Inside Deep Throat

Produktionsnotizen

Er war ein 25.000-Dollar-Film, der zu einem 600-Millionen-Dollar-Phänomen wurde. Er veranlasste die Regierung, der Meinungsfreiheit den Krieg zu erklären. Er machte den Kauf einer Kinoeintrittskarte zu einem revolutionären Akt. Allgemein als erfolgreichster Spielfilm aller Zeiten angesehen, entpuppte sich der 1972 herausgekommene Pornofilm "Deep Throat" rasch mehr als ein kurzweiliges kitzeliges Kuriosum und als eine enorme Geldmaschinerie.

Herausgebracht zu einer Zeit, als die Proteste der US-Bürgerrechtsgruppe für sexuelle Befreiung, allgemeine Bürgerrechte und neue kulturelle Wertigkeiten auf ihrem Höhepunkt standen, wurde dieser ausgesprochen freizügige Film unerwartet zum Ausgangspunkt eines beispiellosen sozialen und politischen Feuersturms - die Auswirkungen dieses kulturellen Phänomen dauern noch bis heute an.

Mehr als 30 Jahre später, nachdem "Deep Throat" sich ins öffentliche Bewusstsein gebrannt hat, erzählt INSIDE DEEP THROAT - der neue Dokumentarfilm produziert von Imagine Entertainment zusammen mit HBO Documentary Films - von der Kluft zwischen den anspruchslosen Beweggründen seitens der Pornofilmer und der eher unvorhergesehenen Botschaft, die sie unfreiwillig in die Welt setzten.

Produzent und Oscar®-Gewinner Brian Grazer führt den Zuschauer hinter die Kulissen eines Filmwerks, das quasi für einen Apfel und ein Ei realisiert wurde und doch die Welt verändert hat. Grazer, dessen eigene Filme ein breites Themenspektrum öffentlicher Kultur ausgelotet haben (von Rap-Musik über Highschool-Football bis zu klassischer Kinderliteratur) konnte mit seiner Option für INSIDE DEEP THROAT wiederum als Co-Produzentin Sheila Nevins überzeugen, die Präsidentin der Dokumentationssparte des US-Bezahlsenders HBO und fand bald darauf zwei Regisseure, deren Dokumentarfilme das Genre ihrerseits veränderten.

Mit Publikumserfolgen wie die HBO/Cinemax-Produktionen "The Eyes of Tammy Faye" und "Monica in Black and White" bewiesen Fenton Bailey und Randy Barbato eine große Kunstfertigkeit, um einen frischen, unverbrauchten Blick auf unser modernes Leben zu werfen. Beide gestalten Dokumentationen, die Wesen und Bedeutung unserer zeitgenössischen Kultur mit einer vitalen und vor allem unterhaltsamen Sichtweise auf augenscheinlich zunächst absurde Geschichten verbinden, die durch Zeitungen oder diverse Zeitgeist-Trendsetter ins Bewusstsein kommen.

Neben Grazer, Bailey und Barbato vervollständigen die Kameramänner David Kempner und Teodoro Maniaci, ferner Music Supervisor Bill Coleman, Komponist David Benjamin Steinberg sowie die Cutter William Grayburn und Jeremy Simmons das Filmteam, nicht zu vergessen Kim Roth als ausführende Produzentin und Mona Card als Co-Produzentin.

Und vor dem unerbittlichen Auge der Kamera konnten die Filmemacher etliche wichtige Zeitzeugen verpflichten, darunter einige der "Deep Throat"-Filmemacher und Darsteller von damals - etwa Regisseur Gerard Damiano (a.k.a. Jerry Gerard), Aufnahmeleiter Ron Wertheim sowie den ursprünglichen Produktionsassistenten und Hauptdarsteller Harry Reems - plus eine ganze Reihe von namhaften Schriftstellern, Filmemachern, Lobbyisten und Rechtsexperten, die damals im Kampf um die sexuelle Revolution und die Anwendung des Ersten Zusatzartikels der US-Verfassung (u.a. das Recht auf Pressefreiheit und freie Meinungsäußerung) auf den unterschiedlichsten Seiten gestanden hatten.

Darunter sind der O.J.-Simpson-Anwalt Alan Dershowitz, die Schriftsteller Gore Vidal, Norman Mailer und Erica Jong, der exzentrische Filmemacher John Waters, die Frauenrechtlerin Camille Paglia, die Erotik-Verleger Hugh Hefner und Larry Flynt, die Sextherapeutin Ruth Westheimer und viele mehr. Unterstützung aus dem Off gibt als Kommentator in der Originalfassung niemand Geringerer als der Kult-Regisseur und Schauspieler Dennis Hopper.

