Die Höhle des gelben Hundes

Produktionsnotizen

Im Januar 2004, als der sensationelle Erfolg ihres Films "Die Geschichte vom weinenden Kamel" noch nicht abzusehen war, begab sich Byambasuren Davaa bereits auf die Suche nach einem Produzenten für ihr nächstes Projekt, ihr Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule. Er sollte wieder in ihrer mongolischen Heimat gedreht werden ? und mit dokumentarischem Blick eine fiktive Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die einerseits auf Erinnerungen an ihre Großmutter basierte, andererseits auf einer Erzählung von Gantuya Lhagva.

Die Zeit drängte, denn nachdem in der betreffenden Region im Winter Temperaturen von minus 30 Grad Celsius herrschen, wollte die Regisseurin den Film schon im Sommer desselben Jahres realisieren. Produzent Stephan Schesch, selbst ein Absolvent der Münchner HFF, ließ sich dank eines eindrucksvollen Treatments für das Projekt begeistern ? und nach dem phänomenalen Publikumsecho auf Byambasuren Davaas Kino-Erstling gelang es ihm, die Finanzierung in kürzester Zeit auf die Beine zu stellen. Die Hochschule für Fernsehen und Film in München fungierte als Co-Produzentin, und gefördert wurde das Projekt von FFA und FFF Bayern.

Hinzu kamen eine Garantie des Weltvertriebs Telepool, der den Film schon vorab nach Frankreich, England und Benelux-Länder verkaufen konnte sowie eine Garantie von X Verleih: Anatol Nitschke und sein Team kamen als erste mit an Bord und betreuten das Projekt von Anfang an als Partner. Im April 2004 flog Byambasuren Davaa in die Mongolei, um eine geeignete Nomadenfamilie für ihren Film zu finden: Eine Familie, die einerseits noch ein ganz traditionelles nomadisches Leben als Selbstversorger führte, andererseits aber offen genug war, ein Filmteam an sich heranzulassen.

?Vor allem brauchte ich für meine Geschichte zwei Kinder?, erläutert die Regisseurin, ?ein Mädchen im Alter von etwa sieben Jahren, das in einer Höhle einen jungen Hund findet, und ein Kleinkind, das noch nicht sprechen kann und am Schluss von dem Hund gerettet wird.? Sie reiste zwei Wochen lang durch die Gegend, in der ihre Mutter aufgewachsen war, und sprach mit diversen Familien, bis sie glaubte, die richtige gefunden zu haben ? ein junges Nomadenpaar mit drei Kindern: ?Alle drei hatten für ihr Alter bereits ausgeprägte Persönlichkeiten?, stellt Byambasuren Davaa fest.

?Allen voran Nansa, die älteste Tochter. Ich spürte sofort: Die hat das gewisse Etwas. Es gab nur ein Problem: Sie mochte mich anfangs überhaupt nicht und wollte nicht einmal mit mir reden. Ich beobachtete sie eine Weile und bemerkte, dass sie eine geradezu unglaubliche Tier-Expertin war, die nicht nur reiten und Ziegen melken, sondern auch jedes einzelne Schaf der großen Herde auseinanderhalten konnte. Also fing ich an, mit ihr über Tiere zu sprechen. Sie war ganz überrascht, dass ich zu dem Thema auch etwas beizutragen hatte ? so habe ich allmählich ihr Vertrauen gewonnen.?

Offenbar hatte die Regisseurin das richtige Gespür: ?Wir waren alle begeistert, wie lebendig und natürlich die Nomaden vor der Kamera agierten?, schwärmt Produzent Stephan Schesch, ?und wie tapfer und engagiert sie bis zum Schluss mitgemacht haben. Immerhin sind wir ihnen mit unserem Team zwei Monate lang auf die Pelle gerückt!? Von deutscher Seite bestand dieses Team aus fünf Leuten, die Byambasuren Davaa persönlich ausgesucht hatte.

