Boudu

Ausführlicher Inhalt

Für diese laue Frühlingsnacht hat sich Christian Lespinglet alles so schön ausgemalt: jetzt ein kleines Schäferstündchen mit seiner Assistentin Coralie am Kanal und dann, in ein paar Tagen, würde er sie mitnehmen auf eine kleine Dienstreise nach Italien. Dort will er eine Kunstsammlung begutachten und möglicherweise auch kaufen. Lespinglet hat eine kleine Galerie in Aix-en-Provence, um die es leider nicht sehr gut steht.

Er ist schon völlig verschuldet und denkt sich, mit einer netten Affäre, der italienischen Sammlung und einer neuen Ausstellung des viel versprechenden aber momentan unter kreativen Krisen leidenden Malers Hubert den ganzen Laden wieder in Schwung bringen zu können. Vorbei soll es sein mit der Geldnot, vorbei mit der Heimlichtuerei vor seiner Frau Isolde, der er - um ihre Nerven zu schonen - von dem ganzen Schlamassel noch nichts erzählt hat.

Gerade als Lespinglet seinen Verführungskünsten freien Lauf lässt und den Autositz in die Horizontale klappt, um zur Tat zu schreiten, glaubt die leicht ängstliche und verschreckte Coralie Stimmen zu hören. Lespinglet will sich jedoch von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen und bedrängt Coralie weiter. Sie kann sich aber aus seinen immer zudringlicher werdenden Umarmungen befreien und springt aus dem Auto. Sie sieht einen Ertrinkenden im Kanal, der um sein Leben kämpft, und so beschwört sie Lespinglet hineinzuspringen, um dem Menschen zu helfen.

Sie retten einen dicken, schwerfälligen Mann, der, wie sich bald herausstellt, obdachlos ist und Boudu heißt. Er wollte sich das Leben nehmen, da ein Strolch namens Geronimo seinen einzigen Freund, seinen geliebten Hund mit Namen "Clinton" umgebracht hat. Sie setzen Boudu ins Auto und überlegen, was sie mit ihm machen sollen. Ein Krankenhaus ist sicher nicht das Richtige und für ein Hotel stinkt er zu sehr. Vielleicht in ein Obdachlosenheim? In Ermangelung einer wirklich zündenden Idee, entscheidet man, Boudu ein Nachtlager in der Galerie anzubieten.

Natürlich ist Lespinglet alles andere als begeistert. Er hatte sich die Nacht mit seiner Assistentin ganz anders vorgestellt. Und wie soll er nun seiner Frau Isolde erklären, was er nachts am Kanal gemacht hat? Überhaupt würde seine Gattin diese Aufregung ertragen können? Sie ist depressiv, steht ständig unter Medikamenten und geht meist früh schlafen. Lespinglet hofft, dass sie den Schlafgast gar nicht bemerkt. Der unfreiwillig zum Lebensretter gewordene Lespinglet ahnt noch nicht, dass sich mit seiner Heldentat alles grundsätzlich ändern wird.

Wie eine Elementargewalt wirbelt Boudu durch Lespinglets Leben. Er nistet sich im Haus des Galeristen ein, holt seine Habe aus einem Schließfach und denkt gar nicht daran, wieder zu verschwinden. Er strapaziert die Geduld und den guten Willen seiner Gastgeber und bringt die sensiblen Regeln ihres Miteinanders gehörig durcheinander. Die Beziehungen zwischen Lespinglet und seiner Frau Isolde, seiner Assistentin Coralie und dem Maler Hubert erscheinen plötzlich in einem völlig neuen Licht.

Vulgär, naiv, hemmungslos und rüpelhaft, wie Boudu ist, bringt er allen, denen er begegnet eine Menge über ihr Leben bei: Und plötzlich scheint dieser ungebetene Gast - der in seinen Sternstunden auch ein großer Poet ist - im Besitz des Schlüssels zu allen Problemen zu sein ... Isolde ist von dem neuen Gast bald ganz entzückt. Als sie einen Arzt für den kranken Boudu rufen müssen, erkennt Isolde schnell die neue Herauforderung und kümmert sich aufopfernd um Boudu. Lespinglet vermutet bald ganz richtig, dass er den dreisten Gast nun - da sich seine Frau als Krankenschwester aufspielt - erst recht nicht mehr loswird.