Die Produktion von Inside Deep Throat Für Oscar®-Gewinner Brian Grazer kam der erste Kontakt mit dem Film "Deep Throat" nicht aus eigenem Erleben. Eigentlich kam dieser vielmehr durch die Beobachtungen einer aufrichtigen und vertrauenswürdigen Person aus seinem Leben zustande: seiner Großmutter Sonia. "Es war im Jahr 1972", erinnert sich Grazer. "Meine Großmutter war uns besuchen gekommen und erzählte, dass sie und mein Großvater lange angestanden hatten, um ?diesen Film' zu sehen.

Als ich sie nach dem Titel fragte, nannte sie ?Deep Throat'. Ehrlich, ich wusste damals nicht, was das für ein Film war und was der Titel bedeutete. Aber nach einigen Tagen, vielleicht auch schon nach Stunden, bekam ich mit, dass ?Deep Throat' ein Porno war, der wahrscheinlich als erster seiner Art den Sprung ins Mainstream-Kino geschafft hatte.

Und um dies zu erfassen, brauchte es eine 65-jährige Großmutter, die ihrem Teenager-Enkel erklärt, dass sie und ihr Ehemann, zusammen mit Hunderten anderer Kinogänger, in einer Schlange tagsüber in der West Side von Los Angeles an der Kinokasse angestanden hatten, um einen enorm populären Film zu sehen. Diese Popularität besorgten vor allem die vielen Prominenten wie Bob Hope oder Johnny Carson, die darüber im Fernsehen sprachen und den Film erst recht Mainstream tauglich machten - damit ihn sich meine Großmutter Sonia ansehen konnte."

Grazers nächste Begegnung mit dem heißen Titel passierte in seinen frühen Twentysomethings. Diesmal jedoch kam die reale Filmsichtung hinzu. Als Angestellter in der Rechtsabteilung von Warner Bros. nahm Grazer eines Tages teil an einer Party von älteren Kollegen in Beverly Hills. Auf dem Höhepunkt der Feier schalteten die Gastgeber den Filmprojektor an - und "Deep Throat" wurde gezeigt. "Das erst hat meine Neugier angefacht.

Denn ab diesem Zeitpunkt hat sich ?Deep Throat' in meinem Hirn als ein kulturelles Phänomen festgesetzt", ist sich Grazer sicher. Jahre später, als Grazer mit der Produktion von Blockbustern wie APOLLO 13, A BEAUTIFUL MIND, 8 MILE, FRIDAY NIGHT LIGHTS und vielen anderen mehr zu Oscar®-Meriten gekommen war, kam er auf die Idee, einen Film über das Leben von Linda Lovelace zu machen, die durch ihre Hauptrolle in "Deep Throat" zu einer nationalen Berühmtheit wurde.

Letztlich entschied sich Grazer jedoch gegen dieses Projekt. Allerdings konnte Lovelaces Verbindung zu diesem Meilenstein des "Erwachsenenfilms" seine Neugier und seinen Enthusiasmus erneut entflammen, da er heraus finden wollte, "wie es dazu kommen konnte, dass Pornografie derart stark in unserer Kultur zu Hause ist".

Heute fügt Grazer hinzu: "Nicht bloß die große Popularität von simplen Pornofilmen hatte mich fasziniert, sondern auch die Tatsache, wie sexuelle Inhalte offenkundig lange vor der so genannten sexuellen Revolution die Dämme in der Kunst eingerissen haben und wie das Phänomen eines ?Deep Throat' jener Zündfunke wurde, der uns in vielfältiger Weise in die heutige Welt der populären Kultur des Jahres 2005 führt."

Als unverhohlener Parteigänger der Pop-Kultur war Grazer natürlich besonders fasziniert von jenen Schockwellen, die der Film in verschiedenen Bereichen der Politik, Kunst, Mode und Rechtswesen ausgelöst hat. Grazer betrachtete "Deep Throat" als ein kulturelles Phänomen, "und deswegen wollte ich den Film nicht nur stilistisch analysieren, sondern auch seinen Einfluss auf jeden Aspekt unserer populären Zivilisation untersuchen, egal ob es sich dabei um seine künstlerischen, modischen oder politischen Ausprägungen handelt."

"Die Resonanz von ?Deep Throat' kurz nach seinem Kinostart lässt sich mit der Wucht einer Atombombenexplosion vergleichen, da ihn viele Menschen sehen wollten, und er zugleich eine enorme öffentliche Reaktion hervorrief. Ebenfalls sorgte er für eine gleichstarke Negativreaktion unter Politikern und Juristen, die diesen Film verbieten wollten. Das damit verbundene Exempel über den Ersten Zusatzartikel war für mich einer der Hauptgründe, um INSIDE DEEP THROAT zu realisieren", fasst Produzent Brian Grazer zusammen.