Das war ihr sehr wichtig: ?Nach meinen Erfahrungen mit DIE GESCHICHTE VOM WEINENDEN KAMEL konnte ich jedem einzelnen genau sagen, was auf ihn zukam. Wenn man acht Wochen so eng zusammenlebt- und arbeitet, dann mußs die menschliche Ebene stimmen!? Aber auch was die fachliche Seite betrifft, ist die Regisseurin voll des Lobes für ihre Crew. Stellvertretend für alle nennt sie die Regieassistentin Lisa Reisch, mit der sie gerade das Buch zum Film schreibt und den Kameramann Daniel Schönauer, für den DIE HÖHLE DES GELBEN HUNDES ebenfalls sein Abschlussfilm als Student der Münchner HFF war.

?Den Film auf halb dokumentarische Weise zu drehen, bedeutete eine große Herausforderung für ihn ? ständig mußste er sich bereit halten, ständig konnte etwas Außergewöhnliches passieren. Es war eine sehr schöne Zusammenarbeit; wir haben uns hervorragend ergänzt und jede Entscheidung gemeinsam getroffen. Und Daniel hat einfach wunderbare Bilder gefunden. Schon allein das Hunde-Ritual am Anfang des Films, das er aus Untersicht in der Abenddämmerung im Gegenlicht gefilmt hat: Die Szene scheint sich irgendwo zwischen Himmel und Erde abzuspielen. Ein Bild, das viel Raum für Interpretationen lässt.?

Die Dreharbeiten fanden im Juli und August 2004 statt ? und zwar, wie Stephan Schesch betont, buchstäblich am Ende der Welt: ?Über Moskau ging es per Flugzeug in die mongolische Hauptstadt Ulan Bator. Von dort gelangte man in einer zweitägigen Reise mit dem Jeep zum Teil über Schotterpisten in ein Dorf, in dem es eine Schule, einen Laden und ein Telefon gab. Unser Drehort war dann noch mal rund anderthalb Jeep-Stunden davon entfernt. Wer einen freien Tag hatte, konnte mit dem Jeep ins Dorf fahren und sich dort etwa eine Stunde in einer Warteschlange vor dem Telefon anstellen, um den Liebsten daheim zu sagen: Wir leben noch!?

Vor Ort wurde die deutsche Filmcrew von einem kleinen einheimischen Team unterstützt, wobei vor allem dem mongolischen Produktionsleiter Batbayar Davgadorj eine Schlüsselrolle zukam: ?Vor ihm ziehe ich meinen Hut?, gesteht Stephan Schesch. ?Er hat unter abenteuerlichen Verhältnissen die gesamte Logistik organisiert ? und sich dabei als Meister der Improvisation erwiesen. Den abgebrochenen Arm unserer Steadycam hat er zum Beispiel von einem Schweißer, der drei Dörfer weiter wohnte, wieder neu zusammenflicken lassen: aus einer alten Schrotflinte!?

Seinen größten Coup landete der Produktionsleiter, als Byambasuren Davaa ihn beauftragte, einen Plüschhund in Pink zu besorgen. ?Weit und breit ließ sich nur ein orangefarbener Hund auftreiben?, erinnert sich die Regisseurin. ?Aber Orange ist eine Farbe, die zur Welt der Nomaden gehört; mir hingegen war es wichtig, dass der Hund eine giftige, künstliche Farbe hatte. Schließlich fand unser Produktionsleiter einen pinkfarbenen Hasen aus Plüsch, zog ihm das Fell ab und nähte daraus kurzerhand eine neue Hülle für den Hund!?

Untergebracht war das gesamte Team in rund 500 Metern Entfernung von der Nomadenfamilie ? in einem eigens aufgebauten Zeltlager mit einer selbst gebastelten Dusche und selbst gebauten Toiletten. ?Zwei Monate lang haben wir tatsächlich mit der Familie zusammengelebt, haben alles geteilt, gemeinsam gegessen und so viel wie möglich zusammen unternommen?, erzählt Byambasuren Davaa. ?Das war für mich die schönste Erfahrung bei den Dreharbeiten: dass wir von den Nomaden wirklich als Teil der Familie angenommen worden sind.?

