seinem Co-Autor Jacques Martineau schließlich doch, ähnlich wie bei Drôle de Felix (Felix; 2000), für eine gänzlich andere Annäherung an die Themen und Personen entschied.

Und so entstand eine vergnügliche Filmarbeit, die sich insbesondere durch den flotten Rhythmus auszeichnet. "Um einem Film Witz, Lebensfreude und Drive zu geben, müssen sich die Verwirrspiele so aneinander reihen, dass falsche Fährten gelegt werden und Missverständnisse entstehen," erklärt Olivier Ducastel ihren temporeichen Erzählstil und verrät auch gleich den Grund für das sukzessive und stilistisch individuelle Auftreten aller Handelnden.

Wenn die Familie einmal vorgestellt ist, gebe jeder Auftritt einer neuen Person der Intrige einen neuen Impuls und die Möglichkeit einer anderen Darstellungsweise. Die Ankunft Martins am Bahnhof ist klassisch und realistisch gelöst, die von Mathieu, dem Geliebten von Béatrix, wirkt viel ironischer und eher traumhaft. Für Didier, den Klempner, hingegen entschieden sich die Filmemacher dafür, seinen Auftritt in der Geschichte hinauszuzögern und ihn dann in einer Nachtszene auftreten zu lassen.

Nicht Entsetzen über die scheinbare Homosexualität des Sohnes, sondern Verständnis, nicht verletzende Zerwürfnisse, sondern humorvolle Neckereien kennzeichnen MEERESFRÜCHTE. Und so drehte das Regie-Duo auch eine der ungewöhnlichsten Versöhnungs-Szenen der Filmgeschichte. Um eine zu einfache Parallelität zu vermeiden, entschieden sich die beiden Filmemacher dafür, Béatrix nach verschiedenen Formulierungen für ihr Geständnis suchen zu lassen, sie habe einen Geliebten.

Marc hingegen sollte mehrere Mittel ausprobieren, um sein Geheimnis mit Didier preiszugeben. Sowohl mit Valeria Bruni-Tedesci als auch mit Gilbert Melki drehten sie sehr lange Sequenzen und konnten davon profitieren, dass sie die Straße zu ihrer vollen Verfügung hatten. Auch mit der nächsten Sequenz beschritt das Künstlerteam neue Wege. "Die darauffolgende Szene haben wir geschrieben, damit sie Rührung reinbringt," verrät Jacques Martineau.

Die Regisseure verdeutlichen damit die wahre Liebe, die dieses Paar verbindet, verstärken die Glaubwürdigkeit dieser ganz besonderen Beziehung. Diese Kunstgriffe erlauben es dem Film, nicht in der Krise, sondern ganz im Gegenteil, in einer friedlichen Atmosphäre zu enden. Nicht zuletzt verdankt der Film seine berührende Außergewöhnlichkeit dem Können ihrer Schauspieler, loben Ducastel und Martineau.

"Die Schauspieler haben es geschafft, das Komische in ihren Dialog einfließen zu lassen, das normalerweise verloren geht, wenn man zärtlich miteinander spricht." Einige der Rollen entstanden bereits mit einer Wunsch-Besetzung vor Augen. "Die Rolle des Geliebten Mathieu habe ich für Jacques Bonnaffé geschrieben," erklärt Martineau, "mit dem wir bereits gearbeitet hatten." Martineau traute sich aus der gemeinsamen Erfahrung heraus, extrem viel Text für Bonnaffé zu schreiben.

Diese Freiheit nahm sich der Autor aus Überzeugung, der Schauspieler würde sich über einen zu festgeschriebenen Stil hinwegsetzen und natürlich wirken, ohne die Freude am Text zu verlieren. Insbesondere beeindruckt Martineau denn auch Bonnaffés Wandlungsfähigkeit bei der Liebesszene in den Felsen, von den Filmemachern "Szene der Meeresfrüchteplatte" genannt.

Gilbert Melki hingegen verleiht seiner Figur Marc selbst dann, wenn er ernst ist, einen komischen, ja fast burlesken Aspekt, verdeutlicht der Filmemacher. Trotz aller ursprünglichen Bedenken gegenüber der doch sehr jungen Valeria Bruni-Tedeschi als Mutter zweier beinahe erwachsener Kinder erwies sich die Besetzung der vielseitigen Schauspielerin als Glücksgriff. "Valeria trägt ihre unglaubliche Zerbrechlichkeit in diese leichte Rolle hinein," schwärmt Jacques Martineau.

Nachdem sie eine Stunde mit ihr im Café verbracht hatten, waren sie bereits dem Charme der Powerfrau erlegen: Nun war sie Béatrix. Ab dem Moment, als sie für die Besetzung fest stand, machten sich die Filmemacher über die holländische Nationalität der Figur Gedanken. Wegen Valerias italienischer Herkunft versuchten sie, Zweideutigkeiten zu vermeiden. Deswegen sollte sie ihre Wurzeln häufiger zur Sprache bringen - die beste Gelegenheit für weitere komische Elemente.

"Es machte uns Spaß, mit Allgemeinplätzen wie der Toleranz der Holländer zu spielen, insbesondere ihrer verbalen Freizügigkeit im Umgang mit der Sexualität," gesteht Jacques Martineau. Er hält diesen Kunstgriff für äußerst gelungen, da man die Konvention akzeptiert, Ausländer seien ganz anders erzogen als Franzosen.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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