Für Sheila Nevins, die als Präsidentin von HBO Documentary die Entwicklung und Produktion der gesamten Dokumentar-Schiene ihres Senders verantwortet und als ausführende Produzentin bereits 13 Academy Award®-ausgezeichnete Dokumentationen realisiert hat, ähneln die ersten Erinnerungen an "Deep Throat" denen von vielen anderen auch - nämlich vor einer Kinokasse zu warten. "Obwohl ich mich erinnere, in einer langen Schlange angestanden zu haben, war ich vom Film selbst keineswegs so schockiert wie erwartet", rekapituliert Nevins. "Viel Lärm um nichts, ehrlich. All' dieses Getue über so wenig Inhalt."

Aber als Brian Grazer Nevins einen Besuch abstattete, begann ihr Filmemacher-Gehirn zu arbeiten. "Brian wollte mich wegen eines Projektes sprechen. Und obwohl ich darüber nichts Genaues wusste, so wusste ich doch, wer Brian Grazer war! Als er schließlich ?Deep Throat' erwähnte, war er sehr aufgeregt. Sein Enthusiasmus war in der Tat sehr ansteckend. Ich für meinen Teil wollte daher unbedingt herausfinden, was das Salz in dieser mit großem Hallo aufgetragenen Suppe war.

Brian war fest davon überzeugt - und ganz zurecht -, dass es neben diesem Film auch eine passende Geschichte der moralischen Unterdrückung gab. Und diese hatte mehr zu tun mit der politischen als mit der sexuellen Welt. Aber diese Entdeckung macht schließlich einen guten Dokumentarfilm aus: Man erhält einen zweiten Blick auf eine bestimmte Sache, manchmal sogar einen dritten. Dann sieht man alles auf eine ganz andere Weise."

Nevins und Grazer waren sich einig, dass "Deep Throat" viel mehr zu bieten hatte als einen dümmlichen, komischen Filmbetrieb mit einer Fellatio im Mittelpunkt. Tatsächlich wurde der Film zu einem regelrechten Motto für jene willkürlich agierenden gesellschaftlichen Kräfte, die die freie künstlerische Ausdruckskraft mit allen Mitteln behindern wollen.

"Brian konnte unglaublich überzeugend wirken, wenn er über jene Freiheiten sprach, mit denen man sich ganz individuell in einem freien Land mitteilen kann. Er meinte, dass gewissermaßen die Jahre 1972 und 2005 gar nicht so verschieden seien hinsichtlich der Versuche, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken, und dass sich Amerika in drei Jahrzehnten kaum verändert habe. Eine Dokumentation über die Ereignisse um ?Deep Throat' zu machen würde also beides sein: ein wunderbares Abenteuer und eine sehr zeitnahe Geschichte", so Nevins.

Allerdings weist Sheila Nevins hierbei auch auf den kulturhistorischen Kontext hin. "Gehen Sie zurück ins 15. Jahrhundert und lesen Sie in Chaucers ?Canterbury Tales' über Sex", sagt sie. "Und dann lesen Sie einmal Shakespeare genauer, und Sie werden merken, dass sich in seinen Werken die Sexualpraktiken nicht verändert haben. Oder gehen Sie noch weiter zurück, etwa ins römische Pompeji mit seinen Fresken und Mosaiken.

Aber im Jahr 1972 und sogar jetzt im Jahr 2005 sind repressive Kräfte dabei, die sexuelle Freiheit zu zerquetschen. Daher ist es wichtig, über solche Dinge zu reden. ?Deep Throat' ist kein großartiger Film, aber er hat in einem demokratischen Staat ein Recht auf seine Existenz. Damit ist er sogar ein politischer Film und ein Paradebeispiel für die Anwendung des Ersten Verfassungszusatzes."

Bereits vor seinem ersten Treffen mit Nevins hatte Produzent Grazer mit dem Casting begonnen, um geeignete Filmemacher zu finden, die einen Film kreieren konnte, der die vielen Kernaussagen von "Deep Throat" vereint. Auf seiner Wunschliste standen auch Fenton Bailey und Randy Barbato, die mehrfach ausgezeichneten Regisseure etlicher Filmprojekte, in denen gekonntes dokumentarisches Erzählen mit solider Unterhaltung vereinigt waren, etwa in "The Eyes of Tammy Faye" (u. a. nominiert für den Preis der Großen Jury in Sundance und den IFP Independent Spirit Award). Auch Nevins war von Grazers Entscheidung überzeugt, Bailey und Barbato zu verpflichten.