Den Beginn der gemeinsamen Zeit nutzte die Regisseurin, um eine Vertrauensbasis zwischen ihren Protagonisten und dem Filmteam aufzubauen ? erst, als sich die verschiedenen Parteien aneinander gewöhnt hatten, begann sie mit den Dreharbeiten. ?Dabei hatte sie zum einen sehr genaue Vorstellungen davon, was vor der Kamera geschehen sollte, zum anderen hat sie große Freiräume geschaffen und Dinge sehr spielerisch passieren lassen?, berichtet Stephan Schesch. ?Gerade bei den Kindern gibt es eigentlich nur eine Arbeitsweise, die funktioniert: Man mußs mit ihnen spielen?, ergänzt Byambasuren Davaa.

?Und man mußs Geduld haben. Ich habe die Kinder also oft einfach in eine bestimmte Stimmung versetzt und mit der Kamera beobachtet ? und sie haben mir dafür wunderbare dokumentarische Momente geschenkt. Als ich die Kinder zum Beispiel mit der kleinen Buddha-Statue vor dem Spiegel gefilmt habe, fiel plötzlich der Satz: ,Lass? das ? man darf nicht mit Gott spielen!? So etwas hätte man nie inszenieren können.? Für Schesch zeigt sich hierin gerade die besondere Qualität der mongolischen Regisseurin: ?Einerseits erzählt sie eine fiktionale Geschichte, andererseits aber so authentisch und echt, wie kein Autor jemals schreiben könnte.

Solche Reaktionen aus den Menschen herauszukitzeln ? das ist die große Kunst von Byambasuren.? Den Hund dazu zu bringen, bestimmte Dinge zu tun, stellte sich glücklicherweise als völlig unproblematisch heraus: ?Hunde nehmen die Kamera noch weniger wahr als kleine Kinder?, konstatiert die Regisseurin. ?Darum lassen sie sich auch leichter locken. Oft haben wir einfach ein Stück Wurst in die Steppe gelegt ? schon lief der Hund in die Richtung, und wir mußsten bloß noch die Kamera draufhalten.?

Als weitaus größte Schwierigkeit erwies sich das Filmen der Geier: ?Das sind sehr scheue Tiere, die sich nicht freiwillig in die Nähe von Menschen wagen?, erläutert Byambasuren Davaa. ?Doch die Geier waren essenziell wichtig für die Geschichte ? ohne die Rettung am Schluss würde der ganze Film nicht funktionieren. Also haben wir tote Schafe, die von Wölfen gerissen worden waren, an die Stelle gelegt, wo wir die Geier filmen wollten.

Aber sie kamen nicht. Und wenn wir irgendwo Geier entdeckt und verfolgt haben, dann waren sie schon wieder weg, bevor das Kamerateam zur Stelle war ? sie sind blitzschnell, wenn es darum geht, Kadaver komplett aufzufressen. Daraufhin haben wir ein paar hundert Meter entfernt von einer Tierleiche ein Versteck gebaut, und der Kameramann und sein Assistent haben dort tagelang gewartet, bis sie schließlich im letzten Moment, kurz vor dem Rückflug, die Szene im Kasten hatten. Die beiden kamen sich vor wie bei einer Tierdokumentation!?

Dieses Engagement war typisch für das ganze Team, wie Stephan Schesch bestätigt: ?Ich kann mich nur immer wieder bei allen dafür bedanken, dass sie sich mit einem solchen Enthusiasmus auf diesen Film eingelassen haben ? und zwar zu Filmhochschulbedingungen, das heißt, erst mal ohne Gage, nur auf Rückstellungsbasis. Dafür haben alle mehr als zwei Monate ihres investiert. Diese Begeisterung hat das Projekt getragen!?

Der Produzent fügt an, dass die Erlebnisse in der Mongolei sämtliche Beteiligten nachhaltig geprägt hätten: ?Die Spiritualität der Nomaden, ihr Respekt vor der Natur und vor anderen Lebewesen, ist ausgesprochen inspirierend. So hoffe ich, dass der Film dazu anregt, etwas von dieser Spiritualität in unsere westliche Kultur zu übertragen. Byambasuren Davaa zeigt uns, dass die Lebensbedingungen in ihrer Heimat eine ganz andere Qualität für Gesundheit, Geist und Seele haben als die unsrigen. Vielleicht erkennen wir Westler durch ihren Film: Wir können auch anders!?

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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