Derweil die Vorbereitungen für die neue Ausstellung laufen und Lespinglet regelmäßig bei Hubert auftaucht, um ihn von seiner Malblockade zu befreien, flirtet Boudu hemmungslos mit Isolde. Sie blüht geradezu auf dabei. Vorbei sind ihre Schwindelanfälle und depressiven Stimmungen. Am Ende entsorgt sie sogar ihren gesamten Tablettenbestand. Die beiden hängen vor dem Fernseher ab, gehen auf den Markt einkaufen, scherzen viel und gehen spazieren. Lespinglet wird langsam misstrauisch.

Seine Frau erscheint plötzlich so aufgeräumt, sie klagt nicht mehr über Kopfschmerzen und es ist keine Rede mehr von plötzlichen Schwindelanfällen. Er beginnt Erkundigungen über Boudu einzuholen und sucht Geronimo auf, der vermeintlich Boudus Hund umgebracht hat. Der wiederum bezichtigt Boudu, seine Frau ermordet zu haben. Boudu ein Mörder? Als Lespinglet nun den Psychiater seiner Frau unauffällig ins Haus bittet, um einen fachlichen Blick auf Boudu zu werfen, gerät er mit Isolde in Streit. Die Auseinandersetzung gipfelt in der Feststellung, dass sie zwanzig Jahre wie die Maden im Speck gelebt hätten.

Isolde kontert: "Aber immerhin, Maden schaffen es, sich fortzupflanzen." Isolde wünscht sich schon seit langem ein Kind, aber es will einfach nicht klappen. Ihre Frustration darüber ist einer der wesentlichen Gründe für ihre Krankheiten. Mit dem seltsamen Gast im Haus lebt sie wieder richtig auf. Sie kauft von ihren eigenen Ersparnissen einen neuen Anzug für Boudu, lädt ihn zu gutem Essen und Wein ein. Danach geht sie, von Übermut und Lebenslust angestachelt, mit ihm ins Bett.

Boudu macht das alles sehr viel Spaß, aber es wird sein Leben nicht ändern. Er sagt von sich selbst: "Ich bin als Waise geboren und werde als Single sterben." Am nächsten Tag geht er mit Lespinglets Assistentin Coralie auf den Rummel, ist mit ihr ausgelassen, hat mit ihr viel Spaß und macht ihr eine Liebeserklärung. Am Ende landen auch sie gemeinsam im Bett. In der Zwischenzeit erfährt Isolde, dass sie schwanger ist. Lespinglet ist geschockt; er weiß, es kann nicht von ihm sein. Jetzt will er sich in den Kanal stürzen, das ist zu viel für ihn.

Er ist pleite, die Galerie mußs verkauft werden und ein Landstreicher spannt ihm seine Gespielin aus und schwängert dazu noch seine Frau. Mit dieser Schmach will er nicht weiter leben. Mit einem Strick um den Hals, der an einem schweren Stein geknotet ist, springt er genau dort, wo er Boudu aus den Wassern gerettet hat, seinerseits in den Kanal. Geronimo beobachtet das Ganze. Er kann Lespinglet retten und holt schnell Boudu herbei. Jetzt spielt Boudu den Lebensretter. Er liest Lespinglet die Leviten, wie er sich denn so aus der Verantwortung stehlen kann, jetzt, wo er Vater wird.

Schließlich wollten doch Isolde und er ein Kind. Jetzt bekommen sie eins. Basta. Isolde sieht das offensichtlich ähnlich. Sie tröstet ihren Mann und bittet ihn, der Vater ihres Kindes zu sein. Niemand wird jemals etwas erfahren. Jetzt bleibt für Boudu nur noch eins zu tun: zu Hubert fahren, ihm kräftig in den Allerwertesten treten und ihn zu animieren, endlich wieder den Pinsel zu schwingen. Denn die Ausstellung mit seinen Bildern soll in ein paar Tagen eröffnen, und wie es den Anschein macht, hat er noch kein einziges Bild gemalt.

Pünktlich zur Vernissage hat Hubert nicht nur eine hinreichende Menge Bilder produziert, sondern dank dem tatkräftigen Beistand Boudus zu einem neuen, reicheren und intensiveren Stil gefunden. Die Kunstliebhaber sind begeistert und zücken gern ihre Kreditkaten. Es ist ein richtig schönes Fest und gleichzeitig der Abschied von Boudu. Er mußs weiter, und er mußs Coralie zurücklassen. Sie ist sehr traurig, hatte sie den dicken, charmanten Tölpel doch richtig lieben gelernt. Aber Boudu ist wie der Wind. Und der weht, wo er wil ...

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Concorde © 1994 - 2010 Dirk Jasper