"Als ich sah die HBO-Produktionen ?The Eyes of Tammy Faye' und ?Monica in Black and White' das erste Mal gesehen hatte, war mir gleich bewusst, wie außergewöhnlich gut diese Filme mit der Authentizität umgehen. Sie waren spritzig und aufregend zugleich. Meiner Meinung nach hat es einen Wechsel im Dokumentarfilm-Genre gegeben, denn mittlerweile wird gleichermaßen Authentizität und Unterhaltung angeboten. Und Fenton und Randy sind in dieser Hinsicht wahre Meister ihres Fachs."

Ein Projekt, das Bailey und Barbato auf ihrer Erfolgsliste haben, hatte Produzent Grazer ganz besonders beeindruckt: die sechsstündige, für den britischen TV-Sender Channel 4 produzierte Arbeit "Pornography: The Secret History of Civilization". Alle dort im Überblick vorgestellten Varianten der Sexualität, die oftmals radikal von der Gesellschaft abgelehnt worden waren, sind glasklar für Grazer fast die gleichen, die im Jahr 1972 im Anschluss an "Deep Throat" für Unruhe sorgten.

Die Dokumentarfilm-Expertin Nevins kann bei Bailey und Barbato auf eine mehrjährige Zusammenarbeit zurückblicken, die mit einem anderen, für das britische Fernsehen produzierten Projekt begann: "Video, Vigilantes and Voyeurism" (das später von HBO unter dem Titel "Shock Video" ausgestrahlt wurde und eine CableAce-Nominierung ergatterte). Seit diesen Tagen hatten die Filmemacher für den US-Kabelsender bei einer Reihe von Projekten mitgewirkt, einschließlich der erwähnten "Shock Videos" und auch bei "Monica in Black and White" und dem Emmy®-Gewinner "Party Monster".

In Fenton Baileys Erinnerungen über die Entstehung von INSIDE DEEP THROAT spiegelt sich der als markantes Gütezeichen fungierende trockene Humor wider, der auch in seinen Filmen zur Anwendung kommt: "Alles reicht ein paar Jahre zurück bis zu jenem Sundance-Filmfestival, wo wir von diesem Gerücht hörten, dass ein Spielfilm über das Leben von Linda Lovelace gedreht werden sollte. Bald fanden wir heraus, dass Imagine und Brian Grazer dahinter standen.

Wir bewarben uns auf der Stelle, was uns schließlich zu einem Termin bei Imagine verhalf. Später, nachdem Linda Lovelace gestorben war, wurde es schwierig, einen Film über ihr Leben zu drehen, auch weil ihre Geschichte nicht leicht zu erzählen ist. Ihr Leben war wie ein Mysterium, das uns bis heute verborgen bleibt. Dann kam Grazer auf die Idee, anstatt eines Spielfilms einen Dokumentarfilm zu drehen - und glücklicherweise war uns erneut das Glück hold."

Und sein Arbeitspartner Barbato fügt hinzu: "Brian wollte seit geraumer Zeit einen Film über ?Deep Throat' auf die eine oder andere Weise machen, und ursprünglich plante er wohl eine nachgestellte Geschichte. Aber später entschied er sich für eine Dokumentation. Nachdem wir ihn ein paar Mal getroffen und dabei ziemlich vollgequatscht hatten, wurden wir engagiert. Wir wussten und akzeptierten auch, dass wir jetzt einen Film über den Film ?Deep Throat' machen würden. Wir wussten dabei nur, dass ?Deep Throat' für eine ungemeine Resonanz auch in kultureller Hinsicht gesorgt hatte. Mehr darüber wussten wir nicht."

Für die beiden Filmemacher war die erste Sichtung von "Deep Throat" allerdings weit entfernt von jenen Erlebnissen, von denen Grazer und Nevins zu berichten wussten. Fenton Bailey erinnert sich: "Es war in den Weihnachtsferien, kurz nachdem wir den Arbeitsvertrag unterschrieben hatten. Wir hatten einen Haufen Freunde eingeladen und gerade Truthahn und das Übliche gegessen, als wir anfingen, über den Film zu sprechen.

Dann kamen wir auf die Idee: ?Warum schauen wir ihn uns nicht gleich an? So haben es die Leute in den Siebzigern doch auch gemacht?' Aber als wir damit anfingen, verflüchtigte sich der Geist von Weihnachten ziemlich schnell. Selbst Regisseur Jerry Damiano hat einmal gesagt, dass dies nicht gerade ein guter Film sei.

Einige Einstellungen sind nicht gerade scharf, ebenfalls stimmen die Anschlüsse nicht, außerdem ist der Film schlecht geschnitten. Naja, und die Darsteller sind auch nicht die besten. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich halt das, was einen Film attraktiv macht, wirklich verändert. Kurz und gut, wir haben aufgehört und statt dessen ein Partyspiel begonnen."

Allerdings verloren Barbato und Bailey dabei nicht aus den Augen, was den Film letztlich auszeichnet. Wie Bailey sagt: "Es ist offensichtlich, was den Film vor dem Hintergrund heutiger Pornostandards interessant macht: Man könnte dahingehend argumentieren, dass die Geschichte beinahe feministisch sei, da darin eine Frau nach Erfüllung sucht. Die Story hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

Er ist auf 35 Millimeter gedreht, mit einigen Totalen. Aber warum er wirklich so erfolgreich war, lag einzig und allein daran, dass er trotz seiner Sexszenen als Komödie über den Sex inszeniert wurde. Dies wiederum gab den Anstoß, den Film in aller Öffentlichkeit zu sehen und auch darüber zu sprechen. Bis zu diesem Zeitpunkt war eine solche Freizügigkeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Sein Erfolg war also weniger der konkrete Hardcore-Inhalt als vielmehr die Gelegenheit, dass Menschen endlich anfingen, sich ernsthaft über Fellatio und andere Sexpraktiken auszutauschen." Dieser in finanzieller und intellektueller Hinsicht eher anspruchslose Film, der trotzdem die Herzen so vieler Menschen in den vergangenen Jahrzehnten getroffen hat, dient gerade für alle diejenigen als wertvolle Quelle, die die turbulenten Jahre der Nixon-Ära um den Kampf für sexuelle und politische Freiheiten nicht erlebt haben.

Ganz allgemein bedeuteten im Vorfeld der Erscheinung des "Mainstream-Pornos" der Siebziger Jahre, dass die so genannten Erwachsenenfilme als regelrechte "Blue films" (also Pornos) oder "Stag films" (Filme, in die ein Mann, "stag", ohne weibliche Begleitung ging) eingestuft waren und ausschließlich in Hinterzimmern oder Hinterhof-Kinos vorgeführt werden konnten.

Gerard "Jerry" Damiano hatte bereits eine Reihe solcher "Stag films" gedreht, als er eine junge angehende Schauspielerin mit dem passenden Künstlernamen Linda Lovelace kennen lernte. Das Vorstadtmädchen aus Long Island, das davon träumte, eine Boutique zu eröffnen oder Stewardess zu werden, zeigte dabei eine große Neigung für die Kunst der Fellatio, was allerdings Damiano anfänglich nicht wusste.

Aber sobald die Kameras zu laufen begannen, entdeckte er diesen Umstand als zentrales Element für einen neuen Film und machte sich gleich daran, eine Story um seine Neuentdeckung zu schreiben. Mit dieser Idee im Hinterkopf bat er seine Gönner um Geld für seine Erwachsenen-Sexkomödie (das Drehbuch hatte er an einem Wochenende heruntergetippt) - das Budget sollte sich auf 25.000 Dollar belaufen.

Um dem New Yorker Winter zu entgehen, wurde die Produktion ins sonnige Florida verlegt, wo "Deep Throat" innerhalb von sechs Tagen im Januar 1972 abgedreht wurde. Als Partner von Lovelace kam der eigentlich als Zweiter Kameramann verpflichtete Harry Reems (geboren als Herbert Streicher) hinzu, ein Schauspieler aus New York, der vom großen Auftritt als Shakespeare-Darsteller träumte. Reems, der ins Pornobusiness ausschließlich wegen des Geldes, aber auch wegen der "Erfahrungen" und der möglichen Geschäftskontakte gekommen war, sprang für den eigentlichen Filmpartner von Linda Lovelace ein, der gar nicht erst am Drehort erschienen war.

Während auch heute für einen Großteil der Menschen die Pornofilm-Industrie nichts anderes als schmuddelige Geschäfte bedeutet, wurden gerade ab den Siebziger Jahren hier mehr oder weniger respektable Firmen gegründet, die sich den Idealen der Sexuellen Befreiung, den gleichen Bürgerrechten und der Infragestellung des Establishments verpflichtet fühlten.

Einige dieser Unternehmen produzierten sogar Pornografie im Glauben, dass diese Erwachsenenunterhaltung eine natürliche Variante jenes Geists der künstlerischen Selbsterfahrung, der Befreiung und der Experimentierfreude war, der auch in die damalige Öffentlichkeit eindrang. Hinzu kam die auch heute noch gültige Auffassung, dass man mit Erfahrungen aus der Pornofilm-Industrie auch im Mainstream erfolgreich sein könne.

In der Tat gibt es einige mittlerweile etablierte Filmemacher, die ihr Handwerk im Pornogewerbe gelernt haben. Dies war hingegen nicht die Realität bei jenen, die an "Deep Throat" mitwirkten - trotz der landesweiten, sich rasch entwickelnden Aufmerksamkeit kurz nach seiner Premiere im Juni 1972 in einem Sexkino in Manhattan.

Auch Dank seiner Besprechungen in Zeitschriften wie "Variety" und sogar in der renommierten Tageszeitung "New York Times", aber auch durch seine Erwähnungen in den Fernsehshows eines Johnny Carson bis hin zu seriösen Nachrichtensendungen entwickelte der Film diese landesweite "Das-müssen-Sie-gesehen-haben"-Aura, die auch Prominente aus Gesellschaft und Entertainment in die Kinos trieb. "Deep Throat" rückte damit auch in den Fokus von konservativen Politikern, die das Land ihrer Meinung nach von dem in den Sechzigern und Siebzigern an die nordamerikanischen Küsten gespülten "Schmutz" reinwaschen wollten.

Mit einem wahrhaft juristischen Trommelfeuer wurde auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene versucht, über den Rechtsweg einerseits den speziellen Film und andererseits die gesamte Porno-Industrie zu verbieten. Daher wurden nicht nur Kinobesitzer und Verleiher, die "Deep Throat" auf die Leinwand gebracht hatten, mit einer Flut von Strafanzeigen überzogen. Es sollten auch jene eingeschüchtert werden, die sich in Zukunft an der Produktion eines Pornos beteiligen wollten.

Daher versuchte die Staatsanwaltschaft ausgerechnet am Schauspieler Harry Reems ein Exempel zu statuieren. Sie klagten ihn der Mitwisserschaft an bei der Verbreitung von Obszönitäten über die Bundesstaatsgrenzen hinaus, als ob Reems (der insgesamt 250 Dollar für seinen Auftritt verdient hatte) als Einzelperson für den Inhalt oder den Vertrieb des Films verantwortlich gewesen wäre. (Auch Regisseur Damiano und Hauptdarstellerin Linda Lovelace wurden ihrerseits angeklagt, hatten aber - anders als Reems - mit den Behörden eine Übereinkunft aushandeln können, was sie aus dem größten Trubel heraushielt.)

Als Reems im Jahr 1976 für schuldig gesprochen wurde, sprangen ihm viele Bürgerrechtler zur Seite, darunter Hollywood-Stars wie Jack Nicholson oder Warren Beatty. Letzten Endes wurde seine Verurteilung abgeschmettert. "Die Regierung erkannte, dass die Mainstream-Medien aufmerksam wurden und die Popularität des Films gewaltig zunahm. Also mußste sie handeln. ?Deep Throat' hatte als Komödie und durch seine populäre Resonanz den Menschen das Gefühl gegeben, sich diesen Film bedenkenlos anschauen zu können.

Gerade durch die Versuche seitens der konservativen Kreise und der Regierung, den Film zu verbieten, wurde er nur noch bekannter. Kein Pornofilm davor hatte derart erfolgreich seine Story und seine Protagonisten unter das Volk gebracht wie ?Deep Throat'. Und auch wenn er kein großartiger Film ist, so erreichte er etwas, was bis dato noch keinem Porno gelungen war: Er schlug den Bogen zur Alltagskultur. Das eigentliche I-Tüpfelchen war natürlich der großartige Filmtitel", erzählt Randy Barbato.

Sein Kollege Bailey fügt hinzu: "Heutzutage leben wir in einer übersättigten sexuellen Atmosphäre, wo Sex quasi überall zu Hause ist und man damit alles unter die Leute bringen kann. Aber niemand spricht grundsätzlich darüber, und eigentlich ist Sex weiterhin ein allgemeines Tabuthema wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Aber gerade diese Tatsache hat uns als Filmemacher gereizt.

Als wir ?Deep Throat' anschauten, der wie kein anderes Beispiel aus dem Pornofilm-Genre in den Mainstream hinübergeschwappt ist, waren wir der Meinung, dass wir hierfür Antworten finden könnten. Genau das ist es, was uns seit jeher antreibt, um überhaupt Filme zu machen: Weil es eine Frage oder ein Problem gibt und wir darauf zunächst einmal keine Antwort wissen. Und manchmal wissen wir auch am Ende keine Antwort. Genau das aber reizt uns."

Ein wichtiger Schlüssel, um Fragen zu stellen und um eventuell einige Antworten zu erhalten, waren natürlich die richtigen Interviewpartner. Nachdem das Projekt unter Dach und Fach war, machten sich die Regisseure in den nächsten zwei Jahren daran, mehr als 100 Zeitzeugen zu interviewen und gleichzeitig unzählige, weit entfernte Locations zu bereisen, Aktenordner und Quellenmaterial aufzuspüren sowie weitere Puzzlestücke zu recherchieren, um Entstehung und Nachwirkungen von "Deep Throat" rekonstruieren und illustrieren zu können.

"Obwohl INSIDE DEEP THROAT Sex durch das Prisma eines Pornofilms betrachtet - wenn man sich die Gerichtsprozesse und die widerwärtigen juristischen Debatten vergegenwärtigt, die der Film entfacht hat, kann es eigentlich nur ein ziemlich trockenes Thema werden. Aber Fenton und Randy haben ihren Weg gefunden, um die Geschichte interessant zu halten, weil sie die Filmarchive durchkämmt und Material von faszinierenden Leuten gefunden haben, die an diesem Sturm beteiligt waren.

Neben jenen Zeitzeugen, die direkt mit der Entstehung des Films verbunden waren, haben wir auch Experten und Schriftsteller interviewt wie Alan Dershowitz, Gore Vidal, Norman Mailer, Camille Paglia, John Waters, Erica Jong, Dick Cavett, Bill Maher und viele andere mehr. Fenton und Randy haben alle diese Bilder und Gespräche nahtlos aneinandergefügt und damit diese Unternehmung extrem unterhaltsam gemacht", urteilt Produzent Brian Grazer.

"Wir hatten am Ende vermutlich über 800 Stunden an Interviewmaterial in den Händen", sagt Regisseur Barbato. "Als es dann darum ging, dass die Geschichte ihre Konturen bekommen sollte, haben wir über ein Jahr für die thematische Montage und den eigentlichen Schnitt gebraucht.

Bei diesem Film war das schon eine besondere Herausforderung, da wir neben den drei Hauptfiguren auch den Charakter des Films ?Deep Throat' behandeln. Wir haben versucht, eine Reihe von Erzählsträngen in den gesamten Film einzuweben, vor allem, weil man in diesen Sub-Plots ganz gut die Meinung der Gerichte und der mafiösen Strukturen einbauen kann. Das hat uns etliche Nächte gekostet, bis alles soweit fertig war."

Während die Filmemacher sich über ein Jahr am Schneidetisch die Nächte um die Ohren schlugen, wurde draußen das Land erneut in eine landesweite Debatte verwickelt, die viele von jenen Themen zum Inhalt hatte, die auch in INSIDE DEEP THROAT angesprochen werden. Zudem erlebten die Verreinigten Staaten eine sich in die Länge ziehende Präsidentenwahl um George W. Bush und Al Gore, wobei beide Wahlkampflager ähnliche moralische Fragen beabsichtigt und unbeabsichtigt zur Debatte stellten.

"Diese Vorkommnisse bestätigten uns in unserer Arbeit, weil sie mit unserer eigenen Beschäftigung in Beziehung standen. Wir wollten eigentlich gar keinen offenkundig politischen Film machen, aber was uns draußen entgegenschlug, machte uns bewusst, dass in Bezug zu unserem Thema gewisse gesellschaftliche Themen eine erneute Bedeutung erlangten.

Und natürlich haben diese Debatten definitiv einen Einfluss gehabt auf die Postproduktion, besonders in den restlichen Monaten, als wir die letzten Korrekturen am Film vornahmen", meint Regisseur Barbato. Fenton Bailey fügt hinzu: "Als wir INSIDE DEEP THROAT fertig stellten, dachten wir noch, dass es keinerlei Probleme geben würde, mit Zeitzeugen über deren Erlebnisse zu sprechen.

Aber das Überraschendste war, dass wir, obwohl wir einen Dokumentarfilm über ein zeitgeschichtliches, lediglich 30 Jahre zurückliegendes Thema machten, schnell merkten, dass wir Techniken anwenden mußsten, die eher für die Erforschung vergangener Kulturen und der Ausgrabung von seit Tausenden von Jahren tot unter der Erde liegenden Menschen geeignet waren als für ein problematisches Thema, das gerade einmal am Vortag geschehen ist.

Wir fanden heraus, dass eine Menge Menschen, die gleichermaßen in das Phänomen ?Deep Throat' involviert oder sogar direkt beteiligt waren (beziehungsweise mit der Sexuellen Revolution als solcher), gar nicht gern darüber sprechen wollten. Bald war uns klar, dass wir eine nicht zufällig, sondern eine absichtlich verschüttete Geschichte ausgruben. Jeder kannte ?Deep Throat', jeder hatte von Linda Lovelace gehört, aber die Wahrheit darüber blieb allen verborgen."

Ein Teil dieser verborgenen Geschichte und ihres Geheimnisses ist und bleibt der Versuch, etwas über den Verbleib der Einspielgelder von 600 Millionen Dollar in Erfahrung zu bringen, die der Film nachweislich über die Jahre generieren konnte. Gepuffert und unterstützt durch Geldgeber, die zum organisierten Verbrechen gehörten, wurde der Film nicht im Rahmen der herkömmlichen Studio-Kanäle oder bekannten Verleihfirmen vertrieben.

Die Kopien wurden eigenhändig in die Kinos ausgeliefert, mit Kurieren, die anschließend die Filmmiete einsammelten. Daher existiert auch kein offizielles Dokument über die tatsächlichen Einspielzahlen. Wo auch immer diese hingeflossen sind, keiner dieser Beträge ist jemals in die Taschen von Regisseur Damiano, seines Teams oder seiner Darsteller gekommen.

"Da war ein erstaunliches, illegales Vertriebsnetzwerk am Werk, kontrolliert von ?Checkers' (Prüfern, Kassierern) und ?Sweepers' (Kehrern), die überall im Land die Kopien auslieferten und die Erlöse einsammelten. Aber wo ist das ganze Geld hingekommen? Die Hunderte von Millionen Dollar sind anscheinend in dieser ungeheuerlichen Korruptionspyramide verschwunden, als das sich dieses wahrhaft undichte Vertriebssystem erwies.

Wahrscheinlich hat hier jeder der daran Beteiligten abgesahnt, vor allem da es illegal war. Alles wurde in bar bezahlt, und jeder hat hier und da etwas einbehalten, und bald war alles Geld weg", meint Bailey. Für Produzent Brian Grazer ist der Blick auf dieses mittlerweile arg beschädigte Thema, mit dem sich die Jahre 1972 und 2005 gleichermaßen analysieren lassen, wie geschaffen für einen faszinierenden Dokumentarfilm.

"Unsere Dokumentation nimmt den Zuschauer mit auf die verschiedenen Pfade einer juristischen und kulturellen Reise, um die Wichtigkeit des Ersten Verfassungszusatzes vor dem Hintergrund von ?Deep Throat' herauszuarbeiten. Die Story ist nicht nur stringent, sondern hat auch eine große Bedeutung für die heutige Generation als Bestandteil unserer allgemeinen Zivilisation sowie auch in den individuellen Ausprägungen. Letztlich ist unser Film eine warnende Geschichte."

Sheila Nevins ist ihrerseits überzeugt, dass sich die Sehgewohnheiten der im Informationszeitalter groß gewordenen und "Realitäts"-gewohnten Filmzuschauer mittlerweile derart verändert haben, so dass eine große Bereitschaft des Publikums besteht, sich zusammen mit den Dokumentarfilmern auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, was auch immer dabei herauskommen mag.

"So genannte Reality-Shows demonstrieren jeden Tag, wie sich menschliche Wesen in verschiedenen, gewöhnlich künstlichen Situationen verhalten, daher verwende ich das Wort ?Realität' nicht in Bezug auf einen Dokumentarfilm. Dokumentarfilme bekunden vielmehr die menschlichen Erfahrungen. Auch wenn ich persönlich nicht daran glaube, dass filmische Dokumentationen notwendigerweise unsere Meinung über etwas verändern können, so zeigen sie doch eine oftmals abweichende Position.

Daher glaube ich, dass das Publikum mittlerweile weitaus aufgeschlossener gegenüber Dokumentarfilmen ist als in früheren Jahren. Die Suche nach Wahrheit in einem Universum, in dem uns Lügen als eine Art Evangelium verkauft werden, ist eine anstrengende, aber bedeutsame Aufgabe."

Regisseur Barbato schließt seine Betrachtungen über INSIDE DEEP THROAT folgendermaßen ab: "Unser Film handelt einerseits von dem Film ?Deep Throat', und andererseits handelt er auch wieder nicht über ihn. Vielmehr geht es hier über eine sexuell gestörte Nation. Vielleicht auch darüber, wie Politiker korrumpierbar sind. Ein Teil des immer noch gültigen Nachlasses von ?Deep Throat' ist, dass er den Ausschlag für jene Art der Versachlichung von Sexualität war, die auch noch gültig ist."

Obwohl sicherlich einige Kinobesucher sich weitaus weniger mit den Aussagen von INSIDE DEEP THROAT identifizieren werden als andere, ist Co-Regisseur Fenton Bailey davon überzeugt, dass der Film trotzdem ein großes Publikum erreichen wird: "Wir wollen mit unserem Film diese besondere und verschollene Filmgeschichte ans Tageslicht bringen und gleichzeitig den Zuschauern jenen Teil unseres kulturgeschichtlichen Erbes vorstellen, der zuletzt ein wenig beiseite gerückt zu sein scheint. Genau diesen Part wollen wir wieder ins rechte Licht rücken."

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